Achtung: Suchtpotenzial
Unsichtbare Zügel
Ja, es gibt sie noch, diese Romane mit magischer Kraft, die einen von der ersten Zeile an förmlich hineinziehen in die Geschichte. „Unsichtbare Zügel“ von Christa Gießler hat Suchtpotenzial. Mal angefangen ...
Ja, es gibt sie noch, diese Romane mit magischer Kraft, die einen von der ersten Zeile an förmlich hineinziehen in die Geschichte. „Unsichtbare Zügel“ von Christa Gießler hat Suchtpotenzial. Mal angefangen mag man das Buch nicht mehr aus der Hand legen. Lange Lesenächte sind garantiert, in denen man das bewegte Leben der Hannelore Münch von ihrer Kindheit in den 50-er Jahren in einem beschaulichen Dorf in Sachsen-Anhalt über sechs Jahzehnte, bis heute verfolgt.
Der Roman zeichnet nicht nur die Lebensgeschichte einer wissens- und lebenshungrigen jungen Frau, die dem starren Polit-System der DDR kritisch gegenüber steht. Die mehr als 400 Seiten sind auch ein spannendes zeitgeschichtliches Dokument des gesellschaftspolitischen Wandels, in einer klaren, schnörkellosen Sprache.
Hannelore ist „Opas Liebling“. Der despotische Großvater ist eine machtvolle Überfigur. Er fördert die Enkelin, sie studiert als einzige in der Bauernfamilie. Man spürt den Stolz, fühlt den Neid der anderen und ist gespannt, wie sich Hannelore aus den familiären Zwängen befreit. Es gelingt ihr - auch Dank amouröser Steigbügelhalter. Das Verhältnis zu „ihren“ Männern ist ein großes Thema im Roman. Männer kommen und gehen, Hannelore hat Affären, pflegt Freundschaften, entwickelt Beziehungen - niemals einfache. Aus einer Ehe geht eine Tochter hervor, die eine weitere überraschende Wende im Buch bringt, wieder verknüpft mit der alten Heimat, die sie längst für einen Dozentenstelle in Süddeutschland verlassen hat. Doch die Familienbande zum Bruder, der den Landwirtschaftsbetrieb nach der Wende zu einer florierenden Wellness-Oase umstrukturiert hat, sind trotz aller Spannungen stark.
Am Ende ist Hannelore 66 Jahre alt. Eine erfolgreiche Frau, die durchaus berechtigte Ansprüche an das Leben und insbesondere an die Liebe stellt. Wie sang ein Entertainer einst: „Mit 66 Jahren, da fängt das Leben an“. Der Schluss wird bewusst offen gehalten. Da dürfen die Leserinnen noch einiges erwarten. In Hannelores Leben tut sich noch was. Und das wollen wir auf jeden Fall wissen. Fortsetzung folgt - hoffentlich.