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Veröffentlicht am 22.03.2024

Armut in Südkorea

Wo ich wohne, ist der Mond ganz nah
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Dies war mein erstes Buch vo Cho Nam-Joo und somit kann ich keinerlei Vergleiche zu anderen Büchern von ihr ziehen.
Mani ist über Mitte dreißig, wohnt - partnerlos - immer noch bei ihren Eltern in ärmlichen ...

Dies war mein erstes Buch vo Cho Nam-Joo und somit kann ich keinerlei Vergleiche zu anderen Büchern von ihr ziehen.
Mani ist über Mitte dreißig, wohnt - partnerlos - immer noch bei ihren Eltern in ärmlichen Verhältnissen in Seoul und ist seit kurzem arbeitslos. Der Vater betreibt einen schlecht gehenden Imbiss, die Mutter ist traditionell Hausfrau (deren Vater hielt sie immer für etwas beschränkt).

Wir erhalten einen Einblick in das gemeinsame Leben, das geprägt ist von Motivationslosigkeit, geplatzten Träumen und einem gefühlskalten Miteinander.
Mani erzählt von ihrem großen Traum Turnerin zu werden wie Nadia Comaneci, den sie als Kind geträumt hatte ohne groß talentiert gewesen zu sein. Schnell ist der Traum ausgeträumt als sie auf eine Privatschule wechselt, die sich die Eltern nur mit Müh und Not leisten können. Mani stellt nicht nur fest, dass sie eigentlich zu wenig Talent hat, sie fühlt sich auch unter den priviligierten Schülerinnen nicht zugehörig. Scham über die ärmlichen Verhältnisse zu Hause, prägen ihre Kindheit, aber auch Mobbing gehört zu ihrem Alltag.
So also ist sie ohne viel Selbstbewußtsein zu einer erwachsenen Frau herangereift, die sich nicht viel zutraut und auch in ihrer Partnerwahl immer wieder daneben greift.
Die Tatenlosigkeit, irgendetwas in ihrem Leben ändern zu wollen oder überhaupt in Angriff zu nehmen schmerzt beim Lesen sehr. Cho Nam-Joo schafft mit diesem Buch eine satirische Gesellschaftskritik Südkoreas, die man gut nachvollziehen kann - vor allem wenn es um Arbeitslosigkeit, bezahlbaren Wohnraum und Spekulationen am Wohnungsmarkt geht.
Der humorvolle und leichte Erzählstil nimmt der Thematik die Schwere ohne sie ins Lächerliche zu ziehen. Man wünscht Mani einfach nur einen guten Weg raus aus der gesamten Situation.
Jan Henrik Dirks hat diesen Roman für uns übersetzt.

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Veröffentlicht am 21.03.2024

Der Leidensweg einer Frau

Muna oder Die Hälfte des Lebens -
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Terezia Mora schildert in diesem Buch das Leben (zumindest die erste Hälfte) von Muna, einer Frau, die in der DDR aufwuchs mit einem viel zu früh verstorbenen Vater und einer alkoholkranken Mutter. Kurz ...

Terezia Mora schildert in diesem Buch das Leben (zumindest die erste Hälfte) von Muna, einer Frau, die in der DDR aufwuchs mit einem viel zu früh verstorbenen Vater und einer alkoholkranken Mutter. Kurz nach ihrem Abitur fällt die Mauer und der Mann, in den sie sich Hals über Kopf verliebt hat ist spurlos verschwunden. Sie selbst nutzt ihre guten Zensuren und versucht die Welt für sich zu entdecken und trifft einfach schlechte Entscheidungen.
Ein packender und unter die Haut gehender Roman über eine ungesunde Beziehung aus der Sicht der Protagonistin. Ohne Pathos plaudert sie aus ihrem Leben und das läßt mich als Leserin mit Gänsehaut zurück, denn Muna jammert und klagt nicht, sie stellt fest und wird dabei immer kleiner und unbedeutender (aus ihrer Sicht).
Gleich das erste Kapitel schleuderte mich komplett in die Handlung, dramatische Szenen ohne Übertreibung ohne kitschige Schnörksel, sogar mit etwas Sarkasmus. Ich kann das Buch nicht mehr aus der Hand legen, leide mit Muna mit, möchte sie an die Hand nehmen und ihr sagen:"Nein, das ist nicht gut, gehen wir!" Und so beobachte ich, wie sie sich selbst in dieser Beziehung verliert. Das ist schmerzhaft zu lesen und ich ertappe mich dabei, darüber nachzudenken, warum sie so geworden ist.
Der Schreibstil ist toll und leicht zu lesen, Mora nutzt Stilmittel, die genial sind... aber so leicht es auch zu lesen ist, die Thematik ist es nicht und hinterläßt ein beklemmendes Gefühl. Irgendwie hätte ich jetzt gerne einen Diskussionkreis darüber!
Wer schwere Kost lesen kann, dem sei dieses Buch allerwärmstens empfohlen.

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Veröffentlicht am 19.03.2024

Ein Buch wie ein Gemälde

Lichtungen
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Eigentlich dachte ich ja, dass mich lesetechnisch nicht mehr so viel überraschen könnte... aber dann kam "Lichtungen" von Iris Wolff.
Eine intensive unkitschige Geschichte über Freundschaft, Familie und ...

Eigentlich dachte ich ja, dass mich lesetechnisch nicht mehr so viel überraschen könnte... aber dann kam "Lichtungen" von Iris Wolff.
Eine intensive unkitschige Geschichte über Freundschaft, Familie und Heimat.

Wir befinden uns in Rumänien und lesen von der Freundschaft zwischen Lev und Kato von Kindheit an... aber hoppla, eigentlich erfahren wir die Geschichte angefangen beim Ende.
Das Buch beginnt bei Kapitel neun und beim Lesen wandern wir mit den Protagonisten, die sich nach Jahren endlich wieder sehen immer tiefer in die Vergangenheit bis zu ihrem Kennenlernen. Dabei erleben wir Levs Familie und erfahren ein wenig von Rumäniens Geschichte. Und all das in wunderschönen Beschreibungen, bunt und intensiv wie Gemälde. Das war ein literarischer Hochgenuss, ein Buch zum tief Hineintauchen und die Welt um sich herum zu vergessen.
Iris Wolffs Schreibstil ist unglaublich schön und detailverliebt, ihre Figuren lebendig und dreidimensional. Mit Wörtern malen zu können ist in der Tat eine tolle Gabe.
Bitte lesen - unbedingt!

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Veröffentlicht am 18.03.2024

Im Kopf der Protagonistin

Ein falsches Wort
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Vigdis Hjorth erzählt in ihrem beeindruckenden Buch die Geschichte von Bergljot und ihrer Familie, sie ist eines von vier Kindern und wir tauchen in das Buch ein, wen es vermeintlich um Erbschaftsstreiterein ...

Vigdis Hjorth erzählt in ihrem beeindruckenden Buch die Geschichte von Bergljot und ihrer Familie, sie ist eines von vier Kindern und wir tauchen in das Buch ein, wen es vermeintlich um Erbschaftsstreiterein geht, denn der Vater ist verstorben.
Wir erfahren gleich zu Beginn, dass Bergljot den Kontakt zur Familie vor über zwanzig Jahren abgebrochen hat. Warum das so ist, entrollt sich von Seite zu Seite.
Und dabei - und das ist für mich das Bemerkenswerteste an diesem Buch - befinden wir uns mitten im Kopf von Bergljot. Ihre im Kreis laufenden Gedanken, die mantrenhaften Wiederholungen, die klare ungeschnörkelte Sprache, das zieht einen mitten in das Geschehen. Es ist der Kopf einer gebrochenen Frau, eine Frau der das schlimmste widerfahren ist, das innerhalb einer Familie passieren kann. Und welche Auswirkungen das auf die gesamte Familie hat bis hin zu den Enkelkindern.

Der Schreibstil ist anfangs gewöhnungsbedürftig, aber ist man erst einmal drin, dann taucht man nur schwer wieder auf. Man spürt Bergljots Zerrissenheit, die Verzweiflung, den Selbsthass, dieses immer wieder in Frage stellen: die Familile, sich selbst und das was passiert ist.
Ein enorm forderndes Buch, das nichts für Zartbesaitete ist, es zog mich teilweise runter und hat mich extrem wütend gemacht und in vielen Gedankengängen liegt so viel Wahres.

Ein extrem hartes aber großartiges Buch, das perfekt von Gabriele Haefs aus dem Norwegischen übersetzt wurde.

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Veröffentlicht am 17.03.2024

Tradition und Frauenpower

Issa
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Absolut unglaublich, dass dieses Buch ein Debütroman sein soll. Was Mirrianne Mahn mit ihrem Werk präsentiert ist perfekt und mitreissend.

Issa ist gebürtige Kamerunerin und schon als Kind mit ihrer ...

Absolut unglaublich, dass dieses Buch ein Debütroman sein soll. Was Mirrianne Mahn mit ihrem Werk präsentiert ist perfekt und mitreissend.

Issa ist gebürtige Kamerunerin und schon als Kind mit ihrer Mutter nach Deutschland gekommen, um da bei ihrem weissen Stiefvater zu leben.
Wir begleiten Issa als junge schwangere, aber unverheiratete, Frau auf der Reise nach Kamerun, zu ihren Omas und den vielen anderen Verwandten. Ihre Reise ist halb freiwillig, sie liebt ihre Omas, doch zu fremd scheint ihr die Kultur... und dennoch seltsam vertraut.
Ihre Mutter besteht darauf, dass sie typische Rituale durchlaufen muss, die in Kamerun üblich sind: alle Rituale im Schnelldurchlauf von Eintritt in die Pubertät bis zum Erwachsenenwerden und schlußendlich Rituale für eine gute Schwangerschaft und glückliche Geburt.
In den Kapiteln über Issa in der Jetztzeit können wir staunen aber auch viel Lachen, denn die Autorin hat einen fabelhaften Humor und läßt so manche Situationskomik vor unserem geistigen Auge entstehen.
In den Kapiteln aus der Vergangenheit, die von Issas Großmüttern (Ur-ur-ur-ur) erzählen bleibt uns allerdings das Lachen in der Kehle stecken über all die Grausamkeit die Männer Kindern und Frauen antun, über die Kolonialzeit, die tiefe Wunden in das Land geschlagen haben, über all das Leid, das Frauen immer schon ertragen mussten.
Ein hartes, aber ganz tolles Buch, das nicht nur von der Tragik, sondern auch von der Kraft der Frauen erzählt.
Diese großartige Geschichte wird noch sehr lange in meiner Erinnerung bleiben.

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