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Aennie

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Veröffentlicht am 10.08.2020

Zufallstreffer beim Raubzug

Bluthölle (Ein Hunter-und-Garcia-Thriller 11)
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Eine Taschendiebin mit Ehre möchte einem unfreundlichen Menschen eine Lektion erteilen und traut ihren Augen kaum. Offensichtlich hat sie die Aufzeichnungen einen Serienkillers erwischt, der eine akribische ...

Eine Taschendiebin mit Ehre möchte einem unfreundlichen Menschen eine Lektion erteilen und traut ihren Augen kaum. Offensichtlich hat sie die Aufzeichnungen einen Serienkillers erwischt, der eine akribische Buchführung sein Eigen nennt.
Kurz darauf erfahren Robert Hunter und Carlos Garcia von der Ultraviolent-Abteilung des LAPD von dem grausigen Text, der an Details nicht spart – inklusive Geokoordinaten, die zum Fundort der ersten Leiche führen und eine großangelegte Untersuchung in Gang setzen. Wer ist der Verfasser? Ein Psychopath – alles deutet daraufhin, handelt er doch im Auftrag von „Stimmen“ – oder steckt doch etwas anderes dahinter, etwas viel perfideres? Schnell wird eines klar: der Täter ist offensichtlich sehr intelligent, weiß wie die Polizei arbeitet, kennt Strukturen und Wege und ist in der Lage, den Weg seines Buches aufzuspüren und damit auch den der Diebin und der Ermittler – plötzlich sind die Rollen Jäger und Gejagter nicht mehr so klar verteilt.
Ein Carter wie er sein muss. Gewohnt starke Ermittler, gewohnt grausamer Fall mit hinreichend blutigen Details und einem perfiden Täter. Der Spannungsbogen ist wie immer gleichbleibend hoch und auch dieser Band der Reihe für mich ein Pageturner, den man in zwei Tagen so weg liest. Für mich hat diese Reihe einfach keine Schwächen und bietet alles, was ich von einem harten Thriller erwarte, daher bin ich auch dieses Mal wieder begeistert und hoffe, dass der Autor noch weitere Ideen für Täter und Ermittler hat. Widmung und Nachwort sind dieses Mal sehr persönlich, und ich freue mich, dass Carter geschrieben hat und es auch hoffentlich weiterhin tun wird.
Ansonsten finde ich durchaus, dass dieser Band, obwohl es der mittlerweile schon elfte der Reihe ist, auch gut als Einzelband gelesen werden kann, dieses Mal gab es so wenig Rahmenhandlung, da fehlt einem quasi nichts, wenn man die Vorgänger nicht kennt.
Fazit: Carter ist immer empfehlenswert, wenn es um „richtige“ Thriller geht, dieser Band stellt keine Ausnahme in der starken Reihe dar.

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Veröffentlicht am 03.08.2020

Tiefer Fall

Verschollen in Palma
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Man möchte nicht in der Haut von Tim und Rebecka Blanck stecken: erlaubt man einer 17-jährigen einen Partyurlaub in Mallorca mit ihren Freundinnen? Man will Vertrauen haben, nicht die spießigen Spaßverderber-Eltern ...

Man möchte nicht in der Haut von Tim und Rebecka Blanck stecken: erlaubt man einer 17-jährigen einen Partyurlaub in Mallorca mit ihren Freundinnen? Man will Vertrauen haben, nicht die spießigen Spaßverderber-Eltern sein – und erlaubt es. Mit Bauchschmerzen, aber irgendwann ist es eben soweit. Und Emme fliegt in den Süden, mit Julia und Sofia, nach Magaluf, in diesen Party-Moloch voller Alkohol, Nachclubs, Sex und Drogen. Dan geschieht das Schlimmste, sie verschwindet und ihre Eltern fallen in einen Abgrund. Ihr Vater kann auch drei Jahre später nicht akzeptieren, dass seine Tochter nicht gefunden wurde, sammelt weiter kleinste Hinweise und lässt nicht los. Seine Tochter nicht, die Balearen-Insel nicht. Die Ehe ist zerbrochen, seine Frau hat einen neuen Mann und er eine (etwas zweifelhafte) neue Existenz in Palma de Mallorca als Privatermittler. Zwischen High Society und Slum bewegt sich sein Alltag. Als aus einem alltäglichen Auftrag – Beschattung einer mutmaßlich untreuen Ehefrau – plötzlich ein wahrer Strudel an Verwicklungen, Betrug und Verbrechen wird und zugleich in diesem Zusammenhang auch plötzlich konkrete Hinweise zum Verschwinden seiner Tochter Emme auftauchen, verbeißt sich Tim Blanck tief in diesen Fall und handelt eigentlich nur noch aus persönlichem Antrieb und deckt nebenbei einen gigantischen Betrugsskandal auf, der das ganze Ausmaß an Korruption, Vetternwirtschaft und Skrupellosigkeit derer beinhaltet, die die Macht haben, die Geschicke einer Stadt, einer Region, einer Insel nach ihren Wünschen zu lenken.
Mons Kallentoft schreibt Bücher, wie kein anderer. Er formuliert anders, er unterbricht anders, er lässt den Leser anders auf seine Protagonisten und deren Innenleben blicken als andere Autoren. Er schreibt, mitunter wie der Mensch denkt, wie er fühlt, wie er schwankt, neu ansetzt und fällt. Kurz, sprunghaft, in Fetzen, mit Unterbrechungen, in Erinnerungen, im Moment. Dieser Stil ist sicherlich für manchen Leser zu holprig, zu ungeschmeidig – ich kenne es von ihm und schätze es sehr. Das Tempo ist hoch, die Spannung fast durchgängig sehr groß, nur das Ende konnte mich nicht 100%ig überzeugen, da ist einfach der Zufall ein wenig zu arg beansprucht für meinen Geschmack.
Es steckt tatsächlich eine unglaublich große Menge Mallorca in diesem Buch, ohne dass es sich hier um einen allzu seichten Urlaubs-Lektüre-Roman handelt, wie der Untertitel „ein Mallorca-Krimi“ vorgaukeln könnte. Eine Menge an geografischen Örtlichkeiten tauchen auf, die dem Urlauber, der sich aus seiner Hotelanlage wagt (was man unbedingt tun sollte) geläufig sind: angefangen vom neuen Kongresszentrum in Palma, dem Strand in Portals Vells, den Wasserreservoirs und vieles andere, was man unzählige Mal vielleicht auch nur auf den Schildern der Autobahn las, wie die Industriegebiete rund um Palma, oder die wirklich unschönen Hochhausbauten in den weniger ansehnlichen Stadtvierteln der Inselhauptstadt. Dem gegenüber steht ein genauso facettenreicher Querschnitt mallorquinischer Bevölkerung jenseits des Touristenalltags, vom Baulöwen bis hin zur chinesischen Immigrantin, ebenfalls mit allen Zwischenstufen, die denkbar sind. Kallentoft zeichnet ein Bild Mallorcas aus bekannten Örtlichkeiten und teils unvorstellbaren vor allem menschlichen Abgründen, die der Tochter des Protagonisten letztlich zum Verhängnis werden. „U watch me Dad, me do da jump“. Und wie so oft beim Sprung, von oben ist der Boden nicht wirklich zu erkennen und erst der Aufprall bringt die Wahrheit.
Fazit: wer bereit ist sich auf den Stil einzulassen oder ihn kennt, wird Spaß dran haben.

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Veröffentlicht am 07.07.2020

Rechtfertigt das Ziel die Mittel?

Schwarzer August
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Lost ist nicht nur in Fuseta, sondern auch mächtig „in love“. Für den nun-nicht-mehr-nur-Austausch-Kommissar an der portugiesischen Algarve öffnet sich eine ganz neue Welt in der Beziehung mit Soraia, ...

Lost ist nicht nur in Fuseta, sondern auch mächtig „in love“. Für den nun-nicht-mehr-nur-Austausch-Kommissar an der portugiesischen Algarve öffnet sich eine ganz neue Welt in der Beziehung mit Soraia, der Schwester seiner Kollegin Graciana. Wie in jeder neuen Beziehung gibt es ein paar Missverständnisse, die jetzt gar nicht so Asperger-spezifisch, aber durch Leanders besondere Art der Kommunikation und des Verstehens geprägt sind. Aus dieser entspannten Idylle werden er und seine Kollegen durch einen Bombenanschlag auf eine Bankfiliale gerissen. Terrorismus an der Algarve? Aber warum an einem Sonntag, warum eine Filiale, die vollkommen alleine im Hinterland liegt, warum wurde nichts gestohlen? Als auch ein Fischerei-Unternehmen Opfer eines weiteren Anschlags wird, beginnt sich ein Muster heraus zu schälen, das nicht zuletzt durch Losts spezielle Kombinationsgabe klar umrissen werden kann: hier geht es irgendjemandem nicht um das Töten von Menschen, nicht um Religion, hier steht keine Ideologie dahinter sondern Idealismus. Und die Kommissare beginnen zu erkennen, dass der Täter bereit ist, seine Mittel anzupassen, aus Enttäuschung, Frustration und die Lage spitzt sich zu, die Gefährdung wächst für alle Beteiligten und schließlich finden sich Leander und Carlos in einer äußerst prekären Situation wieder.

Lost in Fuseta ist für mich eigentlich gar kein Regionalkrimi. Es ist eine Krimireihe, die nun mal in Portugal spielt. Mit einem deutschen Kommissar zwar, der auch oft die Lösung präsentieren darf, aber sonst erinnert nichts an die seichten „Urlaubs-Fälle“ zwischen gekühltem Wein, gegrilltem Fisch und schöner Landschaft. Gil Ribeiro wählt auch keine 08/15-Fälle, sondern findet immer etwas mit mehr Relevanz, mehr Sinn, mehr Tiefe, was mir außerordentlich gut gefällt. Es ist auch äußerst interessant, Leanders Entwicklung im Laufe der Zeit zu beobachten, eventuell zum ersten mal in seinem Leben angekommen zu sein, in einem Umfeld, dass ihn und seine Besonderheiten einfach so annimmt, ihn nicht ausschließt sondern akzeptiert und aufnimmt. Das ist der Grund weshalb ich auch empfehlen würde, falls jemand die Vorgänger-Bücher nicht kennt, die Reihe in der richtigen Reihenfolge zu lesen. Ich denke, dies ist für den Zugang zu den Protagonisten und ihrer Dynamik von großem Vorteil.
Fazit: ich bin wieder sehr begeistert vom neuen „Lost“ und hoffe, der Autor sieht noch sehr viel für seinen Protagonisten und seine Kollegen an der Algarve. Abseits der jeweiligen – wirklich interessant erdachten und außergewöhnlich gewählten Kriminalfälle – ist die Geschichte drumherum noch lange nicht auserzählt und bietet einen absolut ebenbürtigen Grund, diese Reihe zu lesen.

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Veröffentlicht am 27.06.2020

Krimi mit Thriller-Tendenz

Dunkles Lavandou (Ein-Leon-Ritter-Krimi 6)
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In Lavandou ist eigentlich alles wie immer. Die Sonne scheint, das Meer ist blau, der Rosé kalt. Die Boule-Spieler originell-knorrig, die Touristen je Tagesform nervig oder gern gesehen, die Polizei zwischen ...

In Lavandou ist eigentlich alles wie immer. Die Sonne scheint, das Meer ist blau, der Rosé kalt. Die Boule-Spieler originell-knorrig, die Touristen je Tagesform nervig oder gern gesehen, die Polizei zwischen Bagatell-Fällen und „Betreuung“ der Lokalveranstaltungen schwer beschäftigt und der Rechtsmediziner sehr glücklich mit seinem inzwischen nicht mehr ganz so neuen Leben in der Provence. Leon Ritter scheint zwar irgendwie die so gar nicht zur Kleinstadtidylle am Mittelmeer passenden unglaublichen Todesfälle und Mordserien anzuziehen wie das Licht die Motten, aber er hilft ja bei der Aufklärung auch immer tatkräftig mit, mit seinem speziellen Gefühl, seinen zunächst abwegigen Ideen, die seine Freundin Capitain Isabell Morell oft auf die Spur des Täters führen, auch wenn es deren Vorgesetzten Zerna nicht so gut gefällt, dass ausgerechnet der deutsche Docteur wieder mal den richtigen Riecher hatte.
Diesem mittlerweile bewährten Schema folgt auch der neueste Fall von Leon Ritter. Zunächst will niemand wahrhaben, dass es sich bei den Todesfällen junger Frauen tatsächlich um Opfer eines Serientäters handelt, doch als Leon dann auch noch mit dem Thema Okkultismus und Exorzismus argumentiert, auf Kröten, Nadeln, Schwefel und Pentagramme stößt, wird ihm einmal mehr mit Ungläubigkeit begegnet. Mit Nachdruck und Akribie verfolgt er weiter seine Spuren, manchmal parallel, manchmal gegenläufig zur Auffassung der Gendarmerie national – und letztendlich natürlich erfolgreich, damit verrät man nun nicht zu viel.
Ich erwähnte es ja bereits, natürlich folgen die Bände um Leon Ritter in Lavandou einem gewissen Schema. Ein außergewöhnlicher Fall, Ritters Instinkte für das Verbrechen eine Prise Komplikation im Privatleben und ein kleiner Querschnitt aus Folklore, Bevölkerung und Geographie – aber es trägt. In diesem Fall fand ich den Krimi sehr spannend, das Thema und die Ausgestaltung teilweise durchaus einem (blutigeren) Thriller würdig, als es normalerweise in den etwas ruhigeren Krimis aus dem sonnigen Süden der Fall ist. Das fand ich sehr gut, und auch besser als in den letzten Fällen rund um Ritter. Das, und die Tatsache, dass es nicht in jedem dritten Absatz um Essen und Trinken geht, hebt die Reihe dann für mich ein bisschen von der sonstigen Masse der zahlreichen und austauschbaren Regionalkrimis ab und macht sie zu mehr als nur leichter Urlaubs-Lektüre.
Fazit: ein sehr guter Band der Reihe, die insgesamt empfehlenswert ist.

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Veröffentlicht am 24.06.2020

Tief verwurzelt

Ich bleibe hier
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Im Grund genommen ist der Vinschgau eine beschauliche, dörfliche Gegend. Das Leben könnte hier im 20. Jahrhundert eigentlich genau so weiterlaufen, wie es das jahrhundertelang zuvor unverändert auch tat. ...

Im Grund genommen ist der Vinschgau eine beschauliche, dörfliche Gegend. Das Leben könnte hier im 20. Jahrhundert eigentlich genau so weiterlaufen, wie es das jahrhundertelang zuvor unverändert auch tat. Ein bäuerliches, einfaches Leben, traditionelle soziale Strukturen, tief verwurzelte Religiosität, Alltag in den Alpen. Politik, Ökonomie, Ökologie spielen jedoch auch hier wie in ganz Europa in die Idylle hinein – und machen Südtirol zu einem Sonderfall. Plötzlich sind die Menschen im Vinschgau keine Tiroler mehr, keine Österreicher, sondern Italiener. Spürbar wird es nach Mussolinis „Marsch auf Rom“. Die Italisierung drängt das deutsche im Alltag vehement und proaktiv zurück, verbietet beispielsweise das Unterrichten der deutschen Sprache, die nationalsozialistische Besatzung ein paar Jahre später dreht das Ruder wieder um 180 Grad herum und wäre das alles nicht belastend genug, schwebt über allem der seit Jahrzehnten geplante Staudamm, der allen Verzögerungen und Beteuerungen zum Trotz plötzlich doch den Lebensraum der Menschen bedroht.
Marco Balzano erzählt die Geschichte, das Schicksal eines ganzen Landstrichs anhand der Geschichte von Trina, einer jungen Lehrerin aus Graun, ein Einzelschicksal und doch exemplarisch für „alle“.
Sie ist zu einem nicht näher bestimmten Erzähl-Zeitpunkt seit Jahren von ihrer Tochter getrennt, und so stellt das Buch so etwas wie eine an sie gerichtete Erzählung der Mutter dar. Trina berichtet vom Dorf, von ihrer Jugend, ihrer Ehe und dem ganzen Drumherum, das den Alltag nun mal beeinflusst: die Weltpolitik, Ideologien von Diktatoren, wirtschaftliche Interessen von Unternehmen. Trina ist tief verwurzelt in der Gegend, lehrt an klandestinen Schulen in Katakomben, dient als Schreiberin und Übersetzerin fast für das gesamte Tal, denn viele der Bauern können nicht schreiben und lesen, geschweige denn auf Italienisch. Sie fühlt sich als Vinschgauerin, setzt sich daher für die deutsch-österreichische Kultur ein, aber später „Heim ins Reich“, in ein ihr vollkommen fremdes Land zu gehen, diese Option stellt sich nicht. Ihr Heimatgefühl ist bestimmend, aber viel regionaler, kleinräumiger. „Ich bleibe hier“ beschließt sie, gemeinsam mit Mann Erich und Sohn Michael. Die gleiche Antwort auf eine ähnliche Frage – als der Staudamm droht, Enteignung und Umsiedlung anstehen – Trina bleibt auch dann.

Marco Balzano gelingt etwas sehr Bemerkenswertes: er erzählt eine kleine Geschichte, eine persönliche Geschichte, in einem nicht allzu langen Roman. Und doch umspannen die rund 280 Seiten alles, was die Bewohner von Reschen und Graun in erster Linie, und sehr vergleichbar viele Bewohner Südtirols, und in noch weiter gefasstem Rahmen Millionen von Menschen in Europa im 20. Jahrhundert geprägt hat: das Grauen des Ersten Weltkriegs, ganz Europa wird durchgeschüttelt, neue Grenzen werden gezogen, neue Politik geschaffen. Es entstehen Widerstände, Unzufriedenheiten, neue Führer, nicht neue Ideologien, aber neue Dynamiken der Durchdringung. Das Aufkommen der Faschisten in Italien, der Nationalsozialisten in Deutschland, der Anschluss Österreichs, das Optieren für „Heim-ins-Reich“, der 2. Weltkrieg, das Zerbrechen der Achse Italien-Deutsches Reich, Besatzung, Befreiung. Die Dichte der Ereignisse, die tiefe Spuren hinterlassen im Leben des Einzelnen sind gigantisch. Dazu eine Hinwendung zu Industrialisierung und Technologie auch in zutiefst und bisher rein agrarisch geprägten Bereichen, eine ganz andere Intensität der Nutzbarmachung der natürlichen Ressourcen durch den Menschen, durch Konzerne, den Staat. Und wieder eine Beeinflussung jedes einzelnen Betroffenen, dessen, was er erblickt, wenn er aus dem Fenster schaut. Wieder alles neu, diesmal anders motiviert, aber nicht weniger brutal. Dazu das „normale Leben“, mit harter Arbeit, Liebe, Kindern, Krankheiten, Todesfällen, alles was so nebenbei passiert.
Es gibt keinen Stillstand – und ich möchte ihn hier nicht propagieren, und ja, es gibt sicher gesamtwirtschaftliche Interessen, die über dem Einzelinteresse stehen müssen, aber die Masse dessen, was über die Erzählerin hereinstürzt, ist unfassbar, ohne dass der Autor übertrieben hat, er hat nicht zu dick aufgetragen, dramatisiert. Er zeigt ein absolut durchschnittliches, exemplarisches Menschenleben aus dem Volk, aus dieser Region – das, was Trina passiert, ist absolut naheliegend. Alles in allem stellt es das genaue Gegenteil dessen dar, was man so landläufig vor dem inneren Auge hat, bekäme man die Eckdaten Südtirol, oberes Etschtal, bäuerliches Leben, gewachsene familiäre und dörfliche Strukturen genannt. DAS ist nur die Fassade, das LEBEN, die Geschichte, Freude und (hier eindeutig mehr) Leid liegen im Verborgenen und sehen mitunter ganz anders aus. Wer nur an der Oberfläche kratzt, kann davon nichts sehen, aber es wäre zumindest nett und sich dafür zu interessieren, was darunter liegt. Und der Reschen-See macht es einem da doch sehr einfach: denn der Kirchturm guckt da ja wirklich aus dem Wasser, er durchbricht nach wie vor die Oberfläche. Und auch wenn es kein Drei-Schluchten-Damm ist – dafür liegt er viel näher, dafür sind uns die Menschen viel näher. Das ist kein Selfie-Spot. Das ist ein Denk-mal-Spot mit Betonung auf denken, vielleicht per se das Problem mit dem schönen Selbstbildnis vor malerischer Kulisse.
Fazit: absolute Leseempfehlung, eine sehr dichte Erzählung, bei der man auch so manches Mal wieder die Internet-Enzyklopädie für die genauen Hintergründe zu Rate zieht. Gut für die historische Allgemeinbildung, gut für die politisch-ökonomisch-ökologische Wahrnehmung, ohne dass man den Eindruck hat, eine „schwere“ Lektüre vor sich zu haben.