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Veröffentlicht am 01.08.2025

Was wäre wenn,…

Im Leben nebenan
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In ihrem Romandebüt erforscht Anne Sauer, wie es sich anfühlen würde, wenn man kognitiv plötzlich in ein anderes Leben „gebeamt“ werden würde. Wie das Leben weiter verlaufen würde und ob man sich dort ...

In ihrem Romandebüt erforscht Anne Sauer, wie es sich anfühlen würde, wenn man kognitiv plötzlich in ein anderes Leben „gebeamt“ werden würde. Wie das Leben weiter verlaufen würde und ob man sich dort zurechtfinden kann. Thematisch dreht sich in „Im Leben nebenan“ um die Frage der Mutterschaft. Eine ungewollt kinderlose Frau, die nach einer Kinderwunschbehandlung mal wieder eine Fehlgeburt hatte, erwacht am nächsten Morgen in einer für sie fremden Wohnung mit einem Baby, ihrem Baby, auf der Brust liegend. Was nun?

Antonia, kurz Toni, ist mit ihrer großen Liebe zusammen. Nur können Jakob und sie keine Kinder bekommen. Sie scheinen zu spät dran zu sein, haben scheinbar zu lange damit gewartet. Ansonsten ist dieses Leben genauso, wie es sich Toni wünscht. In dem anderen Leben, in dem sie plötzlich erwacht, befindet sie sich zwar noch in ihrem Körper, dieser ist jedoch von einem Kaiserschnitt gezeichnet. Sie kann sich an keine Ereignisse aus diesem Leben erinnern, wie sie bis an diesen Punkt mit einem Neugeborenen gekommen ist und natürlich glaubt ihr keiner, als sie es verwirrt versucht zu erklären. „Keiner“ ist hier Adam. Ihre frühere Jugendliebe, von dem sich Toni vor 13 Jahren getrennt hat. Sie liebt ihn nicht mehr, muss nun aber notgedrungen mit ihm Familie spielen.

Ich finde den Roman von Anne Sauer sehr klug entworfen. Sie stellt in wechselnden Kapiteln sowohl Tonis „altes“ Leben als auch das „neue“, hineingerutschte Leben dar. Ab diesem einen Punkt der Fehlgeburt befindet sich das Bewusstsein von Toni quasi in zwei Leben. Es läuft nicht so ab, wie in anderen Büchern/Filmen mit diesem „Was wäre wenn“-Thema, dass den Lesenden einfach zwei Versionen vorgesetzt werden und die Lesenden vergleichen und „bewerten“ die beiden Versionen dann selbst. Dadurch, dass Tonis Bewusstsein mit übernommen wird in das „neue“ Leben, erleben wir sie dabei, wie sie sich dort zurechtfinden muss, wie sie selbst damit hadert, jetzt zwar das langersehnte Kind vor sich zu haben, es aber nicht ausgetragen zu haben. Wie kann man ein Kind lieben, was so plötzlich existiert? Wie kann man einen Mann lieben, gegen den man sich vor 13 Jahren bewusst entschieden hat, während das Herz sich nach dem eigentlichen Partner sehnt?

Sauer erklärt nicht, wie es zu dieser Bewusstseinsabspaltung in ein neues Leben gekommen ist. Das ist auch gar nicht nötig, sonder würde es sich um einen Sci-Fi oder Phantastik-Roman handeln. Es ist wie es ist und Toni muss damit leben. Oder besser: die zwei Tonis. Genau diesen Kniff mag ich sehr gern an diesem Roman. Über mehrere Monate hinweg begleiten wir also diese beiden Tonis. Die alte und die neue-alte. Beide treffen auf Hindernisse, beide zweifeln. Auch die alte Toni, die weiterhin in der Kinderwunschbehandlung feststeckt und sich fragen muss, ob dies noch wirklich das ist, was sie will. Das Ende lässt Sauer wunderbar offen. So kann man als Leser:in selbst weiterspinnen, welche Möglichkeiten von Mutterschaft, Schwanger-werden und vielleicht auch bewusste Nicht-Mutterschaft auf Toni zukommen.

Die Buch liest sich leicht, obwohl mitunter heftige Themen behandelt werden. Ein gelungenes Debüt.

4/5 Sterne

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Veröffentlicht am 25.07.2025

Ist unser Lebensweg und unser Ende vorgezeichnet?

Serpentinen
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Wenn der Urgroßvater, der Großvater und der Vater Selbstmord begangen haben, ist dies dann auch das vorgezeichnete Schicksal für den Sohn? Und den Sohn des Sohnes? Düster zeichnet Bov Bjerg eine (männliche) ...

Wenn der Urgroßvater, der Großvater und der Vater Selbstmord begangen haben, ist dies dann auch das vorgezeichnete Schicksal für den Sohn? Und den Sohn des Sohnes? Düster zeichnet Bov Bjerg eine (männliche) Familiengeschichte von Depressionen, Angst, Aggression. "Ertränkt, erschossen, erhängt. Zu Wasser, zu Lande und in der Luft. Pioniere." so wird das jeweilige Ende der Vorfahren festgehalten in diesem großartigen Roman.

Diese Worte könnten abschrecken vor dem Roman "Serpentinen". Ebenso wie der Einstieg in das Buch. Vor allem die bis auf ein Minimum reduzierte, einsilbige Sprache des Autors macht es der Leserin zu Beginn schwer, eine Verbindung zum Ich-Erzähler aufzubauen. Fragmentarisch - mitunter kryptisch - muten die kurzen Sätze und Absätze an. Manchmal weiß man gar nicht, was der Autor mit einer bestimmten Aussage vermitteln will. Aber hat man sich erst einmal durch die ersten 20 bis 30 Seiten durchgekämpft und noch nicht aufgegeben (auf keinen Fall aufgeben!), öffnet sich die Sprache, das Buch und somit auch die tiefgreifende und ergreifende Lebens- und Familiengeschichte des Ich-Erzählers. Wir begeben uns auf einen tiefschwarz eingefärbten Roadtrip mit dem Erzähler und seinem siebenjährigen Sohn. Durchsetzt von Erinnerungs- und Legendenfetzen. "Legenden" werden hier die Erzählungen, welche von Genereation zu Generation der väterlichen Seite der Familie weitergegeben werden, genannt. Die Situation, die Ungewissheit, was der Erzähler eigentlich vorhat und was er letztendlich tun wird, wird immer spannender. Man bangt um das Leben des Erzählers und seines Sohnes.

Soziologie, Psychologie und Geografie. Vieles spielt in diesem Roman eine Rolle, um die Gedanken und Handlungen des Erzählers zu verstehen. Nach der Lektüre hat man das Gefühl, trotzdem nur die Häfte verstanden zu haben und am besten gleich das Buch noch einmal von vorn lesen zu müssen, zu wollen. Ich verzeihe dem Autor den schwierigen Einstieg und komme zu dem Schluss, dass ich diesen Roman als überwältigend einschätze.

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Veröffentlicht am 25.07.2025

Solide Lektüre für zwischendurch. Sehr ansehnlich!

Die unglaubliche Entdeckung des Mr. Penumbra
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In diesem Prequel zu "Die sonderbare Buchhandlung des Mr. Penumbra" treffen wir Ajax Penumbra als Post-Graduate einer Uni mitten im Nirgendwo an. Er begibt sich auf eine spannende Reise nach San Francisco, ...

In diesem Prequel zu "Die sonderbare Buchhandlung des Mr. Penumbra" treffen wir Ajax Penumbra als Post-Graduate einer Uni mitten im Nirgendwo an. Er begibt sich auf eine spannende Reise nach San Francisco, um ein verschollenes Buch zu finden, und wie Leser des Romans "Die sonderbare Buchhandlung..." wissen, bleibt er auch dort hängen.

Der Plot ist kurzweilig erzählt und hält eine - bei nur 80 Seiten reiner Fließtext - sehr kurze Abenteuergeschichte bereit für zwischendurch. Dies ist auch mein Hauptkritikpunkt am "Büchlein", denn hier wäre noch viel Platz nach oben gewesen für die Geschichte dieser Figur Penumbra. Es erscheint ein bisschen so, als ob durch den unerwarteten und durchschlagenden Erfolg des Hauptromans geschaut wurde, ob noch eine weitere vermarktungswürdige Geschichte zu den liebgewonnenen Charakteren in der Schublade steckt. Die Geschichte hätte anderorts auch als längere Kurzgeschichte durchgehen können. Andererseits ist es gut, dass sie nicht in den USA und UK als E-Book (wie in Deutschland) versandet ist, denn dies ist definitiv eine Erwähnung wert: Die Buchgestaltung von "Ajax Penumbra 1969" ist großartig. Von Schutzhülle, über Buchbindung bis zum Papier und der Schriftart hat man das Gefühl, ein Buch aus dem Jahre 1969 in Händen zu halten. Ich möchte es am liebsten gar nicht mehr weglegen, musst dies aber eben (siehe oben) viel zu schnell wieder tun.

Insgesamt handelt es sich um eine durchaus lesenwerte Lektüre, die leider viel zu kurz geraten ist, dafür aber umso schöner in der Hand liegt.

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Veröffentlicht am 25.07.2025

Eher populärwissenschaftliche Literatur als anspruchsvoller Roman.

Maschinen wie ich
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Ab wann ist ein Bewusstsein dem der Menschen ebenbürtig oder gar überlegen? Wer darf eigentlich Gefühle empfinden, nur Menschen oder auch Maschinen mit künstlicher (emotionaler) Intelligenz?

In diesem ...

Ab wann ist ein Bewusstsein dem der Menschen ebenbürtig oder gar überlegen? Wer darf eigentlich Gefühle empfinden, nur Menschen oder auch Maschinen mit künstlicher (emotionaler) Intelligenz?

In diesem Roman verbindet McEwan den Plot einer relativ durchschnittlichen Dreiecksbeziehung mit dem viel diskutierten Thema der Künstlichen Intelligenz. Das ganze packt er in eine alternative Realität, in der vieles bekannt, aber doch ein kleines bisschen anders verlaufen ist, als bei uns. Die Geschichte spielt Anfang der 1980er Jahre in Großbritannien und mit der Möglichkeit, dass der Falkland-Krieg von der agentinischen Militärjunta gewonnen wurde, Margret Thatcher nicht ganz so lange an der Macht war und generell der Neoliberalismus eine nicht ganz so rosige Zeit hatte.

Ganz grundsätzlich ist der Roman durchaus solide geschrieben und konstruiert, nur hat McEwan einfach zu viel hineingepackt in diese 400 Seiten. Neben dem besagten Plot um eine Dreiecksbeziehung inklusive Maschinenmensch, handelt der Autor auch noch komplette politische Systeme der Alternativwelt ab und erklärt populärwissenschaftlich die Entwicklung von Künstlicher Intelligenz. Gerade die politischen und geschichtlichen Betrachtungen sind für Nicht-Briten eher undurchsichtig und wenig relevant. Die Erläuterungen zu den wissenschaftlichen Entwicklungen sind durchaus interessant und leicht verständlich beschrieben. Nur: Der Roman funktioniert als Roman einfach mit diesen drei Ebenen nicht sonderlich gut. Die herausragende Recherchearbeit zur Wissenschaft wird durch den mauen Plot eher geschmälert, sodass man McEwan wünscht, dass er darüber lieber in einem eigenständigen Essay geschrieben hätte. Oder er hätte die Alternativhistorie nicht so stark ausgebaut und sich mehr auf seine Figuren konzentriert. Diese bleiben eher lieb-, farb- und emotionslos.

Insgesamt kann ich nach dieser mittelmäßigen Lektüre nur eine Leseempfehlung für Personen aussprechen, die noch nicht sehr bewandert im Bereich der KI-Forschung sind und eine leicht verständliche Zusammenfassung bekommen möchten. Alle anderen werden keinen großen Gewinn aus diesem überladenen Roman ziehen können.

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Veröffentlicht am 25.07.2025

Welches Ziel verfolgt die Autorin damit?

Hingabe
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In dieser "außergewöhnlichen Liebesgeschichte" (nicht meine Worte) beschreibt die Autorin, wie eine sehr junge, infantil wirkende Frau mit Missbrauchsvorerfahrungen aus einem Heim flüchtet, um auf dem ...

In dieser "außergewöhnlichen Liebesgeschichte" (nicht meine Worte) beschreibt die Autorin, wie eine sehr junge, infantil wirkende Frau mit Missbrauchsvorerfahrungen aus einem Heim flüchtet, um auf dem Weg ans Meer vergewaltigt zu werden, nur um in ihrem neuen Wohnort in Galicien erneut vergewaltigt zu werden und in eine nicht gleichberechtigte Partnerschaft mit einem der Vergewaltiger zu rutschen. Das Ganze nennt sich dann "Liebe".

Entschuldigt diese platte Zusammenfassung, aber was soll man dazu sagen? Die Autorin schockiert in ihrem Roman, den sie in 15 Tagen im Zug runtergeschrieben hat (dies merkt man dem literarischen Niveau an), mit derber Sprache und noch derberen Vergewaltigungsszenen, die wie ein Rape Porn anmuten. Dabei wird die Figur der "Frau" Suiza durchgängig kindlich, mädchenhaft dargestellt und verdreht dem Spanier Tomàs mit ihren "Babyzähnchen" ungewollt den Kopf. Diese ständige Gleichsetzung von Niedlichkeit und Kindlichkeit mit Sexiness ekelte mich beim Lesen regelrecht an. Es gibt durchaus Romane, aus denen eine ähnliche Konstellation bekannt ist. Aber warum ist es hier ein Armutszeugnis des literarischen Werks? Weil die Autorin leider keinen Rahmen den Leser*innen anbietet, in dem das Gelesene richtig eingeordnet werden kann. Alles wirkt so, als ob Vergewaltigung nur grober Sex sei und es ganz natürlich, dass das Mädchen dabei ihr Einverständnis gibt, indem sie nicht "nein" sagt. Dies kreide ich der Autorin massiv an. Hier wird die Grenze, was legitim in einer sexuellen Beziehung ist und was nicht, nicht deutlich genug gezogen. Mit Erotik hat das Beschriebene übrigens nicht im Geringsten etwas zu tun.

Der männliche Part dieser Geschichte wird durch die Ich-Erzählstimme von Tomàs eindeutig zu stark in den Fokus gerückt. Suizas Stimme hört man nur selten im Buch und dies auch leider ohne ausreichend das Erlebte einzuordnen. Im Mittelteil verschwindet ihre Stimme fast vollkommen. Hier hätte aus meiner Sicht das größte Potential des Romans gelegen, nämlich in der Ausformung eines Verständnisses für erlerntes Opferverhalten und Abhängigkeiten.

Auch wenn die beiden Hauptfiguren mit Tomàs und Suiza in ihrem Verhalten am Schluss konsistent und kongruent konstruiert wirken, so bleiben die Nebenfiguren leider nur holzschnittartig-stereotypen und verstaubten Vorstellungen unterworfen.

Allein das Ende dieses Romans, welches hier natürlich nicht verraten werden soll, hat mich in meinem abschließenden Urteil etwas milder gestimmt. Die im Klappentext bereits genannte "radikale Entscheidung" passt in ihrer Härte zu Tomàs' Figur. Leider reicht dies nicht aus, um in meinen Augen dieses Buch zu retten. Daher gibt es an dieser Stelle keine Leseempfehlung von meiner Seite. Zu wenig (gar keine) Trennschärfe zwischen Sex und Vergewaltigung; Hingabe und Nötigung; Liebe und Abhängigkeit. Das ist nicht erotisch sondern gefährlich!

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