Profilbild von uli123

uli123

Lesejury Star
offline

uli123 ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit uli123 über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 15.05.2020

Über ein politisch wichtiges Thema

Gehen, ging, gegangen
0

Dieses im Jahr 2015 erschienene Buch war gerade damals angesichts der Flüchtlingsströme nach Deutschland brandaktuell, ist es aber noch nach wie vor.

Der Protagonist dieser Geschichte ist der gerade emeritierte ...

Dieses im Jahr 2015 erschienene Buch war gerade damals angesichts der Flüchtlingsströme nach Deutschland brandaktuell, ist es aber noch nach wie vor.

Der Protagonist dieser Geschichte ist der gerade emeritierte Professor für Alte Sprachen Richard aus einem Berliner Vorort. Um seine Zeit zu füllen, nimmt er ein neues Projekt in Angriff, zu dem er sich durch eine Gruppe Asylsuchender animieren lässt, die schon geraume Zeit auf dem Oranienplatz campieren und eigentlich nichts lieber tun würden als in Deutschland zu arbeiten. In Befragungen lässt er sich von ihnen ihre ergreifenden Schicksale erzählen und erhält so Einblick in die konfuse Rechtslage von Flüchtlingen, die sich in den Maschen von Dublin II verfangen. Richard kniet sich immer mehr in die Sache hinein und wird zum Wohltäter für eine Reihe von Afrikanern. Das macht er nicht ungern, da er Parallelen zu seinem eigenen Leben sieht, der als Ostdeutscher nach der Wiedervereinigung heimatlos geworden ist. Seine Sichtweise auf sein Leben beginnt sich zu verändern.

Der Schreibstil der Autorin ist sehr besonders. Auffällig sind verschachtelte Sätze im Gegensatz zu dann wieder sehr kurzen und stetige Wiederholungen. Angesichts des Themas ist das Buch sehr interessant für jene mit Interesse an Asyl- und Flüchtlingspolitik, außerdem auch für jene mit Interesse an der Zeit der DDR.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 10.05.2020

Märchenhaft schön

Die Geschichtensammlerin
0

Solch eine gelungene Vermischung von Märchen und Schilderung wahrer Begebenheiten habe ich selten gelesen. Lob verdient dieser schöne Debütroman der Autorin über die Zeit des Ceausescu-Regimes in Rumänien ...

Solch eine gelungene Vermischung von Märchen und Schilderung wahrer Begebenheiten habe ich selten gelesen. Lob verdient dieser schöne Debütroman der Autorin über die Zeit des Ceausescu-Regimes in Rumänien im Jahre 1989 umso mehr, als die amerikanische Autorin ausweislich ihres Nachwortes praktisch nichts über das Land wusste und erst durch rumänische Kolleginnen an einer internationalen Schule Einzelheiten über Rumänien hörte, die sie dann zu diesem Roman verarbeitete.
Schon dass die Geschichte aus der Sicht der zehnjährigen Ileana erzählt wird, ruft bei mir Begeisterung hervor. Denn das Mädchen ist einfach nur liebenswert und sympathisch. Sie verfügt über eine enorme Fantasie, die sich darin äußert, dass sie eine wirklich gute Geschichtenerzählerin ist, als die sie sich selbst auch ansieht. Schon von klein auf sammelt sie selbst erdachte und ihr erzählte Geschichten in einem immer dicker werdenden Pappschnellhefter. Das Talent dazu stammt aus der väterlichen Linie, denn ihr Vater ist Professor für Literatur in Bukarest und ihr Onkel Dichter. Dessen Regimekritik wird dann aber zu einer Gefahr für die ganze Familie, weshalb die Eltern Ileana weit weg in ein Bergdorf zu den ihr bis dahin unbekannten Großeltern schicken. Leider spürt die Geheimpolizei den sich ebenfalls dorthin geflüchteten Onkel und damit einhergehend Ileana dort auf und ist auf einmal das gesamte Dorf in tödlicher Gefahr. Ileana und ein ihr zur Freundin gewordenes Mädchen aus dem Dorf ersinnen eine verwegene Rettungsaktion, bei der Ileanas Geschichten eine Rolle spielen. Werden sie Erfolg haben?
Durch das Buch habe ich so viel über die blutige Revolution in Rumänien 1989 und die vorausgehende Schreckensherrschaft Ceausescus mit seiner berüchtigten Geheimpolizei Securitate anschaulich erfahren, wodurch ich auch mehr Verständnis für die Bevölkerung heute erlangt habe. Denn diese litt wahrhaft unter dem sog. Conducator, was sich in wirtschaftlichem Mangel auf jeglichem Gebiet und Bespitzelungen äußerte. In schönem Gegensatz zu dieser bedrückenden Situation stehen die immer wieder in die Geschichte eingeflochtenen Volksmärchen, die von Ileana in immer wieder neuen Varianten erzählt werden und zeigen, wie sich Ileana selbst sieht.
Das Buch zählt zu den schönsten Büchern, die ich dieses Jahr gelesen habe.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 08.05.2020

Eine Frau probiert sich aus

Mrs Fletcher
0

Für mich persönlich ist das Buch zu sehr auf die Themen Sex und Liebe bezogen, außerdem typisch amerikanisch, was ich ebenso wenig mag.
Die 46jährige geschiedene Protagonistin Eve Fletcher (s. Buchtitel) ...

Für mich persönlich ist das Buch zu sehr auf die Themen Sex und Liebe bezogen, außerdem typisch amerikanisch, was ich ebenso wenig mag.
Die 46jährige geschiedene Protagonistin Eve Fletcher (s. Buchtitel) versucht dem drohenden Empty-Nest-Syndrom nach dem Weggang ihres Sohnes aufs College gegenzusteuern, indem sie sich in ihrem Sexualleben neu ausprobiert. Sie probiert Tinder, Internet-Porno-Schauen, Liebe zu einer Arbeitskollegin und einem jungen früheren Mitschüler ihres Sohnes. Letzterer wiederum macht eine positive Entwicklung durch, nachdem er zunächst Frauen gegenüber herablassend eingestellt ist. So vielfältig die angesprochenen Themen auch sind: Feminismus, Vielfalt der Geschlechter, Behinderung – mich vermochte die Geschichte nicht wirklich zu erreichen.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 05.05.2020

Das furchtbare Schicksal eines Brüderpaares

Die wir liebten
0

Ländliche Provinz auf der einen Seite und auf der anderen Seite ein verdrängtes Thema aus der nationalsozialistischen Vergangenheit der Bundesrepublik – diese Gegensätzlichkeit macht das Packende an ...

Ländliche Provinz auf der einen Seite und auf der anderen Seite ein verdrängtes Thema aus der nationalsozialistischen Vergangenheit der Bundesrepublik – diese Gegensätzlichkeit macht das Packende an diesem Roman aus.
Die beiden Protagonisten der Geschichte sind Brüder und wachsen in den 1970er Jahren in einem Dorf bei Mönchengladbach in einem Dreigenerationenhaushalt auf. Ihr Leben gerät aus den Fugen, als der Vater wegen eines Liebesverhältnisses die Familie verlässt und sich die Mutter in den Alkohol flüchtet. Im Zusammenspiel mit einigen Dummejungenstreichen und unglücklichen Zufällen werden die Jungen durch gerichtliche Anordnung in der nahen Erziehungsanstalt Gnadenhof untergebracht, wo sie körperlich und seelisch durch Strafen erniedrigt werden ganz nach nationalsozialistischem Vorbild, dem die Anstalt mit früheren medizinischen Versuchen an Kindern entsprach.
Was war ich froh, dass es um die Erziehungsanstalt lediglich im letzten Drittel des Buches ging. Denn die diesbezüglichen Schilderungen sind harter Tobak. Hier hat sich der Autor an der tatsächlich existent gewesenen Kinderfachabteilung Waldniel-Hostert orientiert. Fassungslos macht, dass die Personen, die schon in der Zeit des Nationalsozialismus dort arbeiteten, noch immer aktiv sind. Man könnte meinen, die Zeit habe stillgestanden, obwohl es die Bundesrepublik doch schon mehr als ein Vierteljahrhundert gab. Sehr viel ruhiger geht es in den ersten beiden Dritteln zu. Wer wie ich die Kindheit/Jugend in den 1970er Jahren verbracht hat, wird an so Vieles aus der damaligen Zeit erinnert – Schlagermusik, Fernsehsendungen, Schwarzwälderkirschtorte, die erste Mondlandung, neu gebaute Hallenbäder. Das alles täuscht aber nicht darüber hinweg, dass die vermeintliche Idylle eine trügerische ist. Schon früh beginnt sich Dunkles im Leben der Brüder anzubahnen.
Dieses Buch wird einen so schnell nicht loslassen.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 02.05.2020

Nichts für Zartbesaitete

Das wirkliche Leben
0

„Wunderschön und gleichzeitig furchterregend hässlich“ – mit solch einer gegensätzlichen Beschreibung des Buchs warten bekannte Kritiker in ihren Bewertungen auf Buchrücken und -innenseiten auf. Doch ist ...

„Wunderschön und gleichzeitig furchterregend hässlich“ – mit solch einer gegensätzlichen Beschreibung des Buchs warten bekannte Kritiker in ihren Bewertungen auf Buchrücken und -innenseiten auf. Doch ist das überhaupt möglich angesichts der Thematik um einen sadistischen, gewalttätigen Familienvater? Meine Antwort lautet ja.
Für die namenlos bleibende Ich-Erzählerin und ihren kleinen Bruder gehört Gewalt zum häuslichen Alltag. Ihr Vater ist ein brutaler Sadist, der außer fernsehen und Whisky den Rausch der Jagd liebt. Auf seine Kosten kommt er meistens zu Hause zu Lasten seiner Ehefrau, die als unscheinbare Amöbe beschrieben wird und schon lange resigniert hat. Das Mädchen setzt alles daran, damit wenigstens der Bruder sein Lächeln zurückgewinnt, das er durch ein traumatisches Erlebnis außerhalb der Familie verloren hat.
Das Buch ist nichts für Zartbesaitete. Viele Passagen sind roh und unheimlich, seien es die Gewaltszenen zum Nachteil von Mensch und Tier oder die Beschreibungen der ausgestopften Jagdtrophäen im sog. Kadaverzimmer des Vaters. Doch genau so geht es ja leider viel zu oft im wirklichen Leben zu. Und das zu beschreiben ist der Autorin bestens gelungen. Genauso lobenswert ist, wie sie am Beispiel der jungen Erzählerin einen Hoffnung und Vorbild gebenden Ausweg aus der häuslichen Gewaltspirale aufzeigt. Das Mädchen will sich nämlich nicht in die Rolle der duldsamen Frau fügen und eignet sich wissbegierig naturwissenschaftliche Bildung an, was ihr erlauben soll, die häusliche Misere eines Tages zu verlassen.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere