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FranziskaBo96

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Veröffentlicht am 14.09.2023

DDR online

Hashtag #DDR
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In "Hashtag #DDR" wagt Holger Kreymeier ein Gedankenexperiment, das sicher schon so einige von uns unternommen haben: Wie würde die DDR aussehen, wenn sie heute noch existieren würde? Und wie würde sie ...

In "Hashtag #DDR" wagt Holger Kreymeier ein Gedankenexperiment, das sicher schon so einige von uns unternommen haben: Wie würde die DDR aussehen, wenn sie heute noch existieren würde? Und wie würde sie vor allem das Internet handhaben? In Kreymeiers Realität dreht sich da vor allem um ein brisantes Video des westdeutschen YouTubers Lonzo, das die Missstände um die Verhaftung des DDR-Online-Aktivisten Perry aufdeckt. Aus verschiedenen Perspektiven verfolgen wir nun die Ereignisse, die "der Zerstörung der DDR" folgen.

Das Gute zuerst: Man merkt, dass sich der Autor hier wirklich einige Gedanken gemacht und vor allem gut recherchiert hat. So kam mir seine Vorstellung einer DDR 2023 durchaus plausibel vor. Ähnlich wie es heute z.B. in China ist, gibt es zwar Internet, dieses ist aber stark eingeschränkt und überwacht. Es gibt DDR-Pendants zu den bekannten Plattformen, aber trotzdem schaffen es viele Bürger durch VPNs, sich in das West-Internet zu wählen. Besonders witzig fand ich die Idee, dass das DDR-Fernsehen Imitate beliebter Reality-Shows macht, in denen aber ausschließlich sozialistische Werte vermittelt werden sollen.

Leider war das Buch von einer Sache geplagt, die ich bei kleineren Sci-Fi- und Fantasy-Autoren leider oft beobachte: Es gibt einen Haufen gute Ideen, der Schreibstil lässt aber extrem zu Wünschen übrig. Ständig hatte ich das Gefühl, dass mir sowohl der Erzähler als auch die Figuren eine Wikipedia-Seite vorlesen. Bestes Beispiel: Lonzo ist offensichtlicherweise dem YouTuber Rezo nachempfunden. Man kann von seinen Inhalten halten, was man will, aber ich denke, eine Sache, die Rezo auszeichnet, ist seine Sprache, die von extrem vielen Anglizismen und Jugendslang durchdrungen ist. Wenn man sich unbedingt über ihn lustig machen will, wäre doch der offensichtlichste Weg, genau diese Sprache zu imitieren. Stattdessen redet Lonzo ständig wie ein Schulbuch. Da hilft es auch nichts, wenn man ab und zu mal "cringe" und "digga" (an den falschen Stellen wohlgemerkt) einfügt.

Im Laufe der Geschichte hatte ich außerdem immer mehr das Gefühl, dass es weniger um die doch wirklich fantastische Grundidee sondern immer mehr darum ging, über YouTuber abzuziehen. Wenn man sich mit der Vita des Autors etwas auseinandersetzt, ist das nicht allzu überraschend, und sicher gibt es an der Influencer-Kultur so einiges zu kritisieren. Trotzdem nahmen die Witze (?) über Sponsorings und Followergeilheit irgendwann so Überhand, dass es gefühlt gar nicht mehr um die DDR-Storyline ging. Echt schade, dass manche Menschen es 2023 immer noch nicht verstanden haben, dass YouTube für viele eine legitime Unterhaltungs- und Informationsplattform geworden ist.

Den Rest gab mir ein Handlungsstrang einer weiblichen Figur, die einzig und allein dazu eingeführt wurde, dass sie ihren Cousin verführen sollte. Gerade in diese Geschichte hatte ich anfangs viel Hoffnung, da sie echt Potenzial hatte, aber am Ende wurde es einfach nur eine altbackene und dazu noch ziemlich ekelhafte Trope.

Wirklich sehr schade, ich war von der Grundidee sehr begeistert, leider haperte es hier an der Umsetzung.

P.S. Kann mir bitte jemand erklären, warum die Flutkatastrophe im Ahrtal in einer Realität, in der die DDR noch existiert, deutlich weniger Opfer gefordert hätte? Das war eine absolute Randinformation, aber sie hat mich so rausgeholt, dass sie mich das ganze Buch über beschäftigt und leicht aufgeregt hat.

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Veröffentlicht am 13.09.2023

Netter Ausflug aufs Land

Landgang
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In "Landgang" tauscht Linda Zervakis das hektische Hamburger Großstadtleben gegen Reeddach-Idylle an der Ostsee. Dabei begleiten wir sie und ihre Freundin, wie sie das zusammen gekaufte Haus in Stand setzen, ...

In "Landgang" tauscht Linda Zervakis das hektische Hamburger Großstadtleben gegen Reeddach-Idylle an der Ostsee. Dabei begleiten wir sie und ihre Freundin, wie sie das zusammen gekaufte Haus in Stand setzen, sich als Selbstversorger versuchen und Bekanntschaft mit einigen illustren Dorfcharakteren machen.

Dieses Buch ist nett für zwischendurch - nicht mehr und nicht weniger. Ich hatte davor und danach eher ernstere Bücher gelesen, da war diese Auflockerung, die man an einem entspannten Wochenendtag locker durchbekommt, genau das Richtige. Besonders mochte ich den Humor der Autorin, besonders in ihren Erzählungen über die Dorfgemeinschaft.

Ich persönlich hätte tatsächlich mehr von den Menschen drumherum gehört als von den zahlreichen gärtnerischen Aktivitäten, die sie und ihre Mitbewohnerin unternehmen - aber das ist hier sicherlich Geschmacksache. Das Ende des Buches kam für mich etwas plötzlich und war meiner Meinung nach nicht so ganz rund. Sicher hängt das auch damit zusammen, dass es sich hier um wahre Erzählungen handelt und dass vielleicht gegen Ende einfach nichts so recht Spannendes passiert ist, trotzdem war der Abschluss doch etwas abrupt und es waren irgendwie noch einige Fragen offen.

Wer also wie gesagt einen kurzen Abstecher aufs Land wagen will, wird hier sicher eine schöne Lektüre für zwischendurch finden, aber man sollte nicht zu viel erwarten.

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Veröffentlicht am 10.09.2023

Gewalt im Paradies

NOVA
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Chirug Davide hat was viele Menschen als perfektes Leben bezeichnen würden: Er lebt mit seiner wunderschönen Frau und dem intelligenten Sohn in einer guten Gegend, fährt einen teuren BMW hofft im Job auf ...

Chirug Davide hat was viele Menschen als perfektes Leben bezeichnen würden: Er lebt mit seiner wunderschönen Frau und dem intelligenten Sohn in einer guten Gegend, fährt einen teuren BMW hofft im Job auf eine Beförderung. Lediglich ein paar Ungereimtheiten mit dem Nachbarn und seltsame Neckereien des Chefs trüben sein Paradies. Das alles ändert sich, als Davide Zeuge wird, wie seine Frau und sein Sohn von einem betrunkenen Mann belästigt werden, der wiederum von einem Unbekannten brutalst zurechtgewiesen wird. Aus Scham, nicht selbst eingegriffen zu sein, ergreift er Initiative und versucht sich der neuen Gewalt in seinem Leben zu stellen.

Eins muss man diesem Buch auf jeden Fall lassen: Es ist fantastisch geschrieben. Der Stil von Bacà ist sehr beschreibend, aber ohne zu ausufernd zu wirken, was meiner Meinung nach eine wirklich schwierige Balance sein kann. Hut ab hier auch an die Übersetzerin Christine Ammann, dieses Werk war sicherlich eine harte Nuss. Immer wieder konnte das Buch mich so fesseln

Leider schaffte das die Handlung oft nicht. Dafür, dass Gewalt das zentrale Thema des Buchs sein soll, geht es doch recht oft um ganz andere Sachen und so hält man sich oft mit Aspekten auf, die wirklich nicht spannend sind. Der Großteil der Geschichte verlief für mich einfach zu langsam und unspektakulär, auch wenn sie mit einem sehr wilden Ende versucht, das wiedergutzumachen - für mich war genau das dann aber auch zu absurd und auch irgendwie unpassend für den Rest des Buches.

Ich finde, es hätte innerhalb der Handlung viele Möglichkeiten gegeben, besser auf das Thema Gewalt einzugehen oder zumindest die Geschichte spannender zu gestalten.

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Veröffentlicht am 09.09.2023

Zwischen Kritik und Wahnsinn

Zeiten der Langeweile
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Mila beschließt, einen sogenannten Digital Detox durchzuführen. Was noch ziemlich vernünftig und nachvollziehbar mit dem Löschen von Instagram und Co. beginnt, artet irgendwann vollkommen aus und lässt ...

Mila beschließt, einen sogenannten Digital Detox durchzuführen. Was noch ziemlich vernünftig und nachvollziehbar mit dem Löschen von Instagram und Co. beginnt, artet irgendwann vollkommen aus und lässt tief in Milas traumatisierte und verletzte Seele blicken.

Dieses Buch ist der pure Wahnsinn - im wahrsten Sinne des Wortes. Selten bin ich so sehr zwischen Sympathie und Unverständnis für eine Protagonistin hin und hergesprungen. Zum einen hat Mila immer wieder schlaue Gedanken und Beobachtungen zu Social Media und Internet, die mich selbst sehr zum Nachdenken über meinen eigenen Konsum angeregt haben. Andererseits merkt man ziemlich schnell, dass sie tiefgreifende Probleme und das Internet für sie bisher wie eine Art Droge war, von der sie jetzt einen ebenso fanatischen kalten Entzug versucht. Die Autorin schafft es extrem gut, den Leser mit auf Miras zeitweise doch recht wilde Gedankenreise zu nehmen.

Für ein Fünf-Sterne-Buch hat mir jedoch das gewisse Etwas gefehlt und ich bin mir immer noch nicht ganz sicher, was genau das ist. Ein paar Erklärungsversuche: Vor allem habe ich ein kleines bisschen vermisst, dass es keinen "vernünftigen" Gegenpol zu Milas Psychose gab. Gerade Milas Freundeskreis, der aus größtenteils verantwortungslosen Möchtegern-Künstlern besteht, wirkte oft genauso verrückt wie sie. Die Probleme, die diese Clique umgibt, sind für die meisten Leser wahrscheinlich wirklich nicht sehr nachvollziehbar. Auch am Ende hat mir irgendwie ein bisschen etwas gefehlt, um die Geschichte etwas runder zu machen.

Trotzdem spreche ich eine große Empfehlung für dieses Buch aus, vor allem, wenn ihr euch ein wenig kritisch mit eurem Internetkonsum auseinandersetzen wollt!

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Veröffentlicht am 07.09.2023

Wer die Liebe findet...

Sie haben die Liebe erreicht
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Maya erlebt den absoluten Super-GAU: Als sie ihren Freund, der eigentlich auf Geschäftsreise ist, in San Francisco überraschen will, erfährt sie, dass er sie betrügt. Er hat nämlich sein Handy im Taxi ...

Maya erlebt den absoluten Super-GAU: Als sie ihren Freund, der eigentlich auf Geschäftsreise ist, in San Francisco überraschen will, erfährt sie, dass er sie betrügt. Er hat nämlich sein Handy im Taxi liegen gelassen und der Taxifahrer, der darüber auf Mayas Nachrichten antwortet, hält sie zunächst für eine "hübsche Blondine", die sie gerade erst mit ihrem Freund befördert hat. Um sie aufzumuntern, gibt der Taxifahrer, der sich ihr nur als Max vorstellt, Ausflugstipps für das Örtchen Carmel und beschert ihr somit noch einen wunderschönen Tag. Als Maya es endlich schafft, sich ein Jahr später von ihrem Freund zu trennen, macht sie sich erneut an die Westküste auf, um Max zu finden.

Die Grundprämisse dieses Buches ist einfach fantastisch und auch sehr gut umgesetzt. Gerade das erste Viertel, in dem Maya dank Max ihren schönen Tag in Carmel hat, ist sehr schön, man hat richtig Lust, das Städtchen selbst mal zu besuchen. Auch später im Buch, als man Maya dabei begleitet, wie sie sich ein neues Leben aufbaut, ist toll, hier liegt definitiv eine große Stärke des Buches.

Leider hat mich Maya als Protagonistin und damit einhergehend die übermäßige Missverständnis-Trope ziemlich schnell genervt. Dass man als Leser ziemlich schnell weiß, was es mit Max auf sich hat, während Maya die ganze Zeit im Dunkeln tappt, ist sicher typisch für das Genre und etwas, worüber ich hinwegblicken kann. Die schiere Anzahl, in denen Maya aber einfach etwas (aus teilweise nicht nachvollziehbaren Gründen) komplett missversteht und immer gleich vom Schlimmsten ausgeht, ist wirklich absurd. Gerade das Ende hat die für mich sonst sehr solide Handlung einfach total kaputt gemacht.

Sehr schade, mit etwas weniger Hang zu Dramatik hätte das ein richtig tolles Buch sein können!

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