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Veröffentlicht am 06.09.2019

Abgefahrenes Horrorhous-Feeling, welches mich begeistern konnte.

Kill Creek
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"Diejenigen, die daran vorbeigingen und mit einer lebhaften Fantasie gesegnet waren, berichteten schon bald von unheimlichen Lichtern in den Fenstern, von einem Heulen in der Nacht, von umherstreifenden ...

"Diejenigen, die daran vorbeigingen und mit einer lebhaften Fantasie gesegnet waren, berichteten schon bald von unheimlichen Lichtern in den Fenstern, von einem Heulen in der Nacht, von umherstreifenden Gespenstern und einer Frau, deren aufgeknüpfter Leichnam an einem Ast der alten Buche baumelte ..."
(S. 364)


Es gibt Häuser, welche man ansieht und weiß, dass diese ein Traumhaus für einen wären, ohne sie von innen je gesehen zu haben. Häuser, die von außen schon Gemütlichkeit und eine heimelige Atmosphäre versprühen und die man vom Fleck weg kaufen würde, wenn man nur das Geld dafür hätte.
Und dann gibt es Häuser, welche einem Gänsehaut über den Rücken laufen lassen, wenn man nur an ihnen vorbeifährt. Die drohend vor einem aufragen, eine dunkle und bösartige Aura ausstrahlen und über deren Schwelle man um alles Geld der Welt nicht treten würde.

Das Finch House in Kansas gehörte im Jahre 1859 zu Ersterem und wurde in nur wenigen Jahren zu Letzterem, als in ihm das erste Mal Blut vergossen wurde. Seinen Namen erhielt es jedoch erst viel später in den 70ern durch die 68-jährigen Zwillingsschwestern, welche das Haus renovierten und zu ihrem Zuhause machten.
Schon damals rankten sich düstere Gerüchte und Legenden um dieses Haus, doch die beiden Schwestern störte das nicht. Im Gegenteil - bis zu ihrem Tod verließen sie das Haus nicht, schienen mit dieser bösartigen Aura regelrecht zu verschmelzen. Die Finch-Schwestern waren die letzten Bewohner. Niemand wollte mehr die Schwelle dieses Hauses betreten, in dem das Böse zu wohnen scheint. Dieses Haus scheint SELBST das Böse zu sein und somit wurde es zum berühmtesten Spukhaus Amerikas um das sich düstere Mythen und Geheimnisse ranken, welche bis heute bestehen.

So ein Haus eignet sich doch hervorragend für eine ganz besondere Halloween-Kampagne. Vier Horrorautoren sollen in diesem berüchtigten Spukhaus zwei Tage verbringen, um während dieses Aufenthaltes interviewt zu werden.

Sebastian Cole ist ein wahres Urgestein unter den Horrorautoren, ebenso der tiefreligiöse David Slaughter. Sam McGarver ist Ende 30 und hat sich ebenso als Autor von Horrorromanen im klassischen Stil einen Namen gemacht, während die junge Autorin T.C. Moore erotische Horrorsplatter am laufenden Band produziert.
Alle vier erhielten eine Einladung eines gewissen Mr. Wainwright, der dafür berühmt und berüchtigt ist abgefahrene und ebenso unberechenbare PR-Aktionen zu starten. Und somit begeben sich alle in das Finch-Haus, welches nur auf sie gewartet zu haben scheint. Das Haus und das Böse in ihm sind erwacht, es verfolgt sie bis nach Hause und es ist noch lange nicht fertig mit ihnen.

"Als die Zeiger auf genau acht Minuten nach ein Uhr standen, erwachte das Haus. Es war zu dem plötzlichen und unumstößlichen Schluss gekommen, dass die Zeit reif war. Es hatte lange genug gewartet. Das Spiel konnte beginnen."
(S. 243)


Man erhält Einblick in die Perspektive fast aller Beteiligten und somit auch in ihre Vergangenheit, wobei Sam und T.C. deutlich im Vordergrund stehen. Stück für Stück werden so ihre dunkelsten und tiefsten Geheimnisse aufgedeckt und auch das Haus offenbart auf diese Weise SEINE Geheimnisse.

Der Schreibstil ist flüssig, absolut fesselnd und es eröffnet sich einem eine Geschichte ganz im Stile der so beliebten Horrorhouse-Filme wie z.B. "Amityville" und "The Shining". Im Gegensatz zu den Filmen besitzt dieser Horrorroman jedoch etwas mehr Tiefe und es beginnt alles eher gemächlich.
Dies gestaltet sich aber keineswegs langweilig. Man lernt die Protagonisten kennen und erhält die ersten Einblicke in deren Leben, ihre Sorgen und bruchstückhaft auch in ihre Traumata und Vergangenheiten. Auch die Geschichte des Finch-Hauses lernen wir kennen und die Bedrohung und Düsternis ist von Anfang an allgegenwärtig.

Wie auch die Protagonisten, werden wir Leser von diesem Haus verfolgt und spüren dessen Macht auf jeder einzelnen Seite. Daher gestalten sich die anfangs eher ruhigeren zwei Drittel keineswegs langwierig oder weniger gruselig.
Der wahre Horror beginnt jedoch erst im letzten Drittel und das auf fantastische und auch blutige Weise. Hier wird dann für Gänsehaut und Ekelszenen gesorgt, welche sich mit überraschenden Wendungen abwechseln und einen regelrecht mitreißen.
Das Ende gestaltet sich so wie es sich für einen wahren Horrorroman gehört und so findet dieses Buch einen äußerst gelungenen Abschluß. Für mich also quasi ein Happy End, wenn auch ein böses -muahahaha-

"Etwas quietschte hinter ihm. Der Rollstuhl rollte ein kleines Stück nach vorne. Er hörte das leise Trippeln von Schuhen auf dem Boden. Plötzlich ereilte ihn die untertrügliche Gewissheit, dass jemand hinter ihm stand, ihn beobachtete, darauf wartete, dass er sich umdrehte. Er spürte förmlich, dass Augen auf ihm ruhten, lauschte konzentriert und glaubte, leisen Atem zu hören."
(S. 425)


Fazit:
Endlich wieder einmal ein Horrorroman, der selbst mich mit den Ohren schlackern ließ.
Mit diesem Buch hält man eine abgefahrene Story in den Händen, welche ein tolles Horrorhouse-Feeling bereit hält und das obwohl es sich anfangs noch eher ruhig gestaltet. Jedoch wird bereits hier schon für den ein oder anderen Gänsehautmoment gesorgt. Im letzten Drittel holt der Autor jedoch zum gewaltigen Schlag aus und ich flog durch die Seiten, welche den wahren Horror, inklusive Ekelszenen für mich bereit hielten.
Dieses Buch ist keinesfalls etwas für sensible Mägen und schwache Nerven. Ich hingegen liebe es! Und somit ende ich mit einem Lovecraft-Zitat:

"Die älteste und stärkste Emotion des Menschen ist Furcht, und die älteste und stärkste Form der Furcht ist die Angst vor dem Unbekannten."
(H.P. Lovecraft)


© Pink Anemone

Veröffentlicht am 31.08.2019

Fantastisch zeitgenössische Schauerliteratur für den Sommer, mit Witz und kölscher Lokalkolorit

Klunga und die Ghule von Köln
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Es beginnt mit einem Mord. Aber kann man einen Untoten überhaupt ermorden? Zumindest geben sich die Ghule von Köln alle Mühe, einen unbeirrbaren Vampir mithilfe von Schneidbrennern in Nichts aufzulösen.
Köln ...

Es beginnt mit einem Mord. Aber kann man einen Untoten überhaupt ermorden? Zumindest geben sich die Ghule von Köln alle Mühe, einen unbeirrbaren Vampir mithilfe von Schneidbrennern in Nichts aufzulösen.
Köln ist eine der weltweit seltenen Ghul-Städte und ihre Hüter sorgen dafür, dass das auch so bleibt. Der drohende Abriss der Riphahn-Oper stellt alle nichtmenschlichen Bewohner der Stadt vor eine Zerreißprobe und zwingt Anführer Klunga dazu, die gesamte Klaviatur seiner Fähigkeiten und Beziehungen bedienen zu müssen. Was lauert dort unten in den Betonfundamenten, tief in den Eingeweiden der Stadt? ...
(Klappentext)

⚝⚝⚝⚝⚝

"Die Hitze kommt und mit ihr der Schmerz. Schmerzen, wie er sie nie zuvor erlebt hat und wie er sie sich in den finstersten Albträumen nicht hätte vorstellen können. Es gibt keine Erlösung. Irgendwann wird es dunkel. Mit einem letzten schrecklichen Schmerzenshauch löst er sich auf und fällt in die Finsternis."
(S. 12)


Ghule haben ihren Ursprung in der persisch-arabischen Mythologie, doch diese leichen- und menschenfressenden Fabelwesen hielten durch die "TausendundeineNacht"-Märchen weltweit Einzug. Vor allem durch die Schauerliteratur von H.P. Lovecraft wurden diese Dämonen weitgehend bekannt und heute spielen sie auch in diversen Filmen und Games eine Rolle.
Darin kommen diese Kreaturen nicht allzu gut weg. Spitze Fangzähne und allgemein schreckliches Aussehen sind ebenso ihr Markenzeichen, wie der bestialische Leichengeruch der ihnen anhaftet. Böse und gierig nach Menschenfleisch sind sie und sie warten mit dem Fressen nicht unbedingt bis ihr Opfer tot ist. So kennt man diese dämonischen Wesen.
Doch was wäre, wenn diese Mythen überhaupt nicht der Wahrheit entsprechen? Wenn sich Ghule unbemerkt unter uns befinden ... z.B. in Köln? Und was wäre, wenn diese Ghule intelligente Wesen wären, ganz und gar nicht blutrünstig - zumindest nicht immer?

Diese neuartige Form von Ghulen kreierte Adam Hülseweh und dies auf sehr amüsante, jedoch nicht weniger blutrünstige Art und Weise.
Bei ihm herrscht ein Clan von Ghulen in den Untergründen Kölns und sie sind dafür zuständig, dass nicht irgendwelche Wesen über die Stränge schlagen und wahllos mordend durch ihre Stadt ziehen. Falls so ein Wesen auftaucht, wird es natürlich auf sehr kreative Weise bestraft, gefoltert und um die Ecke gebracht.

Klunga ist das Oberhaupt dieses Clans und ist ein Ghul-Urgestein, wurde er doch im alten Persien geboren, verlore 590 v. Chr. sein Leben und gleichzeitig begann sein Leben als Ghul. Sein Schicksal führte ihn nach Köln und seither lebt er in dieser Stadt und hat ein Auge darauf.

"Doch damit war Schluss, als er sich Dreck und Staub aus den Augen rieb und im Schutz der Nacht aus einem noch nicht zugeschütteten Grab kletterte. Das war keine einfache Angelegenheit, denn das Erdloch war tief und er beileibe nicht der einzige, den sie hineingeworfen hatten."
(S. 33)


Die Geschichte Kölns, der Vampire und die Klungas sind stark miteinander verwoben und reicht bis in die Gegenwart. Doch für nichtmenschliche Wesen sind schwere Zeiten angebrochen. Einige wollen die Stadt verlassen, manch geschlossener Bund ist gefährdet und uralte gefährliche Kreaturen erheben sich aus den Tiefen Kölns, und damit sind nicht Troggs oder Ghule gemeint. Im Sommer 2009 scheint es mit der Ruhe vorbei zu sein. Vor allem in den Katakomben unterhalb der Riphahn-Oper regt sich etwas, etwas was auf alle Zeiten darunter vergraben war und dort bleiben sollte. Dies müssen Klunga und sein Clan verhindern, denn sonst wird die Stadt Köln niemals mehr so sein, wie sie einmal war.

Hier reist man mit Klunga durch die Zeiten und erfährt wie er zum Ghul wurde, wie er von einem Troll verkauft wird, mitunter für die Entstehung der Vampire verantwortlich und sein Hass gegenüber diesen Kreaturen äußerst verständlich ist und wieso er die Stadt Köln nicht verlassen kann.
Man lernt Ghule aus dem Clan kennen, wie z.B. Jimmy, der in einer Punkrock-Band spielt, Igor, der die Fähigkeiten hat nicht nur Blut sondern auch Lügen zu riechen, oder einen Ghul mit Alzheimer, der ständig vergisst ein Ghul zu sein und davon überzeugt ist, dass man das Jahr 1813 schreibt.

">>Bedauerlicherweise hat er sich mal wieder in der Hahnentorburg verschanzt. Er trägt seine Revolutionsuniform und will die Stadt gegen die Preußen verteidigen. Bitte sei so gut und hol ihn da ohne viel Aufsehens raus. Er ist ohnehin schon dabei, sich als Kölner Original zu etablieren.<<"
(S. 108)


Hier eröffnet sich einem eine fantastische zeitgenössische Schauerliteratur der besonderen und vor allem der ganz anderen Art ... oder hat schon jemand von Euch eine Geschichte mit sympathischen Ghulen gelesen?
Begleitet von einem flüssigen Schreibstil und fesselnder Story, bewegt man sich durch die Stadt Köln und reist auch hin und wieder in die Vergangenheit, um der Entstehung so manchen Ghuls beizuwohnen und die Hintergründe der Gefahr, in der sich Köln nun befindet, zu erfahren. Dabei kommt der Humor und das Lokalkolorit nicht zu kurz. Witzige Dialoge, welche manchmal im Kölner Dialekt geführt werden und zusätzlich die Atmosphäre der Stadt einfangen, wird vor allem die LeserInnen aus Köln begeistern.

">>Et hät noch imer jot jejange.<<
>>Ganz recht, Schmal, ganz recht, meine Rede.<<"
(S. 103)


Apropos Atmosphäre - diese ist dicht und beschehrt einem ein wahres Kopfkino, egal in welcher Zeit man sich gerade befindet oder durch welche Gassen und Untergründe man schleicht. Zusätzlich kann die Story auch mit der ein oder anderen überraschenden Wendung punkten.

Man liest auch nicht nur aus Klungas Perspektive, sondern auch von anderen Ghulen. Dabei wurde der Slang und die Ausdrucksweise vom Autor hervorragend angepasst. Während Klunga sich gewählt ausdrückt und durchaus als Ghul-Gentleman durchgeht, hat Jimmy, als noch eher junger Ghul, eine eher saloppere und jugendliche Art zu sprechen und zu denken. Dies verleiht der Story noch zusätzlich Authentizität.

Hin und wieder gibt es Illustrationen von Daniel Bechthold zu entdecken, welche die Story bereichern und mich begeistern konnten, sind sie doch absolut passend für diese Story. Es gibt hier also nicht nur eine fesselnde Schauergeschichte zu lesen, sondern auch noch etwas für's Auge.
Im Anschluß ist auch ein Personenverzeichnis enthalten, welches einem einen raschen Überblick und Infos über die Figuren gewährt.

Fazit:
Ich war und bin immer noch begeistert. Solche Schauergeschichten, fern des 08/15-Einheitsbreis, findet man nur selten. Vor allem solche, die ein Lokalkolorit, Witz und Spannung gleichermaßen enthalten.
Die Story lebt von ihren skurrilen und schauerlichen Figuren und der Atmosphäre. Daher ist es nicht verwunderlich, dass ich Klunga & Co sofort in mein Herz schloß und auf eine Fortsetzung hoffe. Diesbezüglich erhielt ich von der Herausgeberin Ina Elbracht eine positive Rückmeldung.

"Ja, wir basteln an einem zweiten Teil mit dem Titel "Klunga und der Dibbuk"; Thema: Jüdisches Köln im Mittelalter.
Wir wollen es bis 2021 fertig bekommen. Da ist in Köln '321-1700 Jahre - Jüdisches Leben in Köln'. Das wäre ein guter Aufhänger."


Na wenn das nicht nach einem interessanten und spannenden zweiten Teil klingt, dann weiß ich auch ned. Tja, und ich freue mich nun jetzt schon auf diese Fortsetzung, denn dieser "Örben-Fäntäsie-Verzällcher" wurde zu einem meiner Sommer-Lese-Highlight.

© Pink Anemone (inkl. Leseprobe, Autoren-Info und Lese-Soundtrack)

Veröffentlicht am 28.08.2019

Nach so viel Vorfreude eine Enttäuschung

Erased
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März 1947: Nach einem der härtesten Winter in der britischen Geschichte, bahnt sich endlich ein warmer Frühling an. Sehnsüchtig erwartet von einem Land, das immer noch vom Krieg gezeichnet ist. Superintendent ...

März 1947: Nach einem der härtesten Winter in der britischen Geschichte, bahnt sich endlich ein warmer Frühling an. Sehnsüchtig erwartet von einem Land, das immer noch vom Krieg gezeichnet ist. Superintendent Charles Norcott von New Scotland Yard hofft ebenfalls auf ein wenig Erholung vom Alltag: er wird als Dozent an die Universität Oxford ausgeliehen. Eigentlich soll Norcott dort Verwaltungsfachkräfte ausbilden, aber schon bald erreicht ihn ein zusätzlicher Auftrag. Im Physikalischen Institut der Universität reißt eine Serie von Zwischenfällen nicht ab. Will jemand die geheime Forschung sabotieren oder handelt es sich nur um eine Verkettung unglücklicher Umstände? Kaum hat der Superintendent die ersten vorsichtigen Ermittlungen angestellt, zerreißt eine Bombe die Stille der friedlichen Universitätsstadt...(Klappentext)

♜♜♜♜♜

"Auf den Fluren mischten sich aufgeregte Stimmen mit dem Getrappel fliehender Füße. Gerade als Maidstone und de Verconne vorsichtig die Köpfe hoben, begann die Luftschutzsirene auf dem Hauptgebäude des Instituts zu heulen. Der Krieg schien nach Oxford zurückgekehrt zu sein."
(S. 115)


Wir schreiben das Jahr 1947. Zwei Jahre sind seit dem Kriegsende vergangen und noch immer haben die Länder unter den Nachkriegswehen zu kämpfen. Dazu zählen nicht nur Rationierungen, sondern auch die Kriminalitätsrate hat stark zugenommen. Schmuggel, Diebstahl und Prostitution sind nur einige der wenigen Taten mit denen sich Superintendent Charles Norcott bei New Scotland Yard in London herumschlagen muss. Trotzdem ist er zufrieden, denn langsam scheint Ruhe in sein Leben einzukehren.
Vor einem dreiviertel Jahr hat er Vicky geheiratet und sie bewohnen ein großes Haus in einem Londoner Vorort. Der Frühling, welcher nach einem fürchterlichen Winter Einzug hält, lässt die Londoner zusätzlich aufatmen und bei Norcott steht nun auch eine berufliche Veränderung an.
Um polizeiliche Verwaltungskräfte in die britischen Besetzungsgebiete Deutschlands einsetzen zu können, soll sich Norcott für 4 Monate nach Oxfordshire begeben und diese an der ältesten Universität ausbilden. Immerhin ist er einer der wenigen, welcher zu Kriegszeiten mit deutschen Militärs und Ermittlern zusammengearbeitet hat und somit ebenfalls Einblick in das deutsche Verwaltungswesen erhielt. Es verspricht also ein ruhiger und interessanter Dozenten-Job zu werden.
Doch an der Universität Oxford scheint es zu brodeln und Norcott gelangt in eine wahre Schlangengrube. Vor allem im Physikalischen Institut, in dem eine äußerst geheime Forschung läuft, scheint es unter den Dozenten nicht ganz rund zu laufen und es häufen sich verdächtige Zwischenfälle. Kaum hat er begonnen zu ermitteln, geht eine Bombe hoch ... im wahrsten Sinne.
Nun ist der Spürhund in Charles Norcott erwacht und wir ermitteln mit ihm in der alten Universitätsstadt, um dem auf den Grund zu gehen, während der Täter erst so richtig in Fahrt zu kommen scheint.

Dies ist der 2. Band der Charles Norcott-Reihe, welcher jedoch ohne Probleme eigenständig gelesen werden kann.

Nachdem ich von "Crossroads" begeistert war, fieberte ich dem Erscheinen des 2. Bands dieser historischen Cosy-Crime-Reihe entgegen. Möglich, dass meine Erwartungen nach "Crossroads" und den Ankündigungen des Autors zu hoch waren, denn diesmal konnte mich der Autor mit seinem Werk leider nicht überzeugen und nun weiß ich überhaupt nicht wo ich mit meiner Kritik beginnen soll.

Es begann für mich nämlich bereits mit einem holprigen Einstieg. Nicht nur das dieser bereits ein Lektorat und Korrektorat (obwohl Letzteres angegeben) vermissen lässt, kam ich auch mit dem Schreibstil nicht ganz klar. Einmal zeitgenössisch und locker-flüssig, dann wieder fast lyrisch anmutende Passagen. Diese Passagen sind durchaus schön zu lesen und ließen manchmal mein Literaturherz höher schlagen, doch gerade diese wollten so gar nicht zum Rest passen und wirkten eher aufgesetzt und übertrieben.

"Bedächtig schlich sich eine dämmrige Stille statt ihrer in den alten Hörsaal zurück. Ehrwürdiger Staub legte sich gemächlich auf Tische und Sitzreihen."
(S. 62)


Hinzu kamen für mich wunderlich wirkende Sätze, viele überflüssige Kommata und äußerst bizarre Worttrennungen, was wiederum auf fehlendes Lektorat schließen lässt (dazu im Anschluß eine Anmerkung). Dies durchzieht die Story von Anfang bis Ende, einmal mehr und einmal weniger ausgeprägt und ließ mich eher durch die Story stolpern.
Die Story selbst ist nach dem 1. Drittel durchaus interessant zu lesen, doch ich vermisste die Spannung. Der Autor hat hier wirklich einige überraschende Wendungen eingebaut und es machte durchaus Spaß Norcott bei seinen, mehr oder weniger erfolgreichen, Ermittlungen zu begleiten. Was jedoch so manche Geschehnisse betrifft so lässt uns Albers außen vor. Diese bekommen Norcott und somit auch wir LeserInnen erst im Nachhinein erzählt, ergo, wenn alles schon passiert ist. Dies betrifft ebenso Gespräche, welche äußerst interessant gewesen wären mitzuerleben. Dies bedeutet, sobald es spannend wurde passierte ... nichts.

"Der verantwortliche Versuchslaborant, im verganenen Monat war das Mitch gewesen, zeichnete für alle Eintragungen verantwortlich."
(S. 56)


Auch von der Auflösung und vom Ende bin ich nicht ganz angetan. Abgesehen davon, dass ich die verdächtige Person schon relativ bald auf dem Schirm hatte und sich dieser Verdacht schließlich bestätigte, wurde alles ziemlich flott abgehandelt. Bezüglich Motiv bekommt man auch keine wirklich klare Ansage. Selbst Norcott vermutet und rätselt, aber am Ende ist es auch ihm egal. Hauptsache der Fall ist abgeschlossen. Klappe zu - Affe tot - Punkt. Dafür wurde noch ein ewig langer uninteressanter Epilog hinterher geschoben, doch viele Fragen und Begebenheiten blieben unbeantwortet und offen.

Last but not least das historische Setting der 40er Jahre. Vor allem auf dieses habe ich mich gefreut. In "Crossroads" schaffte es der Autor auf sehr atmosphärische Weise mich in die Zeit des 2. WK zu katapultieren. Hier habe ich genau diese Atmosphäre zumeist vermisst.
Man erkennt zwar wieviel Arbeit der Autor in die historische Recherche gesteckt hat und er lässt den Leser an so einigen historischen Eckdaten teilhaben. Das Einbinden historischer Persönlichkeiten fand ich großartig und ebenso informativ, doch ohne dem könnte dieser Cosy-Crime in jeder x-beliebigen Zeit spielen. Das liegt vor allem an all diesen emanzipierten und starken Frauenfiguren, welche anscheinend überhaupt nicht mit dem Patriarchat der damaligen Zeit zu kämpfen haben.
Dies führt leider zu einer gewissen fehlenden Authentizität und somit fehlt auch dieser historische Flair.

"Wie aus dem Nichts hatte er zwei Todesfälle und ein niedergebranntes Schloss am Hals. Mindestens zwei Todesfälle, korrigierte sich der Superintendent in Gedanken. Norcott seufzte leise."
(S. 208)


Im Anschluß gibt es noch einen Glossar und ein Verzeichnis zu historischen Personen und Bezeichungen, welche interessante Fakten und Informationen beinhalten. Für mich als Geschichts-Geek ein ganz besonders Schmankerl.

Anmerkung bezüglich Korrektorat nach Rücksprache mit dem Autor:
Der Autor hatte hierbei kein glückliches Händchen in Bezug auf die Korrektoratswahl, denn die Korrektorin hat hier für die bezahlte Arbeit absolut nichts geleistet. Vor allem bei SP-Autoren besteht die Gefahr in so ein Dilemma zu geraten. Jürgen Albers hatte das Pech an genau so ein Korrektorat zu geraten. Er hat daher entschieden das Buch vorerst vom Markt zu nehmen, um es zu überarbeiten.

Fazit:
Wie Ihr erkennen könnt ist meine Enttäuschung groß. Dies beruht vor allem darauf, da ich weiß, dass es der Autor besser kann. Dies hat er immerhin im ersten Band der Reihe "Crossroads" bewiesen.
Der Autor hat ein unglaublich erzählerisches Talent, welches auch durchaus zu erkennen ist, doch hier scheint er dieses nicht immer genutzt zu haben. Vor allem bezüglich eines einheitlichen Schreibstils und des Plots, welcher wahre Ermittlungen vermissen lässt, ist hier noch viel Luft nach oben. Wenn sich der Täter nicht selbst entlarvt hätte, würde Norcott wohl immer noch ermitteln und die Auflösung war für mich weder überraschend noch ausgefeilt. Da hätte ich mir wirklich mehr erwartet.
Doch Jürgen Albers steht noch am Anfang seiner schriftstellerischen Karriere und daher bin ich mir sicher, dass er mit seinem Potenzial es irgendwann schaffen wird und wir durchaus noch von ihm hören/lesen werden.

© Pink Anemone

Veröffentlicht am 27.08.2019

Abgefahrener und wendungsreicher 2. Teil der Reihe mit ganz fiesem Cliffhanger

The Fourth Monkey - Das Mädchen im Eis
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Seit Monaten herrschen in Chicago Minustemperaturen, als die Leiche der jungen Ella Reynolds eingefroren im See gefunden wird. Sie wurde vor drei Wochen vermisst gemeldet – der See ist seit Monaten zugefroren. ...

Seit Monaten herrschen in Chicago Minustemperaturen, als die Leiche der jungen Ella Reynolds eingefroren im See gefunden wird. Sie wurde vor drei Wochen vermisst gemeldet – der See ist seit Monaten zugefroren. Die Medien beschuldigen den berüchtigten Four Monkey Killer Anson Bishop, aber Detective Sam Porter will nicht glauben, dass er damit etwas zu tun hat. Er kennt den Serienkiller gut, denn er hat ihn geschnappt und laufen lassen, und er hat noch eine Rechnung mit ihm offen. Porter hat sich auf ein gefährliches Spiel eingelassen, währenddessen verschwindet ein Mädchen nach dem anderen … (Klappentext)

❆❆❆❆❆

Dies ist der 2. Band der Sam Porter-/Fourth Monkey-Reihe und bevor man diesen liest sollte man unbedingt den 1. Band der Reihe lesen.
Nicht nur damit man gewisse Zusammenhänge besser verstehen kann, sondern da dieser Teil im wahrsten Sinne eine Fortsetzung ist und man dadurch ziemlich böse zum 1. Band gespoilert wird. Diese Reihe lebt von überraschenden Wendungen und diese sollte man sich nicht vermiesen lassen.
Hierbei möchte ich auch gleich vor möglichen Spoilern in dieser Rezension warnen, wobei ich versuche diese in Grenzen zu halten.
An all diejenigen, welche bereits den 1. Band "Geboren, um zu töten" kennen, wünsche ich viel Vergnügen, denn Anson Bishop is back und das brutaler und hintertriebener denn je.

❆❆❆

"Ein paar Schritte, und vor ihm tauchte das Mädchen auf. Über ihr war das Eis durchsichtig wie Glas. Sie sah mit leerem Blick zu ihm hoch. Ihre Haut war bleich und leicht bläulich verfärbt - außer rund um die Augen, dort war die Haut dunkellila. Ihre Lippen waren leicht geöffnet, als wolle sie ihm etwas sagen - etwas, was nun nie ausgesprochen würde."
(S. 17)


Seit den furchtbaren Ereignissen bei denen der Fourth Monkey Killer Chicago in Atem hielt, sind vier Monate vergangen. Der Ermittler Sam Porter hat diesen Psychopathen, dessen realer Name Anson Bishop ist, mehr oder weniger freiwillig laufen lassen. Noch immer plagen ihn Albträume von ausgeschabten Augäpfeln und das schlechte Gewissen. Doch ihm bleibt nicht viel Zeit dies zu verarbeiten, denn ein neuer Serienkiller ist in der Stadt.
Die 15-jährige, vor zwei Wochen als vermisst gemeldete Ella Reynolds wird in einem zugefrorenem See gefunden. Das Verwirrende daran - der See ist schon seit Monaten gefroren, also wie kommt das Mädchen unter das Eis? Als kurz darauf ein weiteres Mädchen vermisst gemeldet wird, ist schnell klar, dass der selbe Täter dahinter stecken muss.
Während Porter und sein Team versuchen diesen Täter zu fassen, beschäftigt er sich privat weiter mit dem 4MK (Fourth Monkey-Killer). Auch diesen will er schnappen, denn er hat mit ihm noch eine Rechnung offen und selbst eine Suspendierung hält ihn nicht auf. Tja, und Bishop scheint sich auch nicht unbedingt auszuruhen.


Wir haben es hier also diesmal mit zwei Fällen, sprich zwei Handlungssträngen zu tun und lesen aus mehreren Perspektiven.
Der erste Handlungsstrang verfolgt den aktuellen Fall, wobei wir dem Ermittler-Team über die Schulter blicken, Einsicht in die verstörende Perspektive des Täters, sowie die der Opfer erhalten. Vor allem Letztere sind beklemmend und stecken voller Angst. Man leidet mit ihnen, zittert mit ihnen vor Kälte und Angst und driftet auch mit ihnen in die erlösende Dunkelheit.
Bei mir kam aber auch Mitleid mit dem Täter auf, denn dieser ist auf der Suche nach etwas und scheint nicht von grundauf böse zu sein, obwohl seine Taten eine ganz andere Sprache sprechen. Somit war ich hin und hergerissen.

"Die Insekten fraßen seine Gedanken. Das wusste er jetzt. Sie ernährten sich von seinem Gedächnis. Nur deshalb hatte er solche Probleme, sich zu erinnern. Sie fraßen, vermehrten sich, und je zahlreicher sie wurden, umso mehr juckte es - erst waren es nur wenige gewesen, inzwischen waren es unzählige."
(S. 353)


Der zweite Handlungsstrang beschäftigt sich mit der Suche nach dem 4MK und hierbei lesen wir nicht nur aus Sam Porters Sicht, sondern auch aus der Perspektive von Special Agent Pole vom FBI. Dieser ist einer der wenigen, der auf Porter und dessen Bauchgefühl hört. Im Gegensatz zu ihm versucht er Bishop jedoch auf offiziellem und legalem Weg aufzustöbern.
Hierbei kommt es zu einer wahren Schnitzeljagd, denn Bishop liebt Rätsel und andere auf falsche Fährten zu führen, während er die Strippen in der Hand hält. Des Weiteren bekommen wir auch wieder Einblick in seine Tagebücher.

"Die Elektroden des Elektroschockers bissen sie in den Nacken - zwei Metallzähne, die so unerträglich wehltaten, dass es ihr schier durch jede Faser schnitt, als glitte eine KLinge von ihren Zehen bis in die Fingerspitzen. Sie verdrehte die Augen, und die Beine gaben unter ihr nach. Binnen eines Wimpernschlags war ihr Schrei verstummt, und um sie herum wurde es still."
(S. 86)


Dieser Band ist ein absoluter Pageturner und von Anfang bis Ende mit überraschenden Wendungen gespickt. Eine Story, welche spannend, brutal und verstörend ist, trifft auf Sprachgewalt, welche für diesen Autor typisch ist. J.D. Barker schafft es in Bezug auf Folter- und Tötungsmethoden, sowie bezüglich Wendungen den ersten Band zu toppen - alles noch ausgefeilter und noch komplexer, sodass man bis zum Ende hin nicht weiß wohin er uns führen möchte.

Die Figuren sind hervorragend gezeichnet und sie laden einen regelrecht ein mit ihnen zu gehen. Vor allem, wenn man aus der Sicht der Ermittler liest, hat man das Gefühl selbst ein Teil des Teams zu sein. Dies wird vor allem durch so manche witzigen und typischen Dialoge zwischen den Kollegen begünstigt, bei denen man merkt, dass sie schon lange zusammenarbeiten und einen vertrauten Umgangston pflegen. Hierbei hat man also auch durchaus Grund zwischendurch zu schmunzeln.

"Hier sind die Leute so arm, dass sie ihr Müsli mit der Gabel essen, um Milch zu sparen. Und für eine Schießerei im Vorbeifahren nehmen sie den Bus."
(S. 274)


Am Ende schafft es der Autor die beiden Fälle auf spektakuläre Weise miteinander zu verweben und nicht selten blieb mir vor Überraschung die Spucke weg.
Wie nicht anders zu erwarten, endet auch dieser Band mit einem verdammt miesen Cliffhanger, denn Bishop ist noch lange nicht fertig und scheint erst so richtig warm zu werden. Manchen könnte das Ende also sauer aufstoßen und auch ich raufte mir die Haare, jedoch mit einem fiesen Lächeln im Gesicht. Immerhin bedeutet das, dass der Autor noch lange nicht mit Porter und Bishop fertig ist.

Fazit:
War ich vom 1. Band schon begeistert, so bin ich von diesem hier regelrecht überwältigt.
Dieses Buch wurde zu einem der wenigen, die mich vor Spannung nicht schlafen ließen, selbst wenn ich am nächsten Tag früh aufstehen musste. Das lag natürlich auch an den kurzen Kapiteln, welche immer mit einem Cliffhanger enden. Hierbei sollte man anmerken, dass J.D. Barker wahrlich the Master of Cliffhanger ist, der selbst mich vergessen ließ an meinem Kaffee zu nippen.
Tja, und nun hoffe ich, dass der. 3. Teil so schnell als möglich erscheint, denn die Spannung wie es weitergeht ist kaum auszuhalten.

© Pink Anemone (inkl. Leseprobe, Lese-Soundtrack und Autoren-Info)


Veröffentlicht am 19.08.2019

Skandinavische Melancholie trifft auf spannende Abenteuer im alten Ägypten

Sinuhe der Ägypter
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In der Einsamkeit der Verbannung, erfüllt von der Sehnsucht nach seiner Heimatstadt Theben, schreibt der ägyptische Arzt Sinuhe (1390 bis 1335 v. Chr.) die Geschichte seines bewegten Lebens nieder: von ...

In der Einsamkeit der Verbannung, erfüllt von der Sehnsucht nach seiner Heimatstadt Theben, schreibt der ägyptische Arzt Sinuhe (1390 bis 1335 v. Chr.) die Geschichte seines bewegten Lebens nieder: von der Kindheit in einfachen Verhältnissen über eine Karriere als Leibarzt des Pharaos und abenteuerliche Reisen in alle Länder Kleinasiens bis hin zur Verbannung aus Ägypten. Sinuhes Lebensgeschichte ist zugleich eine farbenprächtige Kultur- und Sittengeschichte des östlichen Mittelmeerraums zur Zeit der Pharaonen... (Klappentext)

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"Dann zog er sich das Gewand über den Kopf, um die Bäume nicht mehr sehen zu müssen. Ich aber dachte bei dem erhabenen Rauschen der Zedern, dass es sich allein um dieses Rauschens willen gelohnt hatte, zu dieser langen Reise aufzubrechen."
(S. 273)


Sinuhe, ein alter Mann und ägyptischer Arzt ist es leid Götter anzubeten, die doch nie helfen, Pharaonen zu huldigen, welche nur die eigene Macht im Auge haben und er ist es leid sich mit Menschen zu befassen, die diese Götter anbeten und ebenso falsch wie die Pharaonen sind.
Er sitzt in der Verbannung und ist sich seiner Sterblichkeit bewusst, welche wohl nicht mehr lange auf sich warten lässt und blickt auf sein äußerst bewegtes Leben zurück.
Genau dieses schreibt er nun nieder, denn Zeit hat er ja genug, vom nahenden Tod einmal abgesehen. Er schreibt dies nieder, um noch einmal alles Revue passieren zu lassen, sich zu erinnern, an die guten und die schlechten Zeiten und das einzig nur für sich. Mit ihm blicken wir in seine Vergangenheit, wie aus einem kleinen Jungen aus einfachen Verhältnissen ein hochangesehener Arzt wird, bereisen mit ihm ferne Länder voller Gefahren, lernen Könige und Götter kennen und schmeißen uns kopflos in Abenteuer und in das ein oder andere Bett.

Dies alles spielt sich zwischen 1390 und 1335 vor Christus ab und man begibt sich in die Welt der Ägypter und Pharaonen, lernt ihre Sitten und Bräuche, ihre Kultur und ihren Glauben kennen, umgeben von dichter Atmosphäre, welche einem Bilder im Kopf entstehen lässt und man alles so sieht, als hätte man es direkt vor seinen Augen. Und man sieht allerhand.
Man besucht mit Sinuhe den Pharao, um dem königlichen Schädelöffner bei seiner Arbeit zu assistieren, man begibt sich in den Tempel des Todes, um das Handwerk des Einbalsamierers zu erlernen. Man verfällt einer Priesterin der Göttin Bast, um von ihr ins Unglück gestürzt zu werden, begibt sich nach Kreta und betritt das Labyrint des Stiergottes Minotaurus und ist dabei, wenn Gott Ammon von Gott Atos verdrängt wird, und noch so viel mehr.

"In Syrien war also ein Krieg ausgebrochen, und ich hatte noch nie einen Krieg erlebt. Deshalb machte ich mich auf zu den Truppen des Pharaos, denn auch ich wollte den Krieg erleben, um zu sehen, ob er mir etwas zu sagen hatte, und um die Wunden zu erforschen, die durch Schlagwaffen und Kriegskeulen entstanden."
(S. 233)


So manches ist grauenhaft und unvorstellbar, anderes wieder wunderschön und lässt einem an die Märchen von Tausendundeine Nacht denken. Manches ist traurig, manches ist amüsant, vieles ist spannend oder einfach schön und entspannend zu lesen. Doch immer schwingt eine leise Melancholie und Weisheit mit und begleitet einen durch die Geschichte.
Im Verlauf der Geschichte ist auch die Entwicklung des Protagonisten zu beobachten. Möchte man ihn anfangs aufgrund seiner Naivität, Prahlerei und manchmal auch aufgrund seiner Dummheit kräftig durchschütteln, so wächst er mit jedem seiner Abenteuer bis man schließlich einen weisen alten Mann vor sich hat.

Waltari erschuf mit diesem Werk 1945 ein Kultur- und Sittengemälde des vorchristlichen Orients und bedient sich dabei eines ganz besonderen literarischen Stils. Dieser ist nämlich eine Mischung aus Nüchternheit, Melancholie und Spannung.
Durch den einäugigen Sklaven Kaptah, welcher Sinuhe jahrzehntelang begleitet, ist die Geschichte auch von subtilem und trockenem Humor durchzogen. Man hat hier also durchaus auch einiges zu schmunzeln.
Waltari bedient sich aber auch gleichzeitig einer eher einfachen und schnörkellosen Sprache. Ausufernde Settingbeschreibungen sucht man hier vergebens und trotzdem schafft es der Autor eine dichte Atmosphäre zu erschaffen, welche einem beim Lesen völlig in das alte Ägypten eintauchten lässt.

"Fern in der Wüste heulten die Schakale, sodass ich wusste, dass Anubis in der Wüste umherschweifte, sich um meine Eltern kümmern und sie auf ihrer letzten Reise geleiten würde."
(S. 194)


Was noch eine zusätzliche und vor allem interessante Erwähnung wert ist, ist, dass sich Waltari zu diesem Werk durch "Die Geschichte von Sinuhe" inspirieren ließ. Dies ist ein altägyptischer Text, der als eines der ältesten literarischen Werke gilt, stammt dieser immerhin aus der Zeit des Pharaos Amenuemhets I. , des Begründers der 12. Dynastie und somit aus dem 20. Jahrhundert vor Christus (Quelle: Wikipedia)

Das vorliegende Buch, welches 2014 erschien, ist übrigens die erste ungekürzte, direkt aus dem finnischen Original übersetzte Ausgabe. Bis dahin erfolgte die Übersetzung aus dem Schwedischen und hierbei handelte es sich bereits um eine gekürzte Fassung, welche dann nochmals für die deutsche Übersetzung gekürzt wurde.

"Doch wenn es einem so bestimmt ist, gehört zum Mann-Sein auch die Einsamkeit. Aber anders als andere brauchte ich nicht erst in sie hineinzuwachsen, denn ich war von Kindesbeinen an alleine gewesen und ein Fremder auf der Welt, seit ich einst in einem Binsenboot ans Ufer des Nils gebracht worden bin. Die Einsamkeit war mir seit jeher wie ein Heim und ein Bett im Dunklen."
(S. 453)


Fazit:
Das Buch begleitete mich zwei Wochen und ließ mich somit zwei Wochen in das alte Ägypten abtauchen. Trotzdem es ein Wälzer von knapp 1100 Seiten ist, wäre ich noch zu gerne länger bei Sinuhe verweilt und hatte so gar keine Lust daraus aufzutauchen. Daran kann man wohl sehr gut erkennen, wie sehr mich dieses Buch begeistern konnte.
Natürlich gibt es die ein oder andere Länge, aber hier überwiegen vor allem Atmosphäre und Spannung, welche mich an das Buch fesselten.
Zieht also Eure besten Sandalen an, hisst die Flagge so manchen Schiffes und begebt Euch mit Sinuhe in das Reich der Pharaonen. Genießt die Gefahren ebenso, wie die üppige Farbenpracht des Orients und kostet von der Weihseit eines alten Mannes, der alles hat und doch alles verlor.

© Pink Anemone (inkl. Leseprobe, Hörbuch-Trailer, Lese-Soundtrack und Originaltrailer zum Film aus dem Jahr 1956)