Coming of Age als globales Symbol
Mit dem Titel ihrer Autobiographie "Finding my way" hat Malala Yousafzai den Ton bereits vorgegeben: Wie kann eine junge Frau ihre Persönlichkeit entwickeln, wenn sie bereits als Kind ihr Lebensziel gefunden ...
Mit dem Titel ihrer Autobiographie "Finding my way" hat Malala Yousafzai den Ton bereits vorgegeben: Wie kann eine junge Frau ihre Persönlichkeit entwickeln, wenn sie bereits als Kind ihr Lebensziel gefunden hat, als Teenager die jüngste Friedensnobelpreisträgerin aller Zeiten und globales Symbol für den Kampf von Mädchenbildung geworden ist? Mal ganz zu schweigen von den körperlichen und seelischen Folgen des Taliban-Attentats und einem Leben zwischen zwei Welten - einerseits auf den Redepodien der Welt, im Gespräch mit den Reichen und mächtigen, andererseits eine junge Frau aus einer sehr konservativen, restriktiven Kultur, die auch im britischen Exil nie wirklich fern ist?
Auf ihren öffentlichen Auftritten wirkt die Autorin häufig äußerst beherrscht, zurückgenommen, reflektiert. Das Buch zeigt die inneren Kämpfe, den Wunsch, einfach nur als junge Frau wahrgenommen werden, die unbeschwert sein darf und nicht unter Dauerbeobachtung steht. Die Studienzeit in Oxford soll sich da als Chance zeigen, bei allen Einschränkungen (auch im Studentenheim gehören Leibwächter zu Malalas Alltag). Die Suche nach Freundschaften, nach Parties, bei denen sie trotzdem stets auf ihren Ruf und die Wirkung von social Media-Bildern in der Heimat bedacht sein muss, das Hadern mit eher durchschnittlichen Studienleistungen, erste romantische Gefühle - vieles, was Teenager in westlichen Gesellschaften schon Jahre früher durchleben, erlebt Malala mit 19, 20 Jahren.
Dabei wird auch klar, die Gesellschaftsstrukturen aus dem pakistanischen Bergdorf sind auch in Großbritannien stets präsent. Malala muss auf ihren Ruf achten - zum einen, um nicht noch mehr Anfeindungen ausgesetzt zu sein, zum anderen, weil das negative Auswirkungen auf ihre Arbeit haben könnte, ganz besonders auf die Mädchenschule im Heimatdorf. Die Professoren in Oxford fordern Konzentration auf das Studium, doch mit ihren Vorträgen und öffentlichen Auftritten bestreitet Malala das Familieneinkommen, sieht sich in der Pflicht gegenüber Eltern und Brüdern.
"Finding my Way" ist der Selbstfindungsprozess einer jungen Frau, die schon sehr früh erwachsen werden musste. Reflektiert, selbstkritisch, mit einer Prise Humor und sehr offen beschreibt die Autorin den Spagat zwischen der Entwicklung ihrer eigenen Persönlichkeit und dem Pflichtbewusstsein gegenüber ihrer Lebensaufgabe, der Liebe zu ihrer Familie und den Spannungen, insbesondere mit der Mutter, wenn sie den festgesteckten Rahmen der Tradition zu erweitern versucht.
Natürlich mag eine Autobiographie immer etwas geschönt und geglättet sein, aber beim Lesen und in der Erinnerung an die öffentlichen Auftritte der Autorin drängt sich dann doch der Vergleich zu einer anderen jungen Frau auf, die in jungen Jahren zu einem weltweiten Symbol wurde. Im Vergleich zu den Herausforderungen Yousafzais und ihrer Reife wirkt Greta Thunberg dann noch mehr wie ein schmollender, selbstgerechter Teenager.