Eine Entwicklungsgeschichte in der Tradition eines Hermann Hesse
Unsichtbare ZügelIn Christa Gießlers 420 Seiten umfassendem, teils fiktivem, teils autobiografischem Roman „Unsichtbare Zügel“ kommt Vieles zusammen: die eng mit einer übermächtigen Großvaterpersönlichkeit verknüpfte Lebensgeschichte ...
In Christa Gießlers 420 Seiten umfassendem, teils fiktivem, teils autobiografischem Roman „Unsichtbare Zügel“ kommt Vieles zusammen: die eng mit einer übermächtigen Großvaterpersönlichkeit verknüpfte Lebensgeschichte der Protagonistin Hannelore Münch von ihrer Kindheit bis in die Jetztzeit hinein, eine bildgewaltige Beschreibung des dörflichen Lebens im Sachsen-Anhalt der 50er- und 60er-Jahre und seinen eigenwillig-knorrigen Menschen, dem DDR-Alltag mit seinen alles Vorherige vereinnahmenden (LPGs) Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften und der starren politischen Führung, die großen strukturellen Brüche nach der Wende 1989. Und im Mittelpunkt Hannelore Münch, das Großvaterkind, die aufmüpfig-Widerspenstige, Intellektuelle, akademisch Erfolgreiche, politisch Engagierte, aber längst nicht in allen Bereichen Glückvolle. Ihr privates Wohlergehen gerät immer wieder unter die Räder und führt sie in den 90er-Jahren in den Westen, wo neue Stolperfallen eine berufliche und private Kontinuität verhindern. Christa Gießlers Buch „Unsichtbare Zügel“ umfasst drei Großkapitel, wobei die ersten beiden bereits 1987 in der DDR erschienen sind und dort in zwei Auflagen mit großem Interesse rezipiert wurden. Der Roman endete damals, als Hannelore Münch 21 Jahre alt war. Inzwischen ist sie 66 Jahre alt, und die Autorin gewährt im dritten, 2020 neu geschriebenen Teil, Einblicke in ihr seitheriges Leben. Das Buch ist sprachlich sehr geschmeidig und gut lesbar geschrieben, die Handlung überrascht an vielen Stellen mit unerwarteten Wendungen und bleibt untrennbar verknüpft mit der holprigen Zeitgeschichte Ostdeutschlands in den vergangenen knapp 70 Jahren. Die Liebe bleibt, neben ihren vielfältigen Interessen und Beschäftigungen, bis zum Ende der Erzählung Hannelore Münchs eigentliches Thema. Ob es am Ende eine dauerhafte, beständige Beziehung für sie geben wird, bleibt unbeantwortet.
Der Entwicklungsroman steht ganz in der Tradition eines Hermann Hesse oder Max Frisch, beschreibt er doch die geistig-seelische Entwicklung einer zentralen Figur in der Auseinandersetzung mit sich selbst und ihrer Umwelt. Ein starkes Buch!