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Veröffentlicht am 31.12.2022

Vom Hasen- zum Löwenherz

Gespensterjäger auf eisiger Spur (Band 1)
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Eine seltsamere Gespensterjägertruppe als die drei, die uns in diesem ersten Buch der vier Bände umfassenden 'Gespensterjäger' Reihe von Cornelia Funke begegnen, kann man sich kaum vorstellen! Es sind ...

Eine seltsamere Gespensterjägertruppe als die drei, die uns in diesem ersten Buch der vier Bände umfassenden 'Gespensterjäger' Reihe von Cornelia Funke begegnen, kann man sich kaum vorstellen! Es sind dies nämlich der von seiner großen Schwester Lola gepiesackte Angsthase Tom Tomsky, die wackere alte Dame Hedwig Kümmelsaft (auch was pfiffige Namen anbelangt zeigt die Autorin ihren scheinbar unerschöpflichen Ideenreichtum!) und – ausgerechnet! - ein Gespenst höchstselbst. Hugo, so heißt dieses schimmlig-grüne, schleimige Wesen, mit dem überhaupt alles anfing! Ihn entdeckte Tom zu seinem allergrößten Entsetzen im ohnehin schon ekligen, ganz und gar nicht einladenden Kellerraum des Wohnhauses, in dem Tom mit seiner Familie lebt. Und glaubte ihm etwa jemand, als er von seiner Begegnung mit einem Gespenst erzählte? Das übrigens hätte er besser nicht getan, denn sein Angstschlottern war Wasser auf den Mühlen seiner unbarmherzigen Schwester. Doch halt – die Oma lachte ihn nicht aus, sondern schickte ihn vielmehr zu ihrer Freundin, die sich mit Gespenstern auskennt – zu besagter Hedwig Kümmelsaft nämlich! Die nimmt Tom ernst und sagt ihm auch gleich, wie er das schleimige Schreckgespenst in seinem Keller loswerden kann, das sie als MUG identifiziert, also als Mittelmäßig Unheimliches Gespenst, mit dem Tom ohne weiteres fertigwerden könnte, mit den altbewährten Abschreckungsmitteln Spiegel, Musik, rohen Eiern und roter Kleidung – alles Dinge, wie jedermann weiß, die Gespenster wie das in Toms Keller so überhaupt nicht mögen.
Gesagt, getan – Tom jagt nun seinerseits dem Gespenst einen Heidenschrecken ein. Damit hätte die Sache eigentlich erledigt sein können, wenn das Gespenst, das sich als Hugo vorstellt, nicht so unglücklich wäre, weil es nun Toms liebgewonnenen Keller verlassen soll, heimatlos, wie es jetzt ist! Denn eigentlich wohnte Hugo in einer alten Villa am Stadtrand, in der er und der Bewohner, Herr Lieblich, sich friedlich miteinander eingerichtet hatten. Bis ein UEG auftauchte, ein Unglaublich Ekelhaftes Gespenst, das unseren Hugo in die Flucht schlug und von nun an den armen Herrn Lieblich nach Strich und Faden tyrannisierte. Was also ist zu tun? Hedwig Kümmelsaft, die flugs konsultiert wird, weiß Rat! Sie ernennt Tom und Hugo kurzerhand zu ihren Assistenten und heckt einen Plan aus, wie das UEG, ein ganz anderes Kaliber als ein MUG und dazu noch gemeingefährlich, unschädlich gemacht werden kann, damit Hugo wieder zurückziehen kann in seine Villa, um die Wohngemeinschaft mit Herrn Lieblich wieder aufzunehmen.
In der Tat wird es von nun an sehr spannend und überaus turbulent und spaßig. Tom mausert sich vom Hasen- zum Löwenherz während seines ersten Einsatzes als Gespensterjäger – und kann am Ende sogar noch einen längst fälligen Triumph über seine große Schwester feiern, hinter deren großer Klappe eine weit weniger mutige Person steckt als das, was hinter der Schüchternheit ihres Bruders zutage tritt! Und da kann man sich nur freuen für den kleinen Kerl, der bewiesen hat, was in Wirklichkeit in ihm steckt....
Einen schaurig-schönen Gruselspaß hat sich Cornelia Funke mit ihren Geisterjägern einfallen lassen, deren vorliegender erster Band schon in ihrer frühen Schaffensperiode entstanden ist. Besonders reizvoll sind auch die Illustrationen, die sie selbst dazu angefertigt hat, denn das Zeichnen versteht sie, die als Kinderbuchillustratorin begonnen hat, ebenso meisterhaft wie das Schreiben qualitätsvoller, sprachlich differenzierter, ungemein kreativer, phantasievoller Romane. Vielseitig ist sie, packt die unterschiedlichsten Themen an, lässt sich nicht festlegen – und so wurde sie zu Recht zu einer der international bekanntesten Autorinnen in der Kinder- und Jugendbuchliteratur, jemand, deren Bücher, die wirklich jeder jungen Leseratte zu empfehlen sind, zum Teil sogar als Schulliteratur genutzt werden.
Und wer noch nichts von ihr gelesen hat und ungefähr sieben oder acht Jahre alt ist, könnte es ja mal mit ihren Geisterjägern probieren, die, nebenbei gesagt, zu den besten Büchern dieses Genres gehören, die ich kenne, denn sie haben alles, was ein gutes Gespensterbuch ausmachen sollte, vom Wortwitz, der eines von Cornelia Funkes Markenzeichen ist, ganz zu schweigen! Und es darf angenommen werden, dass so mancher junge Leser – wie die Verfasserin dieser Zeilen dereinst - danach von den Büchern der Schriftstellerin gar nicht mehr genug bekommen kann...

Veröffentlicht am 30.12.2022

Geschichten, die hell leuchten

Mein kunterbuntes Weihnachtsalbum
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Über die Entstehung des Adventskalenders gibt es unterschiedliche Theorien; in gedruckter Form allerdings wurde er erstmals 1903 von dem Münchner Verleger Gerhard Lang herausgegeben – in Anlehnung an die ...

Über die Entstehung des Adventskalenders gibt es unterschiedliche Theorien; in gedruckter Form allerdings wurde er erstmals 1903 von dem Münchner Verleger Gerhard Lang herausgegeben – in Anlehnung an die Adventskalender, die er als Kind von seiner Mutter gebastelt bekam und die er als 'wundervolle Wartehilfe' bis zum ersehnten Weihnachtsfest nunmehr mit all den ungeduldigen Kindern, die die Adventszeit so erlebten, wie einst er selbst, teilen wollte. Die Idee, hinter die kleinen Türchen nicht nur Bildchen, sondern auch Schokolade zu packen, stammt übrigens auch von Lang! Inzwischen kann man die unterschiedlichsten Gestalten, die der ursprüngliche Adventskalender über mehr als ein Jahrhundert hinweg angenommen hat, kaum noch zählen – es gibt buchstäblich für jeden Geschmack etwas und man muss staunen über so viel unerschöpfliche Kreativität!
Wer aber die Adventszeit lieber mit kleinen Geschichten erleben möchte, der greift womöglich, sofern er das Glück hat, diesen Schatz zu entdecken, zu Rüdiger Marmullas 'Mein kunterbuntes Weihnachtsalbum', das nichts anderes ist als eben – ein Adventskalender. In 24 kurzen Kapiteln nähern sich ein Vater und seine Tochter dem Weihnachtsfest an; der Vater erzählt an jedem Tag der Adventszeit Geschichten, die, zunächst von ganz persönlichen Erfahrungen und Empfindungen geprägt, sich sehr schnell dem zuwenden, das die Essenz des christlichen Weihnachtsfestes ist, nämlich der Weihnachtsgeschichte, die nicht erst mit der Geburt des Erlösers begann, sondern bereits lange vorher. Er tut das auf eine ganz wunderbare Art und Weise, immer auf die Fragen und Anstöße der Tochter eingehend, in einfacher, ruhiger Sprache, mit der er direkt auf den Punkt kommt, das Wesentliche trifft, nicht nur den Sinn von Weihnachten definierend, sondern den Sinn unserer menschlichen Existenz. Kinder können das verstehen! Und wer da meint, dass der Glaube etwas Hochkompliziertes sei, sieht sich, wenn er Rüdiger Marmullas Gedanken auf sich wirken lässt, eines Besseren belehrt! Der christliche Glaube muss für alle Menschen verständlich sein, ist nicht nur die persönliche Domäne einer Minderheit hochgebildeter Theologen und Philosophen; er kommt aus dem Herzen, in das ihn liebevolle, schnörkellose Worte wie diejenigen, die der Autor seinem Erzähler in den Mund legt, hineinpflanzen und nähren, damit er wachsen und Früchte tragen kann.
Rüdiger Marmulla ist hier einmal mehr ein besonderes Kleinod gelungen, eines, dem man nach dem Lesen einen besonderen Platz aussucht im Bücherschrank, damit man es jederzeit griffbereit hat, spätestens im kommenden Advent und in jedem weiteren Advent, der einem beschert sein mag. Auf dass das 'Weihnachtsalbum' ein Licht entzünden möge in der so oft beschworenen stillen, der besinnlichen Zeit, die in der Realität aber so ganz anders aussieht ob der vielen Pflichten, mit denen viele Menschen gerade in der Vorweihnachtszeit zugeschüttet werden oder die sie sich gar freiwillig aufhalsen. Oder auch Trost spendet, wie der Autor in seinem Vorwort schreibt, denn ja, die Adventszeit ist eben auch eine wehmütige Zeit, je weiter man auf dem Pfad des Lebens voranschreitet, eine Zeit, in der ein schmerzhaftes Sehnen aufkommen kann, wenn man nicht aufpasst, nach den Menschen, mit denen man so manche unvergessliche Advents- und Weihnachtstage verbracht hat und die ihren irdischen Weg bereits vollendet haben. Ja, dann können Rüdiger Marmullas zu Herzen gehende, wahrhaftige Erzählungen, die von tiefem, unerschütterlichem Glauben geprägt sind, tatsächlich trösten und halten.... Danke dafür!

Veröffentlicht am 23.12.2022

Reisebuch zum Klimaschutz

Hannahs Reise
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Dass die Familie Steingässer sehr reiselustig ist und bereits, mit Kind und Kegel, mehr Länder bereist hat, als es die allermeisten Familien, auch aus finanziellen Gründen, jemals tun werden, war mir aus ...

Dass die Familie Steingässer sehr reiselustig ist und bereits, mit Kind und Kegel, mehr Länder bereist hat, als es die allermeisten Familien, auch aus finanziellen Gründen, jemals tun werden, war mir aus vorherigen Publikationen der Mutter, Jana Steingässer, bekannt. Auch in der Presse liest man mitunter den einen oder anderen Artikel über die Familie, der man ebenso die Möglichkeit gegeben hatte, in einer 25minütigen Doku über ihren mühsamen, aber, wenn das denn alles so stimmt, konsequent umweltschonenden Alltag zu berichten. Löblich das alles, sehr sogar. Doch wird mit keinem Wort darauf eingegangen, weder in der Presse, noch im Fernsehen, noch in dem hier zu besprechenden Reisebuch der besonderen Art, dass für ein solches Leben tatsächlich auch die Voraussetzungen gegeben sein müssen! Um nur ein Beispiel anzuführen – wie soll man auf die Umweltdreckschleuder Auto verzichten, wenn man täglich aufgrund seiner Wohnsituation darauf angewiesen ist, um etwa zur Arbeit zu kommen und dann auch noch rasch die Einkäufe für die Familie zu erledigen? Das ist kaum oder gar nicht zu schaffen, wenn man nicht, wie Steingässers, jung, gut zu Fuß und – freiberuflich ist, sie Autorin, er Photograph, und sich seine Zeit weitgehend nach Belieben einteilen kann. Und hier sind wir auch gleich beim Reisen! Freiberufler können sich die Schulferien freischaufeln, und das vier bis fünf Mal im Jahr. Wenn man dazu auch noch Reisebücher schreibt, ja, dann kann man Vergnügen und Arbeit wunderbar miteinander kombinieren! Und das ist ja auch völlig in Ordnung so und erfreut die Leser, die vom Sessel aus an den, stets ungewöhnlichen, oft sehr anstrengenden und unbequemen, aber immer einzigartigen Reisen voller wunderbarer und gewiss unvergesslicher Erlebnisse teilnehmen können...
Folgte Familie Steingässer, damals noch vollzählig, in dem 2019 erschienenen Buch 'Paulas Reise', das aus der Sicht der ältesten Tochter, Paula also, erzählt ist, noch den Spuren des Klimawandels, die sie buchstäblich um die Welt führten, so greift das aktuelle, schön aufgemachte Reisebuch in ansprechendem Großformat 'Hannahs Reise' einen wichtigen Teilaspekt des großen Themas auf, nämlich die Ressource Wasser und seine Verknappung überall auf der Welt. In den bereisten Ländern Italien, Spanien, Marokko, Israel und Jordanien (das Abschlusskapitel, das von einem Aufenthalt in Frankreich auf einem Katamaran berichtet, ist eher ein zusätzliches Highlight und hat mit dem eigentlichen Thema nicht unbedingt etwas zu tun) erfahren die Kinder hautnah, was Wassermangel bedeutet, was die Ursachen dafür sind, wie Wasser, ein Menschenrecht, zu einer Ware gemacht wird, an der ein paar Wenige verdienen und die überwältigende Mehrheit die Folgen des so produzierten Notstands zu tragen hat, und vieles mehr. Die Steingässer-Kinder, ohnehin schon in Sachen Umweltschutz sensibilisiert, sind betroffen, wie auch der Leser, dem viele der hier thematisierten Auswüchse der Wassernot so genau nicht bekannt sein dürften, und mögliche Lösungsansätze, um Wasser zu sparen, die ihre Mutter ihnen erklärt, sind für sie sehr verständlich und logisch, fallen auf fruchtbaren Boden. Da ist man als Leser schon voller Bewunderung für diese patente Mutter, die so umfassend Bescheid weiß und ihren Kindern entschlossen wertvolle Grundlagen mitgibt für die Gestaltung des späteren Lebens als Erwachsene...
Da es kaum möglich ist, die Ressource Wasser vollkommen eigenständig und losgelöst von allen anderen Facetten, die zum Klimawandel führen, zu betrachten, erleben Hannah und ihre Geschwister Mio und Frieda auf einer Fahrt mit einem Fischkutter vor Barcelona, was da so alles im Meer herumschwimmt, das da nicht hineingehört und vor allem, was dieser Wohlstandsmüll, der zum Großteil Plastik unterschiedlichster Provenienz ist, aber dazu noch alles Erdenkliche und Unerdenkliche, achtlos entsorgt, in dem empfindlichen Ökosystem Meer anrichtet, welchen nicht zu rechtfertigenden und kaum wieder gutzumachenden Schaden er den Fischen zufügt, deren Bestand ohnehin schon durch rücksichtsloses Überfischen gefährdet ist. Das, so ist zu spüren, war ein ziemlicher Schock für die Geschwister! Und an Stellen wie diesen wird die Schilderung besonders eindringlich...
Viele sehr kindgerechte Zusatzinformationen, Faktenwissen, wenn man so will, vervollständigen das durchgehend anschaulich bebilderte Buch, das am Ende noch eine ganze Reihe brauchbarer Tipps gibt, die den jungen Lesern bei ihren eigenen Bemühungen, mit dem knappen und so wertvollen Gut Wasser verantwortungsvoll umzugehen, ganz sicher hilfreich sein werden. Ratschläge nicht mit erhobenem Zeigefinger, der überhaupt – und erfreulicherweise – gänzlich fehlt in Hannahs Reisebuch, sondern immer so, dass man richtig Spaß haben kann mit dem Umweltschutz – ja, und am Ende auch noch das gute Gefühl, seinen eigenen Beitrag, so klein er auch sein mag, geleistet zu haben zur Bewahrung unseres so gefährdeten und längst nicht mehr gesunden blauen Planeten! Jeder kann etwas tun für den Umweltschutz und auch die kleinsten Bemühungen helfen schon, retten vielleicht eine Kröte oder einen Regenwurm, vielleicht auch etwas oder jemanden, von dem wir gar nichts ahnen – das ist für mich die Essenz, die Botschaft dieses sehr kurzweiligen Reiseberichts für Kinder, aber auch für Erwachsene, mit den nicht selten bedrückenden und erschreckenden Realitäten, die sich vor der reiseerfahrenen Familie Steingässer auftun. Von solchen Büchern, so meine ich, wünscht man sich unbedingt mehr – und wer weiß, schließlich wollen möglicherweise auch noch Mio oder die kleine Frieda ihre eigenen Reisegeschichten erzählen....

Veröffentlicht am 20.12.2022

Gefährliche Obsession

Dunkles Abbild
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Skandinavien-Thrillern haftet oft etwas Dunkles und Düsteres an, man spürt von Anfang an eine unbestimmbare, doch beharrliche, lauernde Gefahr, die sich dann, je weiter die Handlung voranschreitet, irgendwann ...

Skandinavien-Thrillern haftet oft etwas Dunkles und Düsteres an, man spürt von Anfang an eine unbestimmbare, doch beharrliche, lauernde Gefahr, die sich dann, je weiter die Handlung voranschreitet, irgendwann heftig Bahn bricht. Obwohl man genau dies erwartet, kann man sich des Schreckens, der einen dabei stets überkommt, kaum erwehren, ist wie gebannt, wider Willen fasziniert und spätestens dann nicht mehr in der Lage, das Buch zur Seite zu legen. 'Dunkles Abbild' macht da keine Ausnahme, obwohl der Autor Bernhard Stäber gebürtiger Deutscher ist, nun freilich Wahl-Norweger. Die düster-unheimliche Tradition seiner skandinavischen Krimikollegen jedoch führt er fort – und nebenbei gesagt nicht nur dieser, denn ich empfinde den Großteil der norwegischen Literatur als hart und freudlos, als schwermütig, um ein etwas positiveres Adjektiv zu finden. Vielleicht kommt das zwangsläufig, wenn man hoch oben im Norden, wo die Winter endlos lang und dunkel sind, seine Heimstatt hat, vielleicht färbt so etwas ab auf die Menschen, wird von ihnen absorbiert und Teil ihres Charakters? Wer kann das schon mit Bestimmtheit sagen?
Wie dem auch immer sei, für seinen neuen Norwegen-Krimi, genauer gesagt Psychothriller, hat sich der Autor ein Thema ausgesucht, das schon Befürchtungen in mir als Leser weckt, noch bevor sich das ereignet, was schließlich eine unaufhaltsame Lawine in Gang setzen wird mit sehr ungewissem Ausgang. Harmlos genug beginnt die Geschichte, die durchgängig von den beiden Protagonistinnen Silje Iversen und Katrine Haugland erzählt wird, und von daher, mangels eines auktorialen Erzählers, niemals objektiv sein kann. Positiv an dieser Erzählweise ist der Interpretationsspielraum, den sie dem Leser ermöglicht – hier im Roman unbedingt zu begrüßen!
Nun also: Katrine erkennt auf einer Zugreise die Photographin Silje, an die sie sich aus einem Jugendclub von früher erinnert, wie man bereits im Klappentext aufgeklärt wird, und die sie schon damals bewunderte. Silje hatte ihrer Meinung alles, was ihr selbst fehlte, eine unabhängige Persönlichkeit, die für sich alleine stehen konnte und keiner Bestätigung von anderen Menschen bedurfte. Silje freilich hat an Katrine keinerlei Erinnerungen und ist überhaupt, wie im Laufe der Handlung auffallen wird, vor allem mit sich selbst beschäftigt. Sie trauert dem nach, was der Beginn einer Karriere als Photographin hätte sein können und auch sollen, es aber nie geworden ist, denn ihr Sohn Simon wurde geboren, für den sie ganz alleine verantwortlich ist, und mit seinem Eintritt in ihr Leben schien sich ihre Kreativität verabschiedet zu haben. Obwohl sie bemüht ist, sich und den Jungen mit Kellnern und gelegentlicher Porträtphotographie über Wasser zu halten und sich immer wieder sagt, dass der Sohn das Wichtigste in ihrem Leben sei, kreisen ihre Gedanken immer und immer wieder um sich selbst und die verpasste Karriere – ein Verhalten, das der bereits erwähnten späteren Lawine gar einen kleinen Schubs verpassen wird.
Katrine auf der anderen Seite, die sich der verehrten Silje nun an die Fersen heftet und sie nicht mehr aus den Augen lässt, erscheint dem Leser bald nicht mehr nur merkwürdig und befremdlich, sondern es wird ihm rasch klar, dass es sich bei ihr um eine stark gestörte Person handelt, die überraschend schnell die Kontrolle über sich verliert, in dem Maße, wie sie ihren Entschluss, ihrem Idol äußerlich und innerlich so ähnlich wie möglich zu werden, in die Tat umsetzt. Und wirklich ändert sich ihr geducktes, unsicheres Verhalten mit jedem Schritt auf dem Weg ihrer Verwandlung in Silje, die von all dem nicht die geringste Ahnung hat, aber hätte haben können, würde sie nicht mit Scheuklappen durch die Gegend laufen und stattdessen dem, was um sie herum geschieht, ein wenig mehr Beachtung schenken würde. Unverständlich ist etwa, wie sie, die sie ständig in Angst vor dem Jugendamt lebt (die skandinavischen Behörden scheinen alleinerziehenden Müttern nicht über den Weg zu trauen in Punkto Erziehung), ihren Sohn dennoch immer wieder bei allen möglichen Betreuern ablädt, dabei die Alarmsignale, die das Kind aussendet ignoriert oder einfach beiseite wischt, den Jungen und seine – wichtigen, wichtigen! - Wahrnehmungen nicht ernst nimmt.
Ganz absorbiert in ein wertvolles Buch mit Zeichnungen des Crawley-Tarots, das sie in einem Antiquariat entdeckt hat und dem eine entscheidende Rolle in der Geschichte zukommt, wiewohl es an dieser Stelle etwas verwirrend wird und wenigstens von mir nicht mehr recht nachzuvollziehen, entgeht es Silje, dass sie längst von der kranken Katrine gestalkt wird, der tickenden Zeitbombe, die sich sogar Zutritt zu ihrer Wohnung verschafft und immer mehr zu dem titelgebenden 'dunklen Abbild' ihrer selbst wird. Aber damit nicht genug, denn Katrine hat einen teuflischen Plan, um die vollständige Verwandlung in ihr Idol zu vollziehen. Dass sie dabei über Leichen gehen und vor nichts haltmachen wird, soll Silje sehr bald in einem wirklich umwerfend spannenden Finale am eigenen Leibe erfahren....
'Slow-Burner' nennt der Autor seinen Thriller – was oberflächlich betrachtet zutreffen mag. Doch ist der vermeintlich harmlose Beginn, dazu noch bei ungewöhnlich heißem Hochsommerwetter, trügerisch! Man muss sich nur hineindenken, hineinfühlen, horchen auf die Zwischentöne, um trotz der Hitze ein leichtes Frösteln zu verspüren, das sich bald zu einer ausgewachsenen Gänsehaut entwickeln wird, auf der sich schließlich sämtliche Härchen aufstellen werden. Ein Psychothriller par excellence, der sich einiger Kniffe und Tricks bedient, die den Leser zwar nicht in die Irre führen, seine Aufmerksamkeit jedoch ablenken, so dass der Showdown, der kommen musste, wie er in jedem (PsychThriller kommt, den Leser geradezu überfällt, wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Nun, der Autor versteht ohne Zweifel sein Handwerk! Und er lässt auch keine losen Fäden hängen, die der Leser am Ende nach eigenem Gutdünken miteinander verknüpfen soll. All die Fragen, die ich mir während der Lektüre gestellt habe, waren am Schluss auf wundersame Weise beantwortet, es wurde tief genug in der kranken Psyche der verblendeten Katrine gegraben, um sich ein plausibles Bild von ihr und dem, was sie antreibt, machen zu können. Ein Bild, das es im Übrigen ermöglicht, gar ein wenig Mitgefühl zu spüren, wie es jeder verirrten, verwirrten, verwundeten Person zusteht, das aber ihre Untaten nicht in den Hintergrund treten lässt. Wird ein Opfer zum Täter, macht es sich schuldig, ohne Wenn und Aber. Und muss dafür die Konsequenzen tragen. Wie die in Katrines Fall aussehen mögen, bleibt offen....

Veröffentlicht am 20.12.2022

Weltuntergangsszenarium in Fantasy verpackt

Hüter des Klimas
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Dass wir Menschen, oder besser gesagt die Riesenkonzerne dieser Welt, die sich einer gnadenlosen Gewinnmaximierung verschrieben haben, mit der willfährigen Unterstützung oder unter Instrumentalisierung ...

Dass wir Menschen, oder besser gesagt die Riesenkonzerne dieser Welt, die sich einer gnadenlosen Gewinnmaximierung verschrieben haben, mit der willfährigen Unterstützung oder unter Instrumentalisierung der großen Politik, die, wenn man genauer hinsieht, die gleichen Ziele verfolgt, unverantwortlichen Raubbau mit dem betreiben, was uns unser blauer Planet so großzügig schenkt, ist allseits bekannt. Wissenschaftler, Naturschützer, Umweltaktivisten etc. warnen seit Jahrzehnten, Klimakonferenzen werden unter großem Tamtam abgehalten, es wird diskutiert, nach Lösungsmöglichkeiten gesucht – und dennoch hat man nicht das Gefühl, der Lösung des die gesamte Menschheit und deren Überleben in der Zukunft angehenden Problems wirklich nähergekommen zu sein. Wenn man als Indikator beispielsweise nur die drei letzten Weltklimagipfel – COP 25 in Madrid 2019, COP 26 in Glasgow 2021, COP 27 in Scharm asch-Schaich 2022 – nimmt, dann fällt sofort auf, sofern man diese aufmerksam verfolgt hat, dass die Zahlen sich kaum oder gar nicht voneinander unterscheiden, dass die Forderungen gleichzeitig mit den Warnungen vor den Folgen bei Nichterfüllung sich gebetsmühlenartig wiederholen.
Außer Spesen – und dazu noch äußerst umweltschädlichen! - nichts gewesen? Inzwischen schmelzen die Gletscher nämlich munter weiter, verheerende Stürme mehren sich, die Temperaturen steigen ungehindert – und die großen Konzerne setzen, weiterhin sanktioniert von verantwortungslosen Politikern, ihr Zerstörungswerk fort, um sich die Taschen zu füllen, bis sie platzen! Oder überlaufen, um nach diesen Eingangsbetrachtungen endlich die Brücke zu schlagen zu dem hier zu besprechenden Buch 'Die Welt am Abgrund', dem dritten Band der Reihe 'Hüter des Klimas'. Genau so ist das hier nämlich: die Ozeane laufen über! Riesige Tsunamis haben sich an den Küsten des lateinamerikanischen Kontinents, auf dem die Geschichte spielt, ausgetobt (aber, obschon explizit nicht erwähnt, vermutlich nicht nur da, denken wir nur einmal zurück an die unglaubliche Reichweite des Tsunamis vom 26. Dezember 2004!), die großen Metropolen genauso wie die Städtchen bis hin zu den kleinsten Siedlungen an der Küste überflutet, mit sich gerissen in die ohnehin schon verseuchten Fluten der immer größer werdenden Weltmeere und Millionen von Menschen und Tieren den Tod gebracht. Die Welt steht buchstäblich am Abgrund! Kann man sie überhaupt noch retten?
Wäre dies eine reale Geschichte, dann müsste man spätestens jetzt jede Hoffnung begraben, denn die Überflutung der Küsten ist nur der Anfang. Sie hat eine Zündschnur entfacht, die sich weiter und immer weiter hineinfrisst in die Kontinente, die auch riesige, Jahrmillionen alte Gebirge, deren schützende Schneedecke längst nicht mehr da ist, kollabieren und das Leben an ihren Hängen und zu ihren Füßen auslöschen lässt. Eine wahre Apokalypse also! Das Ende der Welt steht unmittelbar bevor, niemand kann es aufhalten, denn so mächtige Lawinen sind nun einmal nicht zu stoppen, und nichts und niemand wird am Schluss übrigbleiben.
Doch haben wir es hier zu unser aller Glück mit einer Fantasy Erzählung zu tun – und in solchen Geschichten ist alles möglich, wiewohl die Hoffnung auf eine finale Rettung unendlich gering ist, ein winziger Funke nur, der am Ende dieses dritten Bandes bereits erloschen scheint, denn die große Widersacherin, das Monster Helena, die selbsternannte Hitzekönigin, die in den Hochöfen eines der Konzerne, die sich die komplette Zerstörung des südamerikanischen Regenwaldes zur Aufgabe gemacht haben, und die Erde mit tosender Hitze und mit Feuersbrünsten überzieht, hat die Schwanenprinzessin Fiona getötet, die von der Eisprinzessin Stella vom Planeten Urania auf die Erde gesandt wurde, um den Eiskristall des Eiskaisers Harald einem ihr unbekannten Mädchen zu übergeben, das als einziges Wesen auserwählt ist, damit die Welt zu retten, sprich, wieder ihre Balance herzustellen, Sommer und Winter, Sonne und Schnee, Hitze und Kälte miteinander ins Gleichgewicht zu bringen.
Nun, trösten wir uns vorerst damit, dass die leidgeprüfte Fiona nicht das erste Mal für tot und besiegt gehalten wurde – und dennoch immer dem ihr von Helena bestimmten Schicksal entkommen ist! Doch diesmal reicht aller Optimismus nicht aus, um sich auszumalen, wie sie denn die Ölpest, in der sie, so sieht es aus, ihr tapferes Leben ausgehaucht hat, jemals überleben kann. Aber – kann eine Autorin so herzlos sein, ihre liebenswerteste, bezauberndste, ganz und gar reine Protagonistin, der Hoffnungsstrahl per se, sterben zu lassen? Tja, um diese Frage zu beantworten, müssen die Leser sich bis zum Erscheinen des vierten Bandes gedulden...
Doch halt – da gibt es noch etwas, das den Funken der Hoffnung am Glimmen hält! Es ist nämlich das Gewissen des Herrn Pereira, Geschäftsführer des Stahlwerks South American Steel, das erwacht, als der bisherige Handlanger des Bösen, der Zerstörung, gezwungen werden soll, die Ureinwohner eines letzten Restchens heilen Urwalds niederzuschießen, um auch noch dieses winzige Paradies zu zerstören. Herr Pereira, zeitlebens Duckmäuser und Opportunist, entwickelt ungeahnten Mut und schreit bei einer Kundgebung des korrupten Präsidenten, der federführender Zerstörer seiner eigenen Heimat ist, seine Anklagen in die Welt hinaus, auf dass alle sie vernehmen – was ihm erwartungsgemäß nicht gut bekommt, womit aber ein Anfang gemacht wurde! Nichts nämlich fürchten Diktatoren so sehr wie negative Presse, oder, um es positiv auszudrücken, die Wahrheit, laut und furchtlos verkündet....
Man sieht, die Autorin hat mit ihrer Klimahüter-Reihe viel mehr als nur die übliche Fantasy zu einem die Guten dieser Welt bewegenden Thema ersonnen. Sie hat gleichsam eine Parabel geschrieben über die traurige Realität, diese aber mit schrecklicher, über die Maßen verstörender Konsequenz bis zum Ende gedacht. Und so wie die realen Hoffnungen auf den weltweit lauter werdenden Stimmen der Umweltbewussten, vorwiegend junger Menschen, denn ihnen gehört die Zukunft, ruhen, so lässt sie sie schwer lasten auf einer kleinen Handvoll Unentwegter, die so schwach und unbedeutend erscheinen im Vergleich zu den Mächtigen dieser Welt, doch in ihrer Reinheit und Uneigennützigkeit um so vieles kraftvoller sind – wenn es ihnen denn gelingt, direkt in die Herzen all der gepeinigten, ihrer Hoffnungen, ja ihres Rechts auf Leben beraubten Übriggebliebenen vorzustoßen! Seien wir gespannt darauf, ob und welchen Weg Valérie Guillaume aus ihrer Endzeitvision finden wird!