✎ Milena Baisch - Anton 1 Anton taucht ab
Ein mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichnetes Kinderbuch weckt Erwartungen, auch bei erwachsenen Lesenden. Genau mit diesem Anspruch bin ich an „Anton taucht ab“ von Milena Baisch herangegangen ...
Ein mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichnetes Kinderbuch weckt Erwartungen, auch bei erwachsenen Lesenden. Genau mit diesem Anspruch bin ich an „Anton taucht ab“ von Milena Baisch herangegangen - und wurde enttäuscht.
Anton bleibt mir bis zur letzten Seite unsympathisch. Seine Schlagfertigkeit kippt regelmäßig ins Beleidigende, während er sich gleichzeitig als konsequenter Gegner körperlicher Gewalt inszeniert. Verbale Verletzungen scheinen für ihn nicht zu zählen. Dass ein Kind in diesem Alter die Wirkung von Worten unterschätzt, mag realistisch sein, wirkt hier aber weder reflektiert noch gebrochen. Antons Verhalten empfand ich häufig als respektlos und anstrengend.
Stark ausgeprägt ist seine Flucht in eine digitale Parallelwelt, in der er Kontrolle, Stärke und Anerkennung erlebt. In der Realität dagegen fehlt es ihm sichtbar an sozialem Gespür. Diese Diskrepanz ist nachvollziehbar und sicher für viele junge Menschen anschlussfähig. Doch die Thematik wird nur angerissen, aber nicht vertieft, sodass kaum Orientierung oder Entwicklung erkennbar ist.
Besonders störend empfinde ich Antons Haltung gegenüber seinen Großeltern und den Ferien mit ihnen. Der Ton ist durchgehend abwertend, ohne dass der Text dem etwas entgegensetzt. Doch gerade Kinder in diesem Alter benötigen manchmal einen Spiegel, der ihnen vorgesetzt wird und dann jemand, der ihnen eine Lösung anbietet, um ausbrechen zu können. Da es im echten Leben oft nicht getan wird, würde ich mir wünschen, dass Bücher hier mehr Verantwortung übernehmen. Manche Kinder wünschen sich das innerlich vielleicht sogar.
Ähnlich verhält es sich mit seiner Sprache gegenüber anderen Kindern. Das mag als authentisch gemeint sein, hinterlässt jedoch ein schales Gefühl, weil Reflexion oder Konsequenzen weitgehend ausbleiben.
Dass Anton seine Großeltern belügt, ordne ich als altersbedingt und situativ sogar als Selbstschutz ein. Schwerer wiegt für mich der Umgang mit dem Fisch, der über Tage in einem Gurkenglas gehalten wird. Der Text problematisiert dieses Verhalten kaum, obwohl Tierethik gerade im Kinderbuch eine Rolle spielen sollte.
Am Ende bleibt für mich kein erkennbarer Mehrwert. Warum dieser Roman stellenweise als Schullektüre eingesetzt wird und welche Erkenntnisse Kinder daraus ziehen sollen, erschließt sich mir nicht. Die Figur entwickelt sich kaum, problematische Handlungen werden selten eingeordnet, und die angesprochenen Themen bleiben ohne tragfähige Tiefe. Insgesamt stelle ich den pädagogischen Gehalt infrage.
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