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Veröffentlicht am 30.07.2024

Ende und Neuanfang

Gallwitz
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Jana Gallwitz steht kurz vor ihrer Pensionierung und freut sich auf darauf mit ihrem Mann Hartmut endlich all die Dinge zu tun, für die bisher keine Zeit geblieben ist. Leider ist ihrem Mann an den gemeinsamen ...

Jana Gallwitz steht kurz vor ihrer Pensionierung und freut sich auf darauf mit ihrem Mann Hartmut endlich all die Dinge zu tun, für die bisher keine Zeit geblieben ist. Leider ist ihrem Mann an den gemeinsamen Aktivitäten nicht ganz so viel gelegen, hat er doch plötzlich politische Ambitionen und das ausgerechnet für eine rechtsradikale Partei.

Direkt im Prolog lernt der Leser Hauptfigur Jana kennen und in gewisser Weise auch ihren Mann, so weiß man direkt, wie das Buch endet. Der Weg dorthin erzählt Szenen einer Ehe, ihre Anfänge und ihren Niedergang und das Leben danach. Er erzählt in den zwei Teilen, in die das Buch gegliedert ist, aber auch Lebensgeschichten. Anhand dieser Lebensgeschichten, die sich teilweise sehr ähneln, wird deutlich, wie unterschiedlich Menschen sich entwickeln können, so das aus dem Einen ein angagierter aufgeklärter Lehrer wird und aus dem Anderen ein verbitterter, Polemiker, der seine krude Weltanschauung verbreitet.

In Teil Eins geht es hauptsächlich um Jana und Hartmut. Das Buch spielt wärend der Coronapandemie und natürlich ist dieses Thema eines, zu dem Hartmut seine vorgefasste Meinung vertritt, die er durch Informationen aus recht zwielichtigen Quellen untermauert und gern ungefragt jedem verkündet. Bei Zwangsimpfung für Schulkinder bleibt es allerdings nicht, auch zu Migration, sexueller Orientierung, oder Chemtrails hat Hartmut etwas beizutragen und er nimmt keine Rücksicht auf die Gefühle seiner Frau, oder guter Freunde. Anhand all dieser "Propaganda" hat mir das Lesen fast körperlich Schmerzen bereitet, die Qualen, die Ehefrau Jana hier erduldet, sind spürbar. Jeder von uns hat sicher noch die Ein, oder Andere Verschwöhrungstheorie, den Ein, oder Anderen Spruch beim Montagsspatziergang im Ohr und ich zumindest frage mich immer noch, wie konnte/kann man sowas als halbwegs gebildeter und aufgeklärter Mensch bloß glauben.

Im zweiten Teil erlebt man Jana nach ihrer Trennung von Hartmut, wie sie dabei ist sich in ihrem Ruhestand ohne Ehemann einzurichten. Hier kommt nun der oben bereits erwähnte Lehrer ins Spiel, bei dem Jana früher Unterricht hatte und der ihr nun bei einem Buchprojekt helfen soll. In langen Gesprächen erfährt man hier viel über dessen Vergangenheit und es wird viel philosophiert, um Hartmuts Radikalisierung zu verstehen und zu erklären.

Trotz des leichgängigen Schreibstils hat mich die Autorin im zweiten Teil etwas verloren. Natürlich war es interessant hier Kindheitserinnerungen zu lesen, aber gerade zum Ende hin wurde es dann doch eher träge, da konnten auch die humorigen Dialoge nicht immer drüber hinwegtäuschen. Ich fand es einfach wenig spannend vom Wehrdienst im Nachkriegsdeutschland zu lesen und darüber, was wohl all die übriggebliebenen Nazis in der neugegründeten Bundeswehr so getrieben haben. Die beschriebene Liebesgeschichte freut mich sehr für die Autorin, aber ich hätte sie anhand des Klappentextes so gar nicht erwartet.

Gallwitz ist für mich bisschen ein Buch mit zwei Gesichtern, das Eine finde ich hochaktuell, es regt zum Nachdenken an und macht auch ein wenig Angst, weil es zeigt wie leicht Personen dem braunen "Geschwurbel" erliegen können, das Andere ist das komplette Kontrastprogramm, nett zu lesen, aber auch nicht mehr.

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Veröffentlicht am 21.07.2024

Das Wandern ist des Müllers Lust

Du wirst nicht alt im Thüringer Wald
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Tja, wenn das Rotkäppchen den Wolf im Thüringer Wald trifft und sie dann auch noch tiefsten Dialekt spricht, kann es schon sein, dass der Wolf nur Bahnhof versteht. Aber Wölfe sind im Thüringer Wald eh ...

Tja, wenn das Rotkäppchen den Wolf im Thüringer Wald trifft und sie dann auch noch tiefsten Dialekt spricht, kann es schon sein, dass der Wolf nur Bahnhof versteht. Aber Wölfe sind im Thüringer Wald eh nur auf der Durchreise, würden ja auch die ganzen Wanderwütigen stören, die täglich laut und textsicher das Rennsteiglied singend über die Wanderwege stürmen.

Andre Kudernatsch, der sehr auf die richtige Aussprache seines Namens bedachte Autor von Kolummnen, hat hier einige seiner Schätze zu einem Buch versammelt. Neben den Erlebnissen rund ums Wandern, erzählt er hier aber auch von kulinarischen Höhenflügen im Home Office während Corona und gibt Tipps zum richtigen Aufbau der Weihnachtskrippe in Zeiten steigender Inzidenzzahlen.

Mit unglaublich viel Humor gibt der Autor hier seine Erlebnisse zum Besten und das eben nicht nur rund um sein Lieblingshobby. Mehr als einmal hab ich bei der Lektüre schallend gelacht, nicht zuletzt, weil man sich in der ein, oder anderen Episode vielleicht wiederfindet. Herrlich selbstironisch und witzig, gehört das Buch einfach in jeden Wanderrucksack (fast so wichtig wie das Handtuch).

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Veröffentlicht am 21.07.2024

Dornröschen

Anna O.
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Benedict Prince ist Psychologe, sein Fachgebiet Schlafstörungen, als Berater der Polizei wird er hinzugezogen, wenn es zu klären gilt, ob ein Täter, eine Täterin unzurechnungsfähig ist, weil die Tat unbewußt ...

Benedict Prince ist Psychologe, sein Fachgebiet Schlafstörungen, als Berater der Polizei wird er hinzugezogen, wenn es zu klären gilt, ob ein Täter, eine Täterin unzurechnungsfähig ist, weil die Tat unbewußt im Schlaf begangen wurde. Als er die Möglichkeit bekommt am berühmtesten Fall seiner Zeit mitzuarbeiten, steht die Entscheidung schnell fest, glaubt er doch so seiner Ex-Frau etwas beweisen zu können. Der Fall betrifft Anna O. eine junge Frau, die nach dem brutalen Mord an ihren beiden besten Freunden buchstäblich wie Dornröschen in einen tiefen Schlaf gefallen ist.

Der Autor breitet einen interessanten Fall vor dem Leser aus, ein Mord, eine schlafende Mordverdächtige, die nicht zur Rechenschaft gezogen werden kann, solange sie schläft und zeitgleich auch eine Art Cold Case, den es gibt gewisse Verbindungen zu einem anderen, zwanzig Jahre zurückliegenden Fall. In den einzelnen Kapitel folgt man meist Ben bei seiner Arbeit mit der schlafenden Anna, aus deren Tagebucheintragungen und Bens Nachforschungen erfährt man dann mehr über die Tat, derer Anna beschuldigt wird und über den Fall, der letztlich Auslöser für alles Weiter ist.

Die Geschichte ist ziemlich verschachtelt und läuft auf mehreren Ebenen ab, gerade im Bezug auf die psychologischen Zusammenhänge ist es manchmal etwas schwer alles zu verstehen. Teilweise hatte ich hier auch das Gefühl, als wollte der Autor einfach nur ein wenig die Seiten füllen. Über allem steht immer die Frage nach der Schuld, hat Anna die Tat begangen, oder nicht. Es ist für den Leser nicht einfach hier eine Seite zu wählen, geschickt schafft es der Autor immer wieder Zweifel an jeder der Möglichkeiten aufkommen zu lassen, bis man dann schließlich doch in eine bestimmte Richtung gelenkt wird und glaubt die Geschichte durchschaut zuhaben. Bis zu diesem Punkt fand ich die Story gut, in gewisser Weise fesselnd, wenn auch auf eine unaufgeregte, ruhige Art. Zum Ende hin hat mich der Autor dann aber zunehmend verloren. Vielleicht, weil die Story hier plötzlich so komplett von dem abweicht, was für mich eigentlich feststand, oder aber weil der Schluss so extrem konstruiert daherkommt, das ich gut und gerne darauf hätte verzichten können.

Die Thematik des Thrillers hat mich unglaublich fasziniert, ein Verbrechen begangen im Schlaf, die Frage der Schuld, die im Buch immer wieder Gegenstand für Diskussionen liefert bietet viel Spielraum fürs Philosophieren. Die Figuren sind kontrovers angelegt, ihr Handeln, besonders das von Ben, wirkt aber nicht immer logisch und nachvollziehbar. In der Gesamtheit erfüllt das Buch nicht ganz meine Erwartungen.

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Veröffentlicht am 21.07.2024

Ängste einer Mutter

Kleine Monster
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Ein Anruf aus der Schule löst bei den meisten Eltern selten Begeisterung aus und so sitzen auch Pia und Jakob mit einem unguten Gefühl im Klassenraum ihres Sohnes. Es soll einen beunruhigenden Vorfall ...

Ein Anruf aus der Schule löst bei den meisten Eltern selten Begeisterung aus und so sitzen auch Pia und Jakob mit einem unguten Gefühl im Klassenraum ihres Sohnes. Es soll einen beunruhigenden Vorfall gegeben haben zwischen ihrem Sohn Luca und einer Mitschülerin, doch wärend Jakob das Ganze eher unter kindlichem Forscherdrang verbucht, ist Pia zunehmend beunruhigt.

Autorin Jessica Lind beschreibt eine typische kleine Bilderbuchfamilie, Mutter, Vater, Kind. Das Leben nimmt seinen gewohnten Gang bis zu jenem Anruf aus der Schule, der alles verändert. Was sich genau zugetragen hat erfährt der Leser nicht, aber natürlich macht man sich anhand der Andeutungen seine Gedanken. Fast schon klischeehaft reagieren die Eltern auf die Vorwürfe, Vater Jakob tut das Ganze eher ab, Mutter Pia will zwar nicht glauben, dass ihr Sohn etwas angestellt hat, zweifelt aber dann doch, einfach weil sie mehr Zeit allein mit ihrem Sohn verbringt und ihn oft anders erlebt als sein Vater. Befeuert werden ihre Zweifel durch traumatische Erlebnisse rund um den Tod ihrer Schwester in ihrer eigenen Kindheit.

Recht schnell merkt der Leser, dass es eher um Pia geht in diesem Buch, um die Beziehung zu ihren Eltern, um die zu ihrer Adoptivschwester, um die zu ihrem Mann und ein kleines bisschen auch um die zu ihrem Sohn, den sie als Projektionsfläche für ihre Vergangenheit nutzt. Ganz allmählich arbeitet sie die Ereignisse rund um den Tod ihrer Schwester und das Danach auf. Die Autorin zeigt dabei, wie Erinnerungen im Laufe der Zeit verzerrt werden, wie der Geist sich Dinge zurechtrückt, um sie besser erklären und verarbeiten zu können, wie Erinnerungen selektiert werden und manche glasklar, wie ein Foto im Gedächtnis haften, wärend wir andere vollkommen verdrängen.

Die Geschichte wird eindringlich und emotional erzählt, verliert mich aber in ihrem Verlauf dann doch ein wenig. Es gibt immer wieder diese Andeutungen auf das "Böse" das in einem unschuldigen Kind schlummert ähnlich wie in Filmen wie "Das Omen", wenn Pia das Verhalten ihres Sohnes analysiert. Die Geschichte suggeriert mir eine Richtung, die sie aber gar nicht einschlägt und lässt mich so mit einem unberfriedigten Gefühl zurück. Ich kann nicht sagen, ob die Autorin beabsichtigt hat, bei ihren Lesern diese Erwartunghaltung zu schüren, oder ob es letztlich nur mir, mit meiner kruden Fantasie so geht.

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Veröffentlicht am 09.07.2024

Erster Akt

Refugium
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Bei Krimiautorin und Expolizistin Julia läuft es beruflich grad nicht so toll und sie flüchtet sich zum Mittsommerfest in ihr Ferienhaus auf einer Schäreninsel, mit dabei Kim, ein junger Hacker. Die Idylle ...

Bei Krimiautorin und Expolizistin Julia läuft es beruflich grad nicht so toll und sie flüchtet sich zum Mittsommerfest in ihr Ferienhaus auf einer Schäreninsel, mit dabei Kim, ein junger Hacker. Die Idylle wird jäh gestört, als auf der Nachbarinsel Schüsse fallen, maskierte Männer haben hier das Feuer auf die Gäste einer Party eröffnet und ein Blutbad angerichtet.

Direkt im Prolog wir der Leser Zeuge des Überfalls auf die Partygäste, den Julia und Kim später ebenfalls miterleben. Danach lernt man erstmal Julia kennen und begleitet sie bei ihrer recht intensiven Arbeit an einer Fortsetzung der "Millenium" Reihe rund um Lisbeth Salander und Mikael Blomkvist. Ich fand es interessant, dass die Geschichte hier eine Verbindung schafft. Im Verlauf des Buches bemerkt man fast eine gewisse Besessenheit, was dieses Thema angeht, der Autor kommt ständig darauf zurück und erst im Nachhinein habe ich dann erfahren, dass Linquist hier quasi seine eigenen Erlebnisse niederschreibt, wollte er doch eine Fortsetzung zur Millenium Reihe liefern, wurde aber wohl abgelehnt und erweckt seine Version nun hier selbst zum Leben.

Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich die Millenium Reihe nie gelesen habe, die Verfilmung kenne ich nur sporadisch, was ich gesehen habe habe ich nicht gemocht. Einen Vergleich kann ich hier demzufolge nicht ziehen und das finde ich auch nicht negativ.

Die Figur der Julia Malmros ist für mich recht austauschbar, ihr Typus nicht unbedingt neu. Krimis und Thriller sind derzeit voll von ehemaligen Polizeibeamten, Beratern, oder Psychologen mit kriminalistischem Hintergrund, die auf eigene Faust ermitteln. Die Figur von Hacker Kim Ribbing mit ihrer Vergangenheit ist für mich dagegen schon um einiges spannender, obwohl man auch hier sicher Parallelen zu anderen fiktiven Figuren aud Büchern und Filmen finden wird. Ein bisschen bedient sich der Autor hier an gutgängigen Mustern und Klischees. Die Hintergründe des Verbrechens waren mir teilweise etwas verwirrend, an sich mag ich diesen wirtschaftlichen Fokus in Thrillern eher nicht so. Leider fehlt mir hier so ein bisschen die Spannung, auch wenn es bei Kims Ermittlungen in Shanghai und Havanna durchaus kurzzeitig gefährlich wird.

Eigentlich ist die Geschichte eine von denen, bei denen ich nicht unbedingt eine Fortsetzung bräuchte, allerdings hat der Autor es tasächlich geschafft mich auf den letzten Seiten noch zu catchen. Das Buch endet mit einem extrem fiesen Cliffhanger zu den Ereignissen aus Kims Vergangenheit und hier muss ich einfach wissen wie es weiter geht. Ich hoffe nur der Autor lässt seine Leser im zweiten Band der Trilogie nicht sprichwörtlich am ausgestreckten Arm verhungern und nutzt das Buch nur als Platzhalter vor dem großen Finale in Band drei. Bin gespannt auf die Umsetzung.

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