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Veröffentlicht am 02.11.2024

Süßer Wein

Wilder Wein
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Der Klappentext kündigt Luc Verlains gefährlichsten Fall an – nun, das ist er sicher nicht. Da haben wir doch schon ganz andere Fälle miterlebt. Ich erinnere mich noch gut an den Fall, der im Baskenland ...

Der Klappentext kündigt Luc Verlains gefährlichsten Fall an – nun, das ist er sicher nicht. Da haben wir doch schon ganz andere Fälle miterlebt. Ich erinnere mich noch gut an den Fall, der im Baskenland spielte und ein ganz spannendes Finale hatte.

Nein, dieses Mal scheint er sich an Jean Luc Bannalec ein Vorbild genommen zu haben. Die gute Küche und vor allem der Wein nehmen viel Raum ein, außerdem werden die Dünenlandschaft südlich von Bordeaux und die wunderschönen Weindörfer ausführlich beschrieben. Der Krimi ist da fast Nebenhandlung, zumal es zu Anfang auch mehr nach einem tragischen Unfall aussieht.

Eine junge, sehr dem Bioweinbau verschriebene Winzerin wird tot in ihrem Gärkeller aufgefunden. Solche Unfälle passieren leider und so will auch der Dorfpolizist den Fall schnell zu den Akten legen. Er muss aber vorher die Kripo verständigen und der gerade neu nach Bordeaux gekommene Kollege Yacine hat den richtigen Riecher. Er nimmt seinen Chef Luc Verlain mit nach Sauternes. Den beiden kommt hier einiges komisch vor und sie beginnen zu ermitteln. Allerdings steht ihnen eine Mauer des Schweigens entgegen, man gibt zwar zu, dass die Winzerin das ganze Dorf mit ihren Biomethoden genervt hat, aber man würde sie deswegen doch nicht ermorden.

Luc muss einige Tricks einsetzen, um diese Mauer zu brechen und die Leute zum Reden zu bringen.

Für mich, die ich mich jedes Jahr schon auf einen neuen Aquitaine-Krimi freue, war dieser einer der schwächeren. Die Infos zum Weinanbau und hier insbesondere zum Sauternes fand ich aber interessant.

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Veröffentlicht am 01.11.2024

Sommer 1989 in der Prager Botschaft

Als wir nach den Sternen griffen
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Theresa Herolds aktueller Roman "Als wir nach den Sternen griffen" bedient sich der Wendezeit anno 1989 als Setting.

Wer kann sich nicht an den Satz des damaligen deutschen Außenministers Hans-Dietrich ...

Theresa Herolds aktueller Roman "Als wir nach den Sternen griffen" bedient sich der Wendezeit anno 1989 als Setting.

Wer kann sich nicht an den Satz des damaligen deutschen Außenministers Hans-Dietrich Genscher erinnern: Liebe Landsleute, wir sind gekommen, um Ihnen mitzuteilen…… Der Rest des Satzes ging schon in Jubel unter:“ dass heute Ihre Ausreise möglich geworden ist“

Es geht um die Sommermonate 1989 in der Botschaft in Prag. Theresa Herold hat das Buch aus der Sicht der Botschaftsmitarbeiterin Judith und des ausreisewilligen Fotografen und Vaters einer dreijährigen Tochter Tobias geschrieben. Judith ist knapp über 30 und seit einem Jahr in Prag angestellt. Sie ist ganz froh, wieder in Europa zu sein und findet die Entwicklungen unter dem neuen Generalsekretär des ZK der KPDSU, Michail Gorbatschow spannend. Alle Länder des Ostblocks beginnen sich langsam zu öffnen, Ungarn hat bereits die Grenzzäune zu Österreich entfernen lassen, die Tschechen lassen auch Ostdeutsche in die westdeutsche Botschaft eintreten, nur die DDR verharrt in ihrer Bewegungslosigkeit.

Die Stimmung in der Botschaft, die ab Juni 1989 immer voller wird, ist sehr gut beschrieben. Man hat das Gefühl, selbst dabei zu sein und sich zwischen Koffern, Taschen, Zelten, Kisten, Schreibtischen einen Weg zu bahnen. Über die katastrophalen hygienischen Bedingungen hatte ich mir noch nie Gedanken gemacht, sie sind äußerst plastisch geschildert. Ganz anders, als es die feine Adresse des Palais Lobkowitz hätte erwarten lassen. Die Autorin hat die langsame Entwicklung bis zur Eskalation sehr gut eingefangen . Am Anfang waren es nur einzelne, die wirklich wagten, sich aufzulehnen. Vor allem waren es diejenigen, denen man das Leben schon lange schwergemacht hatte, die in Sippenhaft genommen worden waren oder die man benachteiligte, weil sie sich nicht an den vom Staat propagierten Programmen für Jugendliche oder Erwachsene beteiligten oder nicht in die Partei eintreten wollten. Für diese steht Tobias stellvertretend. Diese wenigen lösten einen Tsunami im Land aus, die Botschaften in Budapest, Warschau und Prag füllten sich mit Menschen, die der DDR den Rücken kehren wollten. Ab Spätsommer kamen dann in Leipzig die Montagsdemonstrationen dazu, die sich immer größerer Beliebtheit erfreuten. Das Momentum für den Aufstand war einfach gegeben und es wurde genutzt. Am Beispiel der Prager Botschaft sieht man, dass es nicht mehr darum ging, zu verhindern, dass die Botschaft überquoll sondern ab einem bestimmten Zeitpunkt war klar, dass der Überdruck ein viel größeres Rad in Bewegung setzte und schließlich die DDR zur Aufgabe zwang.

Botschafter Herrmann Huber, den wir auch aus dem Buch kennen, hat in seinen Erinnerungen diese Sommermonate 1989 festgehalten und Theresa Herold scheint sich sehr daran orientiert zu haben. Fiktion ist die Geschichte des ostdeutschen Fotografen Tobias und seiner dreijährigen Tochter Jasmin sowie der Botschaftsmitarbeiterin Judith, die sich in der Botschaft kennen und lieben lernten. ( https://prag.diplo.de/cz-de/botschaft/-/2176350 ) Selbst die Schultütenaktion für die Erstklässler hat tatsächlich wie beschrieben stattgefunden.

Für mich war das Buch ein Highlight dieses Leseherbstes. Aus den Erinnerungen von Herrn Botschafter Huber erfahren wir, dass die Botschaft sich noch ein weiteres Mal so füllte und es zu weiteren Ausreisewellen kam, bis die DDR endlich nachgab. Für mich zeigte es, dass es Veränderungen nur von innen geben kann. Hätten sich nicht so viele Menschen gegen das Eingesperrtsein aufgelehnt, wäre es nicht zu diesem schnellen Ende gekommen.

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Veröffentlicht am 31.10.2024

Spannender, temporeicher Krimi mit unerwarteten Wendungen

Solothurn hüllt sich in Schweigen
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Eine Informantin der Polizei wird kurz vor einem vereinbarten Treffen tot in ihrer Wohnung aufgefunden. Wenig später findet man am Aareufer die Leiche eines jungen Mannes. Zunächst ist unklar, ob beide ...

Eine Informantin der Polizei wird kurz vor einem vereinbarten Treffen tot in ihrer Wohnung aufgefunden. Wenig später findet man am Aareufer die Leiche eines jungen Mannes. Zunächst ist unklar, ob beide Fälle zusammenhängen, aber bald wird klar, dass beide jungen Leute mit einem deutsch-arabischen Familienclan in Verbindung standen.

Hauptmann Dominik Dornach, der schon in den Vorgängerbänden schwierige Fälle lösen konnte, wird mit diesem Fall betraut und kann sich auch hier wieder auf die „Mitarbeit“ seiner Tochter verlassen, einer Studentin der Rechtswissenschaften, die quasi undercover und auf eigene Faust Antworten auf ihre eigenen Fragen haben will. Denn auch sie kannte die junge ermordete Frau als Kommilitonin.

Das Buch ist spannend und temporeich, die Charaktere nicht auf den ersten Blick zu erfassen. Das muss auch Dornachs Tochter Pia feststellen, die sich in ihrer Einschätzung auch mal hat täuschen lassen.

Das war mein erster Solothurn-Krimi von Christof Gasser. Ich war auf das Buch aufmerksam geworden, weil mir „Spiegelberg“, der in diesem Jahr erschienene Krimi gut gefallen hatte. Ich hätte besser mit Band 1 der Reihe angefangen, am Anfang hatte ich doch einige Schwierigkeiten, mich mit den einzelnen Personen vertraut zu machen. Aber das hat dem Lese-Spaß keinen Abbruch getan.

Meine einzige Kritik ist, dass eine Wendung, die mehrfach verwendet wird, am Schluss vom Leser bereits erwartet wird. So war die letzte Wendung nicht mehr wirklich eine Überraschung für mich.

Trotzdem bleibt ein positives Fazit: man sollte öfter mal über unsere südliche Grenze schauen, die Schweizer Krimi-Autoren schreiben spannend und gut.

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Veröffentlicht am 24.10.2024

Wenn das Leben Schatten zwischen Mutter und Tochter wirft

Der Morgen nach dem Regen
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St. Goar am Mittelrhein ist der Wohlfühlort, an dem die Welt noch in Ordnung ist. Hier kann man die Seele baumeln lassen und sich vom Stress der übrigen Welt wieder erholen.

Das gilt auch für Hanna und ...

St. Goar am Mittelrhein ist der Wohlfühlort, an dem die Welt noch in Ordnung ist. Hier kann man die Seele baumeln lassen und sich vom Stress der übrigen Welt wieder erholen.

Das gilt auch für Hanna und Elsa, Mutter und Tochter, die gemeinsam das Haus ihrer Tante Toni in St. Goar geerbt haben. Nur verstehen sich die beiden nicht sonderlich gut.

Hanna lebte mit der Familie in New York. Die Familie bestand aus ihrem Mann Richard, ihrer Tochter Elsa und ihr. Nach einer Zeit im Büro der UNO erhält sie die Chance, weltweit als Koordinatorin in Krisengebieten eingesetzt zu werden. Ihr Mann ist zwar nicht glücklich darüber, stimmt aber letztendlich zu, die Tochter tut sich mit den ständigen Abschieden deutlich schwerer. Und natürlich verpasst Hanna auch einen Großteil von Elsas Kindheit, Auftritte in der Schule, Sportveranstaltungen, Einladungen, das alles entgeht ihr. Trotzdem: Elsa hängt an ihrer Mutter und möchte es ihr in allem recht machen. Erst ein von Hanna verpasster Ballettauftritt, den Elsa noch mit verstauchtem Fuß absolviert, weil sie ihre Mutter im Publikum wähnt, führt zum Bruch. Zum Bruch nicht nur Elsas mit ihrer Mutter, sondern letztendlich auch zum Bruch zwischen den Ehepartnern.

Nun sind die beiden seit 10 Jahren geschieden und Elsa hat unterdessen Karriere als Anwältin gemacht. Am internationalen Gerichtshof in Den Haag vertritt sie Straftäter, denen nicht nur ein Mord sondern Völkermord zur Last gelegt wird. Trotz der schwierigen Situation ist Hanna unglaublich stolz auf ihre Tochter, ein Vorfall vor 10 Jahren verbietet ihr aber, ihr das jemals zu gestehen. 2023 jedoch erleidet Elsa einen Burnout und hofft, an ihrem alten Wohlfühlort am Mittelrhein wieder gesund zu werden und Kräfte zu tanken. Dort trifft sie auf ihre Mutter, die gerade mit Renovierungsarbeiten begonnen hat.

Der Roman erzählt in Gegenwart und Rückblenden aus der Vergangenheit aus dem Leben der Frauen. Dabei sind die Passagen, die von Hannas Arbeit bei der UNO berichten, zwar interessant, aber nicht das eigentliche Thema. Hier hat die Autorin auf eigene Erfahrungen in vergleichbaren internationalen Organisationen zurückgegriffen.

Es geht um eine zunächst aussichtslos erscheinende Beziehungsstörung zwischen Mutter und Tochter. Hanna versucht, an Elsa heranzukommen und Elsa tut alles, damit ihr das nicht gelingt.

Da muss nicht nur bildlich gesprochen ein Sturm aufziehen, damit beide ihr Schweigen überwinden. „Der Morgen nach dem Regen“ hinterlässt nicht nur in der Natur ein totales Chaos, sondern auch im Kopf von Hanna und Elsa. Hanna entscheidet sich endlich, das Schweigen zu brechen, das ihr Verhältnis so lange belastet hat. Sie tritt als Mutter in Vorleistung, aber erst, als sie schon nicht mehr daran glauben will, kann sie doch noch den Zugang zu ihrer Tochter finden. Dass auch Tante Toni mit ihren Lebensweisheiten und Ratschlägen immer mal wieder auftaucht, ist ein schönes Stilmittel. Es ist, als ob sie ihnen zurufen würde: Wir haben nur ein Leben, nur eine Chance, das Beste daraus zu machen.

Mich hat das Buch aus verschiedenen Gründen angesprochen. Einmal lebe ich als Mittelrheinerin in diesem schönen Tal und freue mich, es als Wohlfühlort und Zufluchtsort beschrieben zu sehen. Aber ich fand auch die Quintessenz des Buches ausgesprochen wichtig. Wenn man gut miteinander leben will, dann ist es auch schon mal nötig, über den eigenen Schatten zu springen, sich seine eigenen Fehler einzugestehen und im ehrlichen Gespräch zu bleiben. Wie beschreibt es Silvia, die Pianistin aus der Nachbarschaft so schön:

„Der richtige Zeitpunkt, etwas aus der Welt zu schaffen, ist immer jetzt“

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Veröffentlicht am 23.10.2024

Mordermittlungen im Emsland

Vor der Stille
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Im Emsland wird eine junge Frau tot aus einem Kanal geborgen. Sie ist ertrunken, allerdings nicht im Kanal, sondern schon vorher in Leitungswasser. Da die eingerichtete Soko allein nicht weiterkommt, werden ...

Im Emsland wird eine junge Frau tot aus einem Kanal geborgen. Sie ist ertrunken, allerdings nicht im Kanal, sondern schon vorher in Leitungswasser. Da die eingerichtete Soko allein nicht weiterkommt, werden der Psychologe Jan de Bruyn und die Ermittlerin Hanna Will hinzugezogen, wobei das nicht jedem bei der Soko zupasskommt.

Lisa Kramer hatte in ihrem kurzen Leben schon einige Schicksalsschläge hinnehmen müssen, nach dem ganz frühen Tod ihrer Eltern, starb auch ihre Großmutter, kurz nachdem Lisa erwachsen war. Ihr wird zwar Mitleid, aber nicht unbedingt Verständnis entgegengebracht und sie scheint eine recht einsame Person gewesen zu sein.

Eine Anstellung in einer Bäckerei hatte sie nicht lange nach der Ausbildung aufgegeben und so forschen die Ermittler nach ihren Geldquellen und wie sie sich überhaupt ihr Leben finanziert hat. Dadurch ergeben sich erste Anhaltspunkte, wenn auch keine Tatverdächtigen.

Es braucht schon stundenlange Sichtung von Unterlagen, viele und auch wiederholte Befragungen, bis sich endlich Motive finden lassen.

Die beiden Sonderermittler haben die Lösung auf jeden Fall vorangebracht, denn die Soko hatte in die richtige Richtung noch gar nicht ermittelt. Und wie so oft, lag die Lösung in einem Vorfall der Vergangenheit. Da brauchte es aber schon eine gute Beobachtungsgabe, um dem Motiv auf die Spur zu kommen.

Zum Schluss waren dann auf einmal gleich mehrere Fälle gelöst, die ursächlich nichts miteinander zu tun hatten und doch über Lisa Kramer miteinander in Verbindung gebracht werden konnten.

Das Buch liest sich gut und flüssig, wenn man einmal angefangen hatte, konnte man schlecht wieder damit aufhören. Natürlich kommt auch das Privatleben der Ermittler nicht zu kurz, hatte man am Anfang noch den Eindruck, die beiden seien nur Freunde, so wird die Beziehung im Laufe der Ermittlungen enger. Ihre Interaktion mit der Soko ist allerdings von Abneigung geprägt, hier bleiben die einzelnen Mitglieder auch eher blass. Lediglich Herr Plagge macht seinem Namen alle Ehre, er ist eine Plage.

Die Lösung des Falles ist nachvollziehbar, war aber tatsächlich schwer zu erkennen, hier war schon eine lange Erfahrung vonnöten.

Schade finde ich, dass für die Buchdeckel eine sehr dünne Pappe verwendet wurde. So sieht das Buch schon nach einem Mal Lesen aus, als ob es durch mindestens 10 Hände gegangen sei. Das hat aber nicht die Autorin zu verantworten.

Der Buchdeckel zeigt eine Moorlandschaft, etwas, das zu Norddeutschland passt, er ist auch farblich gut aufeinander abgestimmt. Der Titel ist im Zusammenhang mit dem Inhalt aber eher nichtssagend.

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