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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 30.09.2022

Verpasste Chance

Die karierten Mädchen
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Was für eine Chance. Die Schriftstellerin Alexa von Hennig-Lange findet auf dem Dachboden 130 von ihrer Großmutter besprochene Kassetten. Die Großmutter stellt darauf ihr Leben in der Zeit zwischen ...

Was für eine Chance. Die Schriftstellerin Alexa von Hennig-Lange findet auf dem Dachboden 130 von ihrer Großmutter besprochene Kassetten. Die Großmutter stellt darauf ihr Leben in der Zeit zwischen 1929 und 1945 dar, in der sie zunächst in einem Kinderheim gearbeitet und es dann später auch geleitet hat. Um das finanzielle Überleben des Kinderheimes zu gewährleisten, kollaboriert die Großmutter mit den Nazis und übernimmt die Erziehungsziele der Nazis bei der Erziehung ihrer Schößlinge. Alexa von Hennig-Lange macht aus der Erzählung der Großmutter einen Roman und füllt Leerstellen in der Erzählung der Großmutter, wie sie selbst in einem Interview äußert. Da ist zunächst ein völlig legitimes Verfahren der Literatur, der es primär nicht darauf ankommt, pure Fakten zu liefern. Literatur hat immer auch die Möglichkeit darzustellen, wie es auch hätte gewesen sein können. Von Hennig-Lange verzichtet auf diese Möglichkeit. Sie stilisiert vielmehr die Großmutter zu einer harmlosen Mitläuferin, die innerlich zwar gegen die Nazis protestiert, ihr Handeln aber gemäß dem „Zwang der Verhältnisse“ nicht danach ausrichtet. Von Hennig-Lange geht sogar noch einen Schritt weiter und erfindet eine „Heldentat“ der Großmutter, in dem sie ein jüdisches Mädchen als ihre eigene Tochter ausgibt, es dann aber, als die politischen Verhältnisse immer schwieriger werden, in ein jüdisches Kinderheim gibt. Folgt man dieser Darstellung, hat es in Deutschland eben keine Täter, sondern nur Mitläufer gegeben.
Auch erzähltechnisch ist der Roman wenig überzeugend. Jede, aber auch jede innere Regung wird offen gelegt, ein Deutungsspielraum ist nicht vorgesehen. Dem Leser wird alles präsentiert, seine Haltung kann nur eine rezeptive sein.
Ein spannender Roman hätte entstehen können, wenn denn Alexa von Hennig-Lange wirklich die Auseinandersetzung mit ihrer Großmutter gesucht und ausgelotet hätte, welche Handlungsmöglichkeiten es jenseits aller politischen Verhältnisse gegeben hätte.

Veröffentlicht am 29.09.2022

Anti-Zauberberg

Ein Sommer in Niendorf
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In Thomas Mann Roman der Zauberberg, der auch in Strunks Roman Erwähnung findet, fährt der Schiffsbauingenieur Hans Castorp nach Davos, um für drei Wochen seinen lungenkranken Cousin zu besuchen. Aus ...


In Thomas Mann Roman der Zauberberg, der auch in Strunks Roman Erwähnung findet, fährt der Schiffsbauingenieur Hans Castorp nach Davos, um für drei Wochen seinen lungenkranken Cousin zu besuchen. Aus den drei Wochen werden dann sieben Jahre.
In Heinz Strunks Roman „Ein Sommer in Niendorf“ fährt der Rechtsanwalt Dr. Roth (seinen Vornamen gibt der Erzähler nicht bekannt) nach Niendorf an der Ostsee, um dort die Zwischenzeit bis zum Antritt seiner neuen Stelle mit dem Schreiben eines Romans über seine Familie zu überbrücken. Auch er bleibt länger.
Doch während Hans Castorp hochphilosophische Gespräche mit den Lungenkranken führt, steigt Dr. Roth immer weiter in die Niederungen des Alkoholismus und des Fast-Food-Essens herab. Heinz Strunk erweist dabei nach.seinem Roman „ Der goldene Handschuh“ erneut seine Meisterschaft darin, ausgesprochene (Pardon) Arschlöcher so darzustellen, dass sich die Leserschaft nicht über sie stellt, sondern eher an ihnen verzweifelt. Und ebenso wie im „Goldenen Handschuh“ zieht Strunk alle sprachlichen Register, um das Elend der Figuren darzustellen. Dazu ein Zitat aus dem Anfang des Romans, bei dem einer der Hauptfiguren, der Hausmeister und Depotbesitzer Breda vorgestellt wird: „Breda, Typ langer Lulatsch mit Plauze, strohiges Haar, pergamenthäutig, dünne Ärmchen und Beinchen, hat das Äußere eines Alkoholikers. Unter dem engen T-Shirt zeichnen sich ein halbes Dutzend Speckrollen und zwei auf den Sauf-Spitzbauch herabhängende Titten ab.“ Eigentlich unglaublich, dass der arrogante Schnösel Roth sich weiter mit dieser Person abgibt. Aber Strunk gelingt es, die Annäherung der beiden plausibel darzustellen. Und ebenso plausibel wird der Abstieg des Dr. Roth geschildert.
Hier bietet sich eine weitere Parallele zu Thomas Mann an, jetzt zu dem Roman „Die Boodenbrooks- Verfall einer Familie“. Roth will in Niendorf einen Roman über seine Familie und auch deren Verfall schreiben. Allerdings gelingt es ihm nicht, den richtigen Ton zu finden, wovon einige Zitate in dem Roman Zeugnis ablegen. Strunk dagegen gelingt es, den Abstieg Roths nachvollziehbar und in einem unverkennbaren Ton darzustellen.
Im Gegensatz zu den „Buddenbrooks“ kommt es allerdings zu einem Happy-End, das allerdings auch nicht ungebrochen bleibt. Das letzte Kapitel mit diesem vermeintlichen Happy-End ist überschrieben mit „Apokalypse now“.
Wer den Schreibstil von Heinz Strunk mag und sich nicht vor der Darstellung ekliger Dinge scheut, der findet in dem Roman ein literarisches Vergnügen. Sensible sollten dagegen den Roman meiden.
Zur Zeit der Abfassung der Rezension stand der Roman auf der longlist zum Deutschen Buchpreis 2022. Für mich schwer vorstellbar, dass angesichts der drastischen Sprache der Preis an Strunk verliehen wird. Das Spiel mit den beiden Roman von Thomas Mann dagegen spricht vehement dafür.

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Veröffentlicht am 28.09.2022

Keine leichte Lektüre

Die Kriegerin
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Helene Bukowski macht es den LeserInnen ihres Romans „Die Kriegerin“ nicht leicht. Obwohl aus der Perspektive der einen Hauptfigur, Lisbeth erzählt, gibt die Erzählerin nur wenig von dem preis, ...

Helene Bukowski macht es den LeserInnen ihres Romans „Die Kriegerin“ nicht leicht. Obwohl aus der Perspektive der einen Hauptfigur, Lisbeth erzählt, gibt die Erzählerin nur wenig von dem preis, was im Inneren der Figur sich abspielt. Sie schildert die Ereignisse mit Distanz. Dies gilt auch für die zweite Hauptfigur, die bis kurz vor Schluss namenlos bleibt. Der/die LeserIn muss sich die inneren Handlungsmotive und die Befindlichkeit der beiden Hauptfiguren selbst erschließen. So ist es bei Lisbeth ihre Neurodermitis, die immer dann einen Schub bekommt, wenn sich psychische Probleme auftun. Und ihre Träume spielen eine besondere Rolle.
Die erzählerische Distanz passt zum Charakterzug der beiden Frauen, die sich, aus welchen Gründen auch immer, anderen Menschen gegenüber wenig öffnen. Und obwohl sie befreundet sind, öffnen sich auch die beiden Frauen erst am Schluss des Romans, als schon eine Katastrophe droht.
Die Sprache passt sich der Erzählweise an: die Formulierungen sind einfach, fast lakonisch.
Ich fand es schon spannend zu lesen, wie zwei Außenseiterinnen letztlich doch zueinander finden.

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Veröffentlicht am 19.07.2022

Gottesdemenz

Die Ewigkeit ist ein guter Ort
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Ich habe den Erstlingsroman der Journalistin Tamar Noorth in zwei Tagen ausgelesen und das ist durchaus ein Qualitätskriterium. Die Thematik ist sehr vielfältig. Im Vordergrund steht der Selbstfindungsprozess ...

Ich habe den Erstlingsroman der Journalistin Tamar Noorth in zwei Tagen ausgelesen und das ist durchaus ein Qualitätskriterium. Die Thematik ist sehr vielfältig. Im Vordergrund steht der Selbstfindungsprozess der Ich-Erzählerin, eine junge Frau von ca. 25 Jahren, angehende Pastorin. Aus ihr zunächst unerfindlichen Gründen kommt ihr die Fähigkeiten abhanden, irgend etwas auszusprechen, was mit Gott zusammenhängt. Sie nennt dies selbst Gottesdemenz. Dies stürzt sie eine Lebenskrise. Ihr wird klar, wie stark ihr Vorhaben, Pastorin zu werden, von dem Wunsch ihres Vaters abhängig war, sie als seine Nachfolgerin zu sehen.
Sie lebt in einer Beziehung mit einem Informatiker, der Agnostiker ist, den sie aber als sehr perfekten Menschen darstellt. Dass sie in der Beziehung nicht hundertprozentig zufrieden ist, merkt sie, als sie einen Mann kennen und lieben lernt, der ein ganz anderes Leben führt. Es kommt zur Trennung von ihrem Freund.
Der dritte zentrale Punkt ihrer Selbstfindung besteht in der Aufarbeitung des Todes ihres Bruders vor 15 Jahren..
Diese Punkte der Selbstfindung werden in dem Roman weitgehend schlüssig und nachvollziehbar dargestellt. Als Leser identifiziert man sich sehr stark mit der Ich-Erzählerin, sieht sie aber gegen Ende des Romans auch mit anderen Augen.
Als Leser hatte ich Angst, dass es zu einem platten HappyEnd kommt. Die Sorge war unbegründet, der Schluss lässt die Zukunft der Ich-Erzählerin durchaus offen.
Auch sprachlich vermag der Roman weitgehend zu überzeugen.
Uneingeschränkte Leseempfehlung.

Veröffentlicht am 20.06.2022

Es war einmal und war nicht ….

Fischers Frau
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erzählt ein unbekannter Erzähler von Mia Sund, die einen bislang unbekannten und ganz besonderen Fischerteppich zu begutachten hat. Der Teppich ist mit einem Frauennamen signiert. Die Spur führt sie nach ...

erzählt ein unbekannter Erzähler von Mia Sund, die einen bislang unbekannten und ganz besonderen Fischerteppich zu begutachten hat. Der Teppich ist mit einem Frauennamen signiert. Die Spur führt sie nach Zagreb, wo sie Milan kennenlernt, der gerade dabei ist, eine alte Teppichwerkstatt aufzulösen und der in sehr bescheidenen Verhältnissen lebt.
Da Mia nichts Weiteres über die Teppichweberin herausfindet, erfindet sie deren Leben. Als besondere Kennzeichen verleiht sie ihr Bescheidenheit und die Gabe zu erzählen.
Der Leser erfährt also nicht deren „wahre“ Geschichte, sondern so, wie sie hätte sein können… Es war einmal und war nicht….
Der Roman ist sehr schön erzählt, zuweilen vielleicht im ersten Teil mit Längen. Mich hat die Verbindung von Realem (die Fischerteppiche) mit dem Märchenhaften überzeugt.

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