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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 04.09.2017

Unternehmensmodell der Zukunft

Die Lieferantin
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Der Thriller Die Lieferantin von Zoe Beck handelt von einem Onlineshop für Drogen, die mit hochmodernen Drohnen ausgeliefert werden. Die Inhaberin Ellie wird bald vom ganzen Londoner Untergrund gesucht, ...

Der Thriller Die Lieferantin von Zoe Beck handelt von einem Onlineshop für Drogen, die mit hochmodernen Drohnen ausgeliefert werden. Die Inhaberin Ellie wird bald vom ganzen Londoner Untergrund gesucht, um sie zur Strecke zu bringen. Das Buch beginnt spannend, aber noch etwas undurchsichtig. Wie es sich für einen Thriller gehört, starten die ersten Seiten bereits mit einem Mord. Morde werden mit stoischer Ruhe erzählt, fast als würde man den Vorgang des Kaffeekochens erläutern. Dazu kommen die Dialoge zwischen den Boyce-Brüdern, die herrlich witzig und absurd sind. Haben diese dümmlichen Brüder wirklich versehentlich einen Polizeispitzel umgebracht? Sehr gut gefällt mir der Bezug zum aktuellen Zeitgeschehen zum Thema Brexit und einem fiktiven Referendum zum Druxit. Die Autorin überrascht immer wieder mit kleinen Details z.B. mit dem Familienbusiness der Boyce-Brüder, bei denen ausgerechnet der Akademikersohn am ungeeignetsten erscheint. Sie spielt mit den Vorurteilen und dem Bild, das man sich als Leser von den Personen macht, sodass man keinem vorgefertigten Bild folgt, sondern die Meinung über einzelne Charaktere immer wieder revidiert. Die Idee eines Onlineshops für Drogen mit Kundenbewertungen und Gratispröbchen ist genial, aber gar nicht so unrealistisch. Man findet gut ins Buch, die Zusammenhänge werden schnell deutlich. Das Buch ist nicht überladen mit Charakteren und Handlungen, sodass man sehr gut folgen kann. Die Spannung baut sich langsam, aber stetig auf. Das Buch fesselt. Durch die kurzen Kapitel kommt man in die Versuchung immer weiter zu lesen. Zoe Beck spielt hervorragend mit der Faszination Zukunft. All die Schilderungen wirken erst noch skurril, wecken aber gerade dadurch Interesse und Unsicherheit, weil die Möglichkeiten durch den technischen Fortschritt nicht allzu weit entfernt sind. Das Thema ist aktueller denn je und Zoe Beck sensibilisiert mit ihrem Buch die Leser für diese Zukunft. Gut gefallen haben mir die Andeutungen auf die Technik der Zukunft, beispielsweise mit der Krankenkassen-App, anhand derer der Versicherungsschutz berechnet wird. Trotz dieser hochmodernen Welt ist der Rassismus noch weit verbreitet, eine interessante Zukunftsprognose der Autorin. Das Buch regt zum Nachdenken an über eine nicht allzu ferne Zukunft und die eigene Rolle, die man darin spielt. Nach und nach erfährt man die Beweggründe der Lieferantin. Hinter jeder Handlung der Personen stehen auch persönliche Schicksale und Verluste. Das schafft einen Thriller mit Tiefgang. Für einige Abkürzungen hätte ich mir eine Begriffserklärung gewünscht. Ansonsten schildert dieses Buch ein ausgeklügeltes System, bei dem man gespannt auf die Schwachstelle wartet. Die Spannung wird aus verschiedenen Perspektiven aufgebaut, nicht nur durch die Handlungen der Protagonistin. Immer kommen neue, überraschende Aspekte hinzu, die nachher wie bei einer Kettenreaktion zum Showdown führen.
Fazit: Ein toller Thriller, mit einer aktuellen und hochspannenden Handlung. Das Buch ist durchdacht, hier stimmt alles. Fesselt und sorgt dafür, dass man es nicht aus der Hand legen will.

Veröffentlicht am 04.09.2017

Was uns nicht umbringt

Sommer unseres Lebens
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Der Roman Sommer unseres Lebens von Kirsten Wulf ist ein frischer Sommerroman, der eine wunderschöne Freundschaft zwischen drei Frauen beschreibt. Die Frauen Hanne, Claude und Miriam haben an ihrem gemeinsamen ...

Der Roman Sommer unseres Lebens von Kirsten Wulf ist ein frischer Sommerroman, der eine wunderschöne Freundschaft zwischen drei Frauen beschreibt. Die Frauen Hanne, Claude und Miriam haben an ihrem gemeinsamen 25. Geburtstag den Pakt geschlossen, dass sie sich an ihrem 50. wieder in Portugal am Strand treffen. Das Buch beginnt mit Hanne und ihrem turbulenten Familienleben. Man merkt schnell, dass sie, genau wie die anderen Freundinnen, den Urlaub und das Strandfoto nicht vergessen hat. Schon auf den ersten Seiten wird klar, dass mehr hinter diesem Foto steckt und jede der Frauen ihr Geheimnis hat. Die Beschreibung des Alltags der verschiedenen Leben ist gelungen, eine geheimnisvolle Stimmung schwingt beim Lesen immer mit. Die damalige Reise nach Portugal war von allen eher eine Kurzschlusshandlung. Man lernt die Personen nach und nach kennen und erfährt wie sie zusammengefunden haben. Durch einen Zufall bzw. Unfall haben die drei Freundinnen nach kurzer Zeit kein Handy mehr. Abgeschnitten von der Umwelt erleben sie alles noch viel intensiver, auch ihre Freundschaft und die damit verbundenen Probleme. Als Leser freut man sich, dass die drei wieder zusammengefunden haben. Sie landen in runtergekommenen Zimmern, ihr Auto geht kaputt, trotzdem lassen sie sich die Freude nicht nehmen. Man spürt die Aufregung und die Lebensfreude, die alle umgibt. Dem Alltag entfliehen, gemeinsam auf Reisen gehen und Abenteuer erleben. Diese Sehnsucht weckt das Buch. Diese Freundschaft ist etwas Besonderes, die drei halten zusammen, auch wenn die Reise droht sich aufzulösen. Jede der Frauen macht sich auf dieser Reise Gedanken, alle haben mit aktuellen oder alten Damönen zu kämpfen und tragen ein mulmiges Gefühl in sich. Die Reise bekommt auf einmal einen ernsten Hintergrund und die Freundinnen brauchen einander noch mehr, als es am Anfang den Anschein machte. Die erste Reise von Miriam, Claude und Hanne veränderte ihr Leben, die zweite verändert nun 25 Jahre später auch wieder alles. Kein überraschendes aber dennoch ein schönes Ende. Ein erfrischender Sommerroman über eine tolle Freundschaft, die so manches Hindernis übersteht.

Veröffentlicht am 04.09.2017

Bissig

Töte mich
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Das Buch „Töte mich“ von Amélie Nothomb handelt vom Grafen Neville, dem eine Wahrsagerin verkündet, dass er auf seinem Gartenfest eine Person töten wird.
Der Roman beginnt bei der Wahrsagerin, da diese ...

Das Buch „Töte mich“ von Amélie Nothomb handelt vom Grafen Neville, dem eine Wahrsagerin verkündet, dass er auf seinem Gartenfest eine Person töten wird.
Der Roman beginnt bei der Wahrsagerin, da diese die Tochter des Grafen im Wald gefunden hat. „Auf Ihrem Fest werden Sie einen Gast töten“. Diese Aussage der Wahrsagerin erzeugt bereits nach wenigen Seiten Spannung, während des gesamten Buches fragt sich der Leser immer wieder, wer wohl das zukünftige Opfer sein wird. Die Wahrsagerin wirkt unsympathisch und arrogant. Der Graf verkörpert einen typisch adligen Snob.
Der Sprachstil des Buches ist bissig. „Doch die Vorstellung, dass er einen seiner Gäste töten könnte, entsetzte Neville. Das machte man nicht…“ Solch brillant-zynische Sätze findet man durchgehend im Buch.
Schon früh erfährt man, dass die Fassade des Grafen bröckelt, das Fest wird das letzte sein, da die Familie vor dem Bankrott steht. Die Gartenpartys verkörpern den Inbegriff von Luxus, aber auch bittere Armut. Der Graf musste als Kind hungern, macht die Feste sogar mitverantwortlich für den frühen Tod seiner Schwester. Trotzdem hält er an dieser Tradition fest.
Der Graf wirkt sympathisch und herrlich altmodisch, wenn er beispielsweise aufgebracht zum Briefbogen greift und das im Jahr 2014. Mit einer gehörigen Portion Selbstironie werden die Gäste der Party als geschminkte Greise und lärmende alte Fregatten bezeichnet. Der alte Adel wird hier nicht verschont mit bissigen Kommentaren. Graf Henri habe ich zu Beginn des Buches unterschätzt, er ist herrlich sarkastisch und unterhaltsam, besonders als er einen Plan ausarbeitet, um der Prophezeiung vorzugreifen. Seine Tochter Serieuse wächst dem Leser schnell ans Herz, sie ist überaus intelligent, aber auch sehr traurig und tragisch in ihrer Person. Sprichwörtliches Genie und Wahnsinn liegen hier nah beieinander. Bei ihr ist der Name Programm, sie schlägt sich selbst als Opfer vor, da sie mit ihrer wachsenden Depression sowieso kein Verlust für die Gesellschaft ist.
Das Buch ist tiefgründig und anspruchsvoll, gespickt mit herrlich bissigem Witz. Die Vater-Tochter-Dialoge sind ein wahrer Lesegenuss und das Ende ist zwar nicht gänzlich unerwartet, aber trotzdem sehr gut. Leider ist das Buch mit seinen 110 Seiten viel zu kurz geraten

Veröffentlicht am 04.09.2017

Geliebte Bowmans

Der Vater, der vom Himmel fiel
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Im Roman „Der Vater, der vom Himmel fiel“ von J. Paul Henderson geht es um die Familie Bowman. Lyle Bowman wird von einem Bus überfahren, erscheint seinem jüngsten Sohn nach seinem Tod aber noch einmal ...

Im Roman „Der Vater, der vom Himmel fiel“ von J. Paul Henderson geht es um die Familie Bowman. Lyle Bowman wird von einem Bus überfahren, erscheint seinem jüngsten Sohn nach seinem Tod aber noch einmal für 14 Tage, um die Familienangelegenheiten zu regeln.
Schon auf der Beerdigung von Lyle bekommt der Leser einen Eindruck, wie merkwürdig diese Familie ist. Die zwei Söhne Greg und Billy haben seit sieben Jahren nicht mehr miteinander gesprochen und treffen erstmals auf der Beerdigung wieder aufeinander. Greg gilt als das schwarze Schaf der Familie, während Billy die Rolle des vorbildlichen Pfadfinders innehat. Der Roman beginnt mit dem kurz und schmerzlosen Tod Lyles, gefolgt von einer Beerdigung, die schräger nicht sein könnte inklusive unfassbar lustiger Diskussionen mit dem Pfarrer über die Geschichten der Bibel.
Die Bowman Brüder haben ein schwieriges Verhältnis zueinander, begründet durch die Unterschiedlichkeit der beiden Geschwister und dem schwierigen Verhältnis zwischen Billys Frau Jean und Greg. Den Höhepunkt fand diese Feindschaft auf der Hochzeit von Jean und Billy, bei der Greg durch übermäßigen Drogenkonsum die Braut und beleidigt und damit nicht unbedingt die Familienbande stärkt. Dann gibt es noch Onkel Frank, eine herrliche Figur, er wirkt wie der Verbündete, der einem beim Lesen über den Buchrand schelmisch zuzwinkert. Jean und Billys Tochter Katy wirken so hohl, dass es schon weh tut, ihr Beitrag ist zum Glück so gering, wie es der Geschichte dienlich ist. Katy allerdings macht während des Buches zumindest den Ansatz einer Wandlung durch.
Das Buch sprüht vor Sarkasmus und Wortwitz. Begriffe wie „emotionales Nichtschwimmerbecken“ und Dialoge wie: „Was ist eigentlich ein Psycho?“fragte Kathy. „Mum meinte nämlich du bist einer“ machen dieses Buch zu einem herrlich erfrischenden Lesegenuss.
Als wäre die Familie Bowman nicht an sich schon schräg genug, taucht nun auch noch der Geist des Vaters auf, um Greg den Kopf zu waschen und seine unerledigten Familienangelegenheiten zu klären. In den Gesprächen zwischen Greg und Lyle geht es auch um ernste Themen wie Rassismus, Zuwanderung, Krankheit, Tod, Vergänglichkeit und Reue. Das Buch ist nicht nur witzig, sondern besitzt einen Tiefgang, den man erst nicht erwartet hätte. Herrlich auch die Anekdote aus dem Himmel, aufgebaut wie eine Behörde, wo Akten vertauscht werden und die Dienstleistungsorientierung der Beamten zu wünschen übrig lässt.
Henderson schafft es mich zu überraschen. Immer wenn man glaubt, das Maß an Absurdität ist voll, setzt er noch eine Schippe drauf mit der nächsten Anekdote. Darüber hinaus zieht sich die geheimnisvolle Frau wie ein roter Faden durchs Buch und sorgt immer wieder dann für Spannung, wenn man sie schon längst vergessen hatte.
Das Buch ist wie die Bowman-Liebe „stillschweigend, peinlich berührt, aber immer da“. Die Charaktere sind vielfältig, jede Figur im Roman hat seine eigene amüsante persönliche Störung. Jede Figur entwickelt sich im Laufe der Geschichte. Der kaltschnäuzige Griesgram Onkel Frank wächst einem widerwillig ans Herz. Das Ende ist so wie man es sich wünscht, man kann das Buch zufrieden ins Regal stellen. Man möchte nach dieser Lektüre aufstehen, das Leben genießen und mit lieben Menschen so Gespräche führen wie Greg und Lyle, bevor es zu spät ist. Man fragt sich selbst, wie man eine zweite Chance nutzen würde.
Klare Leseempfehlung. Diese Familie ist mir ans Herz gewachsen, weil man mindestens einen Verrückten dieser Art in der eigenen Verwandtschaft wiederfindet.