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Veröffentlicht am 28.04.2018

Ein hochaktuelles Thema, dennoch leider nicht so stark wie die „Bienen“.

Die Geschichte des Wassers
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Nachdem letztes Jahr Maja Lundes „Die Geschichte der Bienen“ in aller Munde war und auch ich mich nicht dem Hype entziehen konnte, war klar, dass ich natürlich auch die kommenden Bücher von ihr lesen muss. ...

Nachdem letztes Jahr Maja Lundes „Die Geschichte der Bienen“ in aller Munde war und auch ich mich nicht dem Hype entziehen konnte, war klar, dass ich natürlich auch die kommenden Bücher von ihr lesen muss. Geplant ist wohl ein Quartett, dessen Bücher sich allesamt mit Themen rund um den Klimawandel und die Umweltverschmutzung befassen sollen. Nun ist „Die Geschichte des Wassers“ erschienen, das sich, wie der Titel bereits vermuten lässt, mit dem großen Thema Wasser verschwendet. Währen Lunde bei den „Bienen“ die Geschichten dreier Personen versponnen hat, findet der Leser in ihrem neuen Werk nur zwei Protagonisten und Zeitebenen vor. Zum einen haben wir Signe Hauger, die Journalistin und Autorin, deren Vater Umweltaktivist ist und immer im krassen Gegensatz zu ihrer Mutter, die eine Karriere als Politikerin bestreitet, handelte. Mit ihren fast 70 Jahren macht sie sich mit ihrem Boot, der Blau, auf in ihre Heimat, um das dort für das neue Trend-Wasser abgebaute Gletschereis zu retten. Der Gletscher gehörte zu ihrer Kindheit, dass er nun abgebaut wird, obwohl der Gletscher sowieso bereits schmilzt, bricht ihr das Herz. Bereits in ihrer Kindheit wurden die Schwesternfälle ihrer Heimat in Rohre umgeleitet, um mit der gewonnenen Energie ein Kraftwerk zu befeuern. Was damals von Politikern wie ihrer Mutter entschlossen wurde, wird nun von ihrem Kindheitsfreund und erster Liebe Magnus betrieben, der sich nicht gegen den Abbau des Gletschers eingesetzt hat, als er konnte. Nun will Signe ihm das Eis, das bereits gesammelt wurde, bis vor die Haustür bringen, um ihm klarzumachen, dass er nicht nur den wertvollen Gletscher, sondern auch ihre gemeinsame Vergangenheit abbaut.

Parallel zu Signes Geschichte lesen wir von David, der mit seiner Tochter Lou auf der Flucht ist. Mit nur dem Allernötigsten im Gepäck fliehen sie vor dem Feuer, das ihr Zuhause heimgesucht hat, in eines der vielen Flüchtlingslager. Dort hoffen sie, Davids Frau Anna und den gemeinsamen Sohn August wiederzufinden; die Vier wurden bei der Flucht getrennt. Der Alltag im Lager ist dröge, das Essen karg und die Wasserrationen bemessen. Denn David lebt im Jahr 2041, Jahre nachdem der Gletscher abgebaut wurde und eine schwerwiegende Dürre die Erde heimgesucht hat. Waldbrände sind an der Tagesordnung und das Wasser ist mittlerweile rar gesät. Das, was da ist, muss streng rationiert werden. David und Lou vertreiben sich die Zeit, in der sie auf Anna und August warten, mit Spielen und Spaziergängen. Eines Tages finden sie bei einem Spaziergang ein Boot, mit dem sie ab sofort tägliche See-Abenteuer bestreiten — natürlich nur imaginäre, da es ja kein Wasser gibt. Doch David hat plötzlich eine Idee, mit dem er das Leben von sich und Lou besser machen kann und möglicherweise auch das vieler anderer Menschen.

»Du sagst, es sei unser Instinkt, für unsere Nachkommen zu sorgen […]. Aber eigentlich sorgen wir nur für uns selbst. Uns selbst und unsere Kinder. Höchstens noch für unsere Enkel. Diejenigen, die danach kommen, vergessen wir.«

Maja Lunde gelingt es mit ihren Romanen, wichtige Themen, die ein jeder Mensch eigentlich auch als wichtig erachten sollte, an die Masse zu bringen. Dadurch, dass sie um die Figuren spannende Schicksale spinnt und auch verschiedene zeitliche Ebenen einbaut, wird man als Leser schnell von der Geschichte eingenommen und fliegt nahezu durch die Seiten. Jedoch muss ich gestehen, dass ich Signes und Davids Schicksal als weniger spannend wie die „Bienen“ empfunden habe. Bei den Bienen konnte ich mit jedem Charakter mitfühlen, habe um den Verlust der Bienenstöcke getrauert und mich sehr über das optimistisch anmutende Finale gefreut. Doch diesmal erschienen mir die Protagonisten platt, nicht mit Liebe zum Detail erschaffen, und die Geschichte konnte mich auch nicht so richtig packen. Maja Lunde macht sehr viel mit ihrem Schreib- und Erzählstil wett, sodass man auch ohne ausgefleischte Charaktere und verfolgenswerte Story irgendwie an dem Buch hängen bleibt.

Die vollständige Rezension findet ihr auf meinem Blog: https://killmonotony.de/rezension/maja-lunde-die-geschichte-des-wassers

Veröffentlicht am 28.04.2018

Unaufgeregt, leise, melancholisch — genau meins!

Alles was glänzt
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„Alles was glänzt“ von Theresa Gamillscheg war eine kleine Überraschung, denn ich habe es durch Zufall entdeckt, und als es dann bei mir daheim lag, wurde mir auf der ersten Seite schon klar, dass der ...

„Alles was glänzt“ von Theresa Gamillscheg war eine kleine Überraschung, denn ich habe es durch Zufall entdeckt, und als es dann bei mir daheim lag, wurde mir auf der ersten Seite schon klar, dass der Schreib- und Erzählstil genau meins ist. Und beim Thema Berge bin ich doch auch gleich dabei. Es geht um ein kleines, fast vergessenes Dorf, das an einem Berg liegt. Nun ist dieser Berg allerdings kein gewöhnlicher Berg, sondern jahrzehntelanger Bergbau haben ihn nahezu vollständig ausgehöhlt und er droht auseinanderzurechen. Obwohl bereits Risse und ein Spalt, fast einen halben Meter breit, sich dem Dorf näher, scheinen dessen Bewohner sich mit ihrem Schicksal abgefunden zu haben und leben ihren Alltag. Bis eines Morgens die Leiche Martins aus einem Auto geborgen wird und alle Anwohner in Aufruhr geraten. Denn im Gegensatz zur Stadt kennt jeder im Dorf jeden und so ein Tod trifft natürlich alle: »In der Stadt wäre das nichts, aber hier, bei uns, das trifft uns direkt ins Herz.« Doch eigentlich fing alles mit einem kleinen roten Knopf im Bergmuseum an, der nicht mehr funktionieren wollte. Plötzlich wurde man sich im Dorf des Verfalls des Bergs bewusst, der ja nur noch eine leere Hülle ist. Regionalmanager Merih hat die Aufgabe zugeteilt bekommen, die Anwohner des kleines Dorfs umzusiedeln, um das Stadtzentrum wiederzubeleben und sie auch von der Gefahr, die vom Berg ausgeht, fortzubringen.

»Wenn wir noch erleben, wie der Berg in sich zusammenbricht, dann wird vor allem das Licht entscheidend sein […]. Wenn das Licht mit dem Berg gemeinsam runterkommt, dann kann uns das nichts Böses wollen.«

In Marie Gamillschegs Roman lernen wir aber nicht nur Merih kennen, der auf seine eigene Weise versucht, sich mit den Dorfbewohnern zu verstehen, sondern auch die Schwestern Esther und Teresa, die beide das Dorf verlassen und in die Stadt ziehen möchten. Esther macht sich einiges Tages einfach auf; ihre Schwester bleibt sehnsüchtig zurück. Ebenso lernen wir Gastwirtin Susa kennen, die die Kneipe des Dorfs führt. Sie ist misstrauisch gegenüber Merih und den Veränderungen, die er mitbringt. So hat jeder der Dorfbewohner seine kleine Geschichte, aber große Charakterentwicklungen braucht Gamillscheg nicht, um Gefühle zu wecken. Der unaufgeregte Schreibstil hat mich direkt ab der ersten Seite gefesselt und ließ mich erst mal nicht mehr los.

Viel passiert in „Alles was glänzt“ zwar nicht, aber gerade das macht die Magie des Romans aus. Das stille Dorf, der ausgehöhlte Berg, die ruhigen Anwohner, alles trägt zu der melancholischen und unaufgeregten Atmosphäre bei. Der ausgehöhlte Berg steht dabei stets im Mittelpunkt des Geschehens. In malerischen Beschreibungen, die aber nie ausarten, beschreibt Gamillscheg, wie der Berg komplett von Tunnel durchzogen ist, wie seine Wände glitzern und funkeln. Dazu werden immer wieder Legenden und Mythen rund um den Berg erzählt, wie beispielsweise die Legende vom Blintelmann.

Die vollständige Rezension findet ihr auf meinem Blog: https://killmonotony.de/rezension/marie-gamillscheg-alles-was-glaenzt

Veröffentlicht am 27.04.2018

Ein niederschmetterndes Portrait des menschlichen Verfalls.

Der Gedankenspieler
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Peter Härtlings „Der Gedankenspieler“ hat mich bereits in der Verlagsvorschau irgendwie magisch angezogen. Das Älterwerden und über das Leben sinnieren ist scheinbar ein Thema, das mich immer wieder aufs ...

Peter Härtlings „Der Gedankenspieler“ hat mich bereits in der Verlagsvorschau irgendwie magisch angezogen. Das Älterwerden und über das Leben sinnieren ist scheinbar ein Thema, das mich immer wieder aufs Neue reizt. In diesem Roman geht es um den Eigenbrötler Wenger, der nach einem ziemlich unglücklichen Sturz an den Rollstuhl gefesselt ist und mehr und mehr die Hilfe von einem kleinen Pflegeteam benötigt. Sein langjähriger Freund und Hausarzt Dr. Mailänder versucht, Wenger in seiner Pflegebedürftiglkeit das Leben dabei so angenehm wie möglich zu machen, schaut immer nach dem Rechten, besucht ihn mit seiner Frau und Tochter, um den tristen Alltag des älteren Herrn etwas bunter zu gestalten. Und wenn Wenger wieder mal allein daheim ist oder wieder einmal im Krankenhaus nächtigen muss, verfasst der alte Mann im Kopf Briefe an Freunde, Künstler und an Menschen, die ihn beeinflusst haben, vor allem aber an Katharina, Mailänders Tochter. Doch trotz der guten Pflege geht es Wenger zusehends schlechter und nicht nur er muss sich auf das Unvermeidliche einstellen, sondern auch seine lieb gewonnenen Freunde.

"Wann immer er mit dem Waschlappen traktiert wurde […], verlor er sich als Subjekt, wurde zum Objekt, ein Gegenstand, der gesäubert wird. Dennoch bemühte er sich, den Gegenstand vergessen zu machen. […] Warum, fragte er sich jedes Mal während der Prozedur […], warum empfinde ich keine Scham mehr? Alt und nackt. Hilflos. Warum begehre ich nicht auf, ziehe mich nicht zusammen, wenn die über Jahrzehnte jüngere Frau ankündigt: Jetzt kommt der Poppes dran."

„Der Gedankenspieler“ ist ein wunderbar vielschichtiger Roman, der bei mir wirklich die richtigen Töne getroffen und Knöpfchen gedrückt hat. Als Leser verfolgt man als Zuschauer das Leiden des sonst so unabhängigen Wengers, der nie große Probleme mit seiner Gesundheit hatte und nun überhaupt nicht damit einverstanden ist, dass er nun so hilflos und auf andere Menschen angewiesen ist. Es durchzuckt einem mit Empathie und Mitleid, man gruselt sich selbst vor dem Alter, wenn man liest, wie Wengers körperlicher Verfall vonstatten geht. Bei manchen Abschnitten musste ich mich zum Weiterlesen zwingen, da mir das alles viel zu bekannt vorkam, ich diesen Prozess bereits bei meinem eigenen Vater beobachten musste, und einige Stellen gingen mir richtig ans Herz und Gänsehaut überzog mich, die eine oder andere Träne floss auch. Die eigene Unabhängigkeit aufgeben zu müssen, völlig seinen Helfern und im Endeffekt auch seinem eigenen Körper und dessen Schwäche ausgeliefert zu sein, kann ich mir noch gar nicht so recht vorstellen, aber der Gedanke daran ist äußerst beklemmend.

Härtling schrieb seinen „Gedankenspieler“ kurz vor seinem Tod, und dank dem Nachwort bekam der Roman eine völlig neue Tiefe. Der Leser findet nach der Lektüre zahlreiche Parallelen zwischen Härtling und Wenger; mich hat das alles noch ein wenig mehr bedrückt. Den Roman handelt Härtling relativ nüchtern ab, aber es entstehen trotzdem große Emotionen, man schließt Wenger ins Herz und möchte ihn am liebsten nicht gehen lassen. Während der Verfall also seinen Lauf nimmt, Wenger zwischenzeitlich schon mit riesigen Windeln ausgestattet wird, krümme ich mich gedanklich immer weiter, denn ich weiß bereits, auf was die Geschichte hinauslaufen wird. Doch Wenger mag physisch stark geschwächt sein, innerlich jedoch spielt er immerfort mit den Gedanken; er verfasst bis zu seinen dunkelsten Stunden im Geiste Briefe, greift gelegentlich sogar noch zum Stift, und selbst als ihm keine guten Aussichten mehr offenstehen, bleibt er doch stets der, der er ist: ein kauziger Mann, der stets stark und unabhängig war und sich erst im Angesicht der körperlichen Schwäche in die Hände anderer gegeben hat.

Die vollständige Rezension findet ihr auf meinem Blog: https://killmonotony.de/rezension/peter-haertling-der-gedankenspieler

Veröffentlicht am 19.04.2018

Von einem, der alles ändern will und selbst nichts tut

Hochdeutschland
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Alexander Schimmelbuschs Roman „Hochdeutschland“ hat mich mit seinem wundervoll gestaltetem Cover schon in den Verlagsvorschauen angesprochen. Zugegeben, der Klappentext klang nicht hundertprozentig nach ...

Alexander Schimmelbuschs Roman „Hochdeutschland“ hat mich mit seinem wundervoll gestaltetem Cover schon in den Verlagsvorschauen angesprochen. Zugegeben, der Klappentext klang nicht hundertprozentig nach dem, was ich normalerweise lesen würde, aber es spielt im Taunus und das fand ich doch ziemlich spannend. Also zog „Hochdeutschland“ in mein Regal ein. Es geht um Victor, der – ganz nach seinem Namen kommend – ein echter Siegertyp ist. Er arbeitet als Investmentbanker und kann mit Geld nur so um sich werfen. Doch in seinem Privatleben läuft im Gegensatz zum Beruf alles schief: Er ist geschieden, sieht seine Tochter nicht allzu häufig und kann mittlerweile mit seinem Leben nicht mehr glücklich sein. Überall sieht er klaffende Ungerechtigkeiten, das Millionen, die er als Banker scheffelt, müssten viel mehr den sozialen Organisationen zugesteckt werden – eine Reichensteuer muss her, damit das Deutschland aus seinen Erinnerungen wieder aufleben und die Grenze zwischen arm und reich wieder verkleinert werden kann. Er schreibt ein politisches Manifest, das Deutschland wieder zur Blühte bringen soll, radikal ist es, und sein Kumpel, der Parteimitglied der Grünen ist, macht sich mit dem Manifest als Parteiprogramm als neue Partei einen Namen.

"Sein eigenes Glück schmieden – was für ein verlogenes Bild."

„Hochdeutschland“ hat mich mit seinem Klappentext vermuten lassen, dass Victor ein selbst reflektierender Mensch ist, und das ist er auch in Ansätzen, aber was er zu meinem Leidwesen größtenteils ist, ist unsympathisch. Eigentlich müsste ein solcher Weltverbesserer, der sogar gute Ansätze und Ideen mitbringt, doch ein sympathischer Typ sein — Fehlanzeige! Victor schaut von seinem hohen Ross auf Deutschland herunter, findet, dass sich etwas ändern muss, aber wirklich aktiv wird er selbst nicht. Er fängt halbherzig einen Roman an, dessen Geschichte auch seitenlang erzählt wird und der Leser wird ebenfalls Zeuge des (zugegeben, sehr interessanten) Manifests, doch leider schafft Victor es nicht, sich zu einer Aktion aufzuraffen. Ausführender Hebel ist schließlich sein Freund Ali, mit dem er literarisch wertvolle Gespräche führt: »Ey, willst du wirklich diese Keule schwingen?« — »Die einzige Keule, die ich schwinge, ist meine osmanische Liebeskeule…«

Doch nicht nur die Dialoge zwischen Ali und Victor haben mir nicht zugesagt, sondern auch der Erzählstil. Schimmelbusch wirft mit großen Wörtern nur so um sich und das Gefühl entsteht, er möchte seinem Text ein wenig Erhabenheit verleihen. Die Charaktere im Buch bleiben auch lieblose Karikaturen, wenn Victor seine kleine Tochter mit „mein Kindchen“ anspricht, möchte man als Leser am liebsten schnell das Weite suchen. Selbst in den Passagen, in denen Victor sich an seine Kindheit zurückerinnert, seine Träume, seine Hoffnungen, bleibt der Leser stets distanziert und kann sich zu keinem Zeitpunkt in ihn hineinfühlen. Auch die Art, wie er seine Mitarbeiter schindet, ganz nach dem „überlieferten Protokoll“ der Investmentbanker und wie diese stets wie Sklaven arbeiten lässt, nur, weil es die Generationen vor ihm ebenso gemacht haben: zwei Stunden Schlaf im Büro, schnell im Wellnessbereich duschen, Kaffee, dann wieder ran ans Werk.

Die vollständige Rezension findet ihr auf meinem Blog: https://killmonotony.de/rezension/alexander-schimmelbusch-hochdeutschland

Veröffentlicht am 19.04.2018

Ein bedrückendes Portrait einer Familie, die ihre Heimat nicht vergessen kann.

Beschreibung einer Krabbenwanderung
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In der Frühjahrs-Verlagsvorschau des Dumont-Verlag habe ich eine kleine Perle entdeckt: Und zwar Karosh Tahas „Beschreibung einer Krabbenwanderung“. Der außergewöhnlich klingende Titel, das wunderschöne ...

In der Frühjahrs-Verlagsvorschau des Dumont-Verlag habe ich eine kleine Perle entdeckt: Und zwar Karosh Tahas „Beschreibung einer Krabbenwanderung“. Der außergewöhnlich klingende Titel, das wunderschöne Cover und natürlich nicht zuletzt der Klappentext konnten mich überzeugen, dass ich dieses Buch unbedingt lesen muss. Und zwar geht es um die 22-jährige Sanaa, die in ihrem Umfeld gefangen ist: Ihre Mutter ist depressiv, ihr Vater könnte gleichgültiger nicht sein und verschwindet auch immer öfter. Zudem scheint ihre Schwester sich mit den falschen Leuten abzugeben, ihre Ansichten vor allem über ihre Zukunft werden immer krasser; ihr fehlt klar eine Elternfigur. Neben all diesem familiären Chaos versucht Sanaa, ihre Beziehungen zu zwei Männern aufrechtzuerhalten und auch noch zu studieren. Als einer ihrer Lover, Adnan, plötzlich Ernst macht und sie seinen Eltern vorstellen will, zieht sie sich in ihr Schneckenhaus zurück und flieht zu ihrer Familie, da sie keine Zukunft für die Beziehung sieht, solange ihre Familie noch die ist, die sie ist. Sanaa lebt in zwei Welten: die eine in der Hochhaussiedlung neben den anderen irakischen Familien, unter ständiger Beobachtung, lediglich durch Essen wird Verbundenheit geschaffen; die andere außerhalb der Siedlung, wo sie sich mit ihren Freunden treffen kann, zur Uni geht und einfach ihr Leben leben darf. Doch die erste Welt drängt sich ihr immer wieder auf, sie kann ihr nicht entfliehen.

"Ich kann nicht irgendwo warten, bis jemand kommt, auch wenn es Adnan ist, ich kann nicht stehen bleiben, ich kann mich nicht aus dem Fenster lehnen und gucken, was die Leute machen, während ich nichts mache, ich kann nicht im Bett liegen, obwohl ich nicht schlafe. […] Solange Asija nicht lachen kann, kann ich nicht mit Adnan schweben."

Asija und Nasser sind als frisch getrautes Paar mit Sanaa in ein Hochhaus in Deutschland gezogen und haben dem Irak den Rücken gekehrt. In Deutschland seien die Berufsschancen besser, für das Kind würde gut gesorgt werden, wurde ihnen erzählt. Damit sie nicht direkt bei der Ankunft abgeschoben werden, riet man ihnen, noch ein Kind zu bekommen, „schwanger schickt man dich nicht zurück“. In dem Hochhaus, wo die Drei landen, wohnen auch bereits andere Familienmitglieder, die vor ihnen nach Deutschland gereist sind. Doch anstatt in einem liebevollen, familiären Umfeld aufzuwachsen, verfällt Asija nach der Geburt Helins in tiefe Depressionen, sie und Nasser leiden beide unter dem Heimatverlust und die „nette Verwandtschaft“ sitzt in Form von Tante Khalida und deren Nachbarin, die Sanaa heimlich Baqqe (Frosch) nennt, rauchend und tratschend im Wohnzimmer. Sanaa flüchtet so oft sie kann aus diesem Szenario, ihr Gewissen zwingt sie aber, sich nicht allzu weit von ihrem Hochhaus zu entfernen. Sie verachtet die „Hochhausfrauen“, die den ganzen Tag wie Tante Khalida nur tratschen und vom Balkon aus die Menschen unter sich verurteilen.

Zu Beginn des Buchs wurde ich nicht so richtig warm mit der Erzählweise und Sprache der Autorin, und ich muss sagen, dass auch das ethnische Umfeld Sanaas neu für mich war. Dadurch wurde mir der Zutritt zum Buch eingangs ein wenig versperrt, doch nach einigen weiteren Seiten war ich mittendrin in Sanaas „Gefängnis“ und ein unangenehmes Gefühl breitete sich aus, als ich alle Zusammenhänge erkennen konnte und auch, als Sanaa offensichtlich von einem sehr haarigen Herrn, dem „Volvomann“, wie sie ihn nennt, verfolgt wurde. Als ich im Buch angekommen war, erschien mir auf einmal alles besonders; alles, was ich nicht kannte, wurde gegoogelt und bestaunt; zugleich habe ich auch mit Sanaa gelitten und am liebsten hätte ich Tante Khalida und Baqqe aus ihrem Wohnzimmer geschmissen. Die Charaktere in Karosh Tahas Werk sind bunt, vielschichtig und jeder hat seine eigene Geschichte. Unsere Protagonistin ist zum Beispiel nicht nur fahrig, unruhig und unfähig, sich auf ein längeres Gespräch mit wem auch immer außerhalb der eigenen vier Wände einzulassen, sondern sie macht sich auch permanent Sorgen: Sorgen, Asija könnte vom Balkon springen, Nasser könnte Asija betrügen, Sorgen um Helin, die orientierungslos durch ihr Leben irrt — dabei vergisst sie, sich Sorgen um sich selbst zu machen, um ihre Zukunft, ihre Unabhängigkeit. Als die Situation daheim immer angespannter wird, hofft sie, in Onkel Agids Sammlung von Hochzeitsvideos das ihrer Eltern zu finden, um deren Liebe wieder aus dem Eis zu holen. Doch auch das scheint nicht zu gelingen.

Die vollständige Rezension findet ihr auf meinem Blog: https://killmonotony.de/rezension/karosh-taha-beschreibung-einer-krabbenwanderung