Lesen, genießen, wirken lassen: Ein echter Klassiker, wie ein guter Wein
Die Zwillinge Emily und William Crowne sind auf den ersten Blick begünstigt durch ein großzügiges Erbe, das ihnen ein sorgenfreies Leben ermöglichen könnte. Doch dieses Erbe kommt mit einem hohen Preis. ...
Die Zwillinge Emily und William Crowne sind auf den ersten Blick begünstigt durch ein großzügiges Erbe, das ihnen ein sorgenfreies Leben ermöglichen könnte. Doch dieses Erbe kommt mit einem hohen Preis. Welcher das ist, entfaltet Margaret Kennedy in diesem unterhaltsamen, vieldeutigen und nicht weniger tiefgründigen Roman. Die Mutter früh verstorben, der Vater, ein bekannter Schriftsteller, ist in einen Mordprozess verwickelt von dem er sich trotz Freispruch nicht erholt und seine beiden Kinder jung als Vollwaisen zurücklässt. Diese wachsen fortan bei ihrer verwitweten Tante und deren zwei Kindern auf. Es entspinnt sich so mit dem Aufwachsen und Erwachsenwerden der Zwillinge ein buntes und psychologisch tiefsinniges Porträt einer Familie, des ausgehenden britischen Landadels, innerfamilialer Konflikte und Konkurrenz unter den Kindern, Neid und Missgunst angesichts unterschiedlicher Lebensgrundlagen, und einer Suche nach Glück und Zufriedenheit in all dem für Emily und William mit dem Versuch dem Erbe der Vergangenheit zu entkommen.
Nach der Lektüre war ich zunächst etwas unentschlossen. Ich habe den Roman sehr gern gelesen, hat er mich doch anschaulich in die ausgehende Zeit des englischen Landadels entführt. Sprachlich und inhaltlich überzeugt Kennedy mit wohlformulierten Szenen, einem Sinn für Ironie und Humor und einem Gespür für zwischenmenschliche und charakterliche Tiefe ebenso wie gesellschaftliche Entwicklungen. Und doch wusste ich zunächst nicht recht, wo genau die Autorin hin möchte. Erst im Nachhinein hat sich für mich die ganze Tragweite und Raffinesse der Erzählung erschlossen. Die feinen, komplexen Charakterzeichnungen, der Sinn für gesellschaftliche Erwartungen und Entwicklungen und die Zwänge ihrer Figuren in Verbindung mit der klugen Komposition all dieser Elemente erzeugen ein feinsinniges Porträt einer Gesellschaft und Familie in dieser. Für mich ist Falscher Glanz daher ein Roman, der erst im Nachgang, dem Nachdenken und ggf. auch Diskutieren darüber seine ganze Genialität entfaltet.
Kennedy bringt so vielfältige Themen darin unter, wie beispielsweise Generationenkonflikte und Erwartungen durch Eltern und deren Fußstapfen, die Belastung durch ein materielles und familiales Erbe, die Emanzipation der Frau, Familienkonflikte, der Gegensatz und die Rivalität zwischen Landadel und städtischer Boheme und selbst das Kommunenleben als populäres Alternativmodell der jungen Eliten.
Ja, Kennedy möchte viel und thematisch besonders viel unterbringen in diesem Roman, für manch einen Autor wäre dies unter Umständen zu viel. Doch Margaret Kennedy kann es sich mit ihrem offensichtlichen Schreibtalent und Scharfsinn definitiv leisten und verwandelt dieses Werk in einen Roman, der mir noch lange in Erinnerung bleiben wird und zur wiederholten Lektüre einlädt! Ein echter Klassiker, den man gelesen haben sollte!