Überleben, das unter die Haut geht
Manchmal liegt ein Buch vor einem, das nicht laut sein muss, um alles zu sagen. Überleben von Alma Hirschel gehört genau in diese Kategorie – leise, roh, fast tastend erzählt, und gerade deshalb so erschütternd ...
Manchmal liegt ein Buch vor einem, das nicht laut sein muss, um alles zu sagen. Überleben von Alma Hirschel gehört genau in diese Kategorie – leise, roh, fast tastend erzählt, und gerade deshalb so erschütternd nah. Keine große literarische Pose, kein geschliffenes Erinnerungsnarrativ, sondern Worte, die wirken, als müssten sie sich ihren Weg erst durch Schmerz und Erinnerung freikämpfen. Beim Lesen sitzt man nicht bequem daneben, sondern steht mittendrin in Wien 1938, in den Lagern, im Todesmarsch, in dieser unfassbaren Mischung aus Angst, Hoffnung und purem Weitergehen.
Besonders berührend ist die Perspektive der Mutter. Viel wurde über Ruth Klügers Blick geschrieben, doch hier öffnet sich ein neuer Raum – ein anderer Ton, weniger analytisch, dafür unmittelbarer, fast wie ein innerer Monolog, der Jahrzehnte zu spät auf Papier gefunden hat. Genau das macht den Text so wertvoll. Dokument und Literatur zugleich, unfertig wirkend und doch voller Wahrheit. Mehrmals kurz innegehalten, nicht weil es schwer verständlich wäre, sondern weil es emotional nachhallt.
Trotz der Schwere steckt darin auch etwas zutiefst Menschliches: der Wille zu überleben, das Festhalten an Beziehung, ein leiser Trotz gegen das Vergessen. Kein Buch, das man „gern“ liest – aber eines, das man gelesen haben sollte. Und eines, das noch lange still im Kopf weiterarbeitet, während der Kaffee längst kalt geworden ist.