Die unendlichen Weiten der Sprache
Franziska ist mal wieder an der Pest erkrankt, was aber nicht weiter schlimm ist, denn sie hat eine seltene Krankheit, bei der sie nur an den Symptomen leidet, aber nicht vom Virus selbst befallen ist.
So ...
Franziska ist mal wieder an der Pest erkrankt, was aber nicht weiter schlimm ist, denn sie hat eine seltene Krankheit, bei der sie nur an den Symptomen leidet, aber nicht vom Virus selbst befallen ist.
So beginnt Elias Hirschl sein Buch "Schleifen" und lässt uns den weiteren Lebensweg von Franziska Denk ab den 30er Jahren des vergangenen Jahrhunderts begleiten. Sie wächst recht isoliert auf, da sie sofort erkrankt, wenn sie Gesprächsfetzen hört, in denen über Krankheiten gesprochen wird. Ihre Hauptbeschäftigung ist das Lesen (natürlich nur von Literatur, in der nicht über Krankheiten geschrieben wird) und das Erlernen von Sprachen, denn ihr ist aufgefallen, dass Symptome weniger stark oder gar nicht auftreten, wenn sie in einer anderen Sprache davon erfährt.
Durch einen zufälligen Brief lernt sie ihren späteren Lebensgefährten Otto Mandl kennen, mit dem sie die Leidenschaft für Sprachen und die Entwicklung einer Universalsprache teilt. "Nebenbei" ist Otto noch Mathematiker.
Elias Hirschl schreibt aber nicht einfach nur über eine Liebesgeschichte zweier Hochbegabter, sondern jongliert in "Schleifen" mit Sprache und erzählt Geschichten in einer Geschichte, bis mir fast schwindlig wurde und ich erstaunt feststellen musste, dass er die verschiedenen Bälle virtuos in der Luft hält, auch wenn ich manchen Ball erst beim zweiten oder dritten Lesen eines Abschnitts wiedergefunden habe.
Es ist kein Buch, dass sich locker an einem Nachmittag lesen lässt, es ist eher ein Buch für diejenigen, die Freude an Sprache, Wortspielen und ausschweifenden Erzählungen auch über scheinbar Nebensächliches haben (manche Fußnote geht über Seiten) und es in Ordnung finden, Abschnitte mehrfach zu lesen. Es geht um Kafka, der Wiener Kreis, Philosophen, Forscher*innen (ob echt oder erfunden, ist nicht immer ganz klar) findet Erwähnung und Außerirdische spielen eine Rolle, genauso wie ein asiatischer Tofu-Verkäufer und eine Verkehrsinsel in Japan, auf der Menschen stranden.
Dieses Buch quillt über vor Erzählfreude und Fantasie und wenn du Lust auf ein ungewöhnliches Buch mit Tiefgang hast, das Hochgeistiges mit Trivialem kombiniert und durch Nebensächlichkeiten begeistert, ist das ein Buch für dich. Ich werde es wohl noch einige Male lesen, um es wirklich zu verstehen und den letzten Wortwitz und die wirklich beste Formulierung zu finden.