Sympathisch, interessant, ehrlich
Mit "Unerwartet - Mein Leben" habe ich mich auf eine Autobiografie eingelassen, ohne erklärter Fan von Howard Carpendale zu sein. Einige seiner Lieder kennt man zwangsläufig, doch ausschlaggebend für meine ...
Mit "Unerwartet - Mein Leben" habe ich mich auf eine Autobiografie eingelassen, ohne erklärter Fan von Howard Carpendale zu sein. Einige seiner Lieder kennt man zwangsläufig, doch ausschlaggebend für meine Lektüre war vor allem meine wachsende Begeisterung für Non-Fiction (insbesondere Biografien) sowie meine Liebe zur Musik an sich. Entsprechend offen und neugierig bin ich an dieses Buch herangegangen.
Inhaltlich bietet die Autobiografie vieles, was ich als sehr gelungen und interessant empfunden habe. Besonders die Schilderungen seiner Kindheit in Südafrika und seiner Jugend in England haben mich gleichermaßen berührt wie beeindruckt. Die Erfahrungen im Schatten der Apartheid, die frühen Prägungen, aber auch der Weg in ein neues Leben und schließlich zum beruflichen Erfolg werden eindrucksvoll erzählt. Gerade diese Passagen haben Tiefe, historische Relevanz und persönliche Ehrlichkeit. Auch Einblicke in sein Privatleben, seine Beziehungen, seine Fehler und Zweifel wirken offen und stellenweise selbstkritisch - etwa, wenn er seinen eigenen Pragmatismus oder schmerzhafte Fehlentscheidungen nicht beschönigt.
Sehr positiv hervorheben möchte ich zudem die zahlreichen Fotografien (sowohl in Farbe als auch in Schwarz-Weiß). Sie verleihen dem Buch eine zusätzliche emotionale Ebene und machen die Lebensstationen greifbarer. Auch die Widmung hat mich enorm angesprochen: ruhig, nachdenklich und dem Wunsch nach Frieden:
"Ich widme dieses Buch keinem einzelnen Menschen, ich widme es dem Frieden, der Vernunft. Möge diese Welt wieder vernünftig und friedlich werden."
Was mich jedoch zunehmend irritiert hat und schlichtweg nicht meins war, ist der mitunter stark politische Ton des Buches. Die wiederkehrenden politischen Einordnungen (Anti-Trump-Passagen etc.) empfand ich als sehr dominant, stellenweise belehrend und moralisch aufgeladen. Hier hatte ich oft das Gefühl, dass diese Einschübe mehr Raum einnehmen, als es der autobiografischen Erzählung guttut. Persönliche Haltung ist legitim und wichtig, doch in dieser Häufung wirkte sie auf mich eher ermüdend als bereichernd.
Auch einzelne Episoden - speziell die ausführliche Schilderung seiner Erlebnisse rund um den 11. September - empfand ich als unglücklich platziert und teilweise effektheischend. Natürlich darf und soll dieses Ereignis erwähnt werden, wenn es Teil der eigenen Lebensgeschichte ist. In der konkreten Darstellung hatte ich jedoch den Eindruck, dass weniger mehr gewesen wäre und dass diese Passagen der Gesamtwirkung des Buches keinen wirklichen Mehrwert verleihen.
So bleibt für mich ein ambivalenter Eindruck zurück: "Unerwartet" ist sehr stark, bewegend und lesenswert - insbesondere dort, wo Howard Carpendale von Herkunft, Verlust, Liebe, Fehlern und seinem Werdegang erzählt. Gleichzeitig steht sich das Buch durch seinen politischen Anteil stellenweise selbst im Weg.
𝗙𝗮𝘇𝗶𝘁:
Insgesamt eine interessante, gut ausgestattete Autobiografie mit vielen gelungenen Momenten, die mich inhaltlich durchaus abgeholt hat, mich emotional aber nicht durchgängig überzeugen konnte. Für mich daher eine solide, ehrliche Lektüre mit Licht und Schatten.