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Veröffentlicht am 17.05.2025

Starkes Debüt

Frankfurt Beats
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Frankfurt Beats von Oliver Baier ist kein klassischer Thriller – es ist ein düsteres, verdammt atmosphärisches Debüt, das mehr über die Gegenwart erzählt, als viele lautere Bücher es je könnten. Und das ...

Frankfurt Beats von Oliver Baier ist kein klassischer Thriller – es ist ein düsteres, verdammt atmosphärisches Debüt, das mehr über die Gegenwart erzählt, als viele lautere Bücher es je könnten. Und das schon mit der ersten Seite.

Im Zentrum steht Milan: jung, verloren, drogenvernebelt, zerrissen – auf der Flucht vor sich selbst und dem Tod seines Zwillingsbruders. Statt Trauerbewältigung gibt’s Absturz in Frankfurts Clubnächte. Aber Baier macht aus ihm keine Figur zum Mitleiden, sondern eine, bei der man mitgeht, obwohl man nicht immer mit ihr mitfühlt. Und das ist genau richtig so. Frankfurt ist dabei nicht Kulisse, sondern Mitspieler. Zwischen Bankentürmen und Bahnhofsviertel, zwischen Glanz und Dreck pulsiert ein Beat, der mehr ist als Soundtrack: Er ist Taktgeber für Milans Verdrängung, Halt in der Haltlosigkeit – und irgendwann: Risiko.

Was Baier kann: Figuren schreiben, die nicht sauber einzuordnen sind. Martina, die Auftragskillerin mit Reue. Eine Rechtsradikale, die ausgerechnet von denen Hilfe braucht, die sie hasst. Und Milan, der mal egoistisch, mal zärtlich, mal völlig neben sich steht. Kein Schwarzweiß, sondern durch und durch grau. Und das tut weh – aber auf die gute Art. Der Thrillerplot läuft mit, klar. Aber die Spannung kommt nicht aus dem „Whodunit“, sondern aus der Frage: Wie weit kann ein Mensch zerbrechen, bevor nichts mehr übrig bleibt? Und was passiert, wenn plötzlich doch noch jemand die Hand reicht?

Baier schreibt klar, direkt, mit genau dem richtigen Maß an Poesie. Kein Stil-Gehampel, kein Pathos – aber immer wieder Sätze, die sitzen. Und der Rhythmus: wie ein DJ-Set. Mal laut, mal leise, aber nie beliebig. Frankfurt Beats ist kein Buch, das gefallen will. Es konfrontiert. Mit Schmerz, mit Rausch, mit Schuld. Aber es erzählt auch von Sehnsucht, von Überleben, von Veränderung. Für ein Debüt? Unfassbar souverän.

Fazit: Wer Thriller will, bekommt Spannung. Wer mehr will, bekommt alles. Pflichtlektüre für alle, die wissen wollen, wie sich deutsche Gegenwartsliteratur anfühlen kann, wenn sie was zu sagen hat.

10/10 - Jahreshighlight

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Veröffentlicht am 07.05.2025

Muss man nicht lesen

PRISM
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Prism von Katherina Ushachov hätte ein starker Science-Fiction-Roman werden können – eine Found-Family-Geschichte im futuristischen Setting mit ethischen Fragen rund um das digitale Jenseits. Doch die ...

Prism von Katherina Ushachov hätte ein starker Science-Fiction-Roman werden können – eine Found-Family-Geschichte im futuristischen Setting mit ethischen Fragen rund um das digitale Jenseits. Doch die große Idee versandet.

Statt eines spannenden Thrillers liefert Ushachov ein zähes Beziehungsdrama, in dem belanglose Streitereien und banale Alltagsszenen dominieren. Das namensgebende Projekt PRISM bleibt Staffage, die moralischen Fragen der Technologie werden kaum angerissen. Spannung entsteht keine, Konflikte wirken aufgesetzt, Figuren blass.

Der Schreibstil ist fahrig und kraftlos, die Handlung tritt auf der Stelle. Statt Dynamik gibt es ermüdende Dialoge, statt emotionaler Tiefe endloses Geplänkel. Die Grundidee – Realität, Virtualität und Konzernethik – hätte viel hergegeben, bleibt hier aber ungenutzt.

Fazit: Prism ist eine vertane Chance: ambitioniert in der Anlage, aber im Ergebnis eine langweilige, oberflächliche Soap ohne echten Biss.

2/10 - Ein Buch voller verpasster Chancen, das eine spannende Idee in einem belanglosen Beziehungsdrama untergehen lässt.

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Veröffentlicht am 02.05.2025

Tolle Gay-Romance

Permafrost-Dämmerung
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Permafrost-Dämmerung von Tove Blaustedt ist kein romantisierter Abenteuerroman. Es ist eine stille, eindringliche Geschichte über Kälte, Einsamkeit – und darüber, wie sich trotzdem neue Nähe und Hoffnung ...

Permafrost-Dämmerung von Tove Blaustedt ist kein romantisierter Abenteuerroman. Es ist eine stille, eindringliche Geschichte über Kälte, Einsamkeit – und darüber, wie sich trotzdem neue Nähe und Hoffnung entfalten können.

Im Zentrum steht Leo, ein gescheiterter Physikstudent, der statt eines sonnigen Kalifornien-Aufenthalts im arktischen Spitzbergen strandet. Longyearbyen, eine Siedlung zwischen Eis, Dunkelheit und langsamem Verfall, wird zum Schauplatz seines persönlichen Neuanfangs. Was zunächst wie Strafe wirkt, wird zum Raum für Veränderung.

Blaustedt schildert die Arktis ohne Kitsch. Kein Ort der Sehnsucht, sondern ein raues, ehrliches Setting. Die Einsamkeit, die klirrende Luft, das Monotone der Dämmerung werden spürbar. Und doch entsteht gerade aus dieser Härte heraus eine leise Form von Geborgenheit – besonders in der vorsichtigen Liebesgeschichte zwischen Leo und dem Tourguide Tom. Blaustedt erzählt diese Annäherung mit einer wohltuenden Langsamkeit, die sich absetzt vom üblichen Erzähltempo vieler Romane: kein falsches Drama, keine plötzlichen Geständnisse, sondern kleine, glaubwürdige Schritte.

Auch die großen Themen klingen mit: Klimawandel, das Schmelzen des Permafrosts, die Bedrohung durch freigesetzte Gefahren, die schon immer unter der Oberfläche lagen. Blaustedt bindet diese Bedrohung klug in den Hintergrund ein – präsent, aber nie aufdringlich.

Stilistisch bleibt sie klar, unprätentiös, nah an ihren Figuren. Nur an wenigen Stellen gerät der Text etwas zu weitschweifig – kleine Längen in einem ansonsten beeindruckend balancierten Roman.

Fazit: Permafrost-Dämmerung ist eine Einladung, sich auf unbekanntes Terrain zu wagen – geographisch wie emotional. Ein stilles Buch über Verlust, Neuanfang und darüber, wie Widerstandskraft manchmal im leisesten Moment entsteht.

9/10 - Ein stiller, kraftvoller Roman, der zeigt, dass auch in der kältesten Einsamkeit Liebe und Hoffnung überleben können.

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Veröffentlicht am 29.04.2025

Gefühlvolle Geschichte

Phoenixwalzer
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Phoenixwalzer von Elyseo da Silva ist ein leiser, eindringlicher Roman über zwei Männer, die darum kämpfen, in einer zerrissenen Welt bei sich selbst anzukommen.

Luk und Galiano tragen Narben, die tiefer ...

Phoenixwalzer von Elyseo da Silva ist ein leiser, eindringlicher Roman über zwei Männer, die darum kämpfen, in einer zerrissenen Welt bei sich selbst anzukommen.

Luk und Galiano tragen Narben, die tiefer reichen als die Zeit, in der sie leben. Luk kämpft mit den Geistern seiner Kindheit, mit Gewalt, Scham und der Sehnsucht nach einem Leben, das ihm niemand mehr vorschreibt. Galiano versinkt in Dunkelheit, kämpft gegen Depression, gegen die eigene Unsichtbarkeit – und beginnt langsam, in der noch zaghaften Schwulenszene Kölns neue Räume für sich zu finden. Räume voller Unsicherheit, voller Angst, aber auch voller Möglichkeiten.

Phoenixwalzer erzählt nicht von schnellen Heilungen. Da Silva hat keine Angst vor Schmerz, vor Rückschlägen, vor Momenten, in denen nichts besser wird, nur anders. Gerade dadurch berührt der Roman tief. Er nimmt seine Figuren ernst – in ihrer Verletzlichkeit, in ihrem Stolz, in ihrer Wut.

Hinter allem liegt eine Atmosphäre aus Bedrohung und Hoffnung zugleich. RAF-Terror, Anti-Atomkraftbewegung, die Angst vor einem dritten Weltkrieg – sie drücken auf das Leben der Menschen, doch sie definieren es nicht vollständig. Wichtiger sind die kleinen, intimen Revolutionen: der erste Kuss an einem unsicheren Ort, das erste Aufbäumen gegen die eigene Angst.

Besonders stark sind die Szenen, in denen da Silva die beginnende HIV-Stigmatisierung schildert – subtil, schmerzhaft genau. Ohne Anklage, aber mit einer Dringlichkeit, die noch lange nach dem Lesen bleibt.

Fazit: Phoenixwalzer ist kein Liebesroman im klassischen Sinn. Es ist ein Roman über das Überleben, über die Suche nach Würde, nach Nähe, nach einer Zukunft, die trotz allem möglich bleibt. Über Menschen, die lernen müssen, dass Glück keine Belohnung ist, sondern etwas, das immer wieder neu errungen werden muss.

9/10 - Elyseo da Silva hat ein Buch geschrieben, das bleibt. Weil es ehrlich ist. Weil es weh tut. Und weil es genau deshalb Hoffnung macht.

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Veröffentlicht am 25.04.2025

Starkes Werk

Feuersturm
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Feuersturm – Brennen der Seele von André Hofmann ist kein Roman im herkömmlichen Sinn. Es ist eher eine Sammlung innerer Zustände – Gedanken, Fragmente, leise Erzählungen über Menschen, die sich selbst ...

Feuersturm – Brennen der Seele von André Hofmann ist kein Roman im herkömmlichen Sinn. Es ist eher eine Sammlung innerer Zustände – Gedanken, Fragmente, leise Erzählungen über Menschen, die sich selbst nicht mehr sicher sind. Keine Handlung, kein Spannungsbogen, keine große Bühne. Stattdessen: ein Blick nach innen. Und der trifft.

Die Figuren in diesen Geschichten sind keine klassischen Protagonisten. Sie tragen keine Lösung mit sich, keine Lehre, kein Happy End. Was sie verbindet, ist das, was viele kennen, aber selten aussprechen: das Gefühl, nicht genug zu sein. Einsamkeit, Zweifel, die leise Angst, übersehen zu werden. Hofmann schreibt genau darüber – ohne Drama, ohne Pathos. Und gerade das macht es so eindringlich.

Die Sprache ist präzise, fast zurückhaltend. Kein Wort zu viel, nichts wirkt aufgesetzt. Statt Effekte: Atmosphäre. Statt Erklärung: Raum für eigene Gedanken. Viele Texte funktionieren wie Spiegel. Man liest – und denkt gleichzeitig über sich selbst nach. Das ist keine bequeme Lektüre. Aber eine, die bleibt.

Besonders stark: der Fokus auf das, was zwischen den Zeilen liegt. Die Themen – Einsamkeit, Orientierungslosigkeit, Overthinking – sind universell. Aber Hofmann inszeniert sie nicht. Er vertraut darauf, dass das, was still gesagt wird, genauso wirkt. Vielleicht sogar mehr.

Fazit: Feuersturm ist kein Buch für den schnellen Konsum. Es fordert Aufmerksamkeit, Offenheit, Bereitschaft, sich einzulassen. Wer bereit ist, sich auf die Zwischentöne einzulassen, findet hier etwas Seltenes: Literatur, die nicht laut werden muss, um lange nachzuwirken. Ein Buch, das weniger erzählt, als dass es spürbar macht, was oft zu leise gesagt wird. Und das ist seine größte Stärke.

10/10 - Ein kleines, stilles, tief empfundenes Meisterwerk – für alle, die den Mut haben, in sich selbst hinabzusteigen.

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