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Veröffentlicht am 08.12.2021

Zuckersüß und herzerwärmend

Mr. Parnassus' Heim für magisch Begabte
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Getrennt und abgeschirmt vor der uns bekannten Welt, auf einer Insel in einem himmelblauen Meer, steht ein Haus. Es ist ein Haus für elternlose Kinder, doch keinesfall eines für jene, wie wir sie kennen ...

Getrennt und abgeschirmt vor der uns bekannten Welt, auf einer Insel in einem himmelblauen Meer, steht ein Haus. Es ist ein Haus für elternlose Kinder, doch keinesfall eines für jene, wie wir sie kennen - obwohl diese Kinder auch hier klein und äußerst frech sind. Denn es handelt sich um ein Heim für Kinder mit ganz besonderen, magischen Fähigkeiten. Von der Regierung in völlige Abgeschiedenheit von der Außenwelt abgeschoben, leben hier sechs einzigartige Kinder und ihr Aufseher Artur Parnassus unter einem Dach. Die Kinder sind der Regierung ein Dorn im Auge, vor allem einer von ihnen: Lucy - der Sohn des Teufels!
Eine echte Herausforderung kommt also auf den Jugendamtmitarbeiter Linus Baker zu, der diesen Ort mal etwas genauer unter die Lupe nehmen und dabei überprüfen soll, ob der Aufseher das Teufelskind im Griff hat - denn es wäre fatal, wenn nicht! Ausgerechnet Linus, ein stiller Mann in den vierzigern, der sich nur zu gern hinter Regelwerken und Bequemlichkeiten versteckt und einem strikt getakteten Arbeitsalltag nachgeht. Ausgerechnet dieser unscheinbare Mann soll sein wohlgeordnetes Leben verlassen und findet dabei ganz unverhofft im Chaos das große Glück.

Klingt ziemlich kitschig, ist es auch mitunter. Auch die Handlung ist mehr oder weniger vorhersehbar, aber gerade dadurch ist es für mich zu einem einzigartigen Herzensbuch geworden, das auf ganz seichte Art große Themen wie Vielfalt, Toleranz und Loyalität abbildet und zeigt, wie lohnend es sein kann, eigene Prinzipien zu hinterfragen und sich auf Unbekanntes einzustellen. Die Charaktere gehen stark ans Herz, der Humor ist pointiert wirklich sehr wunderbar im Buch zerstreut, der Schreibstil lockerflockig und dabei mit einigen klugen Weisheiten durchsetzt. Klune hat ein tolles, vor allem emotionales Wohlfühlbuch geschrieben, das sich in rasantem Tempo in mein Herz geschlichen hat und das sich sowohl für jung und alt eignet. Totale Leseempfehlung aus der Kategorie zuckersüß und herzerwärmend.

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Veröffentlicht am 30.11.2021

Wo lauert der Wolf

Wo der Wolf lauert
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Lilach lebt in gutsituierten Verhältnissen am vermeintlich sichersten Ort Amerikas - dem Silicon Valley. Übergesiedelt aus ihrer Heimat Israel und auf der Suche nach einem friedvollen, beständigen Leben ...

Lilach lebt in gutsituierten Verhältnissen am vermeintlich sichersten Ort Amerikas - dem Silicon Valley. Übergesiedelt aus ihrer Heimat Israel und auf der Suche nach einem friedvollen, beständigen Leben für sich, Mann Michael und Sohn Adam leben sie seit 16 Jahren in weiter Entfernung vom Nahostkonflikt. Und scheinbar fern von Antisemitismus - bis auf die nahe Synagoge ein Anschlag verübt wird und ein Mädchen stirbt.
Unter einigen Jugendlichen der örtlichen Schule etabliert sich eine Kampfsportgruppe unter der Leitung eines israelischen Ex-Soldaten, welcher sich auch Adam anschließt. Unterdessen bemerkt Lilach bei ihrem Sohn eine starke Wesensveränderung: als einstiger Aussenseiter gehört Adam nun einer Peer Group an, die sich mit Selbstverteidigung beschäftigt und ihren charismatischen Anführer besorgniserregend stark anhimmelt. Als auf einer Party ein Junge plötzlich tot umkippt, bröckelt Lilachs Schutzwall, den sie um sich und ihre Familie hochgezogen hat, endgültig. Denn Adam gerät unter Mordverdacht - und in die direkte Schusslinie von Freunden des Toten, der in seinem Zimmer ein Poster der Nation of Islam hängen hat.

Wo lauert der Wolf? In den Kreisen der Anderen oder vielleicht doch im eigenen Haus, von dem Lilach sich so viel Sicherheit versprochen hat? Wie gut kennen wir unsere Kinder wirklich, und würden wir unsere Hände tatsächlich blind für sie ins Feuer legen?

Lilach ist Erzählerin und überforderte Mutter, deren Sohn sich zunehmend von ihr abkapselt. Psychologisch liegt dem Buch ein interessantes Grundgerüst zugrunde, aber der Plot hat doch einige Längen. Die Beweissuche nach dem Täter ist zwar mitunter zentraler Kern der Handlung, doch ein spannender Krimi ist der Roman nicht. Leichte Spannungsbögen ergeben sich hier aber aus gesellschaftlichen und psychologisch raffinierten Manipulationen - sie konnten mich aber nicht gänzlich überzeugen. Das Ende war zwar (aus positiver Sicht) unerwartet, aber etwas holprig und wurde zu schnell abgespeist. Ich fands das Buch keinesfalls schlecht, aber größere Begeisterungsstürme fallen leider aus.

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Veröffentlicht am 21.11.2021

Vielversprechender Auftakt

Crossroads
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"Crossroads" beginnt im Dezember des Jahres 1971 im suburbanen Chicago. Der Einfluss des Vietnamkrieges treibt große Teile der amerikanischen Jugend in die Drogensucht, lässt aber auch eine enorme Anzahl ...

"Crossroads" beginnt im Dezember des Jahres 1971 im suburbanen Chicago. Der Einfluss des Vietnamkrieges treibt große Teile der amerikanischen Jugend in die Drogensucht, lässt aber auch eine enorme Anzahl in der Religion Zuflucht finden. Franzen siedelt sein neuestes Werk im Umfeld der First Reformed Church an und führt uns durch die Augen einer vielköpfigen Pfarrersfamilie blickend, mitten hinein in eine protestantische Jugendgruppe mit dem Namen "Crossroads".

Familienvater Russ ist Pastor sowie Gründer jener Jugendgruppe, einige seiner Kinder aktive Mitglieder - Spannungen innerhalb der Familie sind also unumgänglich. Doch auch Modernisierungsgedanken der jungen amerikanischen Gesellschaft wirken ins Gemeindeleben hinein und schlagen zunehmend Wellen im Kirchenkreis.

Franzen lässt seine Figuren allesamt auf dem schmalen Grat zwischen theologischen Lehren und gesellschaftlichem Abbild der Zeit hin- und herwandeln, durchzieht seinen Trilogieauftakt mit gesellschaftlichen Themenkomplexen, die das Buch krass gut aufpeppen - ein bisschen Sex, Love & Rock'n'Roll in Kirchenkreisen quasi.
Erzählt wird aus der Perspektive einer (fast) ganzen Familie; Eltern und Kinder kommen immer abwechselnd zur Sprache, werden auf mehr als 800 Seiten wirklich tiefgründig und realistisch ausgearbeitet - wenngleich nicht immer unbedingt sympathisch. Jedes Mitglied dieser komplett dysfunktionalen und immer stärker auseinanderbrechenden Familie durchlebt im Roman seine Identitätskrise, alle Mitglieder kämpfen zuweilen mit der Loslösung vom Glauben und dem Festhalten an dem, was Glaube zu geben vermag. Jugendliches Ausprobieren und das Ausreizen der gesetzten Normen - Franzen lockert das eingefangene Zeitgefühl geschickt mit hier einer Fehde, da einer Krise auf, gibt einen interessanten Einblick in die Kirchenarbeit mit Jugendlichen, führt aber am Rande auch Themen wie die Misere der Kriegslotterie auf und zeigt die Sorgen und Nöte der amerikanischen Jugend zu einer unsteten Zeit. Ein ungeheuerlich breiter Themenkomplex wird also abgedeckt, und während jedes Familienmitglied sein eigenes Dilemma durchlebt und mit moralischen Idealen inmitten sündhafter Lebensstile kämpft, werden die Lebensentwürfe des Einen durch die des Anderen durchkreuzt.
 
Ich glaube, ein 800-Seiten starkes Buch kann nie durchgehend gleich stark fesseln; unterhalten hat es mich jedoch durch und durch positiv. Aber obgleich des sehr gut ausgearbeiteten und in sich wunderbar stimmigen Plots lief die Story für meinen Geschmack doch ein Mü zu ereignislos daher.

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Veröffentlicht am 31.10.2021

Langsam lesen und genießen!

Phon
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Nadja und Lew sind die letzten verbleibenden Bewohner eines abgelegenen westrussischen Dorfes, dessen Einwohnerzahl seit über einem Jahrzehnt offiziell 0 beträgt. Die Beiden leben überwiegend autark, nur ...

Nadja und Lew sind die letzten verbleibenden Bewohner eines abgelegenen westrussischen Dorfes, dessen Einwohnerzahl seit über einem Jahrzehnt offiziell 0 beträgt. Die Beiden leben überwiegend autark, nur selten kommt noch ihr Sohn mit einigen Lebensmitteln vorbei. Nadja kümmert sich um Haus und Hof, füttert die Tiere und umsorgt ihren viel älteren Ehemann, der einst ihr Dozent war. Auf der anderen Seite des Dorfes, fast schon mitten im Wald gelegen, stehen die Ruinen ihres früheren gemeinsamen Traumes. Ein zoologisches Forschungslabor, das Stadtkindern die örtliche Fauna erlebbar machen sollte, jedoch aufgrund einer Tragödie vor langer Zeit schließen musste. Nun lauscht Nadja Nacht für Nacht in den Wald, wartet auf das Rattern eines fernen Zuges, welcher hin und wieder vorbeirauscht. Dem geheimnisvollen Lokführer gilt Nadjas Sehnsucht, verbindet doch beide irgendwie eine Form der Verbundenheit, die ihrer beiden Einsamkeiten umfasst - er im hellerleuchtetem Zug, sie im dunklen Wald.
Noch dazu treten neuerdings seltsame Geräusche am Himmel auf - ein Mysterium, das sich jeder Erklärung entzieht. Wie trompetende Wolken ziehen die Geräusche über den Himmel, scharren und knirschen, als ob Gott Möbel verrücke. Ein bedrohlicher Missklang, der sich wie ein Schatten über das Leben der beiden einsamen Dörfler legt, und zudem auch längst verdrängte Erlebnisse wieder zu Tage bringt.

"Phon" ist das Hintergrundrauschen des Lebens, anhand dessen Marente de Moor von einer tragischen, gut verschwiegenen Vergangenheit erzählt. Nadja, die eine tiefe Liebe zum Land mit der nationalen Personifikation Mütterchen Russland verbindet, lebt entfremdet von ihrem Mann in Einsamkeit und Abgeschiedenheit. Der Westen gilt hier immer noch als fremdes Feindbild, doch mit der Forschungsstation werden nach und nach auch Europäer angezogen, die von Nadja "Europastandardschicki" genannt werden. Das Buch erzählt rückwärtsgewandt von einem Unfall, welcher Nadjas Leben einst aus den wohlgelenkten Bahnen schob, vermischt clever die Gegenwart mit der Vergangenheit und spinnt ein interessantes Gedankenkonstrukt, das dem Buch eine angenehm-leichte Spannung verleiht.

Marente de Moor erzählt in wunderschöner, langsamer Sprache von einem idealistischen Paar in der Wildnis Russlands, den Widrigkeiten eines einsamen Lebens in Abgeschiedenheit, dem folkloristischen Glaubensschatz und der Schönheit der russischen Natur. Und sie schreibt vom Vergänglichen, der Hoffnung und den Anstrengungen des Verzeihens. Atmosphärisch aus dem Niederländischen übersetzt von Bettina Bach ist "Phon" kein Buch zum schnellen Lesen, wohl aber zum Genießen der sehr zartgesponnenen Sprache.

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Veröffentlicht am 24.10.2021

Schwammig

Power
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Power ist verschwunden, der Hund der alten Hitschke. Niemanden scheint es wirklich zu kümmern im Dorf, außer dem äußerst ungewöhnlichem Mädchen mit dem sich selbst gegebenen Namen Kerze. Kerze ist überzeugt, ...

Power ist verschwunden, der Hund der alten Hitschke. Niemanden scheint es wirklich zu kümmern im Dorf, außer dem äußerst ungewöhnlichem Mädchen mit dem sich selbst gegebenen Namen Kerze. Kerze ist überzeugt, Power zu seiner Besitzerin zurückzubringen, koste es was es wolle. Sie verspricht es, und Kerzes hält ihre Versprechen. Immer.
Also überlegt sie sich einen Plan, beginnt akribrisch, Schritt für Schritt ihr neues Projekt in ihrem Schulblock festzuhalten. Und dann übt sie zu bellen, sich wie ein Hund fortzubewegen, lernt wie ein Hund zu denken - und beginnt schließlich, sich ihr eigenes Rudel aufzubauen. Schnell wird Kerze zum Alphatier eines Rudels aus Menschenkindern, eine radikale Anführerin, welche die Kinder des Dorfes in den Wald führt, denn dort wird Powers Verbleiben vermutet. Kerze ist zwar nicht gerade das, was man sympathisch nennen würde, doch in rasantem Tempo werden alle Dorfkinder durch ihr charismatisches Wesen angezogen und das Rudel wächst, wächst, wächst - bis bald alle minderjährigen Dorfbewohner im Wald verschwunden sind. Während die Eltern verzweifeln und sich doch niemand von ihnen in den Wald hinein traut, merkt die Hitschke, dass es vielleicht längst nicht mehr nur darum geht, den Hund zu finden. Und das zuerst scheinbar harmlose Rollenspiel unter Kindern artet langsam, aber besorgniserregend, aus den Fugen.

Die Geschichte um die Suche nach Power ist ein Radikalisierungsprozess unter Kindern, der einerseits einen starken Sog auf mich hatte, stellenweise aber wirklich beinahe krank war. Kerze bricht die Kinder, die unter ihrer Aufsicht regelrecht verwildern und verwahrlosen, sich gegenseitig am Anus schnüffeln (wie die Hunde), und denen bei falschem Verhalten rigorose Strafen durch Kerze drohen (beliebt ist insbesondere das Essen von Tannenzapfen). Irgendwie hats mich total interessiert, sowas absurdes zu lesen - der Klappentext hat mich echt angesprochen und ich finde die Grundidee nach wie vor sehr spannend, aber ich kann leider nichts daraus mitnehmen. Ist es vielleicht eine Gesellschaftskritik, die mir nur etwas zu schwammig dahergeschrieben ist? Ich weiß es nicht, irgendwie bin ich mit dem Buch nicht richtig warm geworden, obwohl mich die Geschichte um Kerze und ihr Rudel phasenweise auch fasziniert hat. Ich bin etwas zwiegespalten, doch warum das Buch 2020 zum Preis der Leipziger Buchmesse nominiert war, kann ich leider nicht wirklich nachvollziehen.

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