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Veröffentlicht am 24.01.2020

Mutmaßungen über „Mutmaßungen über Jakob“

Mutmassungen über Jakob
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Uwe Johnsons Roman – mutmaße ich mal – ist eine dieser Literaturerscheinungen, die nur denkbar sind in der frühen Zeit der Systemauseinandersetzung, des Wiederaufbrauchs nach dem totalen Missbrauch der ...

Uwe Johnsons Roman – mutmaße ich mal – ist eine dieser Literaturerscheinungen, die nur denkbar sind in der frühen Zeit der Systemauseinandersetzung, des Wiederaufbrauchs nach dem totalen Missbrauch der deutschen Sprache und dem Sinnsuchen einer ganzen Generation. Während Uwe Johnsons Nachbar Günter Grass gut erzählt, aber auch mal kräftig vom geraden Weg entgleist, vermeidet Johnson den nämlichen einfach.

Obwohl ‚einfach‘ und Johnsons Sprache schlecht zusammenpassen. Denn einfach macht sich Johnson sein Erzählen nicht, und dem Leser die Lektüre schon gar nicht. Vielstimmig nähert er sich dem Eigentlichen fast immer uneigentlich. Wie in der frühen DDR mutmaßlich üblich, bleibt vieles Direkte unausgesprochen, was es schwer macht, Handlung und Figuren in einen klaren Blick zu bekommen. Ich habe Jakob, den Bahnarbeiter mit Abitur, seine Gesine Cresspahl und ihren Vater, den „heiligen Cresspahl“, zwar während des Lesens zu mögen begonnen (und den Stasi-Schlapphut Rohlfs und den schlaffen Jonas Blach abzulehnen gelernt), aber Johnsons Sprache mochte ich bis zum Schluss nicht.

Dabei ist der erste Satz so großartig: „Aber Jakob ist immer quer über die Gleise gegangen.“ Wieso konnte der erfahrene Bahnarbeiter unter den Zug geraten - Selbstmord? Was haben die Republikflucht seiner Mutter und seiner Nennschwester Gesine damit zu tun? Was die Annäherungsversuche der Staatsmacht? Ich hätte mir gewünscht, dass aus dieser Gemengelage ein Publikumsliebling geworden wäre und kein Kritikerliebling.

Ende der Mutmaßungen - ich bin nicht überzeugt.

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  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 24.01.2020

Die Erzählung gibt der Nebensache zu viel Raum

Der kleine Freund
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Donna Tartt hat ein großes Talent, Figuren zu zeichnen und ihre Wesen, Charakter, Motivationen und Hintergründe lebendig werden zu lassen. Wer ist nicht von der zwölfjährigen Harriet Cleve begeistert, ...

Donna Tartt hat ein großes Talent, Figuren zu zeichnen und ihre Wesen, Charakter, Motivationen und Hintergründe lebendig werden zu lassen. Wer ist nicht von der zwölfjährigen Harriet Cleve begeistert, die in diesem Sommer beschließt, den mysteriösen Mord an ihrem Bruder vor neun Jahren aufzuklären? Wer verliebt sich nicht heimlich in Großmutter Eddies schroffe Herzlichkeit? Schreckt nicht vor der tumben Grobheit der Redneck-Familie Racliff zurück? Mich hat auch beeindruckt, wie es der Autorin gelingt, den us-amerikanischen Süden mit seinem offenen und verdeckten Rassismus auferstehen zu lassen und den Leser gleichzeitig in diese heiße Sommerlandschaft zu versetzen. Hinzu kommt der spannende Hintergrund von Robins Tod vor neun Jahren - erhängt im eigenen Garten, als alle Cleves anwesend waren, aber doch keiner etwas gemerkt hatte. Dieses Mysterium zu enträtseln ist meine Motivation gewesen, diesen Roman weiterzulesen, obwohl ich schon auf Seite 200 absolut keine Lust mehr dazu hatte.

Die Erzählung gibt der Nebensache zu viel Raum. Anfänglich werden so die Figuren aufgeschlossen, handelnd vorgeführt und lebendig. Doch irgendwann verkommt das dahinplätschernde Ding namens Handlung zur Masche, zum Rauschen. Ich kam mir mitunter vor wie bei einer Natur-Doku, bei der ich zwar einerseits dem glitzernden Bach beim Plätschern bestaunen durfte, andererseits dasselbe auch Stunden später immer noch tun musste; oder bei einer Reality-Doku, in der ich irgendeinem Menschenschlag durch sein fremdes Leben folge, aber leider auch die Bettzeiten in Echtzeit verfolgen sollte. Aus gähnender Langeweile wurde bei mir fast schon aggressive Ablehnung.

Erst recht bei der Auflösung des ganzen - die ich hier nicht einmal andeuten möchte. Aber wer den Roman bis zu seinem äachzenden Ende durchgehalten hat, wird meine bodenlose Enttäuschung nachvollziehen können.

Das kann Donna Tartt besser, wie sie im „Distelfinken“ gezeigt hat.

  • Erzählstil
  • Handlung
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Veröffentlicht am 24.01.2020

Auf der Suche nach sich selbst – Abu Youssef und die Folgen

Am Ende bleiben die Zedern
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In Pierre Jarawans gekonnt erzähltem, zauberhaften Roman „Am Ende bleiben die Zedern“ begleitet man Samir auf der Suche nach seinem Vater. Geflüchtet 1982 während der Zedernrevolution im Libanon, kam die ...

In Pierre Jarawans gekonnt erzähltem, zauberhaften Roman „Am Ende bleiben die Zedern“ begleitet man Samir auf der Suche nach seinem Vater. Geflüchtet 1982 während der Zedernrevolution im Libanon, kam die Familie nach Deutschland. Hier schlagen die beiden bereits im Exil geborenen Kinder Samir und seine Schwester Wurzeln, sind aber weiterhin umgeben von libanesischen Nachbarn, Kultur und Traditionen. Als Samirs Vater Brahim eines nachts verschwindet und nicht wiederkehrt, gerät die ganze Familie aus dem Tritt. Der Neunjährige verliert seinen Anker und ist bis in seine frühen Zwanziger besessen von der abwesenden Vaterfigur, vom Libanon und der Frage: Warum.

Diese Frage zu beantworten, begibt sich Samir nach Beirut und spürt seinem Vater, seiner Herkunft, der Heimat seiner Familie und den Geschichten seines Vaters nach. Diese in den Text eingestreuten Märchen von Abu Youssef sind absolut zauberhaft und verleihen dem Roman sein orientalisches Flair. Bei der Suche nach der eigenen Identität als Flüchtlingskind stellt sich gleichzeitig die Identitäts- und Warum-Frage des Libanon als solchem, zerrieben zwischen Syrien und Palästinensern, Israel und den Religionen, Tradition und Moderne. Die Stärke des Romans, diesen Teil des Nahostkonfliktes literarisch darzustellen und einem deutschen Publikum nahe zu bringen, gebiert ihrerseits die Schwäche des Romans, bisweilen nämlich lexikalisch Fakten herunterzubeten, die für das Verständnis zwar wichtig sind, literarisch aber Sand in das Getriebe streuen.

Jarawan traut sich, seinen Roman auf vielen Zeitebenen zu erzählen, vor- und zurückzublenden und Abu-Youssef-Märchen, Tagebucheinträge und Zeitungsmeldungen in den Roman zu montieren, um auf diese Weise viele Erzählebenen und -perspektiven zu erschaffen. Das beeindruckt und funktioniert. Dass die Handlung vorhersehbar ist und der Clou nicht überrascht, ist nebensächlich vor der Kulisse der mitreißenden Reise Samirs in den Libanon und zu sich selbst. Wie überhaupt selbst der Nahostkonflikt bedeutungslos sein wird, wenn die Wappenzier des Libanons, die Zeder, alt geworden sein wird, denn diese Bäume sind scheinbar ewig: Am Ende bleiben die Zedern.

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 24.01.2020

Viel Schatten in diesem großen Roman

Licht im August
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„Licht im August“ ist eine von den Lektüreerfahrungen, die mit Anstrengung erworben wird. Faulkner erzählt seine Geschichte in Mississippi mit ermüdender Pedanterie, inneren Monologen, ausführlichen Beschreibungen ...

„Licht im August“ ist eine von den Lektüreerfahrungen, die mit Anstrengung erworben wird. Faulkner erzählt seine Geschichte in Mississippi mit ermüdender Pedanterie, inneren Monologen, ausführlichen Beschreibungen der emotionalen Gemütslage oder der haarklein aufgefächerten Gedankenlandschaft der Handelnden. In Rückblenden werden seitenweise Lebensgeschichten auftretender Figuren nachgereicht, die dem Auto notwendig erscheinen, um die Handlungsweise zu motivieren und erklärlich zu machen. Die Erzählperspektive folgt mitunter einer Person in eine Szene, um dann abzubrechen und eine andere Person in und durch dieselbe Szene zu führen, damit beider Personen Bewusstsein im Lesen präsent ist. Zeile für Zeile bewegt man sich nur sehr langsam durch den Text - und dennoch erschafft Faulkner mit seinem Stil ein erstaunliches Leseerlebnis: Plötzlich entsteht aus den Buchstaben ein dichtes, kompaktes Bild, durch das man schreitet, ohne zu merken, dass man eigentlich noch liest. Die Loslösung der eigenen Realität und das tiefe Eintauchen in die fremde Realität hat wohl mit Faulkners akribischer Realitätsnähe zu tun. Ich habe jedenfalls selten ein so monolithisches Textgemälde im Kopf gehabt wie bei diesem Roman.

Faulkner stellt sich in diesem 1932 veröffentlichten Roman erneut der Rassenfrage, die für ihn eine ewige Schande des Menschen bzw. des Amerikaners ist. In der Figur von Joe Christmas zeigt er, wie schon das Gerücht, jemand könne „Negerblut“ in den Adern haben, zur Verurteilung führt. Christmas ist ein harter Wanderarbeiter, bindungsunfähig, verschlossen und frauenfeindlich, der mit Gelegenheitsjobs und illegalem Whiskyhandel über die Runden kommt. Er mordet und wird gejagt, obschon zunächst alle Indizien auf seinen zwielichtigen Kompagnon Joe Brown weisen. Der windet sich aus dem Verdacht, indem er Christmas beschuldigt, „Niggerblut“ in sich zu haben.

Ein wenig Licht in diesen August bringen Lena Grove und Byron Bunch, die Hoffnung, Freundlichkeit und Anständigkeit repräsentieren und er Ausweglosigkeit und dem Pessimismus des Romans ein Gegengewicht verleihen, wenn auch kein gleichwertiges.

Faulkners Roman ist auf zwei Ebenen toll: in seinem inneren Humanismus und in seinem Stil - für den, der sich auf die Entschleunigung der Realität einlässt.

  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 04.01.2020

Der Cyborg, der Mensch und die Bürokratie

Die Nacht war bleich, die Lichter blinkten
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Haben Roboter oder „Recheneinheiten“ Seelen? Können sie träumen? Haben sie Gefühle? Emma Braslavski stellt in ihrem Roman diese bekannten Fragen neu, denn die Antworten darauf sind freilich selbst Fragen: ...

Haben Roboter oder „Recheneinheiten“ Seelen? Können sie träumen? Haben sie Gefühle? Emma Braslavski stellt in ihrem Roman diese bekannten Fragen neu, denn die Antworten darauf sind freilich selbst Fragen: Haben den Menschen Seelen, Träume, Gefühle?

Roberta kommt auf alle diese Probleme, denn sie ist eine neuartige Recheneinheit der Berliner Polizei. Andere ihresgleichen („Hubots“) ersetzen in der Mitte des 21. Jahrhunderts den Menschen den Wunschpartner, sind geprägt auf Individuen, die es leid sind, den passenden Menschen zu suchen, und sich stattdessen einen Roboter kreieren lassen, der allen Wünschen entspricht. Roberta aber ist anders: Sie soll die hoffnungslos überforderte Polizei bei den Ermittlungen unterstützen, weshalb sie selbstlernende Programme besitzt, ein unscheinbares Äußeres und keine Prägung auf einen Menschen. Eingesetzt wird sie im am heftigsten beanspruchten Dezernat, das nämlich für die grassierenden Suizide in Berlin zuständig ist. Jeden Tag bringen sich zig Menschen in der Hauptstadt um – eigenartig, wo doch keiner mehr allein zu sein scheint?

Robertas erster Fall ist Lennards Selbstmord. Den soll sie aufklären, damit das Land Berlin nicht auf den Bestattungskosten sitzen bleibt. So viele Selbstmörder reißen nämlich ein großes Loch in die Stadtkasse. Roberta verfolgt nun drei Strategien: Erstens will sie besser werden und die Menschen verstehen. Erschreckend, was sie da alles lernt. Zweitens will sie Lennards Selbstmord aufklären und seine Persönlichkeit und Motive erfahren. Noch erschreckender, wie tief sie in Lennards Person eintaucht – klar, dass hier die Seelensuche und die Frage, was einen Menschen ausmacht, verhandelt wird. Drittens schließlich will Roberta den fall so kostengünstig abschließen, dass das Land Berlin keine Aufwände mit der Beerdigung hat.

Alle drei Teile gehen einem im Laufe des Romans erheblich auf die Nerven. Insbesondere der Wettlauf der immer zombiehafter wirkenden Roberta mit den Geistern der Bürokratie enerviert erheblich. In Wahrheit ließe sich die Handlung des zweiten Romanteils nämlich auf den Behördenparcours reduzieren. Das war schon in „Asterix erobert Rom“, als das gallische Doppel-As den Passierschein 38 bei einer „Formalität verwaltungstechnischer Art“ beschaffen sollte, ab der dritten Bürotür nicht mehr so lustig. Robertas Kampf mit den Vorschriften ermüdet, zumal mich der Gedanke beschlich, dass hier nicht Wirklichkeit überhöht, sondern womöglich nur wirklichkeitsnah abgebildet wird … Ganz klar ist jedoch – und das hätte dem Superrechenhirn Robertas klar sein müssen –, dass ihre gesamte Taktik vor allem Transaktionskosten produziert, also unter dem Strich teurer wird als eine fachgerechte schnelle Verklappung von Lennards Leiche auf Staatskosten. Die Handlungsmotivation der zweiten Hälfte ist dürftig und freudlos.

In dieser zweiten Hälfte schrumpft auch Robertas Vorgesetzte Cleo zur Randfigur und reiht sich anscheinend willenlos in Madame Robertas Gruselkabinett der Nebenfiguren ein. Warum? Am Anfang war sei so taff, am Ende ist sie Erfüllungsgehilfin der Androidin.

Robertas Metamorphose auf der Suche nach sich selbst ist plausibel, bisweilen erschreckend, aber auf Dauer anstrengend. Die Autorin changiert ständig zwischen anthropologischen Menschenbeobachtungen, die satirisch den Spiegel zücken, um ihn uns Menschen vorzuhalten, und Robertas groteskem und unsanktioniertem Verhalten, das auch innerhalb des von Braslavski geschaffenen Romanregelsystems nicht funktioniert. Roberta mutiert immer mehr zu einem trashigen Zombie mit Lippenstift, dessen Aktionismus nervt und dessen analytischen Festlegungen fragwürdig sind.

In der ersten Romanhälfte hingegen stellen sich Roberta, Cleo und Lennard den Eingangsfragen zum Menschsein. Das ist oft scharfsinnig und gibt Denkanstöße. Die Antworten dieses Romans sind nicht neu, aber es macht Spaß zu lesen, in welches satirische Umfeld die Autorin sie verlegt und wie daraus eine Berlin-Groteske entsteht, die man durchaus auch als Kritik am seelenlosen urbanen Hauptstadt-Mainstream lesen kann. Ab der Mitte des Buches wird aus Robertas Sicht erzählt, was den Brechungsgrad der Geschichte erhöhen soll, aber meistens entweder zu seicht oder zu trashig wirkt.

Besonders sind die kursiv gesetzten Texte aus Lennards Feder, dessen künstlerisches Selbst verletzlich und fantasievoll daliegt wie ein natürliches Opfer einer gesellschaftlichen Ansicht, dass kommerzieller Erfolg als einziges Kriterium für ein erfolgreiches Leben genügt. Lennard ist kein Loser, er ist nur in dieser Gesellschaft ein Verlierer. Ob sie in diesen Roman passen, sei dahingestellt. Sie sind ja auch durch die Kursivierung aus dem Roman herausgehoben. Ob sie zum Verständnis beitragen?

Der Roman ist aus einer Festivalidee und einem Drehbuch entstanden – und das ist womöglich auch der Grund, weshalb die eigentlich geniale Idee nicht über die ganze Distanz trägt, trotz der vielen kleinen und genialen Einfälle der Autorin: Eine gute Idee für ein dialogisches Hörspiel ist nicht zwingend auch eine gute Idee für einen ganzen Roman.

Dennoch: „Die Nacht war bleich, die Lichter blinkten“ ist ungewöhnlich, gut geschrieben, witzig und ein Berlin-Roman der besonderen Art.

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