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Veröffentlicht am 07.01.2020

Der Lemming zappelt im Netz

Im Netz des Lemming
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Der Lemming war früher bei der Polizei, bevor er aus nicht bekannten Gründen entlassen wurde. Jetzt ist er ein mittelalterlicher Mann, für den das Internet Neuland ist und der ein bisschen mit dem Chatspeak ...

Der Lemming war früher bei der Polizei, bevor er aus nicht bekannten Gründen entlassen wurde. Jetzt ist er ein mittelalterlicher Mann, für den das Internet Neuland ist und der ein bisschen mit dem Chatspeak seines elfjährigen Sohnes überfordert ist. Als dieser eines Tages einen Schulkameraden mit nach Hause bringt, passiert etwas Unfassbares: Als sich der Lemming auf den Weg zur Arbeit macht, sitzt er in derselben Tram wie der Junge. Er bekommt mit, dass eine Handynachricht ihn völlig aus der Bahn wirft - sowohl im übertragenen als auch wörtlichen Sinne. Als der Junge kopflos davonstürmt, rennt der Lemming hinterher, kann aber nicht verhindern, wie sich der Junge selbst umbringt. Und damit geht es erst los: Auf den Lemming prasselt ein Shitstorm ohnegleichen ein und er verliert sogar seinen Job. Zusammen mit seinem Freund, einem ebenfalls suspendierten Inspektor, geht er der Sache auf den Grund.

Die große Stärke dieses Buches ist nicht, dass es einen megakomplizierten Plot entwickelt, sondern dass hier die Gefahren, die das Internet auch und gerade für Jugendliche birgt, aufzeigt, ohne den Zeigefinger zu erheben. Man erlebt hautnah mit, wie einfach es ist, mit ein paar gezielten Provokationen den Zorn der Masse überkochen zu lassen, und jeder, der schon mal Kommentare unter Zeitungsartikeln betreffend Flüchtlingen gelesen hat, weiß, wovon ich spreche. Dieser ungefilterte Hass, diese Boshaftigkeit, diese scheinbare Anonymität im Netz, sie bergen Gefahren, die gerade Kinder überhaupt nicht überreißen können. Dass hier auch sehr fein verwoben politische Entscheidungen und Meinungen transportiert werden, die ich genauso empfinde, ist ein Zusatzbonus. Anfangs fand ich es ein wenig übertrieben, wie dumm sich der Lemming in Bezug aufs Internet anstellt, aber die Geschichte reißt es im Verlauf wieder raus. Und ich finde wirklich, man sollte es als Schullektüre verwenden, da hier unglaublich gut die zweifelhaften Motive der Regierungen gerade unserer beiden Staaten - Deutschland und Österreich - aufs Korn genommen werden.

Veröffentlicht am 06.01.2020

Kristallklar

Falling Skye (Bd. 1)
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Amerika ist gläsern. Vor fünf Jahren, nach einigen katastrophalen Regierungsentscheidungen, wurde das durchgesetzt. Die Menschen werden in zwei Gruppen eingeteilt - die Rationalen und die Emotionalen. ...

Amerika ist gläsern. Vor fünf Jahren, nach einigen katastrophalen Regierungsentscheidungen, wurde das durchgesetzt. Die Menschen werden in zwei Gruppen eingeteilt - die Rationalen und die Emotionalen. Es heißt, dann gibt es nur noch diese beiden Klassen, kein Grund mehr, sich wegen Religion, Rasse oder Geschlecht zu bekämpfen. Die knapp sechzehnjährige Skye ist davon überzeugt, eine Rationale zu sein. Doch selbst sie ist nicht auf die psychologisch bösartigen Tests gefasst, die schließlich durchgeführt werden. Wenn ihr nicht einer der Testleiter helfen würde, sähe sie bald ziemlich schlecht aus. Doch was führt er im Schilde? Und was passiert mit all den Leuten, die es auf der Rangliste nicht nach oben schaffen? Als Skye dahinterkommt, muss sie sich entscheiden - für den einfachen oder den richtigen Weg.

Mir gefällt die Ausgangsbasis, denn die ist gar nicht mal so unrealistisch. Doch mit der Umsetzung bin ich nicht ganz glücklich. Ich finde, für das "große Geheimnis", das zum Schluss gelüftet wurde, hat man viel zu viel und vor allem finanziell übertriebenen Aufwand betrieben. Wenn man so eine Manipulation durchführen möchte, wäre das einfacher zu erreichen. Davon abgesehen gab es mir zu viel Teeniedrama, alles schon tausendmal gesehen und gelesen. Für so eine junge Autorin war der Schreibstil sehr gut, aber sie darf ruhig ein wenig mutiger werden und auf die gängigen Klischees verzichten.

Veröffentlicht am 05.01.2020

Vom Weg abgekommen

Der Atem einer anderen Welt
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Eleanor Wests Haus für Kinder auf Abwegen ist etwas Besonderes. Hier werden Kinder aufgenommen, die Außergewöhnliches erlebt haben, deren Eltern aber glauben, sie haben eine psychische Störung. Doch schon ...

Eleanor Wests Haus für Kinder auf Abwegen ist etwas Besonderes. Hier werden Kinder aufgenommen, die Außergewöhnliches erlebt haben, deren Eltern aber glauben, sie haben eine psychische Störung. Doch schon immer sind Kinder hinter Spiegel gestolpert, durch Schränke gegangen, in anderen Welten gelandet. Schon immer kamen sie wieder zurück und erzählten davon. Sehnten sich zurück in ihre wirkliche Heimat, denn kein Kind gelangt in eine Welt, die nicht perfekt für es ist. In Eleanors Haus können sie sich ausruhen und darauf warten, dass sich wieder eine Tür für sie öffnet und niemand hält sie für krank oder seltsam. Oder nur ein bisschen, denn die Welten unterscheiden sich schon sehr.

Ich habe bestimmt etwas ganz anderes erwartet und so hat mich das Buch gerade zu Beginn sehr irritiert. Es waren teilweise so gar andere Welten, die beschrieben worden und ich konnte oft nicht nachvollziehen, was die Kinder wieder dorthin zurückzieht. Aber es ist, wie es ist, jeder Mensch ist anders und was dem einen passt, muss dem anderen noch lange nicht gefallen. Toleranz ist da das Zauberwort. Im Gegensatz zu vielen Thrillern oder Horrorbüchern habe ich mich gerade in der ersten Geschichte manchmal ganz schön gegruselt. Überhaupt sollte man wissen, dass das Buch keine durchgehende Geschichte ist, sondern aus drei Teilen besteht, die zwar irgendwie zusammengehören, aber keine stringente Story ergeben. Trotzdem oder vielleicht auch deshalb ist das ein Buch, das mir noch eine ganz schöne Zeit im Kopf herumgehen wird.

Veröffentlicht am 02.01.2020

Auf der Strecke geblieben

Mord erster Klasse
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Nach den besorgniserregenden Vorfällen in den Osterferien in Daisys Elternhaus hat Hazels Vater beschlossen, die beiden Mädchen in den Sommerferien auf eine besondere Reise mitzunehmen. Eine, auf der garantiert ...

Nach den besorgniserregenden Vorfällen in den Osterferien in Daisys Elternhaus hat Hazels Vater beschlossen, die beiden Mädchen in den Sommerferien auf eine besondere Reise mitzunehmen. Eine, auf der garantiert nichts passieren kann und sie nichts mit dem undamenhaften Detektivspielen zu tun kriegen. Mit dem Orientexpress nach Istanbul! Doch hätte Hazels Vater dieselben Bücher gelesen wie Daisy, hätte er gewusst, dass gerade im Orientexpress Mord keine Ausnahme ist. Und schon stecken die beiden Mädchen in einem Spionage- und Mordfall, immer behindert durch die Enge und Mr Wong, der ein scharfes Auge auf sie hält.

Die Wells & Wong Fälle sind richtige Wohlfühlkrimis, in die man beruhigt eintauchen darf. Wer die beiden Mädchen aus den vorherigen Büchern kennt, weiß, was ihn erwartet, und bekommt das auch. Ich mag das etwas Betuchliche, das auch der Zeit (1936) geschuldet ist. Gleichzeitig gibt es schon einen ersten Ausblick auf das, was die Nazis anstellen und lässt eine unbestimmte Bedrohung aufkommen, auch wenn das weder Daisy noch Hazel jetzt interessiert. Sie gehen mit viel Eifer und Cleverness auf die Spur der Täter und lassen sich auch von Rückschlägen nicht beirren. Das Einzige, was mir nicht wirklich gefallen hat, war, wie schnell zum Schluss die Geständnisse kamen. Zwar wusste ich (wie wohl jeder Krimifan) von Anfang an, wer der Täter sein musste, aber richtig gute Beweise dafür gab's nicht, von daher hätten sie einfach dichtmachen und schweigen sollen. Andererseits ist das natürlich ein Jugendkrimi und ohne Happy End doof. Macht auf jeden Fall Spaß, eine Reihe, die ich weiterverfolgen werde.

Veröffentlicht am 31.12.2019

Die Drachentöterin und der Sklave

Iskari - Der Sturm naht
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Dass ihre Heimatstadt einst von Drachen und ihrem Feuer vernichtet wurde, ist allein Ashas Schuld. Sie hat sich als Kind immer hinausgeschlichen und den Drachen Geschichten erzählt. Mächtige, böse Geschichten, ...

Dass ihre Heimatstadt einst von Drachen und ihrem Feuer vernichtet wurde, ist allein Ashas Schuld. Sie hat sich als Kind immer hinausgeschlichen und den Drachen Geschichten erzählt. Mächtige, böse Geschichten, die nicht umsonst verboten waren, denn sie sind gefährlich. Um zu sühnen hat Asha daher die Aufgabe übernommen, Drachen zu jagen und zu töten, nur den einen, der dafür verantwortlich war, der böseste und älteste, Kozu, den hat sie nicht finden und besiegen können. Und jetzt stellt ihr Vater ihr auch noch ein Ultimatum: Entweder sie erlegt Kozu oder heiratet den von ihr verhassten Kommandanten Jarek, einen Sadisten, der die Truppen des Königs, ihres Vaters, anführt.

Einige Rezensenten meinten, die Protagonistin wäre dumm und hätte viel eher hinter all die Komplotte kommen müssen. Ausnahmsweise bin ich nicht der Meinung; sie bekam - als sie sich nicht erinnern konnte - eine Geschichte von jemandem erzählt, der keinen Grund hatte, sie anzulügen bzw. von dem sie das glaubte. Das zum ersten. Auch dass sie hochnäsig und gerade den Versklavten gegenüber ungnädig war, fand ich erziehungskonform. Wenn man so aufwächst, warum sollte man sich anders verhalten als Asha aka die Iskari? Nein, das war es gar nicht mal so, was mich störte. Vielmehr dass es wieder ein völlig vorhersehbares Loveinterest gab zum Beispiel. Und die üblichen Gut-gegen-Böse-Mächte. Aber was aus einer 3,5 - 4 Punktestory nur noch eine durchschnittliche Geschichte machte, war, wie sich die Drachen entwickelten. Zuerst die gefährlichen, gejagten, mächtigen Kreaturen wandeln sie sich nach kurzer Zeit zu sklavisch ergebenen fliegenden Hündchen. Fand ich traurig und auch nicht nachvollziehbar, gerade gegenüber Asha nicht. So war es zwar eine meist unterhaltsame, aber keine herausragende Lektüre.