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Veröffentlicht am 02.09.2018

Schwer zu fassender Roman, der den Leser irgendwie unbefriedigt zurücklässt.

Über mir die Sonne
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Puh, wo soll ich anfangen? Dieses „Sommerbuch“ wurde mir direkt vom Hoffmann und Campe Verlag empfohlen, weshalb ich sofort zusagte, denn Klappentext und Cover lockten mich schon ein wenig. Dass dieses ...

Puh, wo soll ich anfangen? Dieses „Sommerbuch“ wurde mir direkt vom Hoffmann und Campe Verlag empfohlen, weshalb ich sofort zusagte, denn Klappentext und Cover lockten mich schon ein wenig. Dass dieses Buch leider so gar nicht meins war, ist umso bedauernswerter, denn damit hatte ich überhaupt nicht gerechnet. Den versprochenen Tiefgang gab es, allerdings auf eine Art und Weise, die mich leicht verwirrt zurückließ. Doch zum Anfang: Es geht um die achtjährige Tina, die unter der Scheidung ihrer Eltern leidet. Ihre Mutter hat Tina und ihre Schwester mit zum Urlaub (der allerdings länger anzudauern scheint) auf eine italienische Insel genommen; dort verbringen die drei ihren ersten Sommer ohne den Vater. Tinas Schwester Bea ist sich ihrer aufblühenden Weiblichkeit schon sehr bewusst, Tina jedoch wird von vielen für einen Jungen gehalten, vor allem anscheinend, weil sie mit ihren acht Jahren noch kein Bikini-Oberteil trägt. Allerdings bemüht sich Tina auch nicht, die Sache aufzuklären, es ist ihr sogar unangenehm, wenn ihre Mutter sie mit ihrem Namen ruft. Während Tina den ganzen Tag damit verbringt, aus dem vor Quallen wimmelnden Meer ebendiese herauszufischen und zu töten, legt Bea es darauf an, Jungs aufzureißen. Doch die anfangs so perfekte, so harmonische Fassade der Insel und ihrer Bewohner bzw. Urlauber droht zu bröckeln.

"Tina. Mit diesem unentrinnbaren a. Ihr kam der Verdacht, dass ihre Mutter es absichtlich tat: So konnte sie der ganzen Cala und dem Bar-Restaurant Alta Marea verkünden, dass Signora Ottaviani aus Urbino zwei Töchter hatte."

Mit diesem Buch wurde ich irgendwie nicht warm. Während mir die Charaktere Tina mit ihrer verschlossenen, beobachtenden Art, und Bea, die aufblühende, angriffslustige, gut gefallen haben, war die Art, wie Alessio Torino diese Geschichte erzählt, sehr verwirrend. Zu schnell wurden zu viele andere Personen eingeführt und ich konnte außer Stefano und seiner Freundin Parì, eine Profi-Schwimmerin, nicht zwischen den übrigen Charakteren unterscheiden. Die Charaktere führten zudem an ihrem Treffpunkt, dem „Alta Marea“, einem kleinen Restaurant, Gespräche, denen sich mir jeglicher Sinn entzogen hat. Diese Perspektive (wir erfahren alles aus Tinas Sicht) hat mich doch stark an „Kenia Valley“ erinnert, in dem der junge Theo bei den viel älteren Valley-Bewohnern herumhängt und deren Gespräche zu verstehen versucht. Dieses Gefühl kam auch bei „Über mir die Sonne“ auf: Tina, die den Gesprächen der Erwachsenen lauscht, versucht, aus diesen Gesprächen eine Erkenntnis über das Erwachsensein zu ziehen, und ihrer Gefühle für die sportliche Parì, die Tina allerdings auch für einen Jungen hält. Alessio Torino formt den Roman nahezu zu einem Kammerspiel, da die Urlauber die Insel plötzlich nicht mehr verlassen können und sich so Streitigkeiten aufbauen. Und mittendrin ist der Anruf des Vaters, der die jungen Schwestern aus der Bahn wirft, sie daran erinnert, dass es letzten Sommer noch anders war. Eigentlich müssten Verlust und Trauer in Torinos Roman viel präsenter sein, doch scheinen zumindest alle erwachsenen Charaktere etwas zu unterdrücken, sie erscheinen festgefahren, selbst Tinas Mutter scheint die Scheidung bereits überwunden zu haben.

Fazit: „Über mir die Sonne“ lässt sich wunderbar leicht und in kurzer Zeit lesen. Der flüssige Schreibstil spiegelt sich jedoch leider nicht in der Geschichte wider, die mir zu merkwürdig erscheint, zu wenig geradeheraus. Besonders durch das Ende des Buches fällt es mir schwer, in Retrospektive ein Fazit zu ziehen. Was ich aber definitiv sagen kann, ist, dass „Über mir die Sonne“ vielleicht auf einer sonnigen Insel spielt, aber zumindest für mich kein Sommerbuch ist. Die Leichtigkeit, die diesen Büchern zugeschrieben wird, fehlt hier komplett, stattdessen muss man als Leser selbst auf Spurensuche gehen, was der Autor uns hier vermitteln möchte.

Mehr auf: https://killmonotony.de/rezension/alessio-torino-ueber-mir-die-sonne

Veröffentlicht am 02.09.2018

Ein Sammelband von Fünfzeilern über Natur, Liebe, Vergänglichkeit und dem wachsenden Alkoholgenuss des Autors.

In der Ferne der Fuji wolkenlos heiter
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Dass ich sehr Literatur aus dem asiatischen Raum verschlinge, ist kein Geheimnis mehr. Wer meine Monatsrückblicke verfolgt, findet dort immer mindestens ein Werk aus Asien. Allerdings beliefen sich meine ...

Dass ich sehr Literatur aus dem asiatischen Raum verschlinge, ist kein Geheimnis mehr. Wer meine Monatsrückblicke verfolgt, findet dort immer mindestens ein Werk aus Asien. Allerdings beliefen sich meine bisherigen Begegnungen mit der asiatischen Literatur auf — nun ja, Literatur. Die asiatische Lyrik habe ich (wie Lyrik eigentlich im Allgemeinen) noch nicht näher betrachtet. Ganz bekannt sind ja die Haikus, doch ihre Grundform, die Tanka, kannte ich noch nicht. Tanka gelten als die Kunstform, um Momentaufnahmen der Natur oder auch dem Leben allgemein festzuhalten. Für einen Lyrik-Einsteiger wie mich vermutlich gut geeignet. Also zog kurzerhand Wakayama Bokusuis Tanka-Sammlung „In der Ferne der Fuji wolkenlos heiter“ bei mir ein. Bei diesem Sammelband handelt es sich nicht um eine von dem Autor selbst getroffene Zusammenstellung seiner Tanka, sondern wurden diese posthum (Bokusui starb bereits 1928) vom Japanologen Eduard Klopfenstein übersetzt und für den Manesse Verlag ausgewählt. Das Ergebnis ist dabei eine bunte Mischung aller Tanka, die Wakayama Bokusui jemals verfasste, in einer wunderschönen Edition.

Wakayama Bokusui erzählt in seinen Tanka nicht nur von der sich stets wandelnden Natur, sondern auch von seiner großen Liebe (einer älteren Frau), dem schwierigen Verhältnis zu seinen Eltern, der tiefen Trauer, als sein Vater stirbt und dem darauf folgenden Alkoholismus. Bokusui war zu seiner Zeit einer der berühmtesten Tanka-Dichter und verfasste mehrere tausend Tanka, die in 15 Sammelbänden erschienen. Die Tanka in dieser Ausgabe wurden nach Jahren gestaffelt, damit der Leser einen besseren Überblick hat, in welchem Lebensabschnitt Bokusuis diese verfasst wurden. Als Referenz gibt es ein extensives Nachwort von Klopfenstein, in dem dieser detailliert das Leben Bokusuis aufrollt und in Relation zu anderen Tanka-Künstlern stellt. So lernen wir beispielsweise, dass der Autor in tiefen Wäldern und an Berghängen seine Kindheit verbracht hat; dadurch lässt sich möglicherweise sein Bezug zur Natur erklären. Auch über seine Beziehung zu einer ein Jahr älteren Frau (damals unerhört!), erfahren wir einiges, vor allem, dass Bokusuis Eltern mit der Beziehung nicht einverstanden waren. Dies alles spiegelt sich in Bokusuis Tanka wider, die man – mit der Biographie im Gedächtnis – noch einmal auf eine ganz andere Weise liest. In Bokusuis späteren Tanka findet man auch stets einen Funken Selbstironie, er genügt sich selbst nicht, kritisiert an sich herum und verfällt auch nach längerer Abstinenz aufgrund einer Krankheit wieder dem Sake, an dem er auch letzten Endes mit nur 43 Jahren zugrunde ging.

"Frau und Kinder

überlasse ich dem Schlaf —

Spätnachts ganz allein

koche ich mir den reinen weißen

Sake ungefiltert"

Fazit: Auch als Kostverächter der Lyrik hatte ich schöne Stunden mit diesem Büchlein. Da die Tanka in einer klaren Sprache verfasst sind, gibt es hier auch wenig Sinn zur Analyse a là „Was möchte uns der Autor hiermit denn sagen?“, die Tanka geben nämlich nur diesen einen, kurzen Moment wieder. Die Tatsache, dass sich vor den einzelnen Kapiteln eine Abbildung von einem ausgewählten Tanka und dessen lautschriftlicher Darstellung findet, ist sehr gelungen und gibt diesem Gedichtband noch das gewisse Etwas. Jeder, der sich für die japanische Kultur interessiert, sollte einen Blick in diese wunderschöne Ausgabe werfen.

Mehr gibts auf: https://killmonotony.de/rezension/wakayama-bokusuis-moderne-tanka

Veröffentlicht am 29.08.2018

Tolle Idee, leider hat es an der Umsetzung sehr gehapert. Plotholes, mangelnde Erklärungen und zwei nicht sehr sympathische Charaktere...

Die Hochhausspringerin
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Worum geht’s?
Riva ist Hochhausspringerin. Oder vielmehr war es. Seit kurzem verweigert sie das Training, vergräbt sich in ihrer Wohnung und begibt sich nicht mehr nach draußen. Hitomi soll nun herausfinden, ...

Worum geht’s?
Riva ist Hochhausspringerin. Oder vielmehr war es. Seit kurzem verweigert sie das Training, vergräbt sich in ihrer Wohnung und begibt sich nicht mehr nach draußen. Hitomi soll nun herausfinden, wieso und weshalb das so ist. Da wir uns ein Stückchen weit in der Zukunft befinden, stehen Hitomi als Therapeutin von PsySolutions allerhand Beobachtungstools und Datenanalysen zur Verfügung, anhand derer sie Rivas komplettes Leben überwachen kann. Doch sie findet die Ursache für die plötzliche Depression der früher so erfolgreichen Hochhausspringerin nicht. Hitomi fällt immer tiefer in ein Loch aus Stress, Zukunftsangst und Burnout, dass alles um sie herum zu bröckeln beginnt. Kann sie den Fall „Riva“ noch lösen oder verliert sie unweigerlich alle Privilegien, die sie sich hart erarbeitet hat?

Wie hat es mir gefallen?
Schöne neue Welt oder eher „gähn“? Leider letzteres. Julia von Lucadous Roman „Die Hochhausspringerin“ gibt uns einen Ausblick in eine mögliche Zukunft. Alles wird überwacht, Ausgeglichenheit und Angepasstheit ist ein Muss, sonst heißt es „Ab in die Peripherien!“ — die unansehlichen Außenbezirke der Stadt, wo alle Menschen leben, die es im Stadtkern zu nichts gebracht haben (oder das schlicht nicht wollen). In dieser Welt gibt es zum einen Riva, die mit ihrem Status als IT-Girl eigentlich glücklich sein müsste, und ihrer Überwacherin Hitomi, die sich so wohl fühlt im System, aber in ein tiefes Loch der Depression fällt, als sie ihren Job nicht erfüllen kann. Und obwohl „Die Hochhausspringerin“ mit einem sehr guten Schreibstil und einem guten Aufbau der Geschichte, gibt es doch diesen zähen Mittelteil, in dem gefühlt gar nichts passiert, Hitomi lediglich tiefer und tiefer fällt. Natürlich gibt es allerhand Kritikpunkte an unserer Gesellschaft und Julia von Lucadous Welt hätte durchaus Potential für eine spannende Story gehabt, aber mit diesen beiden Charakteren fand ich die Geschichte leider nur träge. Am Ende blieben seltsame Story-Fäden unaufgelöst und ein enttäuschtes Gefühl machte sich breit.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Geschichte
  • Erzählstil
  • Atmosphäre
  • Idee
Veröffentlicht am 19.08.2018

Trauerbewältigung als Jugendbuch-Thema — Sprachlich wunderschön und toll umgesetzt.

Der große schwarze Vogel
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Trauerbewältigung als Jugendbuch-Thema — Sprachlich wunderschön und toll umgesetzt.

Dieses Buch sprach mich sofort mit seinem Klappentext an. Außerdem ist “Der große schwarze Vogel” von Stefanie Höfler ...

Trauerbewältigung als Jugendbuch-Thema — Sprachlich wunderschön und toll umgesetzt.

Dieses Buch sprach mich sofort mit seinem Klappentext an. Außerdem ist “Der große schwarze Vogel” von Stefanie Höfler ja schon ein Eyecatcher. Das Buch ist geschmückt mit Federn und Blättern in herbstlichen Farben. Wer das Buch erst einmal gelesen hat, versteht direkt den Zusammenhang: Bens Mutter liebt die Natur, den Wald, alle Pflanzen und Tiere. Mit ihrer Familie macht sie wöchentliche, ausgedehnte Spaziergänge durch den örtlichen Wald und setzt sich für die Umwelt ein. Sie ist zwar aufbrausend und oft auch wütend, aber ihre Wut verfliegt immer schnell. Dann ist sie wieder die tollste Mutter, die es für Ben und seinen kleinen Bruder Krümel (eigentlich Karl) geben kann. Bis sie eines Tages stirbt. Die kleine Familie muss nun lernen, wie man mit diesem Riss, der mitten durch einen durch geht, lebt. Alles erinnert noch an sie, alles riecht noch nach ihr und überall liegen ihre langen, roten, lockigen Haare. Bens Vater kommt mit dem plötzlichen Verlust überhaupt nicht zurecht, igelt sich in seiner Trauer ein und scheint dabei völlig zu vergessen, dass er noch zwei Kinder hat. Während Ben und Krümel erstmal bei ihrer Tante wohnen, versuchen die beiden Brüder, das Beste aus der Situation zu machen und dafür sorgen sie erst einmal dafür, dass das Begräbnis ihrer Mutter gerecht wird.

"Mas Todestag war ein strahlender Oktobertag. Wenn in einer Geschichte jemand stirbt, dann meistens an einem Regentag. Oder an einem nebelverhangenen Tag, an dem kein Sonnenstrahl die Wolkendecke durchdringt. Das passt besser zum Tod, unterstreicht die düstere Stimmung."

Berührend und mit einer sehr feinen Sprache erzählt Stefanie Höfler uns die Geschichte von Ben, Krümel und ihrem Vater und wie sie mit dem Tod ihrer Mutter bzw. Ehefrau umgehen. Dabei wird kapitelweise gewechselt zwischen Jetztzeit und Vergangenheit, wir erfahren in Rückblicken Bens von einzelnen Momenten, Augenblicken und Szenen aus der Zeit, als seine Mutter noch am Leben war. Ben glorifiziert seine Mutter in seinen Rückschauen niemals, überlegt sich nicht, was er hätte anders machen können, er betrachtet die Dinge, wie sie waren und wie sie sind. In der Schule kämpft Ben mit den Blicken der anderen, und plötzlich steht ihm nicht mehr nur sein bester Freund zur Seite, sondern auch ein Mädchen, das vorher keine zwei Worte mit ihm gewechselt hat. Ben findet heraus, dass auch sie — oder vielmehr ihr Bruder — dem Tod bereits begegnet ist. Dieses Band schweißt die beiden immer mehr zusammen und es entsteht eine Freundschaft, die vielleicht auch zu etwas mehr werden könnte.

In diesem Jugendbuch lernt die Familie, mit dem Tod umzugehen und zu heilen. Die Konstellation hat mich leicht an “Trauer ist das Ding mit den Federn” erinnert, das ich neulich erst gelesen habe. Und dennoch sind die beiden Bücher sehr unterschiedlich. Zumal Ben und seiner Familie keine riesige Krähe bei der Trauerbewältigung hilft; das schaffen die drei auf ihre Art ganz allein. Und darum ist “Der große schwarze Vogel” auch keine “Fantasie”-Geschichte, sondern eine, die genauso überall auf der Welt passieren kann (und auch passiert).

Die vollständige Rezension findet ihr auf meinem Blog: https://killmonotony.de/rezension/stefanie-hoefler-der-grosse-schwarze-vogel

Veröffentlicht am 19.08.2018

Episodenweise und sprunghaft berichtet Blum von seiner Entwurzelung und der Suche nach der Geschichte seiner Großmutter.

Opoe
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Donat Blums „Opoe“ (sprich: opu — niederländisch für Großmutter) hat mich mit seinem minimalistischen Cover gelockt. Der Klappentext weckte meine Neugier, doch als ich eine Weile später zu lesen begann, ...

Donat Blums „Opoe“ (sprich: opu — niederländisch für Großmutter) hat mich mit seinem minimalistischen Cover gelockt. Der Klappentext weckte meine Neugier, doch als ich eine Weile später zu lesen begann, konnte ich nicht so richtig Fuß fassen. Donat Blum erzählt in seinem Debütroman von der Großmutter des Erzählers, die dieser kaum kannte, und in einem parallelen Erzählstrang berichtet er aus ihrer Vergangenheit, versucht Opoes Lebensgeschichte nachzubauen. Wir erfahren von der stets distanzierten Großmutter, die ihren Enkel bis zum Ende siezt, von ihrem Leben als junge Frau in den Niederlanden, als Frau eines Blumenhändlers. Gleichzeitig schildert Blum das Liebesleben des Erzählers, der übrigens ebenfalls Donat heißt – inwiefern sein Roman autobiografisch ist, bleibt allerdings offen.

Donat Blum erzählt flüssig und äußerst angenehm zu lesen die Geschichte der Großmutter und auch die des Erzählers. In kurzen Episoden reflektiert der Erzähler sein queeres Liebesleben. Dass er sich nicht an nur eine Person binden kann, scheint für seinen Partner trotz Einwilligung zur offenen Beziehung doch ein Problem zu sein. Donat trifft sich trotzdem mit anderen Männern, verliebt sich, und inmitten des Liebestaumels verschwimmen die verschiedenen Männer immer mehr. Er kann die einzelnen Personen nur anhand der Gefühle, die diese in ihm auslösen, und anhand der Bedürfnisse, die sie befriedigen, auseinanderhalten. Dass sein Partner in der Priorität immer weiter nach unten rutscht, ist dabei nahezu unvermeidbar.

"Ich will begreifen, warum ich bei Opoes Tod alle Schotten habe dichtmachen müssen. Ich will begreifen, was zwischen Opoe und mir gewesen ist."

Parallel erfahren wir, wie Opoes Leben abgelaufen ist — oder abgelaufen sein könnte. Da Donat Blum die Grenze zwischen Roman und autobiographischer Erzählung verwischt, weiß man nie genau, was von dem Erzählten wirklich so abgelaufen ist und was nicht. Dass der Erzähler ebenfalls Donat heißt, macht die Sache nicht leichter. Dennoch ist Opoes Leben interessant: Sie verliebt sich in einen Schweizer, verlässt mutig ihre Heimat, die Niederlande, um mit ihm in der Schweiz einen Blumenladen zu eröffnen. Die Tochter, die aus dieser Beziehung entsteht, Donats Mutter, verbringt ihre ersten Lebensjahre jedoch in Holland; die Entfremdung ist vorprogrammiert. Und so entsteht eine unüberwindbare Kluft zwischen Mutter und Tochter und in deren Folge auch zwischen Donat und Opoe. Dass Opoes Tod eine klaffende Lücke aus Unwissen hinterlässt, war zu erwarten, denn erst als sie nicht mehr da ist, sehnt Donat sich nach ihr.

Fazit: Dass Donat Blum sich sonst in essayistischen Gefilden bewegt, merkt man „Opoe“ irgendwie an. Der Inhalt erscheint sprunghaft, oft verschwimmt auch der Fokus und nach der Lektüre stellt man dann fest, dass das Buch mehr über die Sorgen des Erzählers berichtet hat als über die titelgebende Großmutter. Anfangs fand ich es schwierig, mich in Blums Textform einzufinden, erst nach etwa 50 Seiten, was ja bereits ein Drittel des Buches ist, kam ich in einen schönen Lesefluss und fühlte mich in der Geschichte wohl. Im Rückblick ist auch leider nicht so viel von Opoes Leben hängen geblieben, was ich etwas schade finde, da ich es beim Lesen als sehr interessant empfunden habe.