Ehrlich, schmerzhaft und erschreckend nah an der Realität
Dieses Buch hat mich wirklich überrascht – und vor allem abgeholt. Ich habe es anfangs einfach „mal angefangen“ und war dann ziemlich schnell komplett drin. Es ist eines dieser Bücher, bei denen man ständig ...
Dieses Buch hat mich wirklich überrascht – und vor allem abgeholt. Ich habe es anfangs einfach „mal angefangen“ und war dann ziemlich schnell komplett drin. Es ist eines dieser Bücher, bei denen man ständig denkt: Ja, genau so ist es. Man erkennt Situationen wieder, Gedanken, Verhaltensweisen – manchmal zum Schmunzeln, oft aber auch mit einem kleinen Stich.
Besonders stark fand ich, wie authentisch die Welt des Datings dargestellt wird. Egal ob über Plattformen, die mit perfekten Algorithmen werben, oder diese direkte, schnelle Art des Kennenlernens – alles fühlt sich sehr nah an der Realität an. Dieses ständige Wiederholen von Gesprächen, das vorsichtige Hoffen, das schnelle Enttäuschtwerden… und irgendwann dieses Gefühl von Erschöpfung. „Dating-Burnout“ hätte ich vorher vielleicht belächelt, aber hier trifft es einfach genau den Punkt.
Sophias Weg durch diese Erfahrungen fand ich unglaublich gut beschrieben. Man spürt ihre Hoffnung, ihr Zögern, ihr Sich-Einlassen – und dann auch wieder diese Enttäuschung, die einen beim Lesen wirklich trifft. Gerade die Entwicklung mit Thiento hat mich emotional richtig erwischt. Dieses Gefühl, dass da jemand vielleicht anders ist… und dann passiert genau das, was man eigentlich nicht mehr erleben wollte. Dieses kommentarlos Verschwinden, dieses Nicht-Erklären – ich glaube, viele kennen genau dieses Gefühl. Und es wurde hier so greifbar beschrieben, dass es fast weh getan hat.
Gleichzeitig mochte ich sehr, dass die Figuren nicht einfach in „gut“ oder „schlecht“ eingeteilt werden. Auch Thiento bleibt trotz allem irgendwie greifbar, menschlich – und genau das macht es so realistisch. Menschen handeln nicht immer logisch oder fair, und genau das zeigt das Buch sehr gut.
Auch die Verknüpfungen zwischen den Figuren, zum Beispiel mit Gael, haben für mich absolut funktioniert. Erst wirkt es vielleicht wie ein Zufall, aber eigentlich zeigt es nur, wie klein diese Welt manchmal ist – und wie sehr sich Dinge überschneiden.
Besonders positiv fand ich, dass die Geschichte kein klassisches Happy End erzwingt. Es wäre vielleicht schön gewesen, aber es hätte sich nicht richtig angefühlt. So bleibt das Buch ehrlich – und genau das macht es für mich so stark.
Der Schreibstil ist dabei angenehm direkt, sehr nah am Alltag und ohne große Umwege. Genau das passt perfekt zur Thematik und macht es leicht, sich in die Situationen hineinzuversetzen.
Für mich ist das ein Buch, das unterhält, aber gleichzeitig auch ziemlich ehrlich den Finger in die Wunde legt. Es zeigt, wie kompliziert Nähe geworden ist, wie schnell Menschen austauschbar wirken – und wie groß trotzdem die Sehnsucht nach echter Verbindung bleibt.
Ein Buch, das hängen bleibt. Und eines, bei dem man sich an mehr Stellen wiedererkennt, als einem vielleicht lieb ist.