Ein Buch, das lange nachhallt
Sie war erst zwei Jahre alt, als sie eine Nummer auf den Arm tätowiert bekam. Nur durch unglaubliches Glück überlebte sie Auschwitz. Gemeinsam mit ihrer Mutter, die mit der kleinen Schwester schwanger ...
Sie war erst zwei Jahre alt, als sie eine Nummer auf den Arm tätowiert bekam. Nur durch unglaubliches Glück überlebte sie Auschwitz. Gemeinsam mit ihrer Mutter, die mit der kleinen Schwester schwanger war. Die Nazis sprengten nämlich alle Gasöfen, weil sie den Rettern keine Spuren ihrer Gräueltaten hinterlassen wollten. Das geschah kurz vor der Ankunft Eva Umlaufs. Niemand kann nachvollziehen, mit welchen Erinnerungen diese Frau seitdem lebt. Was mag in ihr vorgehen wenn sie sieht, dass erneut eine rechtsextreme Partei im Deutschen Bundestag sitzt.
In einem Punkt muss ich der Autorin des Buches "Genau so fängt es an" widersprechen. Nein, leider ist diese zeit nicht seit 80 Jahren Unterrichtsstoff. Die Aufarbeitung fand erst später statt und ich bin überzeugt davon, dass es in Deutschland keine adäquate Entnazifizierung gab. Welche Gelegenheiten ließen die Lehrpläne aus? Warum wurde erst Jahre später das „Dritte Reich“ in den Schulen thematisiert? Bei uns endete der Geschichtsunterricht kurz vor dem Ausbruch des ersten Weltkriegs. Zufall? Ich denke nicht.
Frau Umlauf zeigt ihn ihrem Buch auf, wo die Wurzeln des Antisemitismus liegen. Bereits im römischen Reich wurden Juden verfolgt und getötet. Warum hält diese Unart bis heute an? Warum wird ihr Leid bis heute verharmlost? Selbst von Menschen, die sie kennt und schätzt gibt es nur Klagen über ihr Los. Sie wurden aus ihrer Heimat vertrieben und das war schlimm. Aber mal ehrlich, wo lag denn die Ursache der Vertreibung? Mit Sicherheit nicht bei den Juden. Wer jubelte denn dem Führer so richtig enthusiastisch zu?
Ein Zitat des F.J. Strauß darf in dieser Rezension nicht fehlen. Im Jahr 1987, also kurz vor seinem Tod, sagte er: „Rechst neben der CDU/CSU darf es keine demokratisch legitimierte Partei geben“. Bis heute denkt Frau Umlauf mit Schrecken und Abscheu an den 29. Januar 2025 zurück. Was Herr Merz damals veranstaltete, werde auch ich niemals vergessen. Gemeinsam mit der AfD brachte er einen Antrag ins Rollen, der Zurückweisungen und konsequente Abschiebungen von Hilfesuchenden legitimierte. Und dieser Mann wurde später Kanzler der BRD.
Noch ein Gedanke aus dem Buch beschäftigt mich. Das ist die Frage, warum nicht zwischen Regierung und der Bevölkerung Israels unterschieden wird. So viele Menschen gehen dort auf die Straße und protestieren gegen Netanjahu und seine Koalitionspartner. Juden, die in der Diaspora also in Deutschland leben, werden angegriffen? Warum?
Welch ein berührendes Buch. Bemerkenswert auch, dass Frau Umlauf am 29.Januar 2025 einen Brandbrief an Herrn Merz schrieb. Darin formulierte sie ihre Sorge um den Rechtsdruck im Parlament. Leider hatte Herr Merz keine Zeit, diesen Brief zu beantworten. Wurde er für seinen Wahlkampf über die Maßen beansprucht?