Eine seichte Pseudo-Gay Romance, eine sehr moderne Ausdrucksweise für einen Historical, kein Tiefgang und austauschbare Charaktere haben es mir sehr schwer gemacht, das Buch überhaupt beenden zu wollen
Vicky Millhouse ist tief gefallen. Sehr tief! Nachdem sie sich ihrem Verlobten vor der Hochzeit hingab und ihr Vater sein gesamtes Vermögen bereits vor der Eheschließung an Vickys Zukünftigen überschrieb, ...
Vicky Millhouse ist tief gefallen. Sehr tief! Nachdem sie sich ihrem Verlobten vor der Hochzeit hingab und ihr Vater sein gesamtes Vermögen bereits vor der Eheschließung an Vickys Zukünftigen überschrieb, machte sie den Fehler, auch ihre Jungfräulichkeit vor der Ehe an ihren Mann in spe zu verschenken. Doch dieser dankte es ihr, in dem er sie danach des Betrugs bezichtigte und behauptete, sie wäre bereits als gefallene Frau in sein Bett gekommen. Vicky wurde von der Gesellschaft ausgestoßen und lebt nun mehr schlecht als recht in einem der ärmlicheren Viertel von London und prostituiert sich in dem Edel-Bordell „Blue Velvet“.
Eines Nachts bricht dort ein Feuer aus und Vicky kann nur mit knapper Not dem Brand entkommen. Während sie versucht zu fliehen, trifft sie auf Julian St. John, den jüngeren Bruder eines ihrer Kunden. Julian befindet sich auf der Suche nach einem Mörder, der seinen Freund und Vertrauten Ewan ermordete. Sein Tod traf Julian besonders hart, da beide für eine gewisse Weile auch in Leidenschaft füreinander entbrannt waren.
Nun will Julian herausfinden, wer nacheinander; den es geschehen weitere Morde, Edelmänner mit homosexuellen Neigungen und Bezug zum „Blue Velvet“ tötet und vor allem welchen Zusammenhang es zwischen den Morden, der Brandstiftung und dem Unbekannten gibt, der auch Vicky, ihrer Freundin und einem Stricherjungen aus dem Bordell scheinbar nach dem Leben trachtet.
Hilfe bekommt Julian von seinem Jugendgefährten Anthony, der Arzt geworden ist und Julians Bruder William, der ein Faible für Vicky hat. Doch trotz der fieberhaften Suche nach dem Täter, bleibt noch genug Zeit für William und Vicky und Julian und Anthony, um die große Liebe zu finden…
Meine Einschätzung:
Im Zuge unserer „Trends im Test“ Aktion auf HEB, bekam ich zum Thema „Gay-Romances“ Florine Roths „Gefährliche Liebe“ zum Lesen und Rezensieren angeboten. Da das Buch einen historischen Hintergrund besitzt, war ich zunächst sehr gespannt auf die Gay-Historical-Romance, denn das Cover auf dem zwei Männer abgebildet sind, suggeriert dem Leser eigentlich ein, dass es sich bei dem Buch um einen Roman handelt, in dem das Heldenpaar rein männlich ist.
Umso überraschter war ich dann, als sich der angebliche Gay-Historical als etwas völlig anderes entpuppte. Sicherlich, Julian und Anthony verlieben sich ineinander, doch die Liebesszenen sind nicht der Rede wert, wirken völlig lieblos und beinahe klinisch geschrieben und werden in zwei, drei Sätzen abgehandelt. Liebe und Romantik bleiben dabei völlig auf der Strecke!
Auch die langsame Annäherung zwischen Julian und Anthony ist so gar nicht nachzuvollziehen für zwei Männer, die im Laufe ihres Lebens schon reichlich sexuelle Erfahrungen sammeln durften. Wenn diese langsame Annäherung dann zumindest tiefsinnige Gespräche beinhaltet hätte, wäre meine Kritik vielleicht weniger harsch, doch die Gespräche der beiden beziehen sich zum Großteil auf witzlose sexuelle Anspielungen, auf die lange Zeit keine Taten folgen und der Suche nach dem Mörder und Brandstifter.
Im Fokus des Romans stehen dagegen die Hure Vicky und Julians Bruder, der Earl. Es ist von Beginn an klar, dass beide sich eigentlich lieben; warum kann man jedoch zu keinem Zeitpunkt nachvollziehen, da sich ihre Begegnungen rein auf sexueller Ebene abspielen und dem Paar auch gar keine Zeit bleibt, mehr über den jeweils anderen herauszufinden, da der Kriminalplot dem Zwischenmenschlichen gar keine Zeit zur Entfaltung bietet.
Die Erklärungen, die die Autorin dann dem Leser anbietet um ihrem Heldenpaar doch noch ein Happy End gönnen zu können, sind dann auch sehr, sehr dünn und eigentlich haarsträubend unglaubwürdig zu nennen. Eine gefallene Frau, die noch nicht einmal einen adligen Hintergrund besitzt, wäre wohl im wahren Leben niemals die Frau eines Mannes des Hochadels geworden.
Zumindest die Liebesszenen zwischen Vicky und dem Earl sind dann auch etwas ausführlicher beschrieben als bei Julian und Anthony, was dem Leser in aller Deutlichkeit bewusst wird und so könnte ich mir sehr gut vorstellen, dass sich Leser, die lediglich eine Gay Romance lesen wollten, in dieser Hinsicht leicht verschaukelt fühlen könnten.
Selbst der Schreibstil der Autorin hat mir nur bedingt zugesagt. Der Roman ist angefüllt mit sehr modernen Ausdrücken, die kaum historisches Flair zulassen und auch die Ausdrucksweise der Akteure in dieser Geschichte war mir zu keinem Zeitpunkt geschliffen genug für einen Roman der in der Regencyepoche, oder in der viktorianischen Ära spielen soll. (Keine Zeitangabe; lediglich eine Vermutung meinerseits)
Wenn zumindest die Charakterisierung der Paare und Nebenfiguren einigermaßen gepasst hätte, aber leider war dieser Punkt ebenfalls enttäuschend für mich. Alle Haupt und Nebenfiguren wirken sehr klischeehaft gezeichnet, keine der Figuren konnte mich in irgendeiner Hinsicht für sich einnehmen und Julians Art seinen Frust an seinem Bediensteten abzulassen (Schläge o.ä) hat mich ehrlich gesagt abgestoßen.
Die Idee der Autorin Julians Homosexualität als Grund für einen brüderlichen Konflikt einzubringen, war zwar gut, doch die Umsetzung des Ganzen hat mich lediglich den Kopf schütteln lassen ob der Oberflächlichkeit.
Es reicht bei weitem nicht aus, wenn William, Julian lediglich seinen Segen zur Liebesbeziehung mit Anthony gibt, weil Vicky ihm zuvor gedroht hat, dass sie William ansonsten verlassen würde. Williams Einsicht und auch seine Gefühle diesbezüglich und auch Julians Gefühle in diesem sehr wichtigen Moment seines Outings fehlen hier völlig.
Zuletzt noch ein Wort zum Ausgang des Romans. Die Enttarnung des Mörders bleibt zum Schluss dann lediglich für die Romanfiguren eine Überraschung. Als Leser ahnte man leider schon fast von Beginn an, wer der Bösewicht ist und so entpuppte sich auch der Kriminalplot als völlig vorhersehbar und uninteressant.
So leid es mir für die Autorin auch tut, die sicherlich sehr viel Herzblut beim Schreiben in ihren Roman gesteckt hat, aber für mich als Leser war „Gefährliche Liebe“ leider in jeder Hinsicht eine große Enttäuschung.
Fazit: Eine seichte Pseudo-Gay Romance, eine sehr moderne Ausdrucksweise für einen Historical, kein Tiefgang und austauschbare Charaktere haben es mir sehr schwer gemacht, das Buch überhaupt beenden zu wollen.