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Veröffentlicht am 20.04.2021

Iren sind menschlich

Der Abstinent
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Die Geschichte Irlands ist eine Geschichte des Kampfes der Iren mit den Engländern und der Iren gegen die Iren. Ian McGuires kriminalistisch angestrichener Roman springt mitten in diesen Konflikt – wenn ...

Die Geschichte Irlands ist eine Geschichte des Kampfes der Iren mit den Engländern und der Iren gegen die Iren. Ian McGuires kriminalistisch angestrichener Roman springt mitten in diesen Konflikt – wenn auch nicht in Irland, sondern in Manchester. Dort werden drei „Fenians“ aufgeknüpft, irische Untergrundkämpfer, die einen englischen Polizisten umgebracht haben. Dass danach erst recht eine Gewalt wie Pesthauch in den Straßen liegt, ist offenkundig – und McGuires gelingt es wunderbar, diese Stimmung zu vermitteln. Die Handlung spielt also auf einem Pulverfass, zu dem eine Lunte führt, die nur noch angezündet werden muss. Die Handlung: Der irisch-stämmige Polizist James O’Connor soll für die Polizei von Manchester die „Fenians“ im Auge behalten und weitere Gewaltakte verhindern. Die „Fenians“ ihrerseits planen genau diese Gewaltakte und importieren den Spezialisten Stephen Doyle aus Amerika: Ein Profi soll es richten. Das Jäger-und-Gejagte-Spiel umspannt die besseren drei Viertel des Romans und macht auch deshalb Spaß, weil McGuire gleich von Anfang die Rollenverteilung dem Zufall überlässt: Jäger und Gejagter sind O’Connor und Doyle jederzeit beides.

McGuire hat sich für Manchester 1867 als Handlungsort entscheiden, weil sich in den historischen Unruhen zwei topaktuelle Themen wiederfinden: Nationalismus und Terrorismus, wie er im Interview betont. Die Ambivalenz des „Terror“-Begriffs ist ihm gelungen – ursprünglich die Gewaltakte des Staates gegen die Bevölkerung bezeichnend, heute eher die Gewalt von politischen Gruppen gegen den Staat und die Bevölkerung. Auch die Handlung in „Der Abstinent“ ist flott, stimmig und spannend, bis sich nach drei Vierteln die Erzähl- und Stoßrichtung der Handlung ändert, politischer wird und weniger polizeilich. Vom Ende schweige ich hier besser – die Frage, „ob solche Teufelskreise [von Opfer und Gewalt] durchbrochen werden“, wie McGuire seine Motivation im Interview beschreibt, beantwortet er (leider).

Während Setting, Sprache, Stimmung und Handlung überzeugen (mit den o.g. Abstrichen), überzeugen die Hauptfiguren leider nicht. Sie bleiben auf rätselhafte Weise nur „Typen“ und werden keine „Protagonisten“, wie mein Deutschlehrer zu unterscheiden wusste: Typen repräsentieren nur einzelne Charaktermerkmale, Protagonisten sind vielschichtig. Mir erschein das besonders deutlich im Titel, der zwar Bezug nimmt auf die Bemühungen O’Connors, trocken zu bleiben, seinen Alkoholismus aber nur schlecht mit Person, Motivation und Handlung verbindet, obwohl – gute Idee – O’Connors Rückfall einen wichtigen Angelpunkt des Romans darstellt und den Weg „nach unten“ einläutet. Dass O’Connor zwischen den Stühlen sitzt – den Iren ist er Verräter, den Engländern immer nur Ire –, ist McGuire gut gelungen.

Fazit? Kann man lesen, aber besser liest man McGuires „Nordwasser“ – das ist nämlich wirklich genial

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Veröffentlicht am 20.04.2021

Roman nach Erfolgsrezept für Kurzgegartes

Die dritte Frau
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Wolfram Fleischhauer ist zu bewundern, mit welcher Chuzpe er diesen Aufguss seines Romans „Die Purpurlinie“ serviert. Der Autor eben dieser Purpurlinie (Wolfram Fleischhauer in echt), der nie namentlich ...

Wolfram Fleischhauer ist zu bewundern, mit welcher Chuzpe er diesen Aufguss seines Romans „Die Purpurlinie“ serviert. Der Autor eben dieser Purpurlinie (Wolfram Fleischhauer in echt), der nie namentlich genannte Autor-in-der Geschichte, puzzelt erneut am historischen Stoff seines Erstlingswerkes herum, nämlich der Amouren des französischen Königs Henri IV. und seiner nacheinander von eben diesem verlassenen Mätressen Gabrielle d'Estrées und Henriette de Balzac d'Entragues.
Das Rezept für das Funktionieren dieses Romans legt er selbst dar (S. 76 ff.): Der historische Roman sei tot, im Moment liefen nur Thriller, aber „in der Gegenwart bitte sehr, sonst ist es aussichtslos“. Der Held dürfe kein Male sein: „Warum keine Malerin? […] Weibliche Hauptfigur. […] Und eine starke Liebesgeschichte, nicht mehr als hunderttausend Wörter.“ Der Tipp der Lektorin in der Geschichte (eine „lector in fabula“ namens Moran, Anagramm zu Roman, haha!) ist „eine moderne Rahmengeschichte um die Sache“ herum. Außerdem brauche es „eine starke Frauenfigur“. Später (S. 166 f.) sinnieren die starke Frauenfigur Camille Balzac und der Autor-in-der-Geschichte darüber, „ein Roman ohne Liebesgeschichte ist eigentlich kaum vorstellbar sei. Sehr ironisch betont der Autor-in-.der-Geschichte, er gehöre nicht zu den Schriftstellern, die ihr eben in Literatur verwandelten.
Das stimmt freilich. Vermutlich. Auch wenn viele äußere Merkmale des Autors-in-der Geschichte dem wahren Wolfram Fleischhauer ähneln, sollte man sie bitte keinesfalls verwechseln. Ist also sehr ironisch, wie auch der Exkurs über Roland Barthes‘ angesprochenen „Tod des Autors“ (S. 131) – wieder im Gespräch mi der Lektorin Moran, die allesamt als metatextliche Betrachtungen zum allgemeinen Literaturbetrieb amüsant zu lesen sind. Überdies offenbart sich Fleischhauer hier in ironischer Brechung als süffisanter Kommentator seiner selbst.
Am Schluss (S. 262 f.) widmet sich der Autor (in-der-Geschichte?) der Frage, wie sich Text, Autor und Wahrheit zusammenfinden können – und ob es überhaupt klappen kann. Kann sich der Autor Fleischhauer seinen Figuren nähern, oder ist er unfähig, „eine wahrhaftige Beziehung zu einem anderen Menschen einzugehen, eine andere Wirklichkeit als seine eigene leben zu können“? Ist also der ganze Roman „Die dritte Frau“ eine Therapie des beziehungsgestörten Autors(in-der-Geschichte)? Oder eine notwendige Geldbeschaffungsmaßnahme?
Ich weiß es nicht, ich finde allerdings, dass Fleischhauer uns eine Menge exquisiter Zutaten zu einem tollen Roman präsentiert und auch super erzählt (etwa die Gleichnisse zum Autor-Figuren-Wahrheit-Problem in Form eines Nachtfalters, der durch eine Lichtkuppel nicht hindurch kann, weile er die Barriere als solche nicht erkennt; oder die Verletzung des Auges, was den Autor zum Halb-Sehenden macht).
Aber er täuscht nicht darüber hinweg, dass die ganze Stoffmenge für den historischen Roman, die vielen Textschnipsel, die Faksimiles im Buch, die vielen Überlegungen über Henriette, Gabrielle und Henri IV. letztlich nur Würzmittel sind und halbgares Vehikel für eine ebenso halbgare Liebesgeschichte sind, die beiläufig ins Ziel geführt werden. Lediglich Camille Balzac ist eine durch und durch faszinierende Figur, deren rätselhafte Handlungen Spannung bis zum Schluss erzeugen: die dritte Frau nämlich.
Fleischhauer ist zurück in sein Archiv gegangen, aus dem er schon „Die Purpurlinie“ mit offenem Ende gezogen hat, um erneut keine Antworten zu geben. Da der Roman aber wahrscheinlich die von der Lektorin Moran empfohlene Zahl von hunderttausend Wörtern nicht übersteigt, bleibt die Lektüre kurzweilig genug.

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Veröffentlicht am 26.02.2021

Die würdige Aufgabe der Wirklichkeitsflucht

Die unglaublichen Abenteuer von Kavalier & Clay
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Joe Kavalier und Sammy Clay sind zwei sehr verschiedene junge Männer, die Ende der 1930er in das Comic-Geschäft einsteigen, als dort gerade die „Goldenen Jahre“ herrschten. Clay hat den Kopf voller Ideen ...

Joe Kavalier und Sammy Clay sind zwei sehr verschiedene junge Männer, die Ende der 1930er in das Comic-Geschäft einsteigen, als dort gerade die „Goldenen Jahre“ herrschten. Clay hat den Kopf voller Ideen und den Anspruch, diesen Ideen Hand und Fuß zu verleihen. Wenn ein Superheld fliegen können soll, interessiert ihn: Warum kann er das? Ein Beweis durch Behauptung kennzeichnet in seinen Augen Schund, von dem es in der Comicwelt jede Menge gab, je länger, je mehr. Autor Michael Chabon lässt Sammy deshalb im Laufe des Romans immer wieder tolle Comichelden entwerfen, die eine klare Motivation haben, einen nachvollziehbaren Hintergrund und einzigartige Facetten. Das macht sogar Spaß zu lesen, ohne die Bilder sehen zu können.

Sammys Meisterstück ist freilich „Der Eskapist“, ein Entfesselungskünstler der besonderen Art: Zwar steht er auch auf der Bühne mit seiner Kunst, vor allem aber ist sein Auftrag, Menschen aus ihren Fesseln zu befreien, sie aus ihrer Zwangslage zu holen oder ihnen Freiheit zu verschaffen. Der Eskapist ist der Befreier der Versklavten, Unterjochten und Verfolgten.

Dahinter steckt die zweite Hälfte von Kavalier & Clay, nämlich der Zeichner Joe Kavalier, der aus Prag stammt, Zauberer und Entfesselungskünstler werden wollte und die „feinen Künste“ an der Universität studiert hat, bis die Besetzung der Tschechoslowakei durch die Nazis den Juden Josef Kavalier zur Flucht gezwungen haben. Joes Mission ist die Rettung seiner Familie aus den Klauen der Nazis und gleichzeitig der Kampf gegen diese mit den Mitteln des Comics.

Das ist in vielerlei Hinsicht ein geniales Romankonzept, wofür Chabon zurecht den Pulitzerpreis erhalten hat. Denn mit der Figur des Eskapisten ist ein Wesensmerkmal von Comics Gestalt geworden, nämlich die Fähigkeit zur Immersion in eine Erzählwelt (was auch beim Lesen geschehen kann und heutzutage in der virtuellen Realität angestrebt wird). Häufig wird der Begriff „Wirklichkeitsflucht“ hierfür verwendet und sogar abschätzig gemeint, dabei ist die „Freiheit der Phantasie [..] keine Flucht in das Unwirkliche; sie ist Kühnheit und Erfindung“ (Ionesco) oder gar – um es mit Kafka zu sagen: „Das ist Literatur. Flucht vor der Wirklichkeit.“

Joe Kavalier ist als Entfesselungskünstler ausgebildet und entfesselt sich aus der Umklammerung durch die Nazis, um später eine Figur namens „Der Eskapist“ zu kreieren. Genial. Oder um es mit seinen eigenen Worten zu sagen: „Die Flucht vor der Wirklichkeit war in seinen Augen – besonders unmittelbar nach dem Krieg – eine würdige Aufgabe.“ (S. 733) Jos Wirklichkeit ist – wie die seiner jüdischen Zeitgenossen – eine zum Davonlaufenwollen. Die Comicfigur ist aber auch ein Erretter einer ganzen (auch amerikanischen) Generation von ihren Ängsten und Erfahrungen.

Neben der zum Teil tief in die Geschichte des Comics einsteigenden Geschichte dreht sich die Handlung um die beiden Cousins und eine Frau, Rosa Saks, und um das Drama der Familie Kavalier. Die Handlung wird durch die Setzungen der Zeitläufte (Krieg, Senatsanhörung gegen die Verführung Minderjähriger durch Comics) vornagetrieben und durch die Fahler der Protagonisten, die zwei Männer sind, „deren Lösungen ausnahmslos komplizierter oder extremer waren als die Probleme, die ihnen vorausgingen.“ (S. 711) Das ist nicht immer spannend, aber immer lesenswert, so dass am Ende schwer zu sagen ist, warum der Roman 811 Seiten hat.

Eine besondere Gestalt im Roman ist der Golem und gleichzeitig das Bindeglied zum Jüdischen der Geschichte. Zum einen ist der zum Leben erwachte Lehmkörper eine zutiefst mit dem jüdischen Prag verbundene Legende, weshalb seine Rettung vor den Nazis folgerichtig erscheint, zum anderen die die Geschichte des zum Leben erweckten, künstlichen Wesens, dessen Kräfte hilfreich sein sollen, eine Art Vorläufer zur Erfindung von hilfreichen Superhelden. Dass er sich in der ganzen Geschichte nicht abschütteln ließ, unterzieht den Roman mit einem mystischen Bedeutungsfundament.

Keine Angst vor 800 Seiten: Chabons Roman ist ein kluger, humorvoller, tiefsinniger und comic-nerdiger Schmöker.

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Veröffentlicht am 26.02.2021

Brillant analysiert und erschreckend bloßgelegt – die USA und ihre tiefe Spaltung

Der tiefe Graben
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Ezra Klein ist politischer Journalist und begleitet seit Jahren in unterschiedlichen Funktionen auf unterschiedlichen Ebenen die amerikanische Politik – regional wie national. Klein ist Mitbegründer des ...

Ezra Klein ist politischer Journalist und begleitet seit Jahren in unterschiedlichen Funktionen auf unterschiedlichen Ebenen die amerikanische Politik – regional wie national. Klein ist Mitbegründer des Internetportals „Vox“, das sich dem „explanatory journalism, also der erklärenden Berichterstattung verschrieben hat. Oder anders gesagt: Klein weiß, was er tut. Vor allem ist er in der Lage, sich immer wieder neben sich zu stellen und zu erläutern, warum er die Sachlage so und nicht anders interpretiert, weil er selbst selbstverständlich eine Ansicht und politische Neigung hat, die man als Leser immer mitdenken solle. Auch ohne diese metamethodischen Hinweise kommt man recht schnell dahinter, dass Ezra Klein ein demokratischer, eher liberaler Jude ist, zudem Vater und Veganer. Bemerkenswert an der Darstellung Kleins ist allerdings, dass er stets den Eindruck vermittelt, eine erschöpfende Datenlage auf den Tisch zu legen, die ihn von dem Vorwurf der Parteilichkeit weitestgehend freisprechen kann.

Ausgangspunkt der Darstellung ist die Frage, ob die Wahl Donald Trumps 2016 ein Versehen gewesen ist, ein Ausrutscher, der sich durch eine Verkettung unglücklicher Umstände „passiert“ ist, oder ob da etwa mehr hintersteckt. Von hier aus breitet Klein eine faktengesättigte Analyse seines Landes aus, das seit mindestens 20 Jahren tief gespalten ist und durch das „der tiefe Graben“ geht, der dem Buch den Titel gegeben hat. Auslöser für die politischen Verwerfungen macht Klein eine Menge aus – soziographischer Wandel, ökonomische Krisen, Identitätsprobleme, strukturelle Schieflagen. Immer wieder sind es einzelne Ereignisse und Personen, an den Klein Wegpunkte markieren und Abzweigungen festmachen kann, etwa als Präsident Reagan das Gebot ausgewogener Berichterstattung für die Presse aufhebt – das erst machte die tendenziöse „Lügenpresse“ à la Fox News, Breitbart & Co. Möglich – oder die verhängnisvolle Modifikation der Filibuster-Regel, deren Anwendung es der Senatsmehrheit ermöglicht, sogar den Beginn parlamentarischer Debatten zu verhindern – nicht nur den Ausgang per Abstimmung. Auch die Gesetze, die Spenden an Parteien neu regelten, haben einen ähnlich verheerenden Einfluss gehabt.

Zwei Ansätze sind besonders überzeugend, um die Zerrissenheit des Landes zu erklären: Zum einen der psychologische Zugang zum Einzelnen, zum anderen die Auseinandersetzung mit dem Zweiparteiensystem.

Klein zitiert jede Menge psychologischer und soziologischer Studien zu Gruppen verhalten, zu Interessenverschiebungen, zu Vereinzelungs- oder Abstiegsängsten, die deutlich machen, warum die Amerikaner für die Polarisierung ihrer politischen Einstellungen so anfällig sind. Die Studien belegen, wie Rollen bzw. Identitäten sich in den Vordergrund drängen und radikalisieren – nicht nur als Fan einer bestimmten Sportmannschaft oder als Hundehalter, sondern fundamentale Wesensmerkmale wie Mitglied einer bestimmten Rasse, sozialen Schicht oder Inhaber bestimmter rechtlicher Privilegien. Interessanterweise sind die wünschenswerten gesellschaftlichen Veränderungen der letzten 70 Jahre, in denen die USA eigentlich mehr Gleichheit geschaffen heben etwa durch die Aufhebung der rassistischen Gesetze zur Unterdrückung Farbiger, gleichzeitig Angsttreiber bei denen, die sich in ihren gekannten Freiräumen eingeengt fühlen. Gefühlte Herabsetzung ist hier ein >Schlüssel zum Verständnis der Hinwendung zu politischen Scharfmachern, die eine Rückkehr in die heile Welt versprechen. „Make America Great Again“ ist ein Schlachtruf für jene, die unter dem Eindruck stehen, die modernen Entwicklungen hätten sie abgehängt. In dem Augenblick, in dem demokratische Politiker weiter an der Gleichheitsschraube drehen – Spracheregelungen immer wieder auftretende Empörungswellen in den sozialen Medien – werden gleichzeitig auf der Gegenseite Abwehrmechanismen aufgewertet. Polarisierung beginnt und wird verstärkt. Klein zeigt eindrucksvoll, wie sich nach dem kybernetischen Prinzip – je mehr, desto mehr – die Polarisierung selbst bedient und anwächst, sei es durch politische Scharfmacher, sei es durch eine entfesselte Presse, sei es durch Parteimanöver bis in den Supreme Court. Beängstigend daran ist, dass sich hieraus eigentlich kein Ausweg finden ließe außer durch Selbstbeschränkung der Wähler im Kleinen und der Parteirepräsentanten (das sind nicht wirklich Politiker) im Großen. Das wird wohl nicht geschehen, ehe das System implodiert. Klein selbst gibt in seinem letzten Kapitel auch nur unbefriedigende Analyseansätze zur Lösung des Dilemmas.

Die zweite Ursache liegt im Zweiparteiensystem, das ja in seiner Grundkonstellation schon Polarisierung hervorrufen kann. Dass sich diese erst jüngst eingestellt hat, verblüfft, aber hier zeigt Klein sehr anschaulich, wie die Parteiidentitäten bis vor etwa 30 Jahren deutlich überlagert waren von regionalen Identitäten: Die Dixie-Demokraten des Südens haben im Zweifel ihren eigenen Präsidenten auflaufen lassen, wenn es gegen die Interessen der Südstaaten ging. Die Republikaner des mittleren Westens waren selbstredend für ein Krankenversicherungssystem für alle, weil es ihrer regionalen Klientel zugutekam. Wie hier die Identitätstektonik durch Medien und Parteimänöver, durch Migration und ökonomische Entwicklungen in Verschiebung geriet, erläutert Klein auch historisch. Für mich besonders interessant der Erklärungsansatz, dass in einem Zweiparteiensystem die Minderheit, wenn sie einer besonders großen Mehrheit gegenübersteht, zu mehr Kompromissen bereit sein muss, eine Mehrheit hingegen zu mehr Kompromissen bereit sein kann und darf. Erst heutzutage, wo die jeweilige parlamentarische Mehrheit knapp geworden ist und auch auffällig häufig wechselt, stehen die Reihen geschlossen und werden Zugeständnisse nicht mehr gemacht. Überzeugend – und dramatisch. Denn was ist daraus der Ausweg?

Klein widmet der Frage, ob die USA überhaupt demokratisch sind, viele Seiten, und verneint angesichts vieler Phänomene die Antwort. Dass etwa demokratische Präsidentschaftsbewerber systemisch in landesweiten Wahlen an Wahlmännerstimmen unterliegen, obwohl sie die deutliche Mehrheit der Wählerstimmen errungen haben, ist ein solches Phänomen. Auch die parteipolitische Gewissensprüfung, ja ihr parteipolitischer Auftrag für Richter, die ja eigentlich neutral das Gesetz und die Verfassung schützen sollten, gehört dazu oder die demokratiefeindlichen Zuschnitte von Wahlbezirken.

Ezra Kleins Analysen sind fast immer treffend, scharf und überzeugend. Seine Lösungsansätze – und zu mehr ringt er sich auch nicht durch – sind verhalten und eher besorgniserregend schwächlich. Enttäuschend ist, dass er eigentlich zur Fundamentalkritik des Systems USA nicht bereit ist, obwohl er nachweist, das die USA ihre eigene präsidiale Verfassung niemals und nirgendwo installiert haben, wo sie politische Umstürze in Richtung Demokratie herbeigeführt haben. Einen Blick in europäische Mehrparteiensysteme quittiert er mit der unterkomplexen Feststellung, die hätten ja auch massive Probleme, und beschäftigt sich nicht weiter mit dieser verfassungsmäßigen Alternative zum System USA. Vereinfacht gesagt schriebt Ezra Klein die brillante Analyse eines maroden Systems und resümiert: „weiter so, nur netter.“ Das kostet ihn in meiner Beurteilung den fünften Stern, auch wenn „Der tiefe Graben“ das klügste ist, was ich über die USA und Trump gelesen habe.

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Veröffentlicht am 26.02.2021

Affentheater, aber kein bisschen affig!

Sprich mit mir
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T.C. Boyle gehört zu den profiliertesten Autoren der USA, der es versteht, in die Seele und die Abgründe Amerikas zu schauen und literarisch in Szene zu setzen, was schief läuft im Land der unbegrenzten ...

T.C. Boyle gehört zu den profiliertesten Autoren der USA, der es versteht, in die Seele und die Abgründe Amerikas zu schauen und literarisch in Szene zu setzen, was schief läuft im Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Zuwanderung, Fremdenhass, Arbeitslosigkeit, angehängte weiß0e Mittelschicht, Gesundsheitswahn, Bigotterie in der Bewertung von Drogen, gesellschaftliche Ausbrüche der Hippiezeit oder des New Age – in Boyles Romanen findet sich Menschliches, Allzumenschliches. Immer wieder drängt Boyle auch die Frage, wie es um das Verhältnis zwischen Mensch und Natur bestellt ist – ob militante Umweltschützer, weltabgewandte Vogelforscher oder eskalierender Utilitarismus wie zuletzt in den „Terranauten“, wo ein Marsexperiment menschlich daran scheitert, dass Menschen die Menschen vollständig dem „Guten, Wahren, Richtigen“ unterordnen, also der Zweck alle Mittel heiligt, wenn nur der Zweck „gut™“ genug ist.

In „Sprich mit mir“ nähert sich Boyle der Frage, was das Menschliche im Menschen ist, und was davon womöglich in unserem nächsten Verwandten wiederzufinden ist – im Affen. Das Arrangement des Romans entspricht dem Versuchsaufbau des Professors Guy Schermerhorn, der den Schimpansen Sam wie einen Menschenjungen aufzieht und ihn so zu einem umgekehrten Mowgli machen möchte: ohne Bewusstsein des Nicht-Menschlichen in ihm. Sam ist sehr intelligent und eine Kommunikation in Gebärdensprache ist möglich. Das ist faszinierend und eigentlich schon Ergebnis genug für das Experiment, doch im Versuchsaufbau sind einige Schwächen installiert, die zur Eskalation führen: Erstens ist Sam als Versuchsobjekt nur geeignet, solange er jung ist; doch was dann? Zweitens entstehen Probleme, wenn das Objekt zum Subjekt wird – verliebe dich nie in dein Versuchsobjekt, sagt Guy wiederholt. Doch genau dies passiert Aimee, der dritten Hauptfigur des Romans – neben Guy und Sam –, sie empfindet fast schon mütterliche Liebe zu Sam. Und drittens vergessen alle Beteiligten, dass Sam trotz seiner beeindruckenden Fähigkeiten zur Kommunikation eines bleibt: ein Tier, und eines nie wird: ein Mensch.

„Sprich mit mir“ ist die Geschichte mehrerer großer Missverständnisse, die unweigerlich zur Katstrophe führen müssen. Das größte Missverständnis ist der Glaube des Menschen, die Natur nicht nur vollständig verstehen, sondern auch beherrschen zu können. Diesem Irrglauben sitzen alle auf – allen voran Aimee, die es gut meint, Guy, der an den Fortschritt glaubt, und selbst dessen Chef Professor Donald Moncrief, wobei dessen Fehler darin besteht, die Natur nicht zu über-, sondern zu unterschätzen, also für beherrschbar zu halten.

T.C. Boyle hat für seinen Roman offensichtlich tief recherchiert und schafft es, in seinem Roman nicht nur Erkenntnisse über die Primatenforschung zu vermitteln, sondern auch Vieles über die Psyche von Affen (und Affenforschern) aufzudecken, was nachdneklich stimmt oder verblüfft – etwa dasss ein Affe zum kalkulierten und geplanten Selbstmord fähig ist, was ein festes Bewusstsein voraussetzt.

Was Boyle nicht schafft, ist eine anhaltend faszinierende Erzählung aufrecht zu erhalten – gerade das erste Drittel zieht sich erheblich in die Länge. Die Entscheidung, jedes zweite Kapitel aus der Sicht Sams zu formulieren, ermöglicht einen erstaunlichen Blick in die Seelenwelt des Affen, aber erscheint mir vollkommen übergriffig: Boyle als Autor glaubt, uns Leser teilhaben zu lassen an den Gedanken im Kopf eines Schimpansen, wobei doch die Menschen des Romans genau daran scheitern, den Affen wirklich zu verstehen. Das überzeugt nicht.

Wohl aber überzeugt die Message des Romans: Vergreift Euch nicht an der Natur, ihr Menschen, und wenn ihr es noch so gut meint!

Unter den Roman von Boyle ein schwacher.

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