„Licht im August“ ist eine von den Lektüreerfahrungen, die mit Anstrengung erworben wird. Faulkner erzählt seine Geschichte in Mississippi mit ermüdender Pedanterie, inneren Monologen, ausführlichen Beschreibungen ...
„Licht im August“ ist eine von den Lektüreerfahrungen, die mit Anstrengung erworben wird. Faulkner erzählt seine Geschichte in Mississippi mit ermüdender Pedanterie, inneren Monologen, ausführlichen Beschreibungen der emotionalen Gemütslage oder der haarklein aufgefächerten Gedankenlandschaft der Handelnden. In Rückblenden werden seitenweise Lebensgeschichten auftretender Figuren nachgereicht, die dem Auto notwendig erscheinen, um die Handlungsweise zu motivieren und erklärlich zu machen. Die Erzählperspektive folgt mitunter einer Person in eine Szene, um dann abzubrechen und eine andere Person in und durch dieselbe Szene zu führen, damit beider Personen Bewusstsein im Lesen präsent ist. Zeile für Zeile bewegt man sich nur sehr langsam durch den Text - und dennoch erschafft Faulkner mit seinem Stil ein erstaunliches Leseerlebnis: Plötzlich entsteht aus den Buchstaben ein dichtes, kompaktes Bild, durch das man schreitet, ohne zu merken, dass man eigentlich noch liest. Die Loslösung der eigenen Realität und das tiefe Eintauchen in die fremde Realität hat wohl mit Faulkners akribischer Realitätsnähe zu tun. Ich habe jedenfalls selten ein so monolithisches Textgemälde im Kopf gehabt wie bei diesem Roman.
Faulkner stellt sich in diesem 1932 veröffentlichten Roman erneut der Rassenfrage, die für ihn eine ewige Schande des Menschen bzw. des Amerikaners ist. In der Figur von Joe Christmas zeigt er, wie schon das Gerücht, jemand könne „Negerblut“ in den Adern haben, zur Verurteilung führt. Christmas ist ein harter Wanderarbeiter, bindungsunfähig, verschlossen und frauenfeindlich, der mit Gelegenheitsjobs und illegalem Whiskyhandel über die Runden kommt. Er mordet und wird gejagt, obschon zunächst alle Indizien auf seinen zwielichtigen Kompagnon Joe Brown weisen. Der windet sich aus dem Verdacht, indem er Christmas beschuldigt, „Niggerblut“ in sich zu haben.
Ein wenig Licht in diesen August bringen Lena Grove und Byron Bunch, die Hoffnung, Freundlichkeit und Anständigkeit repräsentieren und er Ausweglosigkeit und dem Pessimismus des Romans ein Gegengewicht verleihen, wenn auch kein gleichwertiges.
Faulkners Roman ist auf zwei Ebenen toll: in seinem inneren Humanismus und in seinem Stil - für den, der sich auf die Entschleunigung der Realität einlässt.
Haben Roboter oder „Recheneinheiten“ Seelen? Können sie träumen? Haben sie Gefühle? Emma Braslavski stellt in ihrem Roman diese bekannten Fragen neu, denn die Antworten darauf sind freilich selbst Fragen: ...
Haben Roboter oder „Recheneinheiten“ Seelen? Können sie träumen? Haben sie Gefühle? Emma Braslavski stellt in ihrem Roman diese bekannten Fragen neu, denn die Antworten darauf sind freilich selbst Fragen: Haben den Menschen Seelen, Träume, Gefühle?
Roberta kommt auf alle diese Probleme, denn sie ist eine neuartige Recheneinheit der Berliner Polizei. Andere ihresgleichen („Hubots“) ersetzen in der Mitte des 21. Jahrhunderts den Menschen den Wunschpartner, sind geprägt auf Individuen, die es leid sind, den passenden Menschen zu suchen, und sich stattdessen einen Roboter kreieren lassen, der allen Wünschen entspricht. Roberta aber ist anders: Sie soll die hoffnungslos überforderte Polizei bei den Ermittlungen unterstützen, weshalb sie selbstlernende Programme besitzt, ein unscheinbares Äußeres und keine Prägung auf einen Menschen. Eingesetzt wird sie im am heftigsten beanspruchten Dezernat, das nämlich für die grassierenden Suizide in Berlin zuständig ist. Jeden Tag bringen sich zig Menschen in der Hauptstadt um – eigenartig, wo doch keiner mehr allein zu sein scheint?
Robertas erster Fall ist Lennards Selbstmord. Den soll sie aufklären, damit das Land Berlin nicht auf den Bestattungskosten sitzen bleibt. So viele Selbstmörder reißen nämlich ein großes Loch in die Stadtkasse. Roberta verfolgt nun drei Strategien: Erstens will sie besser werden und die Menschen verstehen. Erschreckend, was sie da alles lernt. Zweitens will sie Lennards Selbstmord aufklären und seine Persönlichkeit und Motive erfahren. Noch erschreckender, wie tief sie in Lennards Person eintaucht – klar, dass hier die Seelensuche und die Frage, was einen Menschen ausmacht, verhandelt wird. Drittens schließlich will Roberta den fall so kostengünstig abschließen, dass das Land Berlin keine Aufwände mit der Beerdigung hat.
Alle drei Teile gehen einem im Laufe des Romans erheblich auf die Nerven. Insbesondere der Wettlauf der immer zombiehafter wirkenden Roberta mit den Geistern der Bürokratie enerviert erheblich. In Wahrheit ließe sich die Handlung des zweiten Romanteils nämlich auf den Behördenparcours reduzieren. Das war schon in „Asterix erobert Rom“, als das gallische Doppel-As den Passierschein 38 bei einer „Formalität verwaltungstechnischer Art“ beschaffen sollte, ab der dritten Bürotür nicht mehr so lustig. Robertas Kampf mit den Vorschriften ermüdet, zumal mich der Gedanke beschlich, dass hier nicht Wirklichkeit überhöht, sondern womöglich nur wirklichkeitsnah abgebildet wird … Ganz klar ist jedoch – und das hätte dem Superrechenhirn Robertas klar sein müssen –, dass ihre gesamte Taktik vor allem Transaktionskosten produziert, also unter dem Strich teurer wird als eine fachgerechte schnelle Verklappung von Lennards Leiche auf Staatskosten. Die Handlungsmotivation der zweiten Hälfte ist dürftig und freudlos.
In dieser zweiten Hälfte schrumpft auch Robertas Vorgesetzte Cleo zur Randfigur und reiht sich anscheinend willenlos in Madame Robertas Gruselkabinett der Nebenfiguren ein. Warum? Am Anfang war sei so taff, am Ende ist sie Erfüllungsgehilfin der Androidin.
Robertas Metamorphose auf der Suche nach sich selbst ist plausibel, bisweilen erschreckend, aber auf Dauer anstrengend. Die Autorin changiert ständig zwischen anthropologischen Menschenbeobachtungen, die satirisch den Spiegel zücken, um ihn uns Menschen vorzuhalten, und Robertas groteskem und unsanktioniertem Verhalten, das auch innerhalb des von Braslavski geschaffenen Romanregelsystems nicht funktioniert. Roberta mutiert immer mehr zu einem trashigen Zombie mit Lippenstift, dessen Aktionismus nervt und dessen analytischen Festlegungen fragwürdig sind.
In der ersten Romanhälfte hingegen stellen sich Roberta, Cleo und Lennard den Eingangsfragen zum Menschsein. Das ist oft scharfsinnig und gibt Denkanstöße. Die Antworten dieses Romans sind nicht neu, aber es macht Spaß zu lesen, in welches satirische Umfeld die Autorin sie verlegt und wie daraus eine Berlin-Groteske entsteht, die man durchaus auch als Kritik am seelenlosen urbanen Hauptstadt-Mainstream lesen kann. Ab der Mitte des Buches wird aus Robertas Sicht erzählt, was den Brechungsgrad der Geschichte erhöhen soll, aber meistens entweder zu seicht oder zu trashig wirkt.
Besonders sind die kursiv gesetzten Texte aus Lennards Feder, dessen künstlerisches Selbst verletzlich und fantasievoll daliegt wie ein natürliches Opfer einer gesellschaftlichen Ansicht, dass kommerzieller Erfolg als einziges Kriterium für ein erfolgreiches Leben genügt. Lennard ist kein Loser, er ist nur in dieser Gesellschaft ein Verlierer. Ob sie in diesen Roman passen, sei dahingestellt. Sie sind ja auch durch die Kursivierung aus dem Roman herausgehoben. Ob sie zum Verständnis beitragen?
Der Roman ist aus einer Festivalidee und einem Drehbuch entstanden – und das ist womöglich auch der Grund, weshalb die eigentlich geniale Idee nicht über die ganze Distanz trägt, trotz der vielen kleinen und genialen Einfälle der Autorin: Eine gute Idee für ein dialogisches Hörspiel ist nicht zwingend auch eine gute Idee für einen ganzen Roman.
Dennoch: „Die Nacht war bleich, die Lichter blinkten“ ist ungewöhnlich, gut geschrieben, witzig und ein Berlin-Roman der besonderen Art.
1914 war „Die Verliese des Vatikans“ bestimmt ein freches, frivoles Buch, das sowohl den Adel wie die Literaten, den Klerus wie die Kaufleute auf die Schippe nahm. In fünf Kapiteln geben sich die handelnden ...
1914 war „Die Verliese des Vatikans“ bestimmt ein freches, frivoles Buch, das sowohl den Adel wie die Literaten, den Klerus wie die Kaufleute auf die Schippe nahm. In fünf Kapiteln geben sich die handelnden Personen das Heft des Handelns in die Hand, der stets präsente Erzähler folgt dem Szenewechsel, als käme nach dem Vorhang die nächste Kulisse. Verbindendes Element der Erzählung sind die Figuren selbst, die in zum Teil überraschenden Konstellationen aufeinandertreffen. So wird der Schwager des Literaten zufälliges Opfer des unehelichen Bruders des Literaten.
Wann wird der Papst entführt? Erst auf Seite 98 erfährt man vom Komplott der „Loge“, den Papst in die Verliese der Engelsburg zu entführen, um bei braven Katholiken den Klingelbeutel mit unerhörten Lösegeldern zu füllen. Keine Frage, dass der „Tausendfuß“ hinter dem Komplott die Naivität seiner betuchten Mitmenschen gnadenlos ausnutzt.
So wirr wie der inhaltliche Einblick erschien mir die humorvolle Satire auch beim Lesen. Da Gide unter anderem hiefür den Nobelpreis erhielt, muss ich also in mir den Fehler suchen. Vielleicht handelt es sich um mehr als eine angerüschte Screwballkomödie mit schlagfertigen Dialogen und verkleideten Halunken? Keine Ahnung - ich empfand die Lektüre als kurzweilig, aber belanglos und bin nicht angeregt, weitere Werke von André Gide zu kosten.
Hans Falladas 1932 erschienenen Roman „Kleiner Mann - was nun?“ ist nicht nur mit seinem Titel bis in die heutige Zeit bekannt und aktuell. Der ganze Roman - die ersten gemeinsamen Jahre von Johannes Pinneberg ...
Hans Falladas 1932 erschienenen Roman „Kleiner Mann - was nun?“ ist nicht nur mit seinem Titel bis in die heutige Zeit bekannt und aktuell. Der ganze Roman - die ersten gemeinsamen Jahre von Johannes Pinneberg und seiner Frau Emma „Lämmchen“ erzählt eine Geschichte von zeitloser Bedeutung. Die Pinnebergs kommen aus der schlesischen Provinz, wo sie in der kärglichen Engstirnigkeit der Kleinstadt zueinander finden und in ein Leben starten, das lauter Widrigkeiten aufhäuft, die gelichwohl niemals übertrieben, sondern vielmehr im Gegenteil als zeittypisch erscheinen. Die Hilflosigkeit Pinnbergs gegenüber seinen Chefs und später gegenüber dem Staat - ja: dem Teil des Staates, der für die Fürsorge zuständig wäre - ist schreiend ungerecht. Die Realitätsnähe dieser Ungerechtigkeiten, die plastischen Auswüchse der Hilflosigkeit, der sorgsam bewahrten Anständigkeit und der bis zum Schluss aufrecht erhaltene Wille, alles richtig zum machen, sind glaubwürdig, rührend und immer wieder auch gallenbitter komisch. Fallada hat ein Gespür für plötzlichen Witz - und muss ihn auch haben, weil sonst die Geschichte des fortwährenden Misserfolgs der liebenden Eheleute Pinneberg und Lämmchen mit ihrem „Murkel“ kaum erträglich wäre.
Pinnebergs Courage hält bis fast zur letzten Seite, doch dann ist die Sohle erreicht: „Ordnung und Sauberkeit: Es war einmal. Arbeit und sicheres Brot: Es war einmal. Vorwärtskommen und Hoffnung: Es war einmal. Armut ist nicht nur Elend, Armut ist auch strafwürdig, Armut ist Makel (…).“ (S. 546) Spätestens hier ist man froh über die sozialen Leistungen, die in Deutschland seit Kriegsende, insbesondere durch die deutsche Sozialdemokratie, erreicht wurden.
Ich war über die Frische des Textes, über die Farbkraft des Zeitdokumentes erstaunt, das mit unverstelltem Erzählfluss die Vergangenheit heraufbeschwört und dabei das Zeitlose transportiert. Ich freue mich auf die nächsten Romane von Fallada, die hier schon auf mich warten.
Franz Blei war ein österreichischer Literaturkritiker, der auch für einige exzentrische Herausgeberschaften und eigne Texte bekannt war und ein Leben geführt hat, das außer seiner Herkunft, seiner Gattin ...
Franz Blei war ein österreichischer Literaturkritiker, der auch für einige exzentrische Herausgeberschaften und eigne Texte bekannt war und ein Leben geführt hat, das außer seiner Herkunft, seiner Gattin und der Literatur keinen Mittelpunkt besaß. Vagabundierend lebte er von 1871 bis 1942 und ist heutzutage vor allem noch für as vorliegende Buch bekannt: „Das große Bestiarium“. 1920 bis 1924 erschienen acht Auflagen, stets vermehrt um neue Eintäge sowie weitere texte.
Die Idee ist großartig: Blei stellt ein Lexikon zusammen, in dem die Literaten seiner Zeit als „Literatiere“ versammelt werden. Jeder Eintragt widmet sich einem anderen, in ein fabelhaftes Fabelwesen Autoren, wobei die Feder Bleis so spitz ist, dass sogar die Lektüre schmerzt - über Gottfried Benn: „Der BENN ist ein giftiger Lanzettfisch, den man zumeist in den Leichenteilen Ertrunkener festgestellt hat. Fischt man solche Leichen an den Tag, so kriecht gern der Benn aus After oder Scham oder in diese hinein.“ (S. 24) Wohlwollender über Egon Friedell: „DAS FRIEDELL. Nicht zu verwechseln mit dem Frettchen, da eher verwandt mit dem archaischen Neu, einem Megatherium aus der Vielsaufgruppe. Nährt sich vornehmlich von Chesterton, Kierkegaard, Shaw, Hegel, Nietzsche und anderm Kraut. Verdaut mit dem großen Kopfe; die dabei ausgestoßenen Geräusche sind weithin gefürchtet als Humor.“ (S. 36)
Hier wird schon deutlich, dass Bleis Stil manieriert, altertümlich, gestelzt und gelehrt ist. Den Neu kenne ich nicht, das Megatherion ist das „große Tier“, und man kann sich das zusammenreimen oder fix nachschlagen. Beim FACKELKRAUS (S. 33 f.) hingegen braucht es schon den ganzen Kontext, dass nämlich Karl Kraus die nämliche Zeitschrift „Die Fackel“ 1899 bis 1936 unter dem Motte „Was wir umbringen“ herausgegeben und damit großen Einfluss auf die Kulturszene gehabt hat. Vollends versagt das normalbürgerliche Hintergrundwissen bei etwa 50 % der vorgestellten Literatiere, die mir vollkommen unbekannt ist, deren Umdeutung zum Tier folglich witzlos auf mich kommt. Mithin stelle ich fest, dass sich Bleis großes Bestiarium vor allem als fossile Schau der ausgestorbenen Literaturfauna eignet. Mit deutlich größerem Genuss, weil es mir Heutigem näher ist, habe ich das „Bestiarium der deutschen Literatur“ gelesen, das Fritz J. Raddatz 2012 herausgegeben hat; ebenfalls mit gnadenloser Feder.
Die dem lexikalischen Teil beigegebenen Texte sind zum Teil ebenfalls satirischer Prägung, zum Teil „notwendige Exkurse“ in die Kultur- und Kunstgeschichte, deren Notwendigkeit sich vor allem aus dem ihnen gegebenen Obertitel ableitet („notwendig“). Mir ließen sie versunkene Semester Literaturstudium auferstehen. Auch die neu erfundenen Gespräche zwischen Goethe und Eckermann sowie die Texte über zeitgenössisches „Theater und Schauspielkunst“ erweckten mehr als archäologisches Interesse in mir. Die abschließend hinzugesiebten „biographischen Belustigungen“ hingegen streuten noch einmal 50% Vergnügen hinzu. Über die andere Hälfte nichts als Schweigen.