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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 22.12.2016

Lachfalten Ahoi

Fisherman's Friend in meiner Koje
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Eigentlich bin ich kein großer Fan von klassischer "Chick Lit", doch dieses Buch hat mich in dieser Hinsicht wirklich eines Besseren belehrt. Die meisten Charaktere sind zwar stereotypisch, aber nicht ...

Eigentlich bin ich kein großer Fan von klassischer "Chick Lit", doch dieses Buch hat mich in dieser Hinsicht wirklich eines Besseren belehrt. Die meisten Charaktere sind zwar stereotypisch, aber nicht flach, was angestaubten Klischees frischen Wind bringt.

Protagonistin Judith wirkt zeitweise etwas naiv, verrennt sich gerne in ihre Ideen und stolpert ein ums andere Mal ins Fettnäpfchen, beweist sich aber genauso oft als klug, humorvoll und einfach menschlich, ohne dass sie permanent in die Rolle des liebeskranken Dummchens verfällt. Dasselbe gilt für ihre Schwester Rebecca, die zwar Mann und Kind liebt, aber trotzdem einen Seitensprung wagen will, und Judiths beste Freundin Bille, die ihren unsäglichen Freund eifersüchtig machen will. Beide scheinen auf den ersten Blick typische Rollen zu erfüllen, machen aber im Laufe der Handlung eine äußerst positive Entwicklung durch.
Ebenso geht es dem Rest der Segelpartie - fast schon karikativ gezeichnet, aber im Endeffekt mit mehr Tiefgang als erwartet sind Judiths Mit-Segler zum Schreien komisch, verlieren aber nicht an Glaubhaftigkeit.

Dieser Roman fällt definitiv unter "leichte Kost" - aber das im besten Sinne. Die Verwendung von Klischees wird nicht übertrieben, sodass originelle und wirklich witzige Situationen entstehen, über die man Tränen lachen kann ohne das Gefühl zu haben, sowas schon tausendmal gelesen zu haben.

Veröffentlicht am 12.12.2016

Eine magische Reise zurück in die Vergangenheit

Harry Potter und das verwunschene Kind. Teil eins und zwei (Special Rehearsal Edition Script) (Harry Potter )
3

"Harry Potter und das verwunschene Kind" beginnt dort, wo "Die Heiligtümer des Todes" aufgehört haben: 19 Jahre später an Gleis neundreiviertel. Das treue Fan-Herz schwillt an, die Stimmung ist nostalgisch. ...

"Harry Potter und das verwunschene Kind" beginnt dort, wo "Die Heiligtümer des Todes" aufgehört haben: 19 Jahre später an Gleis neundreiviertel. Das treue Fan-Herz schwillt an, die Stimmung ist nostalgisch. Was folgt ist ein Stück voller Höhen und Tiefen - sowohl was die inhaltliche Handlung als auch die Qualität dieses Drehbuchs betrifft. Ein Beispiel: Während einer hitzigen Diskussion mit seinem Sohn Albus sagt Harry: „Ich wünschte, du wärst nicht mein Sohn“. Was so gar nicht zu dem Helden unzähliger junger Menschen passen will, der trotz eigener verkorkster Kindheit immer zu Liebe und Mitgefühl fähig war, eben den Emotionen, durch die – wir erinnern uns zurück – Voldemort erst geschlagen werden konnte. Umso unwahrscheinlicher, dass er ausgerechnet jetzt damit anfängt, alte Traumata zu verarbeiten. Aber schließlich muss ein Theaterstück auch eine Handlung haben, die jetzt durch den verletzten Albus in Gang gebracht wird. Der will voller Wut auf seinen Vater einen seiner weit zurückliegenden Fehler wieder gut machen – in dem er mit seinem besten Freund Scorpius Malfoy (!) in die Vergangenheit reist, um den Tod von Cedric Diggory mit der Hilfe von dessen vermeintlicher Cousine Delphi zu verhindern, was natürlich erstmal schiefgeht.
Durch das Zeitreisen ändern die beiden ihre eigene Gegenwart und Zukunft, und landen folglich in verscheiden Was-wäre-wenn-Szenarien, die alle ihren besonderen Reiz haben. So landet Scorpius in einer Welt, in der Harry tatsächlich gestorben ist, folglich ohne Albus. Allein muss er sich Umbridge als Schulleiterin stellen und ruiniert dabei den alljährlichen „Voldemort-Tag“.
So weit, so irritierend. Wirklich schräg wird es dann als Harry, Ron, Hermine, Ginny und Draco so wie Albus und Scorpius zusammen ins Jahr 1981 reisen um zu verhindern, dass jemand Voldemort am Versuch hindert Harry zu töten - hier wird dem Leser einiges an Gedankenakrobatik abverlangt.
Die achte Geschichte um Harry Potter und seinen Sohn ist mit wilden Zeitreisen etwas wirr, die Persönlichkeiten der Protagonisten wirken nicht ganz authentisch und die altbekannte Zauberwelt scheint etwas anderen Regeln zu folgen, was sicherlich den Fremdeinflüssen durch Jack Thorne und John Tiffany zuzuschreiben ist. Aber es sind die kleinen Momente mit den bekannten Charakteren, die nostalgische Kindheitserinnerungen und das „Harry Potter-Gefühl“ hervorrufen. Die Dynamik zwischen Ron, Harry und Hermine ist auf den Punkt gebracht, und die Einblicke in Harrys und Ginnys Familienalltag sind wunderbar. Viele Fragen, die nach Ende des siebten Bandes offenblieben, werden endlich geklärt – von trivialen wie welche Berufe die Hauptakteure ausüben über das Schicksal von Draco Malfoy bis hin zum längst überfälligen Gespräch zwischen Harry und Dumbledore, das nicht nur für die Charaktere ziemlich tränenreich ausfällt. Insgesamt ist „Harry Potter und das verwunschene Kind“ am besten als Produkt diverser Autoren zu betrachten, und eben nicht als „offizielle“ Fortführung exklusiv aus der Feder von J.K. Rowling. Behält man dies im Hinterkopf, kann man eine durchaus magische Reise zurück in die Kindheit genießen. Und mal ehrlich: Als bekennender Harry Potter-Nerd hätte ich dieses Buch auch dann verschlungen, wenn Albus nur davon erzählt hätte, wie Harry sich die Brille putzt.

Veröffentlicht am 15.09.2016

Ein großartiges Buch über Schuld und was-wäre-wenn Szenarien

Das Geheimnis meines Mannes
1

Cecilia entdeckt auf dem Dachboden einen Brief von ihrem Mann John-Paul, der nur im Falle seines Todes zu öffnen ist.
Tess findet heraus, dass ihr Mann Will eine Affäre mit ihrer Cousine Felicity hat.
Und ...

Cecilia entdeckt auf dem Dachboden einen Brief von ihrem Mann John-Paul, der nur im Falle seines Todes zu öffnen ist.
Tess findet heraus, dass ihr Mann Will eine Affäre mit ihrer Cousine Felicity hat.
Und Rachel kann die Gefühle von Trauer und Wut nicht überwinden, die seit dem Mord an ihrer Tochter vor über vierzig Jahren ihr Leben bestimmen.
Während Cecilia noch mit der Frage ringt, ob sie den mysteriösen Brief öffnen soll, scheint Rachel endlich den Mörder ihrer Tochter gefunden zu haben – der ausgerechnet Connor sein soll, mit dem sich Tess über den Vertrauensbruch von Will und Felicity hinwegtröstet. Doch John-Pauls Brief ändert alles. Er enthält ein Geständnis, das Rachels Wunsch nach Aufklärung erfüllen und Connor von allen Verdächtigungen befreien könnte. Und stellt Cecilia vor die wichtigste Entscheidung ihres Lebens – zwischen Gerechtigkeit und dem Drang, ihre Familie zu beschützen, besonders ihre drei Kinder.
„Das Geheimnis meines Mannes“ stellt seine Hauptcharaktere und damit den Leser immer wieder vor schwierige Entscheidungen. Man bekommt schnell einen Überblick über die doch recht große Anzahl an Personen, ohne dass das Gefühl entsteht, einige Figuren seien in der Beschreibung zu kurz gekommen. Der Schreibstil ist flüssig und obwohl die Handlung manchmal etwas träge verläuft, ist sie gut strukturiert und bleibt immer spannend genug, atemlos die nächste Seite umzublättern. Der Gesamt- und innere Konflikt der Protagonisten scheint am Ende unlösbar, wird aber in einem wunderbar genialen Plot Twist brillant geklärt. Spannend wie ein Thriller, aber trotzdem sehr emotional und gefühlvoll ist dieses Buch die perfekte Sommerlektüre.

Veröffentlicht am 15.09.2016

Die andere Perspektive zu "Tschick"

Bilder deiner großen Liebe
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Wolfgang Herrndorfs Roman "Tschick" ist ein Bestseller, dessen Verfilmung ab Herbst in die deutschen Kinos kommt. Etwas weniger populär, aber dennoch genauso einzigartig ist "Bilder deiner großen Liebe". ...

Wolfgang Herrndorfs Roman "Tschick" ist ein Bestseller, dessen Verfilmung ab Herbst in die deutschen Kinos kommt. Etwas weniger populär, aber dennoch genauso einzigartig ist "Bilder deiner großen Liebe". Obwohl oder gerade weil unvollständig, da das Werk aufgrund von Herrndorfs Tod nie fertiggestellt wurde, schafft es das Buch den Leser in einen ganz besonderen Bann zu ziehen. Das liegt vor allem an seiner faszinierenden Protagonistin Isa, das Mädchen, dem Tschick und Maik auf ihrem Roadtrip begegnen.
In Fragmenten wird Isas ganz eigene, Odyssee-hafte Reise geschildert. Beginnend mit dem Ausbruch aus einer Nervenanstalt folgen wir ihr auf einer abenteuerlichen Reise mit den skurrilsten Wendungen bis hin zu dieser Begegnung auf dem Schrottplatz mit zwei Jungen, die Probleme mit ihrem geklauten Lada haben.
Doch während Isa ihren Weg selbstbestimmt bestreitet und eben nicht wirklich auf die Hilfe ihrer Retter im weißen Auto angewiesen ist, bleibt sie ziemlich undurchsichtig. Als Erzählerin ist sie unzuverlässig; sie berichtet von Dingen, die gar nicht stattgefunden haben können, wie einer lebhaften Unterhaltung mit einem Taubstummen. Und so stellen sich dem Leser bis zum Schluss die Fragen: Ist das wahr? Können wir diesem fiktionalen Charakter, der so talentiert im Geschichten erfinden und erzählen ist, überhaupt trauen? Die Antworten bleibt der Roman schuldig. Aber ein Buch wäre ja schließlich langweilig, wenn man nicht ein bisschen darüber nachdenken müsste.