90 Jahre Leben
„Der steinerne Engel“ stand einst auf dem Grab ihrer Mutter, die bei ihrer Geburt gestorben war. Jetzt ist Hagar über 90, wohnt bei Sohn Marvin und Schwiegertochter Doris und erinnert sich an ihr früheres ...
„Der steinerne Engel“ stand einst auf dem Grab ihrer Mutter, die bei ihrer Geburt gestorben war. Jetzt ist Hagar über 90, wohnt bei Sohn Marvin und Schwiegertochter Doris und erinnert sich an ihr früheres Leben: Wie sie mit ihren beiden Brüdern beim Vater aufgewachsen ist, an ihre Heirat mit Bram Shipley, an ihr Leben mit ihm und an die Geburt und Aufwachsen ihrer beiden Söhne. Nun ist aus ihr eine demente, schrullige alte Frau geworden, die Doris und Marvin das Leben schwer macht und an allem etwas zu kritisieren hat. Als beschlossen wurde, dass Hagar im Pflegeheim besser aufgehoben sei, ergriff sie die Flucht – nicht ohne jedoch vorher noch ihren monatlichen Rentenscheck mitzunehmen. Ziel war zunächst ein Ort am Meer, wo sie früher einige Urlaube verbracht hatten. Doch der Ort existierte nicht mehr und die ehemalige Fischfabrik war jetzt eine Ruine, die ihr notdürftig Unterschlupf bot, bis sie entdeckt wurde …
Margaret Laurence (geb. 1926 in Neepawa/Manitoba, gest. 1987 in Lakefield/Ontario) war eine kanadische Schriftstellerin, die besonders durch ihre Romane und Kurzgeschichten bekannt wurde. Sie studierte an der University of Winnipeg und arbeitete anschließend als Journalistin, bis sie 1947 heiratete. Das Paar zog 1950 nach Afrika, wo ihr Mann in Somalia und Ghana arbeitete - 1957 kehrte die Familie nach Kanada zurück. 1962 trennte sich Margaret von ihrem Mann und und wechselte ihren Wohnort zwischen England und Kanada, bis sie sich 1974 endgültig in ihrem Heimatland wieder niederließ. Nachdem bei ihr Lungenkrebs festgestellt wurde, beging sie 1987 Selbstmord. Ihr Roman „Der steinerne Engel“ (The Stone Angel, 1964) erschien erstmals 1965 in deutscher Übersetzung und wurde 2021 in einer Übersetzung von Monika Baark vom Eisele-Verlag neu aufgelegt.
Es handelt sich um ein Buch, das sich eindringlich mit Alter und Tod beschäftigt. Mit sehr viel Einfühlungsvermögen und einer Prise Humor lässt Margaret Laurence die 90jährige Hagar Shipley auf ihre Vergangenheit zurückblicken, die nicht immer einfach war. Wir erleben sie als äußerlich harte stolze Frau, hochmütig und auf sich selbst bezogen, was sie für uns Leser unsympathisch macht. Sie pocht auf ihre Würde, ist aber dabei hochmütig und verletzend – im Innern jedoch einsam und voller Sehnsucht nach Anerkennung und Liebe. Der Autorin ist es hier großartig gelungen, die Abgründe der menschlichen Psyche und komplizierten zwischenmenschlichen Beziehungen glaubhaft zu vermitteln und aufzuzeigen, wie Charaktereigenschaften ein Leben zerstören können.
Fazit: Ein Roman mit zeitlosem Inhalt, der durch seine schonungslose Ehrlichkeit noch lange nachhallen wird.