Platzhalter für Profilbild

Dr_M

Lesejury Profi
offline

Dr_M ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit Dr_M über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 13.10.2025

"Niemand hat sich für sie interessiert"

Du musst meine Hand fester halten, Nr. 104
0

Nach dem letzten Weltkrieg gab es riesige Fluchtbewegungen aus den sogenannten deutschen Ostgebieten nach Westen. Dabei wurden Familien auseinandergerissen, Kinder von ihren Eltern oder Geschwistern getrennt. ...

Nach dem letzten Weltkrieg gab es riesige Fluchtbewegungen aus den sogenannten deutschen Ostgebieten nach Westen. Dabei wurden Familien auseinandergerissen, Kinder von ihren Eltern oder Geschwistern getrennt. Sie kamen dann später in Kinderheime, oft mit christlicher Ausrichtung. Inzwischen weiß man, dass diese Heime ein Ort des Schreckens waren, in denen die kirchliche Heuchelei zur Hochform auflief.

Die Kinder wurden körperlich und seelisch schwer misshandelt. Wenn man sich darüber informieren will, was christliche Nächstenliebe so alles hervorbringt, dann findet man dazu inzwischen ausreichend Literatur. Die Kirchen gehen auch hier mit ihrer üblichen Strategie vor. Zugegeben wird nur, was man eh schon herausgefunden hat. Wer hingegen konkret nachvollziehbare, wenn auch fiktive Schicksale braucht, um für sich die Dimensionen dieser Auswüchse zu verstehen, sollte dieses Buch lesen.

Es erzählt die Lebensgeschichte von Magret und Hardy, die sich in einem solchen Heim trafen. Hardy war wenige Jahre jünger als Magret, sprach nicht und nässte sich ständig ein. Als Magret eher durch einen Zufall bemerkte, dass Hardy nicht schwachsinnig war, sondern durchaus sprechen und klar denken konnte, kümmerte sie sich um ihn. Das endete, als Magret von einer Tante aus dem Heim geholt wurde. Damit allerdings verschärfte sich ihr Schicksal noch mehr, denn statt Prügel und anderer damals üblicher Strafen, kam sie nun unter die Fuchtel ihres Onkels, der Gefallen an der Minderjährigen fand. Geglaubt wurde ihr nicht, im Gegenteil: Schuld an ihrem Missbrauch war sie selbst. Sie war fortan eine Gefallene, wie das damals hieß.

Hardys Schicksal ging in eine andere Richtung. Er wurde Versuchskaninchen für eine heute noch existierende Pharmafirma. In dieser seltsamen Einrichtung fand Magret ihn wieder und flüchtete dann mit ihm. Sie mussten sich lange irgendwie durchschlagen, heirateten später und bekamen eine Tochter, eine Enkelin und eine Urenkelin, die später bei ihnen einzog, weil ihre Mutter nicht in der Lage war, sich um das Kind zu kümmern.

Wie sich schwere traumatische Kindheitserlebnisse auf die eigene Entwicklung auswirken und wie sie sich über Generationen fortzupflanzen scheinen, bestimmt den Inhalt des Buches. Daneben erzählt die Autorin auch ein wenig Zeitgeschichte. Viele Leser reagieren zu Recht sehr emotional auf dieses Buch. Es gelingt der Autorin also hervorragend ihre Leserschaft mitzunehmen. Dafür kann man sie nur loben.

Wenn man die Dinge aber ein wenig nüchterner betrachtet, dann besitzt dieses Buch im Angesicht seines Themas aber auch Schwächen. Stark ist es bei der Beschreibung der Misshandlungen, schwach dagegen bei der Beschreibung der Folgen. Bei Hardy gelingt der Autorin das noch am besten, bei Magret schon weniger. Warum sich ihre psychotischen Anfälle ausgerechnet im Alter verstärken, bleibt rätselhaft. Die größte Schwäche aber besteht aus meiner Sicht im Überspringen von zwei Generationen. Das Verhalten der Tochter der beiden und ihrer Enkeltochter wird kaum beschrieben. In diesem Sinne bleibt vieles unerklärt und flach.

Große Literatur ist das Buch nicht, weil es zu oft in eine Art seichter Unterhaltung verfällt, die man nur nicht so wahrnimmt, weil man mit dem Schicksal von Hardy und Magret beschäftigt ist, das von Anfang an tief berührt.

Was das Buch aber in jedem Fall bewirkt, ist eine andere Sicht auf die viel beschworene christliche Nächstenliebe und das Wirken der Kirche in der Nachkriegszeit.

Unabhängig vom Inhalt des Buches müsste ich es eigentlich deutlich abwerten, denn schon beim ersten Durchblättern fielen mir einige Seiten entgegen. Eine solch schlechte Bindung habe ich noch nie erlebt. Ich verkneife mir eine solche Abwertung, denn das hat der Inhalt nicht verdient.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 13.10.2025

Faszinierend. Aber auch ein Ausdruck menschlichen Größenwahns

Englische Landschaftsgärten
0

Unter Gärten stellt man sich eigentlich etwas anderes vor. Landschaftsgärten, wie sie in diesem Buch eindrucksvoll beschrieben werden, sind in Wirklichkeit Parks, in denen die Natur so umgestaltet wurde, ...

Unter Gärten stellt man sich eigentlich etwas anderes vor. Landschaftsgärten, wie sie in diesem Buch eindrucksvoll beschrieben werden, sind in Wirklichkeit Parks, in denen die Natur so umgestaltet wurde, dass sie dem jeweiligen Auftraggeber gefiel. Zwanzig solcher öffentlich begehbarer Parks kann man mit diesem Buch in der eigenen Phantasie besuchen. Eine wirkliche Vorstellung von ihnen wird sich so allerdings nicht entwickeln, aber man gewinnt einen ersten Eindruck.

In England scheinen solche Parks massenhaft vorhanden zu sein, was auch ein Indiz für den unfassbaren Reichtum des englischen Adels zu sein scheint. Dass solche Parks eine teure Angelegenheit sind, kann man auch in Deutschland sehen. An der polnischen Grenze liegt der Park von Bad Muskau, ganz nach englischen Vorbild von Fürst Pückler angelegt. So wunderbar er auch heute noch ist - er hat den Fürsten finanziell völlig ausgelaugt.

Im Buch kann man die Geschichte der 20 dort vorgestellten Landschaftsparks nachlesen. Die dazugehörigen Bilder sind eindrucksvoll, folgen aber nicht immer dem Text. Wenn man anfängt ein wenig über den Sinn solcher Landschaftsarchitektur nachzudenken, dann gelangt man schnell zu menschlichem Größenwahn. Denn was hat es für einen Sinn, sich eine ganze Landschaft auszudenken und künstlich zu gestalten? Der Aufwand ist erheblich, und der Nutzen liegt allein im Status. Will man den Park nicht verfallen lassen, dann kostet er auch die nachfolgenden Generationen ein Vermögen.

Bleibt noch die Frage, was dieses wirklich schöne Buch in Deutschland für einen Markt hat. Vermutlich kaum einen, es sei denn man hat vor einen dieser Parks in England zu besuchen.



  • Einzelne Kategorien
  • Cover
Veröffentlicht am 13.10.2025

Belanglos, aber natürlich total magisch

Winona und der Ruf der Wiccas
0

Seit Harry Potter in London durch eine Mauer rennen musste, wenn er in seine Zauberschule reisen wollte, fühlen sich Autoren aufgerufen, das irgendwie nachzumachen. In diesem Buch liegt der Eingang in ...

Seit Harry Potter in London durch eine Mauer rennen musste, wenn er in seine Zauberschule reisen wollte, fühlen sich Autoren aufgerufen, das irgendwie nachzumachen. In diesem Buch liegt der Eingang in die magische Welt der Autorin nicht in einem Londoner Bahnhof, sondern in einem Baum im Stadtwald. Winona und drei Klassenkameradinnen schlüpfen da hindurch und gelangen zunächst in den Jadewald, in dem man nicht lügen darf.

Nachdem die Autorin diesen Einstieg geschafft hat, lässt sie ihre überschäumende Phantasie walten und kreiert eine seltsame Welt, in der es natürlich Probleme gibt, zu deren Lösung ausgerechnet die vier Mädchen beitragen können. Sie erleben zahlreiche Abenteuer und lernen sich so besser kennen. Und aus Gegnerinnen werden sogar Freudinnen. Ist es nicht schön? Ja, das wäre es tatsächlich, wenn es wenigstens irgendwie spannend wäre. Ist es aber nicht. Vielmehr zieht sich alles quälend in die Länge, obwohl der Text wirklich flott geschrieben wurde.

Aber es folgt eben einem schon hunderte Male durchexerzierten Schema. Möglicherweise urteile ich etwas zu hart, aber ich gehöre einer Generation an, in der Kinder- und Jugendbücher noch einen Sinn hatten. Hier kann ich keinen erkennen. Es ist nur flache und belanglose Unterhaltung.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 12.10.2025

Kaspar Hauser: eine neue Theorie als Roman verpackt

Greta Grimaldi und der Junge aus dem Schatten
0

Im Mai 1826 erschien in Nürnberg ein junger Mann, der von sich behauptete aus einer jahrelangen Gefangenschaft bei Wasser und Brot geflohen zu sein. Er sollte noch über Jahre die Öffentlichkeit faszinieren. ...

Im Mai 1826 erschien in Nürnberg ein junger Mann, der von sich behauptete aus einer jahrelangen Gefangenschaft bei Wasser und Brot geflohen zu sein. Er sollte noch über Jahre die Öffentlichkeit faszinieren. Menschen lieben Rätsel und Geheimnisse. Obwohl versucht wurde die Identität dieses Mannes und seine Geschichte zu klären, gelang es nicht, die Geheimnisse zu entschlüsseln. Kaspar Hauser, so nannte sich der Unbekannte selbst, wurde im Dezember 1833 in Ansbach ermordet.

Bis heute gibt es zwei Theorien zu Hauser. Die erste besagt, dass er ein Erbprinz gewesen sei, der in Gefangenschaft gehalten wurde um eine andere Linie an die Macht zu bringen. Auch Gentests brachten kein Licht ins Dunkel dieser Theorie. Die zweite Erklärung geht von einem Betrüger aus. Auch dafür gibt es keine Beweise.

Nun liefert Davide Morosinotto eine dritte Variante in diesem Jugendbuch. Natürlich kann er auch dafür keine Beweise vorlegen. Das muss er auch nicht, denn in seinem Buch geht es lediglich um eine spannende Geschichte, um Literatur, Unterhaltung und Fiktionen. Von den vielen Büchern, die Morosinotto schon geschrieben hat, ist dieses eines seiner besten.

Es ist fraglich, ob die Zielgruppe für dieses Buch überhaupt weiß, wer Kaspar Hauser war. Insofern hält der Autor die Erinnerung über Hauser auch für einige Jugendliche von heute wach. Morosinotto ist ein toller Erzähler, und diesmal hat er sich ein Thema ausgesucht, das viele Generationen später noch fesselt. Da sich Morosinotto lange in Nürnberg aufgehalten hat und das Stadtarchiv ausführlich nutzte, kommen neben seiner Erzählkunst auch Kenntnisse der damaligen Verhältnisse dem Buch sehr zugute. So stellt man sich gute Jugendliteratur vor.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere