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Veröffentlicht am 17.10.2025

"Die Kunst des Krieges war simpel in Nellies Augen"

Nacht über Soho
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Und Nellie führte Krieg, denn ihr Imperium von Nachtklubs in London war in Gefahr. Die Konkurrenz schlief nicht und war jederzeit bereit ihre Klubs zu übernehmen. Zwischen den Weltkriegen floss der Sekt ...

Und Nellie führte Krieg, denn ihr Imperium von Nachtklubs in London war in Gefahr. Die Konkurrenz schlief nicht und war jederzeit bereit ihre Klubs zu übernehmen. Zwischen den Weltkriegen floss der Sekt in Strömen, jedenfalls bei denen, die es sich leisten konnte. Kate Atkinson versucht mit diesem Roman ein sprachgewaltiges Bild des Londoner Nachtlebens dieser Zeit zu zeichnen. Natürlich hat sie das alles nicht selbst erlebt, sondern sich aus Büchern angelesen. Ob sie diese Zeit wirklich nacherlebbar macht, sei einmal dahingestellt, weil wir das nicht mehr entscheiden können. Das Zeitgefühl verschwindet mit wachsendem Abstand immer schneller. Wir glauben schließlich nur noch, dass es damals so gewesen sein muss.

Für Nellie Coker existiert jedoch ein historisches Vorbild in der Figur der Kate Meyrick. Da Meyrick auch noch eine Autobiografie herausbrachte bevor sie 1933 starb, konnte Kate Atkinson ihre Hauptfigur entsprechend ausmalen. Neben Coker spielt Detective Chief Inspector Frobisher die zweite Hauptrolle in Soho. Seine Versuche, die Korruption innerhalb des Polizeiapparates offenzulegen und zu beseitigen, scheitern ebenso wie sein Verlangen, das Londoner Nachtleben von Coker zu befreien.

Dazwischen erfindet Atkinson noch einige andere Figuren, die Brücken zwischen den beiden Exponenten ihrer Geschichte bauen. So entsteht ein Gemälde einer Zeit, die wir nicht mehr kennen und die auch Atkinson nur aus zweiter Hand studiert hat. Man kann sich dabei des Gefühls nicht erwehren, das sich Atkinson im Schreiben sonnt, dass es ihr Spaß macht, möglichst wortgewaltig und detailliert zu schildern, was sie für die Realität dieser Zeit hält. Das ist mitunter auch etwas ermüdend.

Das Buch hat aus mehreren Genres Anteile übernommen, aber am Ende kann man es keinem davon zuordnen. Einerseits ist es ein historischer Roman über eine unbedeutende Figur. Er spielt in einem kriminellen Milieu, ist aber kein Kriminalroman im eigentlichen Sinne. Und schon gar nicht spannend. Und ob dieser Roman wirklich die Zeit, in der er spielt, einigermaßen originalgetreu abbildet, kann man nicht entscheiden. Für eine reine Unterhaltung ist das Buch hingegen zu anstrengend und zu lang.

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Veröffentlicht am 17.10.2025

"Frisch verliebt in Frankreich"

Charming Frankreich
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Ach, er hatte so schöne Augen und so gefühlvolle Hände, schwärmte eine Dame, aber für eine Ehe reichte es dann nicht lange. Einer ähnlichen Schwärmerei ist dieses Buch gewidmet. Dem unvoreingenommenen ...

Ach, er hatte so schöne Augen und so gefühlvolle Hände, schwärmte eine Dame, aber für eine Ehe reichte es dann nicht lange. Einer ähnlichen Schwärmerei ist dieses Buch gewidmet. Dem unvoreingenommenen Beobachter fällt nämlich schnell auf, dass die Autorin dieses schönen Bildbandes immer den gleichen Motiven folgt, vornehmlich Ladenfronten, allerlei Türen, Toren und Fenstern, Restaurants, schmalen alten Gassen und alten Häusern aus Stein.

Ich würde sie gerne für diese Auswahl und die prächtigen Fotografien loben, aber sie stammen nicht alle von ihr. Auch die Texte hat sie nicht verfasst. Das erfährt man allerdings erst am Ende des Buches. Dessen ungeachtet erhält man mit diesem Band auch etliche Ideen, wo man in Frankreich auf die von der Autorin geliebten Motive trifft. Insofern ist das Buch auch ein Ideengeber für langsames Reisen der besonderen Art.

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Veröffentlicht am 17.10.2025

Dresden erklärt von einem, der es nicht wirklich kennt

Nice to meet you, Dresden!
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Einen Reiseführer fürs deutsche Publikum mit einem englischen Titel zu versehen, grenzt leider an Hirnlosigkeit. Oder an Selbstverleugnung. Martin Brambach hat schon einmal in dieser Reihe ein Buch geschrieben. ...

Einen Reiseführer fürs deutsche Publikum mit einem englischen Titel zu versehen, grenzt leider an Hirnlosigkeit. Oder an Selbstverleugnung. Martin Brambach hat schon einmal in dieser Reihe ein Buch geschrieben. Und da er einen "Tatort-Kommissar" in Dresden spielt, trat der Verlag an ihn heran und bat ihn, nun auch ein solches Buch über Dresden zu verfassen, zumal er schließlich in Dresden geboren wurde. Nun ja, wer kann bei diesem schmeichelhaften Angebot schon widerstehen. Brambach konnte es nicht. Der Verlag allerdings hatte den richtigen Marketing-Riecher, denn das Buch verkauft sich gut.

Da die Tatort-Macher nicht unbedingt ein gutes Verhältnis zur Realität besitzen, muss man sich auch nicht wundern, wenn sie nicht gemerkt haben, dass Brambach in diesen Filmen zwar zu sächseln versucht, daran aber für Dresdener Ohren gar schrecklich scheitert. Brambach ist natürlich kein wirklicher Ossi, obwohl er als Kind in Dresden und Ost-Berlin wohnte. Seine Mutter nutzte einen West-Aufenthalt zur Flucht und holte ihren Sohn dann nach. Von Dresden hat Brambach keine große Ahnung. Was zählt ist also nur seine Tatort-Rolle. Einiges, was er von Dresden nicht weiß, hat er sich von seinem Vater, der hier offenbar noch wohnt, und anderen Leuten erklären lassen. Das ist auch grenzwertig, aber in der Reiseführer-Branche nicht unüblich.

Dennoch hat mir sein Buch gut gefallen, bis auf einige Ausnahmen jedenfalls. Ich komme darauf später zurück. Die grobe Karte gleich am Anfang ist unerwartet aktuell, denn es fehlt die Carolabrücke, die infolge der großherzigen Sorge der Mächtigen um ihr Land mal eben eingestürzt ist. Leider hat der Verlag nicht mitbekommen, dass sie dennoch im Text vorkommt, auch wenn sie auf der Karte unauffindbar ist.

Brambach spaziert anfangs durch Dresden und zeigt und kommentiert einige der vielen Sehenswürdigkeiten im Zentrum. Ohne Karte oder elektronische Hilfsmittel wird man manches nicht so einfach finden. Aber was Brambach in seiner angenehmen Art schreibt, hat meistens Hand und Fuß. Besonders die Angaben zu den Adressen, Öffnungszeiten usw. sind sehr nützlich.

Da Brambach Künstler ist, konnte man erwarten, dass er die Dresdner Neustadt als „das kreative Herz Dresdens“ wahrnimmt. Dieser Stadtteil ist das Siedlungsgebiet der Grünen-Fans. Wenn man auf Hundehaufen ausrutschen möchte, ist die Wahrscheinlichkeit dafür dort am größten. Kreativ ist bei Menschen wie Brambach ein Synonym für Kunst, die meistens keiner braucht. Im Übrigen waren es vor allem die Bewohner dieses Viertels, die den Bau der Waldschlößchenbrücke verhindern wollten, für die die Dresdener Elbwiesen ihren Weltkulturerbe-Status verloren haben. Die Dresdner hatten sich per Volksentscheid mit einer Zweidrittelmehrheit für den Bau entschieden, denn die Sachsen sind im Gegensatz zu den grünen Weltverbesserern ein praktisches und wirklich kreatives Volk. Ohne diese Brücke wäre das Verkehrschaos nach dem Einsturz der Carolabrücke wohl nicht beherrschbar.

Dresden ist im Vergleich zu anderen Orten eine sichere Stadt. Sucht man nach Kriminalitätsschwerpunkten, dann findet man den Wiener Platz (Hauptbahnhof) und mehrere Ort in der Dresdner Neustadt. Kein Zufall, und kein Wort dazu bei Brambach. Dresden ist im Übrigen eine Stadt der Wissenschaft und Technik. Wirkliche Kreativität kann man dort finden und nicht im Milieu der selbsternannten Alternativen.

Ob man Brambachs Familiengeschichte in einem Reiseführer braucht, sei dahingestellt. Und alles, was in diesem Reiseführer außerhalb der Stadtgrenzen von Sachsens Hauptstadt liegt, wird allenfalls dürftig beschrieben. So hält Brambach den Prießnitz-Grund für die Dresdner Heide. Er ist aber nur ein kleiner Teil dieses wunderschönen Waldgebietes. Auch Brambachs Beschreibungen der Sächsischen Schweiz sind sehr rudimentär. Man kaufe sich besser einen speziellen Wanderführer dafür. Immerhin wissen die Bilder zu überzeugen.

Dafür, dass der Mann eigentlich keine Ahnung von Dresden hat, ist dieser Reiseführer besonders wegen seiner persönlichen Note und seines angenehmen Stils ganz gut gelungen, jedenfalls so lange es nur um Dresden geht.

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Veröffentlicht am 17.10.2025

Je verworrener, desto besser?

Die Chroniken des Aufziehvogels
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Lange habe ich überlegt, ob ich überhaupt eine Rezension zu diesem Buch schreibe. Mittlerweile ist Murakami zu einem Schriftsteller mutiert, dessen Bücher immer dicker und verwirrender werden. Ich habe ...

Lange habe ich überlegt, ob ich überhaupt eine Rezension zu diesem Buch schreibe. Mittlerweile ist Murakami zu einem Schriftsteller mutiert, dessen Bücher immer dicker und verwirrender werden. Ich habe keine Ahnung, ob das an einer zunehmenden intellektuellen Disziplinlosigkeit, am Alter oder an was auch immer liegt. Sicher hat jeder Autor das Recht, seine Leser mit seiner Phantasie zu verwirren, Erzählstränge zu konstruieren, deren Sinn man zunächst oder am Ende gar nicht versteht, oder eine Handlung zu ersinnen, die kein Mensch nachvollziehen kann. Und natürlich wird es auch Menschen geben, die darin Tiefe erkennen oder erkennen wollen.

Doch Meisterhaftes ist immer einfach. Und nicht über alle Maßen konstruiert oder mit Sprüngen versehen, die man nicht verstehen kann. Viele Bücher Murakamis haben mir gefallen. Leider werden seine Werke zunehmend schwieriger und anstrengender. Ehrlich – ich bin des Rätselns leid.

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Veröffentlicht am 17.10.2025

"Die Schwalbe kennt keine Grenzen"

Über die Schwalbe
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Nach diesem Satz im Epilog beginnt der Autor sich seltsame Fragen zu stellen. Warum, so Moss, lernen wir nicht von diesem Vogel? Solche merkwürdigen von Menschen erdachten Verbindungen zeugen allenfalls ...

Nach diesem Satz im Epilog beginnt der Autor sich seltsame Fragen zu stellen. Warum, so Moss, lernen wir nicht von diesem Vogel? Solche merkwürdigen von Menschen erdachten Verbindungen zeugen allenfalls von Lebensfremdheit und Naivität, aber keineswegs von Weisheit. Als Naturliebhaber müsste dieser Autor eigentlich wissen, dass auch Tiere ihr Revier markieren und Überschreitungen nicht dulden. Vielleicht sind wir diesen Lebewesen näher als der Schwalbe, schließlich können wir auch nicht fliegen, wenn wir mit den Armen wedeln.

Ungeachtet eines solchen vergleichenden Blödsinns ist dieses Schwalbenbuch für Naturfreunde ein Genuss. Schwalben sind in der Tat seltener als früher bei uns zu sehen. Jedenfalls habe ich schon ewig keine mehr gesehen. Wer es jedoch einmal erlebt hat, dass sie ihr Nest unter einem Hausdach und oberhalb des Schlafzimmerfensters gebaut haben, der wird seine Liebe zu Schwalben mit nächtlicher Ruhestörung belohnt bekommen. Denn im Nest geht es zur Sache, dort herrscht unter den Jungvögeln keine Ruhe.

Im Buch beschreibt Moss ein Jahr im Leben von Schwalben. Wir wissen viel und gleichzeitig wenig über diese Vögel. Wir können sie beobachten, aber nicht wirklich verstehen. Wer schon einmal gesehen hat, wie diese Vögel mit einer Irrsinnsgeschwindigkeit durch schmale Löcher fliegen, wird sich fragen, wie diese Koordinationsfähigkeit funktioniert. Oder: Wie finden diese Altvögel ihr Nest, das sie beispielsweise in den Sand einer Steilküste an der Ostsee gebuddelt haben, wo es daneben viele andere davon gibt?

Für Natur- oder Vogelliebhaber ist dieses Buch eine Fundgrube. Andere mögen es vielleicht langweilig finden. Besonders schön fand ich die Illustrationen.

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