Rekonstruktion schriftstellerischer Anfänge
Wie aus Clemens J. Setz Clemens J. Setz wurde.
Es begann kurz vor seinem achtzehnten Geburtstag. Er wollte unbedingt gelesen werden.
In fremden Köpfen als vorübergehend von Nichts getrenntes Hologramm ...
Wie aus Clemens J. Setz Clemens J. Setz wurde.
Es begann kurz vor seinem achtzehnten Geburtstag. Er wollte unbedingt gelesen werden.
In fremden Köpfen als vorübergehend von Nichts getrenntes Hologramm weiterexistieren dürfen. S. 7
Und so zeichnete er sein gesamtes Erleben auf, in E-Mails, Notizbüchern, Ringmappen. Seinen Zivildienst leistete er im Landeskrankenhaus. Er durchlief verschiedene Einrichtungen, in denen ihm ganz unterschiedliche Menschen begegneten.
Ein blinder Junge aus der Musik-Frühförderklasse mastrubierte unaufhörlich. Jeder Versuch, ihn davon abzubringen, scheiterte. Während er sich abmühte, liefen ihm Tränen übers Gesicht. Die meisten nicht sprechenden Bewohner knirschen mit den Zähnen. Reiben ihre Zähne aufeinander gegen die Sprachlosigkeit. Ein Kind warf mit seiner Scheiße, wenn es aufgeregt war und Clemens beschleunigte seine Reaktionen. Als eines der Kinder starb, bat er um die Versetzung auf eine andere Station.
Ein spät erblindeter Bewohner, schon alt, seit kurzem im Heim, hat sich nachts aus dem Fenster gestürzt und ist verstorben. Alle sind schockiert.
Im Altenheim blickt man von den Flurfenstern aus auf den Friedhof.
Clemens Vater war wieder verschwunden. Er hat wohl ein finsteres Geheimnis und musste untertauchen. Wen interessiert sein scheiß Geheimnis. Die Mutter interessierts.
Clemens lungert oft ums Berufsschulinternat, um J. zu treffen. Sie war in der Pause nicht zu sehen. Er erfährt, dass sie geschlossen untergebracht wurde. Pulsadern. Sein Vater verbietet ihm, J. nochmal in die Wohnung zu lassen. „Dass du dich zu solche Leut überhaupt in die Nähe traust!“
Die schwerbehinderte Camilla ist gestorben. Keiner weiß, warum.
Der Vater brüllt besoffen: „Menschen gibts kane. Niemand existiert mehr! Ihr aa nit!“ Der Sohn nimmt Beruhigungsmittel.
Fazit: Clemens J. Setz, vielfach ausgezeichneter österreichischer Autor hat seine persönlichen Aufzeichnungen aus den Jahren 2000-2010 veröffentlicht. Anhand diverser Notizen gelang ihm die Rekonstruktion seiner schriftstellerischen Anfänge. Mit achtzehn Jahren begann er seinen Zivildienst und sammelte eindrucksvolle Erfahrungen im Umgang mit körperlich und geistig behinderten Menschen. Die Trinksucht seines Vaters setzte ihm zu. Während seines Studiums erschwerte die Beziehung zu einer psychisch kranken, suizidalen Lebensgefährtin seinen Alltag. In rudimentären, teils unzusammenhängenden Einträgen puzzelt der Autor ein Jahrzehnt seines Erlebens zusammen. Ich muss gestehen, dass dieses Memoir meine erste Erfahrung mit Clemens J. Setz ist und würde einem Leser, der sich dem Autor annähern möchte, sicher ein anderes Buch empfehlen. Und da gibt es einige zum Beispiel „Monde vor der Landung“ (Österreichischer Buchpreis 2023) Für alle, die den Autor bereits kennengelernt haben, dürften seine Anfänge erhellende Hintergrundinformationen bereithalten.