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Veröffentlicht am 02.03.2020

Gekratze an der Oberfläche

Rote Kreuze
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Ich habe so gut wie gar keine Ahnung von russischer Geschichte, wenn man mal vom wohl gängigen Stalin-Wissen absieht und davon, dass es da mal eine Zarenfamilie gab, von der bis in dieses Jahrhundert hinein ...

Ich habe so gut wie gar keine Ahnung von russischer Geschichte, wenn man mal vom wohl gängigen Stalin-Wissen absieht und davon, dass es da mal eine Zarenfamilie gab, von der bis in dieses Jahrhundert hinein ständig irgendeine alte Frau (die auch häufiger mal wechselte) behauptete, die Tochter zu sein. Aber ich mag Bücher, in denen alte Menschen ihre Lebensgeschichten erzählen, und Vorschusslorbeeren gibt es für Bücher dieser Art, in dem alte Menschen aus anderen Ländern und Kulturen ihre Lebensgeschichte erzählen: Rein formal hätte ich „Rote Kreuze“ also lieben müssen, aber hier haperte es für mich ein wenig an der Umsetzung.
Gleich zu Beginn erging es mir wie Alexander, der sich offen fragte, warum seine Nachbarin ihm unvermittelt ihre Biografie zu erzählen begann: ja, warum denn eigentlich? Der Grund blieb bis zuletzt unbekannt und wie auch Alexander ließ ich mich halt einfach darauf ein und ließ Tatjana erzählen, aber dabei hatte ich die ganze Zeit über das Gefühl, dass Tatjana ebensogut mit der Wand hätte sprechen können. Ich hatte an nicht einer einzigen Stelle das Gefühl, dass eine echte Beziehung zwischen diesen beiden Figuren entstand geschweige denn dass sie sich überhaupt mal nur ein wenig annäherten. Schließlich erzählt Alexander auf Nachfrage hin, wieso er mit seinem Baby alleine ist und ja, das ist eine tragische Geschichte, die mir aber auch eher nebenher abgefrühstückt zu werden schien. Das hatte für mich etwas von „der Alex muss zwecks Daseinsberechtigung in diesem Buch halt auch mal was Krasses von sich erzählen, damit er nicht völlig unnütz zwischen den Zeilen rumsteht; toll, wenn da ebenfalls Verlust drin vorkommen sollte!“

Tatjanas Leben fand ich sehr interessant, aber ich muss zugeben, dass es mir in diesem Fall besser gefallen hätte, würde sie nicht am Lebensende von sich erzählt haben, solange sie sich nun noch erinnern konnte, sondern wäre ihre Geschichte hier nun von außen und zwar von Anfang an erzählt worden, und zudem ganz ohne Nachbarn. „Rote Kreuze“ ist ein diogenes-typisch handliches Buch; Tatjana ist alt und in sehr unruhigen Zeiten erwachsen geworden und mir war das häufig zu komprimiert, zu viele Infos auf relativ wenige Seiten gepresst, und klar, dass da keine besondere Tiefe erreicht werden konnte. Das fand ich schade, denn ich hatte mir da deutlich weniger Distanz zur Figur erhofft. So wirkte „Rote Kreuze“ auf mich allerdings doch eher nüchtern bis steif erzählt.
Was bleibt, ist allerdings ein wenig mehr Einblick in die russische Politikgeschichte des 20. Jahrhunderts – auch wenn er doch vergleichsweise oberflächlich bleibt, aber letztlich ist das doch der Aspekt, wegen dem ich „Rote Kreuze“ auch aufs Neue lesen würde, wenn ich es halt noch nicht kennen würde. Als Roman zum wiederholten Lesen sehe ich „Rote Kreuze“ allerdings nicht unbedingt an.



[Ein Rezensionsexemplar war mir, via Vorablesen, unentgeltlich zur Verfügung gestellt worden.]

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Veröffentlicht am 22.02.2020

Vom Glauben, vom totalen Glauben, vom wenig Glauben...

Ein wenig Glaube
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Vor der Lektüre war mir bereits bekannt, dass die Handlung von „Ein wenig Glaube“ lose an tatsächliche Geschehnisse angelehnt ist, wobei ich nicht wusste, an was genau; im Anschluss an den Roman wird darauf ...

Vor der Lektüre war mir bereits bekannt, dass die Handlung von „Ein wenig Glaube“ lose an tatsächliche Geschehnisse angelehnt ist, wobei ich nicht wusste, an was genau; im Anschluss an den Roman wird darauf hingewiesen, welche Begebenheit hier als Inspiration diente und ich fand es, im Nachhinein betrachtet, sehr gut, dass ich zwar von vornherein wusste, dass zumindest „sowas Ähnliches“ wirklich passiert sein musste, ich das aber nicht genauer eingrenzen konnte. Ich denke, hätte ich vor der Lektüre bereits gewusst, was genau in unserer Realität passiert war, hätte mich der Roman deutlich weniger gefangengenommen: So dachte ich nach ungefähr dem ersten Drittel: „Bitte, bitte nicht das!“, als mir sehr, sehr Übles schwante. Nach ungefähr der Hälfte hatte ich einen anderen, nicht minder deprimierenden, Verdacht, auf was „Ein wenig Glaube“ hinauslaufen könnte und diese Spannung passte gut zur Atmosphäre, die „Ein wenig Glaube“ auf mich ausstrahlte. Wer leicht getriggert ist, sollte aber wohl unbedingt zuvor in Erfahrung bringen, welche reale Begebenheit hier zu Grunde liegt, denn unterschwellig suggeriert die Handlung ohne jedwede Pause, dass da alle Schlechtigkeiten hochkochen könnten.

„Ein wenig Glaube“ wirkte auf mich sowohl trostlos als auch bildgewaltig; ich hatte ständig eine eher eintönige, abgelegene Landschaft vor Augen, in der ständig Steppenläufer, häufiger als Autos, die Straßen kreuzten und in der das Leben noch beschaulich war – da schlug dann Shilohs Glaubensgemeinschaft, die sich neuerdings in der nächsten Stadt niedergelassen hatte, nahezu wie eine Bombe ein und mischte zumindest das Leben von Shilohs Adoptiveltern, bei denen sie, zumindest vorläufig, mit ihrem kleinen Sohn Isaac erneut eingezogen war, deutlich auf. Ihre Mutter scheint eher ruhig und fürsorglich, bleibt in der Geschichte aber eher im Hintergrund; die Handlung konzentriert sich sehr stark auf Lyle als Dreh- und Angelpunkt. Lyle hat sich schon vor Langem von seinem christlichen Glauben gelöst; als Atheist würde ich ihn nicht bezeichnen, eher als Agnostiker; was hier zum Konfliktmotiv wird, denn Shiloh hat sich eben zwischenzeitlich dieser obskuren Glaubensgemeinschaft angeschlossen, mit deren Priester Steven sie anbändelt – die Gruppierung ist streng gläubig, streng christlich und der kleine Isaac wird von Steven als „Heilsbringer“ angepriesen, der Leute durch Handauflegen heilen kann und über den gebetet wird. Isaac wird also quasi ein Heiligenstatus angedichtet und während ihm die Teilnahme an den Gottesdiensten immensen Spaß bereitet; immerhin trifft er da regelmäßig auf Gleichaltrige; überfordert ihn sein neuer „Status“ bald und Lyle und Peg sehen besorgt, wie sehr sich Isaac plötzlich verändert und zudem geht es ihm auch körperlich immer schlechter, was von Shiloh und ihrem neuen Partner aber abgetan wird, die überzeugt sind, dass alles gut wird, wenn man nur (für Isaac) betet. Schlimmer noch: Lyle, der sich gemeinsam mit Peg sogar auf Besuche der Gottesdienste, die Steven in einem stillgelegten Kino abhält, eingelassen hat, wird aufgrund seines mangelnden Glaubens plötzlich brüsk von Shiloh verwiesen, da seine Zweifel quasi „Satan einladen“ und Gott nicht wirken lassen. Lyle ist daraufhin der Verzweiflung nah, zumal sein Enkel und er bis dahin immer absolut dicke miteinander gewesen waren; soll er etwa einfach vorgeben, zurück zum Glauben gefunden zu haben? Aber Stevens Gruppierung wirkt so extrem und auch die einst rebellische Shiloh gibt sich plötzlich als bibeltreue, dem Mann unterworfene Dienerin, wobei alles erahnen lässt, dass sie hemmungslos manipuliert wird und sich tatsächlich selbst eher unwohl fühlt… Die Religion fungiert hier quasi als ein Damoklesschwert, als schmaler Grat, über den gewandert wird. Dabei habe ich „Ein wenig Glaube“ nun weder als pro Religion noch als anti Religion empfunden, sondern eher als Plädoyer abzuwägen, was man guten Gewissens tolerieren kann und wo man besser eine Grenze zieht. Aber klar, die Kritik am Auftreten der beschriebenen Glaubensgruppierung ist deutlich, bezieht sich aber vor Allem darauf, dass man professionelle (medizinische) Hilfe von außen ablehnt und da eher ausschließlich auf „die Kraft der Gebete“ zurückgreift.

„Ein wenig Glaube“ ist nicht nervenzerreißend spannend und auch, wenn es letztlich sehr dramatisch wird, ist die Geschichte doch keinesfalls überzogen; insgesamt habe ich den Roman als leises Familiendrama, das in einem deutlichen Höhepunkt mündet, empfunden. Interessant, nachdenklich machend und gut geschrieben wird „Ein wenig Glaube“ wohl zwar dennoch nicht zu einem meiner Allzeitlieblingsbücher werden; dazu hat es mich dann doch etwas zu wenig beeindruckt, aber insgesamt handelt es sich hierbei eben doch auch um Literatur, die ich vermutlich mit den Jahren nicht einfach vergessen werde.



[Ein Rezensionsexemplar war mir, via Vorablesen, unentgeltlich zur Verfügung gestellt worden.]

Veröffentlicht am 21.02.2020

Zunächst einmal: Hallo, Bukarest!

Goodbye, Bukarest
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Zunächst einmal habe ich beschämenderweise sehr lange gebraucht, um zu verstehen, dass die Buchfigur Astrid, die hier auf der Suche nach ihrem unbekannten Onkel Bruno ist, mit der Autorin übereinstimmt ...

Zunächst einmal habe ich beschämenderweise sehr lange gebraucht, um zu verstehen, dass die Buchfigur Astrid, die hier auf der Suche nach ihrem unbekannten Onkel Bruno ist, mit der Autorin übereinstimmt und „Goodbye, Bukarest“ somit eine echte Familiengeschichte widerspiegelt, wobei „Familiengeschichte“ auch ein zu starker Begriff ist, denn in diesem Roman wird letztlich nur die Geschichte Brunos, ab Kriegsende, rekonstruiert. Dabei fand ich die Figur der Astrid hier generell weitgehend obsolet und die „Bruchstücke“, die man aus ihrem eigenen Leben mitbekam, völlig überflüssig. Wird in einem sehr populären Lied gefragt, wer denn nun eigentlich Alice ist, kann hier ebenso gefragt werden, wer überhaupt Lech ist. Man kann es sich zwar denken, dass es sich bei um Astrids Partner handelt, aber nichtsdestoweniger spielt Lech letztlich überhaupt keine Rolle für den Buchinhalt. Die „Buch-Astrid“ ist nur insofern von Nutzen als dass sie zwischendrin mal kurz Menschen aufspürt, die ihr mehr über ihren Onkel erzählen können, und dabei letztlich auch bis dahin unbekannte Verwandte trifft. Aber diese Szenen sind so spärlich gesät und eher als kurze Übergänge zwischen den Passagen zu sehen, dass ich sie tatsächlich als unwesentlich und teils sogar als störend empfand; da dachte ich an mancher Stelle: „Ja, Astrid, ist gut; ich will doch gar nix von dir hören. Erzähl lieber die nächste Geschichte eines weiteren Kameraden deines Onkels!“ Zudem fand ich es irritierend, dass immer wieder erwähnt wurde, wie mühsam und langwierig sich die Suche nach Informationen doch gestaltet hatte, während dann, kawumm!, doch wieder ein ganz detaillierter Augenzeugenbericht folgte und alles letztlich so klang als sei es doch gar kein Problem gewesen, Menschen zu finden, die ihr mehr über Bruno erzählen hatten können.
Dieser Rahmen rund um die Geschichte(n) hat für mich einfach nicht so ganz gepasst.

Hingegen habe ich die „Hauptgeschichte“, in der die Lebensgeschichten von Freunden, die Bruno im Kriegsgefangenenlager gefunden hat, wiedergegeben wurden, durch die sich auch Brunos Verbleib rekonstruieren ließ, sehr gerne gemocht; das war wirklich interessant. Zum Einen gibt es meiner Meinung nach nur wenig Belletristik, die sich rund um die Kriegsgefangenen im 2. Weltkrieg dreht und wenn, kenne ich hauptsächlich Literatur, die die Geschichten von gebrochenen Heimkehrern nach Deutschland erzählt, wohingegen in diesem Fall Bruno offensichtlich überlebt und in Osteuropa verblieben ist, ohne je wieder Kontakt mit seiner Familie aufzunehmen.
Leider wird Brunos eigene Familienproblematik auch in „Goodbye, Bukarest“ nur kurz angeschnitten, seine „Ignoranz“ eher schlecht als recht erklärt und da hier allenfalls seine damaligen Freunde bzw. deren Nachfahren erzählen, wird Bruno demnach also auch eher „aus dritter Hand“ erklärt und klar, das ist dann relativ oberflächlich.
Generell fand ich die Figur des rumänischen Musikers Dinu ohnehin am Faszinierendsten und es hat mir sehr gefallen, dass hier letztlich ein Bogen bis hin zur rumänischen Revolution geschlagen wurde. Ich habe zwar ein gewisses Grundwissen bezüglich Rumäniens und der Ceaușescu-Diktatur gehabt, aber die Lebensgeschichte Dinus machte das alles weitaus greifbarer für mich und diesen Teil fand ich ungemein interessant; vermutlich hätte mir insgesamt auch schon eine Biografie Dinus gereicht, den ich als Figur viel reizvoller als alle anderen erwähnten Personen fand. Da hätte ich gerne auch noch deutlich mehr über seine Zwillingsschwester erfahren und darüber, wie genau sich das Zusammenleben mit Bruno da gestaltet hat. In diesem Teil war Bruno zwar irgendwie da, aber eher als Hintergrundfigur. Am Ende von „Goodbye, Bukarest“ angelangt, habe ich da auch gedacht, dass Astrid zwar viel Spannendes zu hören bekommen hat, der Onkel Bruno aber im Vergleich doch sehr fremd geblieben ist, und zu überlegen begonnen, ob ihr das neuerlangte Wissen in Bezug auf die Historie der eigenen Familie überhaupt eine gewisse Befriedigung hat verschaffen können. Ich hätte an ihrer Stelle vermutlich das Gefühl gehabt, doch auch nur Oberflächlichkeiten über den eigenen Verwandten ans Licht gebracht, aber eine tiefe Verbundenheit zu seinen ehemaligen Kameraden entwickelt, zu haben.

Insgesamt habe ich „Goodbye, Bukarest“ aber wirklich gerne gelesen; die erzählten Lebensgeschichten waren eben sehr interessant und auf gewisse Art und Weise auch jeweils miteinander verbunden, obschon sie doch sehr unterschiedlich waren, und vor allem Leser, die gerne von wahren Menschen lesen, quasi von Otto Normalbürger in (mehr als) schwierigen Zeiten, werden an diesem Buch bestimmt Freude haben!
Mein großer Kritikpunkt liegt halt einfach darin, dass für mich grad in Bezug auf Bruno, der hier eigentlich als roter Faden dient, überhaupt keine besondere Tiefe erreicht wurde und er als Dreh- und Angelpunkt im Grunde genommen knallhart an die Wand gespielt wurde; in Bezug auf ihn hatte ich doch eindeutig mehr erwartet, weswegen ich letztlich in meiner persönlichen Wertung einen Stern abziehe.


[Ein Rezensionsexemplar war mir, via Vorablesen, unentgeltlich zur Verfügung gestellt worden.]

Veröffentlicht am 16.02.2020

Ein echt authentisches Dilemma! :)

Helsin Apelsin und der Spinner
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„Helsin Apelsin und der Spinner“ erzählt von einer hyperaktiven Zweitklässlerin, die in bestimmten Situationen zu extremen Wutausbrüchen neigt, womit sich ihr Umfeld aber recht gut arrangiert hat. Auch ...

„Helsin Apelsin und der Spinner“ erzählt von einer hyperaktiven Zweitklässlerin, die in bestimmten Situationen zu extremen Wutausbrüchen neigt, womit sich ihr Umfeld aber recht gut arrangiert hat. Auch ihre Klasse ist auf den Umgang mit Helsins „Spinnern“, wie sie Helsins Ausfälle bezeichnen, „geschult“ und für ihre Klassenkamerden ist Helsin letztlich eine ganz normale 8Jährige, die in bestimmten Situationen halt mal austickt; insgesamt ist „Helsin Apelsin und der Spinner“ da sehr inklusiv und verständnisvoll. Als allerdings Louis neu zur Klasse stößt und in der Vorstellungsrunde einen gemurmelten Witz über Helsins Vornamen macht, gerät alles ein wenig durcheinander: Helsin kann Louis auf Anhieb nicht ausstehen, womit sie allerdings alleine ist; auch ihr bis dahin bester Freund Tom freundet sich zu ihrem Unbill rasch mit Louis an und Helsin begibt sich quasi rachelüstern in eine Art Schmollwinkel.
„Helsin Apelsin und der Spinner“ erzählt ab hier vornehmlich die Geschichte von Veränderungen, mit denen umgegangen werden muss, von neuen Arrangements, auch von entstehenden Konflikten, die sich in diesem Fall für Helsin, die als absolut zentrale Figur fungiert, auftun und die sie in Gewissensnöte stürzen, aber auch für vor sie schwierige Herausforderungen stellen…

Ich war zwar durchaus optimistisch gestimmt, als ich mit der Lektüre begann, hatte aber zugleich die leichte Befürchtung, dass die Geschichte ins Klamaukige abgleiten könnte, aber dem war absolut nicht so: Letztlich las sich „Helsin Apelsin und der Spinner“ wie ein Kindheitsabenteuer, das sich so oder zumindest so ähnlich tatsächlich zutragen könnte. Da sind viele Themen angesprochen, mit denen Kinder sich häufig auseinandersetzen müssen (Freundschaft, Courage, Hilfsbereitschaft, Vergebung…), und zwar auf eine Art und Weise erzählt, die einfach Spaß macht. Positiv fand ich auch, dass sich Helsins Probleme nicht einfach in Luft auflösen, sondern sie sich aktiv mit ihnen auseinandersetzen muss, was der ganzen Erzählung wiederum eine gewisse Grundspannung verleiht.

Empfohlen wird dieses Buch ab 8 Jahren und generell ist es wohl auch ein tolle Lektüre für das erste richtig flüssige Selberlesen, aber ich sehe die Geschichte durchaus auch schon als für jüngere Kinder geeignet; mein Patenkind wird nun im kommenden Monat sechs Jahre alt und im Sommer eingeschult; ich würde mich nicht scheuen, ihm auch heute schon aus „Helsin Apelsin und der Spinner“ vorzulesen. Zudem würde ich mich freuen, gäbe es gar weitere Helsin-Geschichten – denn Helsin war für mich ein wenig auch wie eine zeitgenösse, weibliche Version von Michel aus Lönneberga. „Helsin Apelsin und der Spinner“ ist da definitiv ein Kinderbuch, das ich sehr gerne weiterempfehle!


[Ein Rezensionsexemplar war mir, via Vorablesen, unentgeltlich zur Verfügung gestellt worden.]

Veröffentlicht am 01.02.2020

Bedrückend.

Rückkehr nach Birkenau
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Vor über 20 Jahren war es mir vergönnt, Fred Schwarz, einen Holocaust-Überlebenden und als solcher Autor der Autobiografie „Züge auf falschem Gleis“ (ebenfalls sehr lesenswert!), kennenlernen zu dürfen, ...

Vor über 20 Jahren war es mir vergönnt, Fred Schwarz, einen Holocaust-Überlebenden und als solcher Autor der Autobiografie „Züge auf falschem Gleis“ (ebenfalls sehr lesenswert!), kennenlernen zu dürfen, wobei diese Begegnung auch heute noch in mir widerhallt, zumal er sehr, sehr offen von seinen Erfahrungen berichtete. Auch Fred Schwarz war letztlich nach Auschwitz-Birkenau gebracht worden und nachdem ich seine Autobiografie nun auch schon kannte und seit unserem Aufeinandertreffen tatsächlich bereits wiederholt gelesen habe, war mir damit ja bereits eine männliche Perspektive vertraut und da war ich nun, auch völlig unabhängig des Gedenktags zur Befreiung Auschwitz‘ , doch neugierig, wie ein weibliches Opfer die damaligen Geschehnisse und Verhältnisse im Lager, eben grad auch in den Baracken, in denen die Frauen untergebracht waren, aus eben seiner Sicht schildern würde.
An „Rückkehr nach Birkenau“ hat mich zunächst der doch eher geringe Umfang verblüfft; als mein eReader mir prompt deutlich unter einer Stunde voraussichtliche Lesezeit anzeigte, überlegte ich schon, ob mein eBook womöglich nur unvollständig sei – ich bin zwar durchaus in Schnellleser, aber die Anzeige erschien mir da zunächst doch seltsam. Sie war allerdings korrekt.
Im Vergleich war „Züge auf falschem Gleis“ da doch ein ziemlicher Schinken gewesen, aber wie gesagt: das Erscheinen jener Autobiografie ist inzwischen knapp über 20 Jahre her; Fred Schwarz dürfte kaum älter und auch kaum jünger als Ginette Kolinka gewesen sein, als er und vermutlich eben auch sie in Birkenau interniert waren; und mir ist aufgefallen, dass Ginette Kolinka an mehreren Stellen erwähnte, dass sie an dieses oder jenes keine Erinnerung mehr habe, während Fred Schwarz in seinem Buch generell sehr detailliert berichtete. Da habe ich dann nun doch überlegt, ob dieser Unterschied in der vergangenen Zeit begründet liegt, ob Frau Kolinka Ende der 90er eben auch noch mehr von damals im Bewusstsein hatte, oder ob sich bei ihr nun generell längst eine Art verdrängender Schutzmechanismus ausgebildet hatte, der sie sich gewisse Traumata nicht weiter ins Gedächtnis rufen ließ.

Im Falle von „Rückkehr nach Birkenau“ fand ich den Aufbau nun allerdings leicht sonderlich; Ginette Kolinkas Bericht ist achronologisch: Zu Beginn des Büchleins befindet sie sich bereits in Gefangenschaft und auf dem Weg ins KZ (auch wenn ihr das erst später bewusst wird), erst später gibt es einen relativ abrupten Zeitsprung zurück zum Zeitpunkt der Verhaftung, der so plötzlich kam, dass ich kurz verdattert war, wieso sie plötzlich so einfach aus dem Lager entlassen worden sein sollte, ehe ich eben realisierte, dass ich grad von der ursprünglichen Verhaftung las und auch die Zeit nach der Befreiung wird eher beiläufig; Vieles erfährt man eher zwischen den Zeilen; erwähnt. Letztlich wird nur auf den Fakt, dass sie sich nach Jahrzehnten bereiterklärt hat, Schüler zur heutigen Gedenkstätte zu begleiten, genauer hingewiesen – da sie diesen ersten Besuch als völlig surreal empfand und sich immer noch mit der gegenwärtigen Situation schwertut, da das Gelände heute so „sauber und still“ sei, dass das so klar nicht das Auschwitz sei, das sie erlebt hatte, und was dereinst völlig isoliert und abgeschottet da lag, grenzte nun an ein Wohngebiet, in dem Kinder fröhlich spielten. Das fand ich einen sehr wichtigen Punkt: Unsere späteren Generationen sind nun häufig völlig erschüttert, wenn wir nur schon die in Gedenkstätten umgewandelten Konzentrations- und Arbeitslager besuchen, die uns das Grauen verdeutlichen sollen, ohne dass sie uns tatsächlich auch nur annähernd das damalige Martyrium der Inhaftierten widerspiegeln können…
„Rückkehr nach Birkenau“ als Haupttitel ist angesichts des Inhalts eher ein wenig verfehlt; tatsächlich konzentriert sich die Geschichte sehr stark auf Ginette Kolinkas Leben in Birkenau, da ist der Untertitel „Wie ich überlebt habe“ weitaus treffender und noch passender wäre wohl nur noch „Dass ich das überlebt habe!“
Natürlich ist dieser persönliche Erfahrungsbericht zutiefst erschütternd, wer würde angesichts der Thematik auch Anderes erwartet haben? Generell fand ich diese weibliche Perspektive nun auch eine hervorragende Ergänzung zur männlichen Perspektive, die Fred Schwarz mir bereits geboten hatte; bestimmt werde ich auch „Rückkehr nach Birkenau“, wider das Vergessen, noch ein ums andere Mal lesen und ich gebe ehrlich zu: So manches Mal war ich auch froh, wenn Ginette Kolinka einräumte, sie könne sich an bestimmte Begebenheiten nicht weiter erinnern, wenn eine solche Schilderung ganz bestimmt alles Andere als erleichternd gewesen wäre.
Letztlich ziehe ich einen Stern in der Gesamtwertung ab, da mich zwischendrin eben der zeitliche Ablauf doch kurz sehr irritiert hat, würde diese Lektüre aber definitiv dennoch jedem dringend ans Herz legen!



[{Ein Rezensionsexemplar war mir, via #NetGalleyDE, unentgeltlich zur Verfügung gestellt worden.]