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Veröffentlicht am 06.02.2019

Patsy Logan unter Druck

Schwarze Seele
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Patsy Logan, vielen Leser*innen vielleicht aus dem ersten Buch „Harte Landung“ bekannt, bekommt einen „Nicht-Fall“ auf den Tisch. Der Ire Donal McFadden ist an Halloween in einem eisigen Schwabinger Buch ...

Patsy Logan, vielen Leser*innen vielleicht aus dem ersten Buch „Harte Landung“ bekannt, bekommt einen „Nicht-Fall“ auf den Tisch. Der Ire Donal McFadden ist an Halloween in einem eisigen Schwabinger Buch ertrunken. Alles spricht für einen Unfall, der Alkoholspiegel im Blut des Toten, er war außerdem Nichtschwimmer, aber seine Schwester, die bereits Vermisstenanzeige gestellt hat, beschuldigt die Frau des Toten. Auch Patsys Bauchgefühl spricht für ein Tötungsdelikt.
Patsy kämpft im Augenblick an vielen Fronten, sie unterzieht sich einer Hormonbehandlung, um endlich schwanger zu werden, das hat sie physisch und psychisch ausgelaugt. Vor allem, da sie seit den vielen erfolglosen Versuchen das Gefühl hat, dass ihre Ehe diesen Belastungen nicht gewachsen ist. Im Kommissariat wird sie kritisch beäugt. Es ist ihre kompromisslose Art, die die Kollegen abschreckt und ihr eine echte Zusammenarbeit fast unmöglich macht.
Es sind nicht viele Verdächtige, die Patsy in diesem Fall hat. Die beschuldigte Ehefrau Fiona, hat ihren Mann verlassen, seine Gewaltausbrüche haben sie zermürbt. Sie will in München mit einem Jugendfreund neu anfangen. Doch Steve scheint auch nicht ehrlich zu ihr zu sein. So lebt er immer noch in einer WG mit seiner Ex und diese Dreieckskonstellation ist hochexplosiv. Dann taucht Donal auf, um seine Ehefrau zurückzuholen.
In diesem Krimi darf man keine einfache Mörderjagd erwarten. Das Beziehungsgeflecht der einzelnen Figuren ist viel zu kompliziert und oft tragisch. Das ist die Stärke in Ellen Dunnes Kriminalroman. Eine dichte, dabei farbige Beschreibung der Charaktere, die tief in die Psyche eindringt. Dabei lässt sie auch viel Raum für die Interaktionen unter den Kollegen. Verstecktes Mobbing, Missgunst und auch Frauenfeindlichkeit ist zu spüren. Patsy weiß, dass alle nur auf einen Fehler von ihr lauern, allen voran ihr Vorgesetzter, der mit seiner neuen Rolle als Chef nicht glänzt.
Ich bin oft skeptisch, wenn das Privatleben der Ermittler den Fall überlagert, aber hier ist es tatsächlich stimmig. Dunnes Sprache, ihre farbige, intensive Erzählweise hat mich gefesselt. Als Beziehungsdrama an mehreren Fronten funktioniert das Buch, dem ordnet sich manchmal die Krimihandlung unter. Ein Kriminalroman, der das Genre bereichert.

Veröffentlicht am 05.02.2019

Sommer 1947

Der Hunger der Lebenden (Friederike Matthée ermittelt 2)
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Köln 1947, seit einem guten Jahr arbeitet Friederike Matthée nun bei der Weiblichen Polizei, die Arbeit, die sie anfangs nur als Verdienstmöglichkeit ergriffen hat, beginnt ihr zu gefallen. Auch wenn es ...

Köln 1947, seit einem guten Jahr arbeitet Friederike Matthée nun bei der Weiblichen Polizei, die Arbeit, die sie anfangs nur als Verdienstmöglichkeit ergriffen hat, beginnt ihr zu gefallen. Auch wenn es sich meist nur um Zeugenbefragung bei Kindern oder jungen Frauen handelt, seit Lieutenant Davies von der englischen Militärpolizei nicht mehr in Deutschland stationiert ist. Er hatte ihre Intuition durchaus geschätzt, und nicht nur das, Friederike hat gespürt, dass sie ihm nicht ganz gleichgültig ist, genau wie sie sich selbst zu ihm hingezogen fühlte. Doch es kam nie der versprochene Brief.
Nun wird sie erneut beruflich gefordert, im Bergischen Land wurde eine Hofbesitzerin ermordet, die Täterin wohl eine junge, renitente Frau. Vor ihrer Heirat war das Opfer ebenfalls bei der Polizei und auch als Wehrmachtshelferin tätig. Sie hat dafür gesorgt, dass „liederliche“ junge Mädchen in ein Erziehungslager in der Uckermark gebracht wurden. Auch die junge Frau, die nun mit einer Waffe in der Hand bei der Toten gefunden wurde, hat ihre Leidenszeit in diesem unmenschlichen Lager dem Opfer zu verdanken.
Dann wird Richard Davies wieder nach Köln geschickt, er soll ein Kriegsverbrechen aufklären und die Spuren kreuzen sich mit Friederikes Fall.
Der zweite Roman von Beate Sauer führt nahtlos weiter in der Kölner Nachkriegszeit. Das zweite Friedensjahr hat schon manche Erleichterung gebracht, aber es herrscht überall noch Not und Hunger. Auch wenn die ersten Baustellen an den Bombenlücken in den Straßen neuen Wohnraum versprechen, ist eine Hütte in einem Schrebergarten schon eine große Verbesserung für Friederike und ihre Mutter. Sehr authentisch ist diese Zeit des Aufbruchs und auch der Verunsicherung eingefangen. In diesem historischen Kriminalroman geht es um Schuld und die Aufarbeitung der Nazizeit, die schon in vielen Köpfen wieder verdrängt werden soll. Da auch Friederike ganz persönlich mit dieser Frage konfrontiert wird, muss auch sie sich der Vergangenheit stellen. Das gibt der Protagonistin noch mehr Profil und Charakter.
Es hat mir auch gefallen, wie die Anfänge der Weiblichen Polizei erzählt wird, da steckte die Gleichberechtigung noch sehr in den Kinderschuhen. Wenn Friederike dienstlich unterwegs ist und bei Befragungen sich von jedem Wachtmeister fragen lassen muss „Na, Fräulein, wo ist denn ihr Vorgesetzter“ wird die Wegstrecke deutlich, die inzwischen zurückgelegt wurde.
Ein spannender Krimi und noch darüber hinaus ein spannendes Zeitbild, das hat mir besonders gefallen. Eine gelungene Fortsetzung, die auch ohne Vorkenntnis gelesen werden kann.


Veröffentlicht am 04.02.2019

Abschluss der Holt Trilogie

Abendrot
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Holt, eine Kleinstadt in Colorado in den fünfziger Jahren, das ist der Mittelpunkt in Kent Harufs Trilogie. Eine Stadt, unbedeutend und ein wenig langweilig, mit Schicksalen, wie sie wohl so ähnlich überall ...

Holt, eine Kleinstadt in Colorado in den fünfziger Jahren, das ist der Mittelpunkt in Kent Harufs Trilogie. Eine Stadt, unbedeutend und ein wenig langweilig, mit Schicksalen, wie sie wohl so ähnlich überall in den USA spielen können. Zwei alternde Rancher, im Lauf der Jahre fast symbiotische geworden, haben einen Sinn in ihrem Leben gefunden, als sie vor einiger Zeit ein schwangeres junges Mädchen aufgenommen haben. Ohne viele Worte haben sie ihr und ihrem Kind ein Heim gegeben und nun entlassen sie es in die Welt, in ein College, aber sie hat Wurzeln geschlagen und ein Zuhause gefunden.
Luther und Betty lieben ihre Kinder, aber ihre Fähigkeiten sind eingeschränkt. Sie leben am Rand der Gesellschaft in einem Trailer und von einem Sozialhilfescheck zum nächsten, aber sie kämpfen um ihre Würde.
Ein 11jähriger lebt allein bei seinem Großvater und hat unbemerkt von den Nachbarn die Sorge um den alten Mann und den Haushalt übernommen. Unbeschwertes Kindsein darf er nicht erleben.
Das sind nur einige Figuren, die Holt über seine 3 Bücher begleitet. Er macht nicht viele Worte um sie, aber seine Beschreibungen sind prägnant, lassen sie beim Lesen lebendig werden. Wie überhaupt seine Sprache klar ist, man könnte sie für simpel halten, wäre das nicht die Kunst der großen Schriftsteller. Eine Atmosphäre zu schaffen, die sich einprägt, gelingt ihm mit wenigen Sätzen. Oft entscheiden nur Kleinigkeiten über das Geschick seiner Figuren, aber immer lässt er ein Stück Hoffnung durchschimmern, dass sich die Veränderung vielleicht doch zum Guten wendet. Das klingt melancholisch, aber in seinen Geschichten steckt Lebensweisheit und eine große Liebe zu den Menschen, die er portraitiert. Damit hat mich Haruf mitgenommen und begeistert.

Veröffentlicht am 01.02.2019

Drama auf Rosenbrunn

Schund und Sühne
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Als Nachrückerin eines Literaturstipendiums trifft Kat auf Schloss Rosenbrunn ein. Zwar hat sie eine riesige Veröffentlichungsliste, aber als Literatur hätte sie ihr Werk nicht bezeichnet. Schließlich ...

Als Nachrückerin eines Literaturstipendiums trifft Kat auf Schloss Rosenbrunn ein. Zwar hat sie eine riesige Veröffentlichungsliste, aber als Literatur hätte sie ihr Werk nicht bezeichnet. Schließlich schreibt sie sogenannte „Groschenhefte“ aus der Welt des Hochadels.
Nun steht sie also in der Halle mit Fürstin Follie und deren unverheirateter, etwas unkonventioneller Schwester Gratzie und lässt sich in die Feinheiten des Lebens der „Geborenen“ einweisen. Die Familie wird vervollständigt vom Patriarchen, dem poltrig-harmlosen Fredi und den Kinder Seph und Valu. Seph hat nur ein Ziel, eine tolle Heirat, aber trotz 30 gefangener Brautsträuße hat sich noch nichts ergeben. Und nun hat ihr Favorit aus dem englischen Hochadel auch noch so eine dahergelaufene Hollywood Schauspielerin gewählt. Sie ist verzweifelt. Bei Valu sieht es ähnlich aus, Kat merkt auf den ersten Blick, dass er dem eigenen Geschlecht zugeneigt ist, aber er den dynastischen Zwängen unterliegt.

Ja – soweit ist das genau das Thema der Fürstenromane, aber die Autorin gibt sich damit nicht zufrieden. Mit ganz viel Wortwitz, einem treffenden, auch mal sarkastischem Humor nimmt sie die Klischees auseinander. Ich habe mich selten so gut amüsiert und musste mehrfach hellauf lachen. Vorurteile auf beiden Seiten werden aufs Korn genommen und es gab viele wunderbare Szenen.
Zum Beispiel, wenn Gratzie ein älteres Abendkleid für den Ball mit der Heißklebepistole und Strasssteinen aufhübscht , oder dem millionenschweren Diadem der Fürstin ein kleines Rehgeweih auf einem Haarreif entgegensetzt. Während beim Heftroman die Realität meist außen vor bleibt, darf hier die sonst so zartbesaitete Seph bei der Jagd waidmännisch das Rotwild aufbrechen und statt dem keuschen Kuss im Groschenroman wird es hier auch mal expliziter. Auch das Happy End verzichtet auf den üblichen Weg in den Sonnenuntergang, es endet eher bittersüß.

Ich habe den unterhaltsamen Roman als eine liebevolle Hommage an dieses Genre gelesen, ironisch überspitzt und persifliert. Die Autorin hat ein tolles Erzähltempo und setzt Wortwitz und Gags gekonnt in Szene. Auch der Titel „Schund und Sühne passt genial. Mir hat der Roman ausgesprochen viel Spaß gemacht.

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  • Figuren
Veröffentlicht am 30.01.2019

Tief unter der Erde

Letzter Stollen
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Am Ende jeder Grubenfahrt im Schaubergwerk zählt Frau Roither die Schutzanzüge. Verflixt, da fehlen zwei, ein wenig später fehlt dann nur noch einer, aber das macht sie stutzig, dass sie die Polizei ruft. ...

Am Ende jeder Grubenfahrt im Schaubergwerk zählt Frau Roither die Schutzanzüge. Verflixt, da fehlen zwei, ein wenig später fehlt dann nur noch einer, aber das macht sie stutzig, dass sie die Polizei ruft. Das bedeutet dass der Franz Gasperlmaier aus seiner Geburtstagsfeier zum 50igsten gerissen wird. Aber so schlimm ist das nicht, denn er steht eh nicht gern im Mittelpunkt und die Späßchen machen ihn nur verlegen. Denn der Inspektor ist so ganz vom alten Schlag, eher bedächtig und Neuheiten und allzu hohem Tempo eher abgeneigt. Aber Kollegin Manuela und die Chefin Frau Dr. Kohlross sind ja an seiner Seite, als dann tatsächlich ein Toter auftaucht.
Ein Salzbergwerk als Schauplatz eines Krimis war für mich neu und sehr interessant. Dutzlers Altaussee-Krimis sind gewürzt mit einem verschmitzten Humor und viel österreichischem Charme. Das ist auch seiner Hauptfigur, dem Franz Gasperlmaier zu verdanken. Ein ganz knorriger Charakter, dem die Einhaltung der Essenszeiten mindestens genauso wichtig ist, wie der Fortgang der Ermittlungen. Man muss ihn mögen, auch wenn seine Gedankengänge manchmal einige Zeit brauchen, bis er sie ausspricht. Meist sind dann Manuela oder die Kohlross schon weiter. Überhaupt die Frauen, die verunsichern ihn immer zutiefst, auch wenn er sie als Kolleginnen sehr schätzt.
Die Geschichte führt nicht nur tief in den Stollen, sie führt auch tief in die Vergangenheit und ganz zum Schluss überrascht der Autor die Leser mit einem ganz und gar unerwarteten Ende.
Ich mag den ganz eigenen Humor des Krimis und konnte mich bestens unterhalten. Da ich es liebe, wenn in Krimis auch die Region und ihre sprachliche Eigenheiten zum Zuge kommen können, bin ich hier auch auf meine Kosten gekommen.
Wer gern zum regionalen Kriminalroman mit viel Humor greift, wird hier bestens bedient.