Wir sind nicht alle, würden aber gerne über alle bestimmen
Über diesen merkwürdigen Text kann man auch lachen, aber vermutlich werden es nur wenige Menschen tatsächlich tun. Es ist ein wenig mühsam, die innere Komik des Buches zu verstehen. Irgendwie haben die ...
Über diesen merkwürdigen Text kann man auch lachen, aber vermutlich werden es nur wenige Menschen tatsächlich tun. Es ist ein wenig mühsam, die innere Komik des Buches zu verstehen. Irgendwie haben die Autoren zwar verstanden, dass der Westen in der Welt nicht mehr agieren kann, wie er es gerne möchte, denn dazu sind viele Länder des sogenannten Globalen Südens inzwischen zu mächtig geworden. Allen voran China.
Auf der anderen Seite folgen sie aber, ohne dass sie es wirklich merken, der traditionellen Linie des Westens: Wir sagen euch, was ihr gefälligst zu tun habt. Dieses dümmliche Überlegenheitsgefühl, das in einem inzwischen offensichtlichen Kontrast zur Realität steht, können sie einfach nicht ablegen. Das äußert sich zum Beispiel darin, dass sie lange diskutieren, wie man mit „autokratischen Regimen“ umgehen sollte. Das betrifft dann vor allem China und Russland. In einer multipolaren Welt anderen vorzuschreiben, wie sie sich organisieren oder wie sie „das Klima retten“ sollten, ist nichts weiter als ein Ausdruck kolonialen Denkens. Die meisten Staaten des Globalen Südens besitzen eine koloniale Vergangenheit und dürften deshalb darauf empfindlich reagieren.
Immerhin aber erkennen beide Autoren, dass der Westen ständig Doppelstandards anwendet, einen für sich und einen für den Rest der Welt. Auch solche Begriffe wie zum Beispiel „regelbasierte Ordnung“, die auch die Autoren benutzen sind ein Ausdruck dieses Denkschemas. Denn eigentlich ist das Völkerrecht die geltende Regel. Da braucht es keine zweite „regelbasierte Ordnung“, von der man nicht weiß, um welche Regeln es eigentlich geht und wer sie festlegt. Oder man weiß es doch: Es ist der Westen, der die Regeln vorgibt. Es sind seine Regeln, die er ausschließlich zu seinem Vorteil nutzt.
Kurz gesagt: Das ist eigentlich ein sehr lehrreiches Buch, in dem die Autoren zwar die Wirklichkeit der westlichen Doppelmoral ganz gut beschreiben, aber selbst nicht merken, wie auch sie ihr folgen.