"Die Kunst des Krieges war simpel in Nellies Augen"
Nacht über SohoUnd Nellie führte Krieg, denn ihr Imperium von Nachtklubs in London war in Gefahr. Die Konkurrenz schlief nicht und war jederzeit bereit ihre Klubs zu übernehmen. Zwischen den Weltkriegen floss der Sekt ...
Und Nellie führte Krieg, denn ihr Imperium von Nachtklubs in London war in Gefahr. Die Konkurrenz schlief nicht und war jederzeit bereit ihre Klubs zu übernehmen. Zwischen den Weltkriegen floss der Sekt in Strömen, jedenfalls bei denen, die es sich leisten konnte. Kate Atkinson versucht mit diesem Roman ein sprachgewaltiges Bild des Londoner Nachtlebens dieser Zeit zu zeichnen. Natürlich hat sie das alles nicht selbst erlebt, sondern sich aus Büchern angelesen. Ob sie diese Zeit wirklich nacherlebbar macht, sei einmal dahingestellt, weil wir das nicht mehr entscheiden können. Das Zeitgefühl verschwindet mit wachsendem Abstand immer schneller. Wir glauben schließlich nur noch, dass es damals so gewesen sein muss.
Für Nellie Coker existiert jedoch ein historisches Vorbild in der Figur der Kate Meyrick. Da Meyrick auch noch eine Autobiografie herausbrachte bevor sie 1933 starb, konnte Kate Atkinson ihre Hauptfigur entsprechend ausmalen. Neben Coker spielt Detective Chief Inspector Frobisher die zweite Hauptrolle in Soho. Seine Versuche, die Korruption innerhalb des Polizeiapparates offenzulegen und zu beseitigen, scheitern ebenso wie sein Verlangen, das Londoner Nachtleben von Coker zu befreien.
Dazwischen erfindet Atkinson noch einige andere Figuren, die Brücken zwischen den beiden Exponenten ihrer Geschichte bauen. So entsteht ein Gemälde einer Zeit, die wir nicht mehr kennen und die auch Atkinson nur aus zweiter Hand studiert hat. Man kann sich dabei des Gefühls nicht erwehren, das sich Atkinson im Schreiben sonnt, dass es ihr Spaß macht, möglichst wortgewaltig und detailliert zu schildern, was sie für die Realität dieser Zeit hält. Das ist mitunter auch etwas ermüdend.
Das Buch hat aus mehreren Genres Anteile übernommen, aber am Ende kann man es keinem davon zuordnen. Einerseits ist es ein historischer Roman über eine unbedeutende Figur. Er spielt in einem kriminellen Milieu, ist aber kein Kriminalroman im eigentlichen Sinne. Und schon gar nicht spannend. Und ob dieser Roman wirklich die Zeit, in der er spielt, einigermaßen originalgetreu abbildet, kann man nicht entscheiden. Für eine reine Unterhaltung ist das Buch hingegen zu anstrengend und zu lang.