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Veröffentlicht am 18.09.2018

„Dies war ein Haus für eine andere Zeit, eine vergangene Lebensform.“

Wo ist Norden
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Ein Jahrzehnt nachdem Marlene und Konrad das alte Gutshaus in Plenskow kaufen, mit Restaurierungen beginnen und dort mit ihren drei Kindern, Selma, Laure und Jakob, sowie den Eltern Konrads, Rita und Pavel, ...

Ein Jahrzehnt nachdem Marlene und Konrad das alte Gutshaus in Plenskow kaufen, mit Restaurierungen beginnen und dort mit ihren drei Kindern, Selma, Laure und Jakob, sowie den Eltern Konrads, Rita und Pavel, einziehen, sehen sie sich gezwungen, es wieder zu verkaufen und weiterzuziehen. Beim Umzug bricht sich Nikita, Konrads Bruder, das Bein, was ihn dazu veranlasst, einen Rückblick über die zehn Jahre in dem Dorf anzustellen und in schriftlicher Form festzuhalten.

Kurz nach der Wende entdecken Marlene und Konrad ein altes Gutshaus im mecklenburgischen Plenskow. Kurzerhand kaufen sie es und beginnen mit der Restauration. Konrad richtet sich eine Arztpraxis ein und Marlene gründet ihr Café „Granatapfel“. Nikita, ebenfalls Arzt, hilft bei der Restaurierung und unterstützt das Projekt finanziell. Dabei wurde er von seiner großen Liebe Marlene für Konrad verlassen und müsste außerdem dringlich an seiner Doktorarbeit schreiben. „Doch als ich an jenem Sommermorgen ein federleichtes, getigertes Kätzchen aus der Mülltonne barg, wo es irgendein Mensch – nie weiß man, wer so etwas macht – zum Sterben in einem Schuhkarton deponiert hatte, wurde mir auf einmal klar, wie sehr sie mir fehlten [...]. Meine Wohnung war nur ein Depot, eine Wartungsstätte des Alltags, da ließe sich kein Tier halten; hier in Plenskow aber gab es Platz und drei Kinder, die Ferien hatten. Konrad und Marlene nahmen es hin, in der Haustierfrage übergangen zu werden, die Kinder waren begeistert und ich erleichtert über diesen Schritt auf sie zu.“

Bei der Renovierungsarbeiten wird ein Wandgemälde entdeckt, das von einem Restaurator, Herr Tile, freigelegt wird und ihn sogar zu einem Werk über die Kulturgeschichte des mecklenburgischen Landadels inspiriert. Das Wandbild, auf dem zwei Personen mit einem Pferd zu sehen sind, soll auch für seine Einwohner und Besucher eine wichtige Rolle spielen. Das gesamte Geschehen hindurch werden Mutmaßungen darüber angestellt, was die Person auf dem Wandgemälde in der Hand hält. Jeder sieht etwas Anderes darin, und das, was er sieht, gibt Aufschluss über den Charakter und die Lebenseinstellung der jeweiligen Person. Marlene sieht einen Granatapfel darin, der Symbol für die Fruchtbarkeit des Geistes und schöpferische Gestaltungskraft ist: Dank ihrer Phantasie und Arbeit entsteht das Café „Granatapfel“, das ein großer Erfolg wird. Selma, die älteste Tochter Marlenes, erblickt eine Sonne darin – der Sonne gleich verkörpert Selma Fortschritt, Standhaftigkeit, Ausdauer, Größe und Lebensfreude. Laure, ihre Schwester, ist überzeugt, dass es ein Herz ist – mit äußerlicher und innerer Schönheit sowie mit einer melodischen Stimme und musikalischem Talent gesegnet, personifiziert sie Liebe, Kraft, Durchhaltevermögen und Leben. Pavel sieht eine Trommel: Er sorgt für Bewegung und Veränderung. Agnes, die Schwester Nikitas und Konrads, erkennt eine Granate darin – in einer homosexuellen Beziehung lebend, bricht sie mit gesellschaftlichen Konventionen, was auf ihre Familienangehörigen überraschend oder sogar schockierend wirkt. Elsa, Nikitas spätere Frau, wird auf dem Bild einer Herbstzeitlosen ansichtig, die für den Herbst des Lebens steht. Herr Tile gewahrt auf dem Gemälde zu Anfang einen Apfel, der für Wissen und Macht steht, später aber einen Totenschädel, Symbol für den Tod – ein Memento mori. Das ‚Pflegemittelpaar‛, das das Gutshaus Marlene in regelmäßigen Abständen abzukaufen versucht, sieht konsequenterweise ein Geldsäckchen in der Hand der Figur.

Nikita selbst, der Ich-Erzähler, meint am Anfang einen Ball zu erkennen – er empfindet sich als Spielball der Familie. Er fühlt sich hin- und hergerissen zwischen dem Wunsch nach Unabhängigkeit und einem eigenen Leben und der Sehnsucht nach seiner Familie gekoppelt mit dem Wunsch zu helfen und zu unterstützen. Während eines Familientreffens fragt er sich: „Hatte ich nicht selbst einmal versucht, mein Leben in die Hand zu nehmen, mich unabhängiger zu machen? Warum war ich wieder so tief hineingerutscht in diese unbekömmliche Konstellation? Was hielt mich? Konnte ich nicht zumindest damit aufhören, die Plenskower an erste Stelle zu setzen? Wer setzte mich an erste Stelle?“ Bald darauf stellt Nikita fest: „Mein Leben allein – was war das eigentlich für eine Bußübung, und was hatte es genützt? Oder war es Verstocktheit, wie Konrad sagte? Mutwilliges Abschnüren meiner Lebensader? Diese Fragen entschieden sich, als ich in die Plenskower Dorfstraße einbog und endlich wieder das Gefühl hatte, am Leben zu sein.“

Nach allen Höhen und Tiefen schließen sich langsam Nikitas Wunden und das Wandbild offenbart ihm sein ganzes Geheimnis: „Es war wie ein Fenster in eine frische Anderswelt, in der die Jahreszeiten zusammenfließen, in der die Sterne bei Tage leuchten, in der Tiere, Menschen und Pflanzen miteinander sprechen. Überhaupt erschienen mir die beiden Figuren nicht als Menschen, sondern nur menschenähnlich, denn sie waren alles zugleich: Frau und Mann, Kind und Greis, Faun und Fee. Das Ding in der Hand war, wie ich nun sehen konnte, kein Ball und kein Apfel, sondern eine Sonne, die gerade in den Himmel aufstieg. Selma hatte recht. Wir anderen hatten das Offensichtliche nicht erkannt.“

„Wo ist Norden“ ist ein einfühlsam, lebhaft und phantasievoll geschriebener Roman, den man mit all seinen Figuren ins Herz schließen muss!

Veröffentlicht am 18.09.2018

Das eigene Leben augenzwinkernd (ver)achten

Man muss auch mal loslassen können
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Drei Frauen sehen keinen Ausweg mehr, sie wollen sich das Leben nehmen. Bloß wie, welche Methode ist die beste?

Charlotte ist ein schlankes Persönchen von 44 Jahren. Sie ist sensibel, versonnen und sehr ...

Drei Frauen sehen keinen Ausweg mehr, sie wollen sich das Leben nehmen. Bloß wie, welche Methode ist die beste?

Charlotte ist ein schlankes Persönchen von 44 Jahren. Sie ist sensibel, versonnen und sehr zerstreut. Um sich ganz ihrem literarischen Werk widmen zu können, kündigt sie sogar ihre gesetzliche Krankenversicherung. Als Charlotte erfährt, dass sie an Bauchspeicheldrüsenkrebs erkrankt ist, sie ihre Geschwister vor dem finanziellen Ruin bewahren möchte und zudem erkennt, dass ihr Werk nichts taugt, gibt es für sie nur die eine Lösung – den Freitod.

Wilma, 59 Jahre alt, hat ihr Lebenlang als Gastwirtin gearbeitet, drei Kinder selbst großgezogen und war immer für jeden da, der sie brauchte. Ihre ganze Lebensfreude bezog sie aus ihrem Wirtinnendasein, da sie gerne für andere sorgte und für das ihr im Gegenzug entgegengebrachte Vertrauen und Sympathiegefühl dankbar war. Das ändert sich schlagartig, als sie wegen missachtetem Rauchverbot ihre Konzession verliert. Um den Politikern einen Denkzettel zu verpassen möchte sie Selbstmord begehen.

Jessy, die 21jährige Aldi-Kassiererin, spitzzüngig, extrovertiert und hochbegabt, möchte alles anders machen in ihrem Leben als ihre Mutter, die Alkoholikerin, die nie für ihre Tochter dagewesen ist. Als Jessy ihren Freund, Jossip, den Jura-Studenten, in flagranti mit einer anderen erwischt, gibt sie ihren Kampfgeist und Lebenswillen auf. Jossip soll für seinen gedankenlosen „Tagesausflug“, wie er seinen Seitensprung nennt, bezahlen – mit ihrem eigenen Leben.

Charlottes, Wilmas und Jessys Wege kreuzen sich bei der Suizid-Beratungsstelle „Dare it“ und sie beschließen ihr Selbstmordvorhaben gemeinsam zu meistern. Nach drei missglückten Versuchen geraten sie an einer Tankstelle in einen Raubüberfall. Kurzerhand werfen sie sich den Dieben an den Hals, um als Geiseln mitgenommen zu werden. Und vielleicht haben die zwei ja mehr Mumm als sie selbst und können die unangenehme Aufgabe des Tötens für sie übernehmen?‮

Der Leser nimmt abwechselnd am inneren Erleben Charlottes, Wilmas, Jessys und der beiden Möchtegern-Gangster, Ralle bzw. Moritz, teil. Je nach Vorlieben wird sich der Leser in unterschiedlichem Maße mit den Figuren identifizieren. Mein persönlicher Liebling war Charlotte. Mit Jessy konnte ich dagegen am wenigsten anfangen; obwohl ihr von den anderen Figuren so viele positive Eigenschaften zugeschrieben wurden, empfand ich sie als ichbezogen, flach und taktlos.

Abgesehen von einigen Plot- und Plausibilitätsschwächen liefert uns Monika Bittl mit „Man muss auch mal loslassen können“ einen lebhaften und spritzigen Roman. Von der Grundidee her liegt dem Roman zwar der Gedanke des schwarzen Humors zugrunde, mit der Innensicht der Romanfiguren und ihrem gedanklichen Austausch untereinander übt die Autorin allerdings eher Gesellschafts- und Sozialkritik aus – natürlich mit dem nötigen Augenzwinkern und einer ordentlichen Portion Humor. Jede Figur lernt von der anderen und so entscheidet jede für sich, nicht aufzugeben, sondern ihr Leben von neuem in die Hand zu nehmen. Sie erkennen auch, dass man sich selbst nicht immer so ernst nehmen sollte – eine Erkenntnis, die sicherlich jedem und jeder von uns ebenfalls zugute käme!

Veröffentlicht am 13.09.2018

Ein literarisches Zeitzeugnis mit psychologischem Tiefgang

Die Welt war so groß
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„Ein Klassentreffen ist mehr als nur eine sentimentale Reise. Es ist auch eine Antwort auf die Frage, die bei fast allen von uns im Unterbewusstsein lauert: Haben es sie anderen besser gemacht als ich? ...

„Ein Klassentreffen ist mehr als nur eine sentimentale Reise. Es ist auch eine Antwort auf die Frage, die bei fast allen von uns im Unterbewusstsein lauert: Haben es sie anderen besser gemacht als ich? Es hätte immer auch andere Möglichkeiten gegeben, andere Wege, sogar für diejenigen, deren Leben durch Gesetze unserer Zeit von vornherein festgelegt war.“

Zwanzig Jahre nach ihrem Collegeabschluss beschließen Annabel, Chris, Daphne und Emily beim feierlichen Klassentreffen dieser Frage nachzugehen: Wäre ich denselben Weg noch einmal gegangen oder hätte ich andere Entscheidungen getroffen? In den Fünfziger Jahren haben sie studiert und große Hoffnungen an ihre Zukunft geknüpft.

Die große und schlanke Annabel mit ihrem schulterlangen kupferfarbenem Haar, den grünen Augen, hohen Wangenknochen und einigen Sommersprossen. Sie war damals so romantisch – war es noch – war ständig verliebt und glaubte den Männern, wenn sie sagten, sie liebten sie. Warum hätte sie damals bis zur Ehe warten sollen? Sie war schließlich kein Mauerblümchen wie die anderen Mitbewohnerinnen. Doch gerade die Entscheidung, sich über die Konventionen der Zeit hinwegzusetzen, sollte ihr den Hass der Mitstudentinnen sowie einen gewissen Ruf bei den Männern verschaffen.

Die äußerlich unscheinbare Chris mit Mittelscheitel und glatten braunen Haaren, einer Hornbrille und Collegekleidung, die wie eine strenge Schuluniform wirkte, interessierte sich dagegen überhaupt nicht für Jungs. Ihre ganze Leidenschaft galt der Geschichte, hauptsächlich der Geschichte des französischen Mittelalters, und der Literatur – immer steckte ihre Nase in einem Buch. Schlagartig ändert sich das, als sie im Französischkurs Alexander kennenlernt. Von nun an setzte sie alles daran, ihn zu erobern.

Daphne, die große Schönheit mit der honigfarbenen Haut, dem goldblonden Haar und den kornblumenfarbenen Augen, wird von allen Golden Girl genannt. Nicht so sehr ihr Aussehen als „der Glanz strahlender Überlegenheit, der sie wie Sonnenlicht überflutete, wohin sie auch ging“ brachte ihr diesen Namen ein. Neben ihrer Schönheit konnte sie gewandtes, kultiviertes Auftreten, ein untrügliches Stilgefühl, eine einwandfreie Herkunft, Selbstvertrauen und Intelligenz ihr Eigen nennen. Und „niemand war neidisch auf Daphne – sie war zu überlegen. Neidisch konnte man nur auf jemanden sein, der eigentlich nicht besser war als man selbst und ungerecht bevorteilt schien.“ Kein Wunder, dass ausgerechnet sie den meistbegehrten Collegestudenten, Richard, erobern sollte. Doch Daphne hat ein dunkles Geheimnis, das sie vor allen, aber ganz besonders vor Richard, geheim zu halten versucht: sie ist Epileptikerin.

Und die kleine dunkelhaarige Jüdin Emily mit der Porzellanhaut, die sich im Vergleich zu den anderen als minderwertig empfindet. Denn Annabels Vater war ein berühmter Herzchirurg, Chris' Vater war Chemieprofessor an den Columbia University und Daphnes Vater Seniorpartner im angesehendsten Anwaltsbüro von New York. Ihr eigener Vater besaß dagegen nur eine Kette von Schuhgeschäften. Ihr Traum ist es, auf dem College ihren zukünftigen Ehemann kennenzulernen, am besten einen, der auch Jude ist und der Arzt werden möchte. Sie kann ihr Glück kaum fassen, als sie diesen Traummann tatsächlich findet und er sich auch in sie verliebt. Obwohl sie nicht darüber sprechen, wissen sie, dass sie nach ihrem Abschluss heiraten werden.

Wie wird sich ihr Leben in den sechziger und siebziger Jahren entwickeln? Werden ihre Hoffnungen und Wünsche an ein erfülltes Leben in Erfüllung gehen? Und werden sie die richtigen Entscheidungen treffen?

Oft kann man sich nicht entscheiden, welches der vier Frauenschicksale einem als Leser besonders nahe geht, welches Leben man vornehmlich als tragisch empfindet. Ob dasjenige von Annabel, die niemals die große Liebe finden soll, dasjenige von Chris, deren Liebe zu Alexander sie an den Rand der Selbstzerstörung bringt, dasjenige von Daphne, die zwanzig Jahre lang ihre Krankheit vor ihrem Ehemann geheim hält, aus Angst er könnte sie verlassen oder dasjenige von Emily, die zu lange in einem Traum gelebt hat, um die Realität des Alltags ertragen zu können.

Rona Jaffe zeichnet diese vier Figuren sowie weitere männliche Charaktere mit psychologisch sicherer Hand. Sie findet immer das richtige Maß an Beschreibung, Innensicht und Dialog. Selbst in den Dreißigern geboren, liefert uns die Autorin als äußerst intelligente Zeitzeugin ein detailliertes und analytisch tiefgehendes Bild der fünfziger, sechziger und siebziger Jahre. Eine bereichernde Lektüre, die jedem Leser zu empfehlen ist, der sich nach psychologischem Tiefgang und einem literarischen Zeitzeugnis sehnt. Ich persönlich werde mir sicherlich weitere Werke Rona Jaffes zu Gemüte ziehen!

Veröffentlicht am 09.09.2018

Wunderschön und rührend

Helle Tage, helle Nächte
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Frederike ist auf dem Weg nach Lappland. Weshalb weiß sie auch nicht ganz genau. Ihre Tante, Anna, hat sie mit einem Brief für einen gewissen Petter Svakko dahin geschickt. Sie konnte ihrer Tante diese ...

Frederike ist auf dem Weg nach Lappland. Weshalb weiß sie auch nicht ganz genau. Ihre Tante, Anna, hat sie mit einem Brief für einen gewissen Petter Svakko dahin geschickt. Sie konnte ihrer Tante diese Bitte nicht abschlagen, schließlich wurde bei Anna Krebs diagnostiziert. Frederike hat sich gerade von ihrem Mann getrennt, hat ihren Job gekündigt und ihre Tochter, Paula, ist zurzeit in Australien. Noch weiß Frederike außerdem nicht wie sie ihre Zukunft nun gestalten möchte. Sie ahnt nicht, dass sie bald von einer großen Lebenslüge erfahren soll und dass sie gerade in Lappland den Ort finden wird, wo sie am glücklichsten ist.

Hiltrud Baier gelingt mit ihrem Roman „Helle Tage, helle Nächte“ ein wunderschönes und rührendes Meisterwerk. Es hat alles zu bieten, was einen guten Roman ausmacht: Runde Charaktere, die einen direkt einnehmen und mitfiebern lassen, sowie ein Geheimnis, das es zu enträtseln gilt – verpackt in eine einnehmende Sprache voller Emotionen und doch jenseits falscher Sentimentalitäten. Indem uns die Autorin an dem Innenleben von Anna und Frederike teilnehmen lässt, offenbart sie uns ihre große Gabe das emotionale Gepäck, das jeder mit sich trägt, in Worte zu fassen. Man fühlt als Leser mit, kann die Gedanken und Reaktionen der Protagonistinnen nachempfinden und womöglich sogar für sich selbst nutzbringend verarbeiten. Die große authentische Liebe der Autorin zur Natur Nordschwedens spürt man in jedem ihrer Sätze, in denen sie diese beschreibt und reflektiert. Gleichzeitig berührt sie auf diese Weise den Nerv unserer schnellebigen Zeit und bringt die verborgene Saite eines jeden Menschen zum klingen – die Sehnsucht nach einem einfachen Leben im Einklang mit der Natur. Ein äußerst poetisches und zugleich sehr realitätsnahes Werk, das man einfach lieben muss!

Veröffentlicht am 04.09.2018

Ein erstklassiges Sachbuch!

Der Tiger in der guten Stube
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Die amerikanische Journalistin Abigail Tucker – selbst eine große Katzennärrin – geht in ihrem Werk „Der Tiger in der guten Stube“ der Frage nach, warum Katzen derartig beim Menschen beliebt sind.

Das ...

Die amerikanische Journalistin Abigail Tucker – selbst eine große Katzennärrin – geht in ihrem Werk „Der Tiger in der guten Stube“ der Frage nach, warum Katzen derartig beim Menschen beliebt sind.

Das in zehn Kapitel unterteilte Sachbuch ist äußerst abwechslungsreich. Zunächst geht Tucker der Evolutionsgeschichte der Katze nach und geht bis auf die Ursprünge der Katze-Mensch-Beziehungen zurück. So erfährt der Leser beispielsweise, dass nach neuesten Befunden unsere Hauskatze ausschließlich von der Falbkatze, einer Unterart der Wildkatze abstammt – der Felis silvestris lybica! Während Löwen heute „nur noch Relikte ohne Königreich sind“, hat sich „der kleine spaßige Bruder des Löwen, einst nichts weiter als eine Fußnote der Evolution zu einer wahren Naturgewalt aufgeschwungen.“ Das herausstechendste Merkmal dieser äußerst lieblichen Fußnote ist ihr „naturgegebenes Draufgängertum – eine Eigenschaft, die letztlich die Grundsubstanz für die Bindung zwischen Mensch und Katze bildet“.

In den weiteren Kapiteln erfahren wir, wie sich die Katzen auf dem ganzen Planeten ausbreiteten – vorzugsweise dank der Seefahrer – und viele Ökosysteme (zer)störten, da sie als reine Carnivoren ohne Spezialisierung eine große Bandbreite an Säugetieren, Vögeln und Insekten zu ihrer Beute machen können. So werden Hauskatzen zu den hundert besonders problematischen invasiven Arten gezählt. In Australien beispielsweise wurden Katzen von Wissenschaftlern zur größten Bedrohung der dort lebenden Säugetiere erklärt – sie seien weit gefährlicher als der Verlust von Lebensraum oder gar der Klimawandel. Aber gerade auch auf großen und kleinen Inseln, wo der Fluchtweg für die Beutetiere abgeschnitten ist, die sich zudem durch die sogenannte „Inselzahmheit“ auszeichnen, ist dieses Problem besonders groß. Im darauffolgenden Kapitel beschreibt die Autorin, wie der Mensch der stets wachsenden Hauskatzenpopulation Herr zu werden versucht – von Euthanasie bis hin zu der humaneren Methode der Kastration und anschließenden Freilassung (kurz TNR genannt) hat der Mensch ziemlich jeden Weg eingeschlagen. Diese Buchabschnitte sind wirklich schwer verdaulich und der Leser wird von einem Entsetzen ins andere geführt. Gott sei Dank gibt es immer wieder einen Lichtblick in Form der Menschen, die ihr Leben dem Tierschutz und der Forschung zwecks Verbesserung der Zustände widmen.

Von da an befasst sich das Werk mit Themen, die dem Leser bei der Anschaffung dieses Buches wohl eher vorgeschwebt haben: Die Autorin schreibt über die ersten und neuesten Katzenausstellungen, darüber wie man seine Wohnung nach Katzenvorstellung einrichten kann, über die verschiedenen Rassen und nicht zuletzt über den Internetsiegeszug, den Katzen davongetragen haben. So bestehe, Tucker zufolge, die große Internetpräsenz und -beliebtheit der Katze vor allem in der „ungewöhnlichen Mixtur aus menschenähnlichen Gesichtszügen und Ausdruckslosigkeit“, die dem Menschen die Freiheit erlauben, ihnen jedwede Gemütsregung dazudichten. Auch über Internetberühmtheiten wie Lil Bub, Grumpy Cat, Colonel Meow, Princess Monster Truck, Sir Stuffington und Hamilton the Hipster wird berichtet.

„Sie haben nicht nur Ökosysteme, Schlafzimmer und Hirngewebe vereinnahmt, sondern ganze Kulturen.“ – so Abigail Tuckers äußerst pointiertes Fazit. „Der Tiger in der guten Stube“ ist ein äußerst ansprechendes und informatives Sachbuch, das keine Frage mehr offen lässt. Aufgelockert wird das Ganze mit vielen Geschichten aus dem Privatleben der Autorin.