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Veröffentlicht am 24.09.2021

Unglaubliche Vorfälle in der Frauenzelle No. 3

DAFUQ
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So heißt Kira Jarmyschs Debütroman im Original. Es trägt nicht den provokanten Titel „DAFUQ“ der deutschen Ausgabe, und trifft meiner Meinung nach den Roman viel besser. Obwohl auch der deutsche Titel ...

So heißt Kira Jarmyschs Debütroman im Original. Es trägt nicht den provokanten Titel „DAFUQ“ der deutschen Ausgabe, und trifft meiner Meinung nach den Roman viel besser. Obwohl auch der deutsche Titel passt, mit dem die Autorin einverstanden war, denn er fängt den direkten, unverfälschten und ungeschönten Charakter des Romans sehr gut ein. Doch worum geht es in dem Roman überhaupt?

„DAFUQ“ handelt von der 28-jährigen Anja Romanowa, Absolventin des MGIMO (Moskauer Institut für Internationale Beziehungen), die zu zehn Tagen Arrest verurteilt wird, weil sie an einer nicht genehmigten Demonstration teilgenommen hat. Ihre Gefängnisstrafe sitzt Anja in einer Gefängniszelle mit fünf Mitinsassinnen ab: Der selbstbewussten Katja, die mit einer Frau zusammenlebt und die Männer verachtet; der alkohol- und drogenabhängigen Irka, die keine feste Anstellung hat und die Alimente für ihre Tochter nicht zahlen kann; der 25-jährigen Halbkubanerin Diana, die bereits zum dritten Mal verheiratet ist; der abgemagerten Natascha, die das Straflager kennt und niemals lächelt; und der äußerlich auffallenden Maja, die sich ihre Schönheitsoperationen und das von ihr geführte Luxusleben von reichen Männern finanzieren lässt.

Sechs verschiedene Frauen mit sechs verschiedenen Lebensmodellen prallen aufeinander. Es wird hitzig diskutiert. Meistens über die Frau als soziales Konstrukt, über ihre Rolle in der Gesellschaft und natürlich über Männer. Mal stehen sie sich gegenüber als verbitterte Konkurrentinnen, dann halten sie wieder als solidarische Gemeinschaft zusammen – vor allem, wenn es darum geht die monotone Haftstrafe zu verkürzen, die nur durch Hofgang, Mahlzeiten, 15-minütige Handyzeit, Duschen und einen eventuellen Besuch – gemäß Vorschrift, häufig aber von der Willkür der Aufseher abhängig – an Abwechslung gewinnt. Anja beteiligt sich nur selten an den geführten Diskussionen, oftmals kehrt sie in Gedanken in die Vergangenheit zurück: In ihre Kindheit und das schwierige Verhältnis zum Vater, der seine Familie verlässt und eine neue gründet; ihre Jugend, die von Rebellion, Widerspruch und Gefühlschaos geprägt ist; die Studienzeit und das ausschweifende WG-Leben, die komplizierte Dreiecksbeziehung mit der Kommilitonin Sonja und dem Kommilitonen Sascha sowie ihr Praktikum beim Außenministerium.

So monoton und prosaisch der Alltag im Moskauer Gefängnis aber auch ist, etwas scheint nicht mit rechten Dingen zuzugehen. Da sind diese seltsamen Albträume und Halluzinationen, in denen die Mitgefangenen vorkommen, die Anja immer wieder heimsuchen. Langsam nimmt ein Verdacht von Anja Besitz, der eine gleichsam mystische wie plausible Erklärung für diese Wahnvorstellungen darstellen könnte. Doch es gibt nur einen Weg herauszufinden, ob die Vermutung begründet ist…

Kira Jarmysch ist dem breiten Publikum als Alexej Nawalnys Pressesprecherin bekannt. Nun legt uns die 31-Jährige ihren ersten Roman vor. Einige biografische Eckdaten verbinden Kira Jarmysch mit ihrer Protagonistin Anja Romanowa: Auch sie hat an der MGIMO studiert und musste wegen Aufrufs zu Demonstrationen in Haft. Zurzeit befindet sie sich im Ausland und arbeitet an ihrem zweiten Roman. Für viele gilt Jarmysch als Stimme eines neuen jungen Russland. Und das zurecht, denn ihr Roman bietet einen geradezu unausschöpflichen Quell an aktuellen Themen und Diskursen. „DAFUQ“ ist Gesellschaftsanalyse und Bildungsroman in einem sowie ein vielstimmiges Generationenporträt gespickt mit subversivem Witz. „DAFUQ“ ist ein Roman, den man nicht mehr aus der Hand legen kann. Ein Stück Literatur, das schockiert, aber gleichzeitig auch bezaubert. Ein eindringliches Werk, das das vielstimmige Gesellschaftskonglomerat einfängt und das lange nachhallt.

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Veröffentlicht am 13.09.2021

Von einer, die als Junge in die Welt auszog

Wo das Licht herkommt
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„Ich habe am eigenen Leib gespürt, wie die Zahnräder und Achsen unserer Welt ineinandergreifen. Die Fährnisse, durch die mich dieses Leben geschleust hat, alle meine Erfahrungen, ich habe sie nicht selbst ...

„Ich habe am eigenen Leib gespürt, wie die Zahnräder und Achsen unserer Welt ineinandergreifen. Die Fährnisse, durch die mich dieses Leben geschleust hat, alle meine Erfahrungen, ich habe sie nicht selbst gesammelt und analysiert, ich bin durch sie hindurchgegangen. Sie haben sich in den kleinsten Monaden eingenistet, haben Seele und Körper geformt und geschmiedet, so, wie ich jetzt hier stehe.“

Wir schreiben das Jahr 1770. Philippine Moosleitner lebt mit ihrer Familie in einem Dorf in Österreich. Als sie dem Seppel, einem grausamen Jungen, versprochen wird, schneidet sich Philippine kurzerhand die Haare ab und flieht von zuhause nach Wien. Dort wird sie von einem Jesuitenpater aufgelesen und besucht das dortige Gymnasium. Später reist sie weiter nach Rom, wo sie Medizin studiert und nach Portugal und Spanien zum Studium der Kartographie. Ihr großer Traum ist es, ins Reich der Mitte zu reisen, deshalb lernt sie von Anfang an auch die chinesischen Schriftzeichen. Immer wieder droht sie aufzufliegen, doch letztendlich gelingt es Philippine ihre Träume zu verwirklichen.

Bevor ich mich den inneren Werten des Buches zuwende, möchte ich zunächst bei der äußeren Erscheinung von „Wo das Licht herkommt“ verweilen. Selten habe ich ein derart kunstvoll ausgearbeitetes Buch gesehen: Der wunderschöne Kirschbaumzweig auf dunkelbauem Hintergrund, der leicht unebene Oberfläche des Umschlagpapiers, der Autorenname von oben nach unten geschrieben – das alles ergibt ein äußerst ästhetisches, stimmiges Bild, in dessen Anblick man für lange Zeit versinken kann. Wenn man das Buch aufklappt, verfällt man in erneutes Entzücken: Das Vorsatzblatt ist beigefarben und weist eine deutliche Struktur auf, sodass es an das erste handgeschöpfte Papier Chinas erinnert. Auf diese Weise eingestimmt, möchte der Leser natürlich direkt auch in Gedanken ins Reich der Mitte reisen. Doch da muss er sich gedulden. Sehr lange sogar, denn nur die letzten fünfzig Seiten des 285-Seiten-langen Romans spielen in China. Davor reist man mit Philippine Moosleitner von Österreich nach Italien, Portugal und Spanien, wo Philippine, zumeist in ihrer Verkleidung als Philipp, viel erlebt. Zuweilen fiel es mir etwas schwer der Handlung zu folgen, zu erkennen, wo die Protagonistin sich gerade befindet, was ihr widerfährt und warum. Das liegt zum Teil an den häufigen Zeitsprüngen, vor allem aber an dem introspektiven Schreibstil und der altertümlichen Sprache. Nachdem man sich daran gewöhnt hat, taucht man allerdings schnell in die Geschichte ein und verfolgt voller Interesse, Mitgefühl und Spannung das Geschehen rund um die starke Protagonistin und Ich-Erzählerin. Sehr gut gefallen haben mir auch die den einzelnen Kapiteln vorangestellten Zitate eines gewissen Fei Lipu aus dessen Werk „Gespräche aus dem nördlichen Baumland“. Dass dieser Fei Lipu die Protagonistin selbst ist, erfährt man erst gegen Ende des Romans.

Insgesamt ist „Wo das Licht herkommt“ ein interessanter und in sich stimmiger Roman, der allerdings nichts für ungeduldige Leser ist. Wer allerdings gerne Spielraum für eigene Interpretation hat, ist mit diesem Buch bestens beraten.

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Veröffentlicht am 02.09.2021

Geschwisterliebe

Die letzten Romantiker
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„Die größte Poesie und das, was jeden von uns zum Poeten macht, sind die Geschichten, die wir über uns selbst erzählen. Sie basieren auf unseren Familien und Blutsbanden, auf Freunden und Geliebten, auf ...

„Die größte Poesie und das, was jeden von uns zum Poeten macht, sind die Geschichten, die wir über uns selbst erzählen. Sie basieren auf unseren Familien und Blutsbanden, auf Freunden und Geliebten, auf Hass und dem, was wir gelesen, beobachtet und miterlebt haben. Auf Sehnsüchten und Reue, Krankheit, gebrochenen Knochen und Herzen, Leistungen, Geldgewinn und -verlust, Handlesungen und Visionen. Wir erzählen diese Geschichten, bis wir sie selbst und bis wir an uns selbst glauben, und das ist das Mächtigste, was es gibt.“

Im Jahr 2079 ist Fiona Skinner 102 Jahre alt, sie ist eine berühmte, angesehene Lyrikerin und befindet sich auf einer ihrer seltenen Lesungen. Eine junge Frau im Publikum trägt denselben Namen wie die Figur eines von Fionas Liebesgedichten: Luna. Diese junge Frau möchte mehr über den Hintergrund des Gedichts erfahren, was dazu führt, dass Fiona sie (und gleichsam uns Leser) in ihre Vergangenheit mitnimmt und aus ihrem bewegten Leben erzählt.

Fiona ist vier Jahre alt, als sie und ihre drei Geschwister Renee (11 Jahre alt), Caroline (8 Jahre alt) und Joe (7 Jahre alt) ihren Vater verlieren, der im Alter von 34 Jahren einen Herzstillstand erleidet. Die Mutter Antonia, von allen Noni genannt, verfällt kurz danach in eine schwere Depression und schließt sich in ihrem Schlafzimmer ein, aus dem sie nur selten herauskommt. „Als wir älter waren, sprachen wir von dieser Zeit als der »Großen Pause«, aber damals hatten wir keine Worte dafür. Wir taten so, als sei alles in Ordnung, und versicherten einander, es werde schnell vorübergehen. Wir mussten einfach abwarten, bis Noni sich genug ausgeruht hatte. Wir mussten uns gedulden, bis sie zurückkehrte.“

Die »Große Pause«, die zwei bis drei Jahre dauerte, sollte die vier Kinder auf besondere Weise kennzeichnen. Renee übernahm die Verantwortung für ihre drei Geschwister, Caroline litt bis in ihre Zwanziger an Albträumen und Fiona flüchtete sich so oft es ging in ihre Bücher- und Traumwelten. Welche Wunden, die vier Kinder von der »Großen Pause« davongetragen haben, sollte sich erst im weiteren Verlauf ihres Lebens offenbaren. Gerade bei Joe, dem nun einzigen Mann im Haus, der mit seinem außergewöhnlichen Talent für’s Baseballspiel zum Hoffnungsträger und zur zentralen Figur in der Familie werden sollte, sind die Auswirkungen der »Große Pause« am schwierigsten zu benennen. Vor allem Fiona liebt ihren Bruder abgöttisch, aber auch außerhalb der eigenen vier Wände fliegen Joe die Herzen aller Menschen zu. Ohne größere Anstrengungen kommt er zu Geld, Liebe und Ansehen. Dass er von allen vier Geschwistern am meisten unter dem frühen Verlust des Vaters leidet, erfahren die drei Schwestern erst nach und nach. „Joe hatte Glück gehabt, und sein Charme, sein gutes Aussehen und seine Ausdrucksweise hatten ihn eine Zeit lang wie jemanden aussehen lassen, der am richtigen Platz war, aber etwas fehlte ihm. Nur was? […] In dessen Innerstem ein Gefühl von Verlust vorherrschte, und aus irgendwelchen Gründen […] war dieses Gefühl von Leere zum Kern seines Wesens geworden.“ Im Laufe der Geschichte wird deutlich, dass es auf ein Unglück, eine Tragödie in Bezug auf Joe hinausläuft. Wie sich diese Tragödie äußert und was im Laufe der Zeit aus ihr erwächst, wird uns von Fiona und ihren Schwestern Renee und Caroline erzählt. „Heute glaube ich, dass es Dinge gibt, die unvermeidlich sind. Nicht im Sinne von Schicksal, denn ich habe nie an etwas anderes als mich selbst geglaubt, vielmehr im Sinne der menschlichen Möglichkeiten. Es gibt Menschen, die wieder und wieder zerstören, was sie am meisten schätzen. Als so jemanden sah ich meinen Bruder.“

Tara Conklin hat mit ihrem Roman „Die letzten Romantiker“ ein außergewöhnliches Werk geschaffen, das ein Bild einer Geschwisterliebe zeichnet, das in seiner Komplexität seinergleichen sucht. Gerade zu Anfang des Romans, als die Kindheit der vier Geschwister, insbesondere während der »Großen Pause«, beschrieben wird – ihr Zusammenhalt, ihre gegenseitige Unterstützung und bedingungslose Liebe zueinander – war ich wie verzaubert. Hinzukommt der kindlich-verklärte Blick der erzählenden Fiona. Wenn es nach mir gegangen wäre, hätte dieser Teil des Romans ausgebauter sein können. Doch natürlich geht es nicht nur darum, wie die Kinder die schwierige Zeit verlebt haben, sondern auch welche prägende Auswirkung diese Phase auf die vier Einzelpersonen hatte und wie sich ihr Leben unter solchen Voraussetzungen weiter entwickelte. Es gibt zudem mehrere Rückbländen auf die Kindheit, was zu tieferem Verständnis einiger damaliger Geschehnisse führt. Zentral bleibt in dem Roman weiterhin die Geschwisterliebe, die jedoch stetigem Wandel unterworfen ist. Es gibt Streitereien, Missverständnisse, Jahre des Stillschweigens, doch letztendlich siegt das Für- und Miteinander, was die Geschichte zu einer bereichernden und bewegenden Lektüre für jedermann macht. „Es war falsch Ihnen zu sagen, in dieser Geschichte gehe es um das Scheitern der Liebe. Nein, es geht um echte Liebe, wahre Liebe. Unvollkommene, jämmerliche, zaghafte Liebe. Dies ist kein Märchen, keine Lyrik. Es geht um Kompromisse, die wir im Namen der Liebe eingehen. Jeden Tag ringen wir um Wntscheidungen darüber, was wir loslassen und was wir festhalten, und jeden Tag müssen wir mit den Konsequenzen dieser Entscheidungen leben.“

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Veröffentlicht am 24.08.2021

Beziehungen

Der Panzer des Hummers
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Der Roman „Der Panzer des Hummers“ erzählt von einer Familie, die mit dem Tod der Eltern ihren gemeinsamen Kern verloren und sich auseinandergelebt hat. Während fünf Tagen im April lernen wir die drei ...

Der Roman „Der Panzer des Hummers“ erzählt von einer Familie, die mit dem Tod der Eltern ihren gemeinsamen Kern verloren und sich auseinandergelebt hat. Während fünf Tagen im April lernen wir die drei Geschwister Ea, Sidsel und Niels Gabel kennen. Ea, die Älteste, lebt mit ihrem Freund Hector und dessen Tochter Coco in San Francisco zusammen. Sie versucht mithilfe einer Seherin Kontakt zur verstorbenen Mutter aufzunehmen. Die Seherin Beatrice sowie ihre Tochter Seraphina, kurz Fifi genannt, sowie Charlotte, die Mutter der drei Geschwister Gabel kommen im Roman ebenfalls zu Wort. Während die Passagen, die Beatrice gewidmet sind, oftmals lustig und etwas skurril sind, sind die Textstellen, in denen wir in Charlottes Welt eintauchen melancholisch, verträumt und rätselhaft. Sidsel, die Zweitälteste, ist alleinerziehende Mutter einer fünfjährigen Tochter und arbeitet als Kuratorin in einem Kopenhagener Museum. Sie ist eine bodenständige Frau, die fest im Leben steht und sich nur selten Träumereien hingibt. Niels, der Jüngste, schlägt sich als Plakatierer durch. Er ist ein richtiger Freigeist, der sich nicht binden lassen möchte – weder an eine Person noch an einen Ort.

Wie die dänische Autorin Caroline Albertine Minor selbst über ihren Roman sagt, ist „Der Panzer des Hummers“ „eine Geschichte über die regenerierende Macht bedingungsloser Liebe und die manchmal irreperablen Folgen eines Vertrauensbruchs zwischen Eltern und Kind“. Caroline Albertine Minor hat den Roman mit Themen gefüllt, die sie interessieren: „Elternsein, Gleichzeitigkeit, die Vorstellung über den Tod und das Leben danach. Der Wunsch nach einer Beziehung, die Unmöglichkeit einer Beziehung.“ Die Idee zu ihrem Roman entstand während eines Vortrags, in dem es darum ging, dass man eine Gesellschaft anhand dessen, wie sie drei verschiedene Personentypen – den Fremden, den Vaterlosen und die Witwe – behandelt, ein bestimmtes Bild von sich transprotiere. Aus der Überlegung, diese drei Figuren als „lebendige, vollwertige Charaktere“ zu porträtieren, entstand das Grundgerüst für „Der Panzer des Hummers“. Die spirituellen Elemente, die zusätzlich hinzukommen, runden die Alltäglichkeit des Romangeschehens ab und bringen uns zu der Essenz der Geschichte: „Ich glaube, das ist es, was ich mit meinem Roman vermitteln wollte – dass diese verschiedenen Ebenen nahtlos ineinander übergehen.“ Caroline Albertine Minor hat mit „Der Panzer des Hummers“ einen vielschichtigen Roman geschaffen, den eine schöne, originelle Sprache und interessante Figuren auszeichnen, in deren Welten man gerne eintaucht. Da der Roman letztendlich aber bei mir persönlich keinen prägenden Eindruck hinterlassen hat, vergebe ich nur drei Sterne für das Werk.

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Veröffentlicht am 15.07.2021

Dunkle, intensive Tiefe

Auszeit
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„Es kommt mir vor, als würden sich im Leben der allermeisten Menschen die Dinge einfach irgendwie fügen. Nicht zwangsläufig zum Guten, aber sie fügen sich eben, das heißt, sie haben eine gewisse innere ...

„Es kommt mir vor, als würden sich im Leben der allermeisten Menschen die Dinge einfach irgendwie fügen. Nicht zwangsläufig zum Guten, aber sie fügen sich eben, das heißt, sie haben eine gewisse innere Logik, einen Zusammenhang. Nur mein Leben erscheint mir komplett zufällig, wie eine kaum zu bewältigende Leere, eine Fläche, in die ich dringend einen Pfosten einschlagen muss, bevor es zu spät ist.“

Henriette promoviert seit längerem an der Uni, sie schreibt an einer Kulturgeschichte über den Werwolf im internationalen Vergleich. Eigentlich wollte sie nie promovieren, aber „dann habe ich mit allem so lange gebraucht, dass es mir als das einzig Sinnvolle erschien, weiterzumachen.“ Doch sie kommt nicht weiter, Henriettes Leben befindet sich in einem Zustand der Stagnation. „Mir fehlt auf elementare Weise der innere Antrieb. Meine ganze Energie wandert in Gedanken, die nichts mit der Realität zu tun haben. Ich verbringe Stunden damit, Dinge zu planen, die ich genauso gut einfach tun könnte. Mir fällt zu viel zu den falschen Dingen ein.“ Als Henriette ungewollt schwanger wird, hat sie das Gefühl, mithilfe dieses Kindes aus ihrer Depression herauszukommen. „Etwas daran machte mich stolz, es riss mich aus meiner Beliebigkeit, gab mir ein Gefühl der Verantwortung. […] Das Kind […] fügte der Situation einen weiteren Jemand hinzu, der etwas mit mir machen, der mich von außen bearbeiten und mir etwas vorgeben würde.“ Doch als sie den Vater des Kindes über ihre Schwangerschaft in Kenntnis setzt und dieser sie fortan mit Nachrichten bombardiert, kippt Henriettes innere Einstellung ins Entgegengesetzte. Sie entscheidet sich für eine Abtreibung: „Ich fühlte mich stark, auf eine neue, dunkle Weise, ich hatte eine Entscheidung gegen die Natur getroffen, gegen meine Natur. Ich hatte, so fühlte ich mich in diesem Moment, zum ersten Mal in den Lauf der Dinge auf eine Weise eingegriffen, die relevant war. Ich würde ich Zukunft spüren, wo ich anfing und wo ich aufhörte, weil ich, vielleicht zum ersten Mal, wirklich eine Grenze überschritten hatte.“ Doch Henriette soll sich irren, nach der vorgenommenen Abtreibung fällt sie in eine noch dunklere Tiefe als zuvor. Henriettes beste Freundin, Paula, überredet sie zu ein paar Tagen in einer Hütte im bayrischen Wald. Dort stellt sich Henriette ihrer eigenen persönlichen Wahrheit.

Hannah Lühmann ist es mit ihrem kurzen, sehr intensivem Roman gelungen, ein wahrhaftes Bild des psychischen Zustandes einer Frau, die eine Abtreibung vorgenommen hat, zu zeichnen. In nur wenigen Sätzen bringt sie die Trauer und die Unmöglichkeit zur Trauer einer solchen Frau zum Ausdruck. „Um das Kind kann ich in zweifacher Hinsicht nicht trauern: weil ich es getötet habe. Es wäre eine selbstgerechte Trauer, die das Betrauerte verlacht. Und, aber dieser Grund wiegt weniger schwer: weil ich es nicht kannte, das Kind.“ Die Leserin taucht ein in die dunkelste Tiefe einer Frau, die es geben kann. Und es gelingt ihr das fast Unmögliche: Auch jede Frau, die niemals in ihrem Leben abgetrieben hat, ist im Stande zu verstehen, was es bedeutet und was es mit einem macht. Hannah Lühmann ist ohne Zweifel eine große Schriftstellerin, die uns in psychologische Tiefen mitreißt und uns am Ende wieder völlig unerwartet an die Oberfläche rauswirft. Atemlos, bewegt, geläutert. Lediglich das abrupte Romanende mit seinem Abschluss hat mich nicht vollkommen überzeugt. Nur deswegen vergebe ich keine volle Sternebewertung.

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