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Veröffentlicht am 04.12.2019

Fanatiker haben keinen Humor

Der Scherz
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Am 28. November 2019 wurde Milan Kundera wieder tschechischer Staatsbürger – 40 Jahre, nachdem ihn die Staats- und Parteiführung der CSSR ausgebürgert hatte, weil sich der Schriftsteller des wiederholten ...

Am 28. November 2019 wurde Milan Kundera wieder tschechischer Staatsbürger – 40 Jahre, nachdem ihn die Staats- und Parteiführung der CSSR ausgebürgert hatte, weil sich der Schriftsteller des wiederholten antikommunistischen Dissidententums schuldig gemacht hatte. Mit einem völlig ahnungslosen Gespür für den richtigen Zeitpunkt war dies genau der Tag, an dem ich den „Scherz“ von Kundera ausgelesen hatte – sein Erstling, für den ihn die Parteiführung aber wahrscheinlich auch schon hätte aus dem Land werfen mögen.

„Der Scherz“ ist eine aus der Laune heraus abgesendete Postkarte des aktivistischen Studenten Ludvik, der damit eigentlich die Hundertfünzigprozentige Markéta provozieren wollte, aber eigentlich nur sein eigenes Leben zerstörte: Von der Uni, aus der Partei und ins Arbeitslager geworfen, landet Ludvik sogar im Gefängnis, weil er nicht begriffen hatte, dass der kommunistische Aufbruch der tschechoslowakischen Gesellschaft etwas Totalitäres hatte. Und Fanatiker wie Totalitaristen haben eines gemeinsam: Sie verstehen absolut keinen Spaß. Ludvik kann sich damit nicht abfinden und hegt einen Hass auf jene, die ihn weiland verstießen. Um diesen Hass in Rache zu verwandeln, verabredet er sich mit Helena in seiner Geburtsstadt, wo er sich an ihr stellevertretend für ihren Gatten rächen will. Kein schöner Zug – wie überhaupt Ludvik kein Sympath ist. Einerseits erregt sein Schicksal in der kommunistischen Unterdrückungswelt der 1950er Jahre das Mitleid des Lesers, immerhin fühlt man seine Machtlosigkeit angesichts des Apparats, den andere besser bedienen können. Anderseits ist Ludvik ein gnadenloser Egoist – was ironischerweise sogar einer der Parteivorwürfe gegen ihn ist.

Von den letzten zwanzig Jahren zwischen Ludviks „Scherz“ und der Handlung in seiner Geburtsstadt erzählen sieben Kapitel, die aus der Sicht von Ludvik, Helena, Jaroslaw und Kostka geschrieben sind. Geschickt komponiert Kundera die Sichtweisen der handelnden zusammen – oder besser: gegeneinander. Man versteht, dass Jaroslaw, der idealistische Volksmusiker, der nach dem Urgrund der tschechoslowakischen Seele tauchen will, und Ludvik Gegenpole ein und desselben individuellen Scheiterns im falsch aufgezogenen Kommunismus sind. Helena und Kostka hingegen finden ihre Nischen und dort so etwas wie Glück: in Naivität oder festem Christenglauben.

Kunderas Roman erschlägt einen fast mit seiner Dichtigkeit: Man hat das Gefühl, zwischen den Zeilen und Worten sei gar kein Platz mehr für etwas anderes. Wie eine feste Walze überfährt einen die Erzählung bunt, gnadenlos, empathisch, gefühlvoll und klug. Nach der „Unerträglichen Leichtigkeit des Seins“ ist dies meine zweite Kundera-Erfahrung, die ich noch weitaus intensiver empfand.

Dennoch ziehe ich einen Stern von der Wertung ab, weil mir die Frauenfiguren nicht gefallen. Alle – Lucie, Helena, Jaroslaws Frau Vlasta – sind schwach und dienen den handelnden Männern stets dazu, sich als Beschützer, Retter oder Gestalter ihrer eignen, männlichen Welt aufzuspielen. Möglicherweise schimmert hier die virile Welt der Altvorderen noch hindurch?

„Der Scherz“ jedenfalls meint es ernst und geht unter die Haut.

Veröffentlicht am 04.12.2019

Thorson und Flóvent, Klappe die dritte

Graue Nächte
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Mit „Graue Nächte“ ermitteln zum dritten Mal Thorson und Flóvent im Reykjavik der 1940er Jahre. Diesmal führt das Verbrechen den Militärermittler und den isländischen Kriminalpolizisten in das Milieu der ...

Mit „Graue Nächte“ ermitteln zum dritten Mal Thorson und Flóvent im Reykjavik der 1940er Jahre. Diesmal führt das Verbrechen den Militärermittler und den isländischen Kriminalpolizisten in das Milieu der halblegalen Kaschemmen der amerikanischen Soldaten, wo zwischen Prostitution, Alkohol und Homosexualität ein junger Mann brutal ermordet wird und ein leichtes Mädchen verschwindet. Überdies entpuppt sich ein Selbstmord als Mord - aber nicht gleichzeitig.

Dass die beiden Geschichten, die sich in „Falcon Point“ verhaken, um einen großen Zeitraum versetzt erzählt werden, ist der Clou des Romans: Denn erst allmählich begreift man beim Lesen, dass die wechselnd verschränkten Kapitel sich offenbar um Monate versetzt abspielen. das hat mir gefallen innerhalb dieser eher konventionellen Krimihandlung, an der nichts falsch, aber auch nichts gigantisch richtig ist. Missfallen hat mir nur, dass der ganze Nazi-Kontext, der angesichts der Verknüpfungen zur Thule-Gesellschaft interessant hätte werden können, eigentlich entbehrliche Kulisse ist. Gerade als deutscher Leser hätte ich mir hier mehr Tiefgang gewünscht.

Unter dem Strich grundsolide.

Veröffentlicht am 19.11.2019

Im Stakkato zerstottert

Das Singen der Sirenen
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Eines sollte man aus der Odyssee gelernt haben: Die Sirenen sollte man besser nicht singen hören. Wildenhains Sirenengesang hätte ich mir auch lieber gespart: Sein sprachlich experimenteller, in eigenwilligen ...

Eines sollte man aus der Odyssee gelernt haben: Die Sirenen sollte man besser nicht singen hören. Wildenhains Sirenengesang hätte ich mir auch lieber gespart: Sein sprachlich experimenteller, in eigenwilligen Splittern dahingeschepperter Roman hat mich genervt. Statt der Ohren wollte ich mir die Augen zuhalten (um im homerischen Bild zu bleiben).

Den Klappentext kann man lesen, ich spar mir die Inhaltsangabe. Auch deshalb, weil sie wenig mit dem zu tun hat, was mir der Roman vermittelt hat. Jörg Krippen, der Literaturwissenschaftler auf Dozentur in London, ist ein Lappen; seine Frauenbeziehungen sind eskapistische Midlifecrisis-Erscheinungen; Berlin ist ein Scherbenhaufen aller Insiderorte, die nicht „in“ sind, die nur dem ein Begriff sind, der Berlin sehr, sehr gut kennt. Zum Beispiel: „Blick über das RAW in Schöneweide“. Wer weiß denn außerhalb des VEB-Kiezes in Schweineöde, dass damit das Reichsbahnausbesserungswerk gemeint ist?

Am unangenehmsten hat mich die Sprache getroffen: Wildenhain verweigert sich einem Erzählfluss. Er probiert sprachlich aus, gibt einzelnen Passagen unterschiedliche Tempi, Stile, Tiefen. Herauskommt aber ein experimentelles Durcheinander, das ich nervtötend fand. Substantive werden im Stakkato auf mich abgeschossen, absatzweise wird kein Satz beendet, sondern in der Ellipse erstickt; einander folgende Absätze beginnen gleich - das hat seinen Sinn, stieß mich aber vor allem auf die häufigen Wiederholungen im Text und mir übel auf.

Durcheinander ist auch das Stichwort für das Erzählkonzept Wildenhains, der Zeiten und Szenen in zum Teil Satz auf Satz folgenden Ebenen verschränkt, mischt oder - verwirrt. Auf artifizielle, höchste elaborierte Passagen folgen mitunter provokant geschleuderte Fäkalausdrücke, die kaum zu einander passen. Ich bin überzeugt davon, dass der Autor sehr viel Mühe darauf verwendet hat, so viele Motive, Zeiten, Ideen, Personen und Aussagen gegenüberzustellen und das sicherlich auch kunstvoll nennt. Mir hat es den hinter dem Text liegenden Sinn nicht aufgeschlossen und stattdessen eine etwaige Erzählung buchstäblich in Stücke geschlagen.

Just davor habe ich einen südamerikanischen Meistererzähler gelesen; dafür kann Wildenhain nichts, aber der Kontrast macht mir deutlich, was „Das Singen der Sirenen“ vor allem unterlässt: Geschichten gut zu erzählen.

Veröffentlicht am 13.11.2019

"Liebeskummer führt also zu Hirnschädeln?"

Das böse Mädchen
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Welchen Roman auch immer ich von Mario Vargas Llosa lese – immer begeistert mich seine Fähigkeit, mit Saft und Kraft zu erzählen. Selbst „Das böse Mädchen“ hat mich irgendwann gepackt, obschon ich weder ...

Welchen Roman auch immer ich von Mario Vargas Llosa lese – immer begeistert mich seine Fähigkeit, mit Saft und Kraft zu erzählen. Selbst „Das böse Mädchen“ hat mich irgendwann gepackt, obschon ich weder die lebenslange kitschige Ergebenheit Ricardos noch die eiskalte egoistische Aufstiegsgier des bösen Mädchens besonders anziehend fand. Doch auch ich erlag im Vorbeigang der Seiten der Faszination, die das „böse Mädchen“ umgibt und fieberte der nächsten Begegnung der beiden, der nächsten ungeheuerlichen Trennung entgegen.

Ricardo und Lily stammen beide aus Peru und wachsen dort in kleinen, bürgerlichen Verhältnissen auf. Schon früh allerdings sorgt Lilys Geltungssucht für einen gewaltigen Eklat: Dass sie aus Chile sei, aus gutem Hause zudem, ist nur erfunden! Fortan war die Schülerin aus der Clique verbannt, von der Schule geflohen. Der einzige, der noch zu ihr halten möchte, ist der in sie „wie ein Mondkalb verschossene“ Ricardo – doch kann es nicht: Denn sie ist weg. Dieses Muster – Hochstapelei, Eklat, Verschwinden – wiederholt sich in der großmannssüchtigen, mythomanischen Lebensweise der Gottesanbeterin immer und immer wieder. „Ich werde nie zufrieden sein mit dem, was ich habe. Ich werde immer mehr wollen.“ (S. 83) Auch Ricardos Verzeihen, denn die einzige Konstante im Leben des bösen Mädchens ist die Liebe, Ricardos, die bedingungslos zu sein scheint. Seine Rolle scheint lebenslang zu sein: „Der arme Teufel, der nur lebt, um dich zu begehren und an dich zu denken.“ (S. 175)

Der Roman führt seine beiden Protagonisten an unterschiedliche Schauplätze außerhalb Perus – Paris, London, Tokyo und Madrid – und durch vierzig Jahre ihres Lebens. Doch Ricardo verliert den Kontakt nach Peru nicht, wie auch Vargas Llosa nicht vergisst, an sein Peru zu denken. Immerhin hat der Nobelpreisträger ja sogar einmal versucht, peruanischer Präsident zu werden, weshalb das Gesellschaftliche bei ihm nie ganz fehlen darf.

Das böse Mädchen wechselt im Laufe der Kapitel ihre Identitäten und ihre Namen. Mal ist sie, die als Otilia geboren wurde, Madame Arnaux, dann Ms Richardson, mal Kuriko. Der Erzähler – es ist Ricardo – nennt sie bei ihren neuen Namen, nur die Bezeichnung „böses Mädchen“ bleibt.

Die großen Themen des Romans sind die Frage nach Liebe und Lebensglück – und ob sie zusammenhängen. Mich hat die Dichte der Erzählung beeindruckt, wie auch der ständige Rollenwechsel des bösen Mädchens, zu dem sich Ricardo, „der gute Junge“ stets neu verhalten musste. Was ist Glück? Macht Reichtum glücklich? Führt ein Leben auf Kosten anderer zu einem guten Ende? Der Roman hat hierauf eine eindeutige Antwort. Nicht so eindeutig hingegen ist die Frage beantwortet, ob Liebe die Lösung ist. Oder anders gesagt: „Liebeskummer führt also zu Hirnschädeln“ (S. 367).

Wunderbar erzählte, traurig-schöne Geschichte.

Veröffentlicht am 11.11.2019

Au revoir Tegel - bonjour, Monsieur Kappe!

Au revoir, Tegel
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Der Beton des Flughafens Tegel ist noch nicht ganz trocken - eröffnet wurde er am 1. November 1974 - da kommt zum Nikolaustag die erste Leiche auf dem Kofferband an: Mord. Kappes erster Fall. Peter Kappe ...

Der Beton des Flughafens Tegel ist noch nicht ganz trocken - eröffnet wurde er am 1. November 1974 - da kommt zum Nikolaustag die erste Leiche auf dem Kofferband an: Mord. Kappes erster Fall. Peter Kappe ist schon das dritte Familienmitglied, das in der Reihe „Es geschah in Berlin“ des Jaron-Verlages auf Verbrecherjagd in Berlin geht. Alle zwei Jahre legt ein Kappe einem Verbrecher das Handwerk und darf ein anderer Autor sich ans Werk machen. 1974 übernimmt Bettina Kerwien den Fall und siedelt ihn in Tegel an. „Au revoir, Tegel“ ist ein gut gewählter Schauplatz, da der Flughafen heute, kurz vor seiner endgültigen Schließung, in aller Munde ist. Der Tagesspiegel titelte schon 2012 seinen verfrühten Nachruf auf den Flughafen mit dem gleichen Abschiedsgruß. Doch Tegel ist nicht nur gut gewählt, sondern auch gut beschrieben: Anfang und Ende des Romans werden vor der Kulisse des Flughafens so plastisch inszeniert, dass das markante Sechseck im Stil des modernen Brutalismus zu einem beeindruckenden Nebendarsteller taugt.

Hauptdarsteller ist Peter Kappe, über den ein sehr gelungener Vorspann schon viel verrät, bei dem der junge Kriminalist durch die nächtliche Zone fährt wie David Lynchs Chargen über den Mullholland Drive. Solche eindrücklichen Szenen, bei denen man den kalten Nebel auf der Haut spürt, die Blunabrause auf den Lippen schmeckt oder der Rauch der Ernte 23 in den Augen kneistert, gibt es in Kerwiens Kappe-Debut häufig, und sie sind neben den gepfefferten Dialogen der Autorin ihre große Stärke. Sie setzt die Stadt, ihre Figuren, den Flughafen stets prall und bunt in Szene, oft mit Pointe. Bisweilen geraten die Pointen womöglich zu schrill, mitunter wirkt die Handlung leicht überdreht (Entführung? Überführung? Das hätte man alles auch günstiger haben können) - aber der Rausch des Erzählens hat Kerwien gepackt und reißt den Leser im Rausch der Lektüre mit.

Es macht nichts, wenn man keinen anderen Kappe-Roman kennt: Ich jedenfalls kenne keinen, habe keinen vermisst und finde, dass „Au revoir, Tegel“ auch als Stand-alone ein großes Lesevergnügen ist, das sich insbesondere darin auszeichnet, absolut nach 1974 zu schmecken, ohne dass die Recherchemühen dozentenhaft ausgeklopft werden. Ich muss mir mal noch einen Kappe zu Gemüte führen, vielleicht einen vom Urvater Bosetzky selbst. Ganz sicher aber einen, wenn er wieder von Kerwien kommt.