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Veröffentlicht am 18.08.2017

Alles muss man selber machen!

Weltretten für Anfänger
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Ich habe dieses Hörbuch im Rahmen einer Hörrunde gehört, die wie folgt angekündigt war: "... Gute Laune garantiert! Ihr werdet euch vor Lachen den Bauch halten!" Diese Erwartung erfüllt das Hörbuch nicht. ...

Ich habe dieses Hörbuch im Rahmen einer Hörrunde gehört, die wie folgt angekündigt war: "... Gute Laune garantiert! Ihr werdet euch vor Lachen den Bauch halten!" Diese Erwartung erfüllt das Hörbuch nicht. Das Thema ist ernst, von der Lippes humorvolle Art, jeder Person eine eigene Stimme zu verleihen sowie die skurrile Art des Autors Arto Paasilinna, die ganz gut zwischen der traurgen Realität hervorkriecht, haben mich jedoch oft zum Schmunzeln gebracht.

Der finnische Gutmensch und Philologe Surunen macht sich auf nach Mittelamerika, in ein Land mit fiktivem Namen, um den politischen Gefangenen Lopez zu befreien. Auf dem Weg dahin trifft er in Russland auf den Pinguinforscher Sergej Lebkov, der einen Adler hat und viel Wodka trinkt. In der Diktatur Kalmatien angekommen, schafft es Surunen tatsächlich mit viel List politische Gefangene zu befreien. Unter ihnen war auch Lopez, der aber aufgrund der jahrelangen Folter und schlechten medizinischen Versorgung in der Gefangenschaft auf der Flucht stirbt. Den zweiten Gefangenen, einen Arzt, rettet Surunen jedoch, nimmt ihn mit zu seinem Freund Lebkov nach Moskau und findet sogar im kommunistischen Kytislawonien eine Stelle für ihn. Dem nicht genug, auch dort befreit der Philologe wieder kurzerhand zwei politische Gefangene, die in der psychiatrischen Abteilung eines kytislawonischen Krankenhauses zugedröhnt mit Psychopharmaka vor sich hin vegitieren. Nach einer Odysee durch div. politische Regime kommt Surunen wohlbehalten nach Finnland zurück und findet ebenfalls sein Glück.

Paasilinna hat das Buch bereits 1986 geschrieben, und lehnt sich an das damalige politische Weltgeschehen wie z.B. die Sowjetunion an. Erst 2016 wurde Weltretten für Anfänger ins Deutsche übersetzt; hat aber nichts an Aktualität und Brisanz verloren. Man denke nur an die politischen Gefangenen in der Türkei.

Ich habe mir nicht vor Lachen den Bauch gehalten, dafür aber umso mehr geschmunzelt. Von der Lippe liest hervorragend, wenn auch oft leicht übertrieben und die Betrunkenen, die recht häufig in der Geschichte auftauchen, liest er mit so viel Inbrunst, dass sie manchmal sehr schlecht zu verstehen sind.

Für mich ist Weltretten für Anfänger ein durchaus gelungener Hörgenuss.

Veröffentlicht am 30.05.2017

Drum prüfe, wer sich ewig bindet...

Nur ein kleiner Gefallen - A Simple Favor
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Schon nach den ersten Sätzen haut mich die Stimme von Tanja Geke um - im positiven Sinn. Das bleibt so bis zur letzten CD und hilft über manche langatmige Passage hinweg. Das Hörbuch nimmt ab er 3. CD ...

Schon nach den ersten Sätzen haut mich die Stimme von Tanja Geke um - im positiven Sinn. Das bleibt so bis zur letzten CD und hilft über manche langatmige Passage hinweg. Das Hörbuch nimmt ab er 3. CD richtig Fahrt auf.

Doch vorher kurz zum Inhalt: Emily lebt in trauter Einheit mit ihrem Ehemann Sean, der eine Granate im Bett sein soll, und ihrem süßen Sohn Nicki in der Nachbarschaft von Stephanie, einer verwitweten Hausfrau, die mit ihrem ebenfalls süßen Sohn zusammenlebt. Die Frauen und Söhne freunden sich an und so kommt es, dass Stephanie des öfteren die Kinderbetreuung von Nick übernimmt, dessen Eltern beruflich sehr eingespannt und erfolgreich sind. Stephanie gibt zwar vor, mit ihrem Leben zufrieden zu sein, bewundert jedoch alles an Emily kritiklos. Eines Tages holt Emily ihren Sohn nicht mehr ab, verschwindet und die Geschichte geht los.
Darcey Bell lässt anfangs v.a. Stephanie erzählen, zum einen aus ihrem Alltag, zum anderen aber auch aus ihrem völlig überflüssigen Blog, mit dessen Hilfe sie Kontakt zur Außenwelt aufnimmt. So bekommt man auf den ersten beiden CD v.a. die recht simplen und sehr naiven Ansichten und Eindrücke Stephanies mit. Sie hat zwar ebenfalls eine fette Leiche im Keller, nervt im Prinzip aber nur. Nach einer Weile kommt Emily zu Wort und das Blatt wendet sich. Nach Emilys Verschwinden ist das weitere Geschehen in alle Richtungen offen - wurde Emily entführt, ist sie abgehauen, hat sie Suizid begangen oder wurde sie gar umgebracht. Langsam kommt dann jedoch Licht ins Dunkle und man begreift, was passiert ist. Der Schluss überrascht ebenfalls und ist offen.

Stephanies und Seans Charaktere finde ich extrem naiv, blass, sie sind Emily m. E. Emily hörig und ich habe mich mehr als einmal gefragt, wie man nur so blöd sein kann. Ich konnte oft viele ihrer Handlungen nicht nachvollziehen und war mir auch sicher, dass ich niemals so reagiert hätte. Auf der anderen Seite benötigt die hochintelligente Emily aber genau solche Persönlichkeiten, um ihre Pläne zu verwirklichen und beherrscht das Handwerk der Manipulation in Perfektion.

Für mich hätte der Thriller mehr Potential und wäre realistischer, wenn Stephanie und Sean stärkere Protagonisten wären. Darcey Bell hat es allerdings geschafft, mich einige Mal ordentlich an der Nase herumzuführen und mich auf die falsche Fährte zu locken. Deshalb 4 Sternchen und hörenswert, für den, der leichte Thriller mag.

Veröffentlicht am 15.07.2019

Spanien unter Franco

Langsame Jahre
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Fernando Aramburus neuester Roman gefällt mir aus mehreren Gründen ausgezeichnet:

1. Er wählt einen außergewöhnlichen Stil, um die schwarze Epoche Spaniens zu beschreiben: Einerseits die biografischen ...

Fernando Aramburus neuester Roman gefällt mir aus mehreren Gründen ausgezeichnet:

1. Er wählt einen außergewöhnlichen Stil, um die schwarze Epoche Spaniens zu beschreiben: Einerseits die biografischen Erinnerungen eines Mannes, der dem Autor von seiner Kindheit in den 60er und 70er Jahre berichtet; andererseits der Autor, der sich dazu Notizen, sog. Notate, macht, wie er diesen Roman angehen will.
2. Bei Aramburu menschelt es: Da gibt es die energische, erzkatholische Tante, die die Familie auf Trab hält, besonders, wenn ihr der Priester verrät was ihre Tochter beichtet. Außerdem
genau diese Tochter, die viel zu früh schwanger wird, heiraten muss, was sicherlich sehr authentisch in die Zeit der 60er und 70er passt, nicht nur in Spanien.
3. Aramburu fängt trotz der Perspektive eines Kindes die politische Situation Spaniens unter der Franco Diktatur sehr anschaulich ein: Die hungernde Landbevölkerung, junge Männer, die im Untergrund ihr Leben riskieren, die katholische Kirche, die dabei ordentlich mitmischt.

Der Roman zeichnet für mich ein realistisches Gesellschaftsbild, das obwohl tragisch, sich eine humoristische Grundhaltung bewahlt.

Unbedingt hörenswert!

Veröffentlicht am 08.07.2019

Nachkriegsdeutschland

Deutsches Haus
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"Frankfurt 1963. Eva, gelernte Dolmetscherin und jüngste Tochter der Wirtsleute Bruhns, steht kurz vor ihrer Verlobung. Unvorhergesehen wird sie gebeten, bei einem Prozess die Zeugenaussagen zu übersetzen. ...

"Frankfurt 1963. Eva, gelernte Dolmetscherin und jüngste Tochter der Wirtsleute Bruhns, steht kurz vor ihrer Verlobung. Unvorhergesehen wird sie gebeten, bei einem Prozess die Zeugenaussagen zu übersetzen. Ihre Eltern sind, wie ihr zukünftiger Verlobter, dagegen: Es ist der erste Auschwitz-Prozess, der in der Stadt gerade vorbereitet wird. Eva, die noch nie etwas von diesem Ort gehört hat, folgt ihrem Gefühl und widersetzt sich ihrer Familie. Sie nimmt die Herausforderung an, ohne zu ahnen, dass dieser Jahrhundertprozess nicht nur das Land, sondern auch ihr eigenes Leben unwiderruflich verändern wird."

Mit "Deutsches Haus" schafft Annette Hess den Sprung vom Drehbuch zum Roman und stellt die Frage einer ganzen Generation: Wie viel Schuld trägt jemand, der nichts tut? Dabei ist ihr ein außergewöhnlicher Roman gelungen, der ein schwieriges Thema mit viel Zeitgeist äußerst höenswert macht.

Eva Meckbach liest das Hörbuch mit ihrer ruhigen und bedachten Stimme ganz wunderbar. Sie klingt, wie die Protagonistin klingen könnte.

Aus vielerlei Gründen ist "Deutsches Haus" von Annette Hess unbedingt hörenswert.

Veröffentlicht am 08.07.2019

Rosen und Schokolade

Die Frauen der Rosenvilla
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Anna Kepler, Erbin einer alten Schokoladendynastie, ist die Protagonistin in Teresa Keplers neuestem "Blumenbuch" "Die Frauen der Rosenvilla". Die junge Frau hat gerade ihre zweite Chocolaterie in der ...

Anna Kepler, Erbin einer alten Schokoladendynastie, ist die Protagonistin in Teresa Keplers neuestem "Blumenbuch" "Die Frauen der Rosenvilla". Die junge Frau hat gerade ihre zweite Chocolaterie in der Dresdner Altstadt eröffnet und die alte Familienvilla, aufgrund des ehemaligen Rosengartens die Rosenvilla genannt, restauriert. Beim Anlegen des Gartens entdeckt sie eine alte Schatulle, die Tagebuchausschnitte enthält. Damit nimmt die Geschichte ihren Lauf...

Autorin Teresa Simon springt ab Ende des 19. Jahrhunderts in die Gegenwart des Jahres 2013 und verwebt so die div. Biografien des Buches miteinander. Die Zeitsprünge leitet sie zwar mit der jeweiligen Jahreszahl wie z.B. 1892, 1900, 1913, 1923, 1938 usw. ein, dennoch sind sie zu häufig und abrupt; dadurch für den Leser schlecht nachvollziehbar. Dieses Stilelement ist nicht schlecht, um eine Familiengeschichte zu erzählen, leider noch nicht ganz ausgereift. Zudem verfällt sie leider immer wieder in sehr süßliche und kitschige Beschreibungen von Situationen, obwohl sie v.a. mit geschichtlichen Darstellungen beweist, dass sie es auch besser kann.
Gut hat mir gefallen, dass ich mehr über die Geschichte der DDR der ersten Hälfte des 20 Jahrhunderts erfahren habe.

Die Sprecherin Nadine Heidenreich versucht, jeder Person eine eigene Stimme zu verleihen; Männer spricht sie tiefer, manchen verleiht sie einen sächsischen Dialekt oder amerikanischen Akzent usw. Das hätte sie m. E. bleiben lassen sollen, denn es ist nur bei einem Versuch geblieben.

Das Hörbuch verlangte mir einiges ab, dennoch vergebe ich 4 Sternchen, da ich fairerweise sagen muss, dass mich die Geschichte sehr interessierte und trotz mancher stilistischer Mängel einen Hörsog entstehen ließ.