Profilbild von Re1998

Re1998

aktives Lesejury-Mitglied
offline

Re1998 ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit Re1998 über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 08.04.2026

Spannend, toxisch, fesselnd.

Ultramarin
0

Ein sehr fesselnder Roman über eine toxische Beziehung, die sich in ein Drama mit krassem Höhepunkt steigert. Sprachlich schafft es die Autorin sehr gut, Spannung aufzubauen, sodass man das Buch gerne ...

Ein sehr fesselnder Roman über eine toxische Beziehung, die sich in ein Drama mit krassem Höhepunkt steigert. Sprachlich schafft es die Autorin sehr gut, Spannung aufzubauen, sodass man das Buch gerne in einem Rutsch durchlesen würde. Etwas schwierig habe ich persönlich die vielen Zeitsprünge empfunden, die für mich etwas den Lesefluss gestört haben. Auch fand ich die Charaktere teilweise etwas oberflächlich ausgestaltet, sodass ich nicht immer deren Verhaltensweisen folgen konnte. Da hätte ich mir mehr Tiefe gewünscht, gerade weil die Charaktere so viel psychologisch spannende Themen bereitgehalten haben.
Dagegen fand ich die toxische Beziehungsdynamik zwischen den Protagonisten sehr gut ausgearbeitet: Manchmal war es richtig schwer auszuhalten und es gab einen Konflikt zwischen dem Bedürfnis "schnell weiterlesen zu wollen" und "das Buch erstmal für sehr lange auf Seite legen". Und auch die Wendung am Schluss kam für mich sehr gelungen.
Ich würde das Buch jeder*m empfehlen, die sich auf einen spannenden Read freuen, der als Abwechslung mal queere Beziehungen in den Fokus nimmt.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 30.03.2026

Die Lebensrealität von Frauen - Heute und Damals

Das Tränenhaus. Roman
0


Eine wirkliche Empfehlung und mein Lesehighlight bisher in diesem Jahr. Der neuaufgelegte Klassiker wird nicht nur seinem Ziel gerecht, die Frauen der Literaturgeschichte wieder mehr in den Fokus zu nehmen, ...


Eine wirkliche Empfehlung und mein Lesehighlight bisher in diesem Jahr. Der neuaufgelegte Klassiker wird nicht nur seinem Ziel gerecht, die Frauen der Literaturgeschichte wieder mehr in den Fokus zu nehmen, sondern zeigt in der Aktualität der Geschichte, dass sich die Realität von Frauen trotz der vergangenen Zeit nur scheinlich verbessert hat.
Mit einem faszinierenden Talent, Sprache so zu verwenden, dass die Geschichte zum Leben erwacht und farbenfrohe, lebendige Bilder entstehen, führt uns Gabriele Reuter in das Leben einer Frau, die nicht in die gesellschaftlichen Konventionen ihrer Zeit passt. In ihrer Geschichte liegt der klar formulierte und zwischen den Zeilen schmerzhaft greifbare Appell an die weibliche Solidarität. Zwar müssen Frauen heute -zumindest in meiner privilegierten Blase - keine Angst mehr haben, mit einem „unehelichen“ Kind gesellschaftlich geachtet zu werden und mittellos dazustehen, aber Gleichberechtigung der Geschlechter haben wir noch lange nicht erreicht. Frauen verdienen nach wie vor weniger als Männer und müssen auch heute noch oft das Recht auf finanzielle Unterstützung des Vaters einklagen. Wenn sie das „Glück“ haben, in einer partnerschaftlichen Beziehung zu sein, sind sie zwar finanziell abgesichert, aber nicht selten trotzdem in Gefahr: noch immer erlebt fast jede Vierte Frau in der Partnerschaft Gewalt und noch immer leben wir in einem System, dass den Täterschutz mehr priorisiert als die Opfer.
In diesem Sinne bleibt auch heute der Appell von Gabriele Reuter bestehen: Dass sich das Schicksal der Frau nicht ändern wird, „solange Mädchen leben und lieben - solange Männer Männer bleiben“ (S. 112). Auf, dass sich Frauen nicht länger „gegenseitig hassen, verachten und verfolgen“ (S. 116), sondern sich zusammenschweißen.
Eine Empfehlung also für Alle, die die Situation von Frauen ebenfalls noch ungerecht finden und dazu einen ausgezeichnet geschriebenen Roman lesen wollen.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 11.03.2026

Über Freundschaften und das Frau-Werden

Zum ersten Mal
0

Tolles Buch! Ich kannte den Podcast vorher nicht und bin nur über Vorablesen auf dieses Buch gestoßen – und war positiv überrascht. Obwohl die beiden selbst sagen, dass es eine Geschichte ist, die auch ...

Tolles Buch! Ich kannte den Podcast vorher nicht und bin nur über Vorablesen auf dieses Buch gestoßen – und war positiv überrascht. Obwohl die beiden selbst sagen, dass es eine Geschichte ist, die auch viele andere hätten aufschreiben können, liegt vielleicht genau darin der Charme, die Ehrlichkeit und die Wucht dieses Buches.
Der Prozess des Erwachsenwerdens ist für viele nicht leicht. Gerade die Themen, mit denen Frauen in dieser Zeit konfrontiert sind, machen ihn oft noch komplizierter. Im Buch geht es um die erste Blutung, um Scham, um sexuelle Gewalt, um Männer und darum, wie viele Irrwege es auf diesem Weg geben kann – und wie vieles davon leichter wird, wenn man es teilt. Ein Appell, das Schweigen und das Stigma zu brechen, damit die (kollektive) Scham kleiner und kleiner wird.
Es ist ein Buch, das Frauen in den Fokus nimmt und ihre Realität abbildet. Vor allem macht es eines sehr deutlich: wie wichtig Freundschaften sind. Wie sehr uns andere Frauen tragen können und wie viel Empathie, Wertschätzung und Zuneigung in diesen Verbindungen liegt.
Mich hat das Buch von der ersten Seite an berührt. Es war sehr angenehm zu lesen – ein bisschen so, als würden die beiden neben einem bei einem Aperol Spritz sitzen und ihre Geschichten erzählen. Und an manchen Stellen gab es auch ein wenig Heilung. Heilung, weil es so vielen anderen auch so geht oder ging – und weil man es trotzdem irgendwie schafft.
Danke an euch beide, dass ihr diese so persönlichen Geschichten teilt. Ihr habt auf jeden Fall eine neue Leserin (und vielleicht auch Podcast-Hörerin) dazugewonnen.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 09.03.2026

Unerwartet unbefriedigend und gleichzeitig sehr reflektiv.

Ich, die ich Männer nicht kannte
0

Ich, die ich Männer nicht kannte ist nicht nur eine Reise auf einen anderen Planeten und in eine andere Zeit, sondern vor allem eine Reise zu den grundlegenden Fragen, die in uns allen schlummern: Was ...

Ich, die ich Männer nicht kannte ist nicht nur eine Reise auf einen anderen Planeten und in eine andere Zeit, sondern vor allem eine Reise zu den grundlegenden Fragen, die in uns allen schlummern: Was bedeutet es eigentlich, Mensch zu sein?

Durch die Augen der Protagonistin entdecken wir eine Welt, in der zwar alles vorhanden ist, was man zum Überleben braucht – Luft zum Atmen, Essen und ein Dach über dem Kopf – und doch das Wesentliche fehlt: Verbundenheit. Die Erzählerin wächst mit 39 anderen Frauen in Gefangenschaft auf, ohne Eltern, ohne Privatsphäre und ohne jede Form von körperlicher Nähe. Berührungen sind verboten, Zuneigung ebenso. Gleichzeitig sind die Frauen auch aller Errungenschaften unserer Zeit beraubt – Bildung, Kultur, angemessene Kleidung.

Selbst nachdem die Protagonistin der Gefangenschaft entkommt, fühlt sich das nicht wie eine erkämpfte Freiheit an. Vielmehr ist es ein weiteres Anpassen an eine neue, fremde Realität. Besonders berührend fand ich, dass sie erst sehr spät erkennt, dass selbst sie – die ohne Bindung, Zuneigung und Nähe aufgewachsen ist – doch fähig war zu fühlen:

“I was forced to acknowledge too late, much too late, that I too had loved, that I was capable of suffering, and that I was human after all.”

Und vielleicht liegt genau darin die Antwort auf die zentrale Frage des Buches: Mensch sein heißt fühlen zu können. Freude ebenso wie Leid – und darin mit anderen verbunden zu sein.

Der Schreibstil hat mir sehr gut gefallen: klar, ruhig und gleichzeitig unglaublich eindringlich. Auch der Spannungsbogen bleibt über das ganze Buch hinweg bemerkenswert stark, obwohl die Geschichte eher von Gedanken und Beobachtungen lebt als von klassischer Handlung.

Viele Fragen bleiben am Ende offen – warum das alles passiert ist, wo diese Welt liegt, was mit der Menschheit geschehen ist. Das kann frustrierend sein, und auch ich hätte mir an manchen Stellen mehr Antworten gewünscht. Gleichzeitig ist genau dieses offene Ende vielleicht der stärkste Kniff des Romans: Denn so wie die Protagonistin müssen auch wir akzeptieren, dass wir nicht immer Antworten bekommen. Oft leben – und sterben – wir, ohne alle Fragen klären zu können.

Mich hat das Buch jedenfalls tief berührt und noch lange nach dem Lesen beschäftigt.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 26.02.2026

Eine denkwürdige Reise durch die Welt der Sprache und Mathematik

Schleifen
0

Zu Beginn wusste ich nicht, was ich von diesem Roman halten sollte, und selbst nach der letzten Seite blieb die Frage: Ist das wahnsinnig intelligent oder einfach nur wahnsinnig? Am Ende habe ich beschlossen, ...

Zu Beginn wusste ich nicht, was ich von diesem Roman halten sollte, und selbst nach der letzten Seite blieb die Frage: Ist das wahnsinnig intelligent oder einfach nur wahnsinnig? Am Ende habe ich beschlossen, dass es wohl beides ist – und genau darin liegt seine Stärke.

Sprachlich ist Schleifen ein faszinierendes Experiment. Hirschl macht Sprache nicht nur zum Thema, sondern zum strukturellen Prinzip des Romans. Sie ist hier kein neutrales Transportmittel von Bedeutung, sondern eine Kraft mit realen Konsequenzen. Franziskas Krankheit – die Fähigkeit, Symptome zu übernehmen, von denen sie liest oder hört – wirkt zunächst wie eine bizarre Idee, verliert jedoch schnell ihre rein medizinische Dimension. Sie wird zum literarischen Beweisstück dafür, dass Sprache Wirklichkeit erzeugt.

Je weiter die Handlung voranschreitet, desto deutlicher verschiebt sich der Fokus: Es geht nicht mehr um Krankheit im engeren Sinn, sondern um die Macht der Begriffe, um Diskurse, um Konstruktion. Sprache infiziert, strukturiert, verformt. Und genau hier entfaltet der Roman seine verstörende Aktualität. In Zeiten von Fake News, algorithmischer Echokammern und polarisierenden Wahlkämpfen liest sich dieses Buch wie ein intellektueller Stresstest: Was ist Fakt, was ist Behauptung, was ist bloße rhetorische Simulation von Wahrheit?

Immer wieder musste ich beim Lesen austarieren, ob der Text mich bewusst in die Irre führt oder ob er mir einen philosophischen Kern präsentiert. Diese Ambiguität ist kein Nebeneffekt, sondern spielt sich auf mehreren Ebenen ab: erzählerisch, essayistisch, meta-reflexiv. Er spielt mit wissenschaftlichen Anmutungen, mathematischen Exkursen und sprachphilosophischen Gedankengängen, ohne je ganz preiszugeben, ob wir uns noch im Feld der Erkenntnis oder bereits im Reich der Konstruktion befinden.

Gerade diese Doppelbewegung – zwischen intelligenten Gedankenausflügen und absurder Überzeichnung – macht das Leseerlebnis so intensiv. Das Buch ist unterhaltsam und anstrengend zugleich. Es ist witzig, teilweise urkomisch in seinen sprachlichen Volten, und gleichzeitig erschreckend präzise in seiner Analyse diskursiver Mechanismen. Man liest nicht einfach eine Geschichte, sondern bewegt sich durch gedankliche Schleifen, die das eigene Denken spiegeln und infrage stellen.

Für mich ist Schleifen ein Roman, wie ich ihn bislang nicht gelesen habe. Intelligent und absurd, fordernd und faszinierend. Er richtet sich an Alle die bereit sind, sich auf eine Metaebene einzulassen – auf ein Nachdenken über Sprache selbst, über ihre Macht und ihre Gefährlichkeit.

Am Ende bleibt ein Gedanke, der lange nachhallt: Vielleicht sind selbst die vermeintlichen Grundmauern unserer Gedankenwelt keine festen Strukturen, sondern bewegliche Konstruktionen. Vielleicht ist selbst Mathematik nicht der letzte sichere Hafen, sondern ebenfalls ein philosophisch aufgeladener, mitunter prekärer Raum. Und vielleicht wissen wir tatsächlich weniger, als wir glauben – und erzählen uns die Welt nur so, wie sie uns gerade passt.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere