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Veröffentlicht am 22.07.2022

Geschichten, Bilder, Stimmen

Singe ich, tanzen die Berge
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In ihrem Roman “Singe ich, tanzen die Berge” beschwört Irene Solà die Landschaft und das Leben in den Pyrenäen herauf. Zu Beginn des Romans wird ein Mann von einem Blitz getroffen, Hexen erscheinen, eine ...

In ihrem Roman “Singe ich, tanzen die Berge” beschwört Irene Solà die Landschaft und das Leben in den Pyrenäen herauf. Zu Beginn des Romans wird ein Mann von einem Blitz getroffen, Hexen erscheinen, eine Mutter verliert ihren Sohn durch einen Jagdunfall, ein Reh kann seinen Jägern entkommen… Solà lässt einen Chorus von Stimmen ertönen, die sich nebeneinander entfalten, sich miteinander verknüpfen und ein Geflecht an Eindrücken und Bildern ergeben, das zu fesseln vermag, aber gleichzeitig auch herausfordert.

Der erzählten Welt des Romans haftet von Beginn an etwas Mythisches und Archaisches an. Sie lebt von Geschichten, von Wesen wie Wasserfrauen, Geistern und Waldkobolden. Aber auch von Krieg, Verlust und Entbehrungen. Es ist eine Welt, die durch das Leben wie auch durch den Tod geprägt ist.

Dem Roman liegt ein Verständnis von Literatur zugrunde, das über Handlungs- und Spannungsbögen hinausgeht. Es ist die Polyphonie, die diesen Roman ausmacht. Menschen, Tiere, Naturphänomene und die Berge sind in der Wiedergabe ihrer Wahrnehmung gleichberechtigt. Es kommt zu einem Bruch mit dem Monoperspektivischen und auch - das ist meiner Meinung nach besonders hervorzuheben - mit dem Anthropozentrismus. Im Erzählten wird alles eingeschlossen, was die Berge und das Leben in ihnen ausmacht.

“Singe ich, tanzen die Berge” ist ein Buch, das man langsam lesen muss, das man wahrscheinlich noch mal wird lesen müssen, weil es so vielschichtig ist, sich in unterschiedliche Richtungen ausdehnt und weil eine Lektüre nicht ausreicht, wenn man das Erzählte wirklich verinnerlichen möchte. Der Roman ist anders, ist gewagt und widerstrebt jeglicher Einordnung. Deshalb lege ich ihn allen von euch ans Herz, die sich gerne auf Außergewöhnliches einlassen.

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Veröffentlicht am 22.07.2022

Hommage an das Marionettentheater

Herzfaden
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Ein Mädchen besucht seinen Vater am Wochenende in Augsburg. Bei einem Besuch in der Augsburger Puppenkiste entdeckt sie eine Tür und findet sich plötzlich in einem Raum mit lauter Marionetten wieder, die ...

Ein Mädchen besucht seinen Vater am Wochenende in Augsburg. Bei einem Besuch in der Augsburger Puppenkiste entdeckt sie eine Tür und findet sich plötzlich in einem Raum mit lauter Marionetten wieder, die zum Leben erwachen. Als inmitten der Puppen auch noch Hatü, oder Hannelore, die Tochter des Begründers Walter Oehmichen auftaucht, vermischen sich Zeit und Raum. Gegenwart und Vergangenheit treffen aufeinander, werden lebendig und zusammen mit dem kleinen Mädchen wird der Leser in die Zeit der Gründung des bekanntesten deutschen Marionettentheaters entführt.

Die Augsburger Puppenkiste wird während des Zweiten Weltkriegs ins Leben gerufen, inmitten von Zensur, Luftangriffen, Tod und Grauen. Die Familie Oehmichen glaubt an die Bedeutung der Kultur und des Theaters, ist regelrecht beseelt von ihr, spielt erst im eigenen Wohnzimmer und lässt sich auch durch den Verlust und die Zerstörung von Material und Spielstätte nicht unterkriegen oder aufhalten.

Thomas Hettche hat mit “Herzfaden” ein Stück deutscher Theater- und Kulturgeschichte zum Leben erweckt. Der Roman ist eine Hommage an die Kunst des Puppenspielens, eine Hommage auch an all jene Menschen, die gegen widrige Umstände kämpfen, um Kultur zu ermöglichen und um die Vielfalt der Kultur zu bewahren. Der Roman geht zurück bis an die Anfänge und ermöglicht so einen Blick in die Geschichte des Erfolgstheaters, das die meisten Leser wohl hauptsächlich mit den Fernsehausstrahlungen in Verbindung bringen.

Der Roman ist ein großes Vergnügen, ist lehrreich und unterhaltend zugleich. Er entwickelt einen Sog, dem man sich kaum entziehen kann.
Erschienen ist das Buch nun bei btb im Taschenbuchformat und all diejenigen Leser, die es noch nicht im Regal stehen haben, sollten endlich dazu greifen. Es lohnt sich!

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Veröffentlicht am 22.07.2022

Von Missgeschicken, Ausrutschern und dem ganz normalen Familienalltag

Meine kleine Welt
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Mit “Meine kleine Welt” sind Kolumnen von Ewald Arenz bei Ars Vivendi erschienen, die zwischen 2007 und 2009 in den Nürnberger Nachrichten veröffentlicht wurden.

Arenz schildert in ihnen auf geistreiche ...

Mit “Meine kleine Welt” sind Kolumnen von Ewald Arenz bei Ars Vivendi erschienen, die zwischen 2007 und 2009 in den Nürnberger Nachrichten veröffentlicht wurden.

Arenz schildert in ihnen auf geistreiche und humorvolle Weise den Familienalltag seines Alter Egos Heinrich. Dieser muss mal vor der Haustür übernachten, weil Otto, das jüngste Kind, ihn lieber aussperrt, um fernsehen zu können. Oder er muss tatenlos mitansehen, wie die Kinder mit ihrem Verhalten die restlichen Kinobesucher verscheuchen. Schließlich wird auch die geplante Türkeireise zur Katastrophe, als der kleine Otto am Flughafen laut fragt, warum sie denn Terroristen seien, nachdem die Mutter die Kinder mehrmals als solche bezeichnet hatte.

Die Kolumnen sind unterhaltsam, pointiert und eignen sich hervorragend für zwischendurch, wenn man gerade Lust auf einen kurzen leichten Text hat. Selbstverständlich können sie nicht mit “Der große Sommer” und mit “Alte Sorten” mithalten, wie in zahlreichen Kritiken häufig erwähnt wurde, aber das müssen sie auch gar nicht. Sie sind kein Roman, erzählen keine Geschichte, die sich über mehrere hundert Seiten hinweg entfaltet. Sie machen auf ihre ganz eigene Art und Weise Freude. Und auch wenn sie kein Must-Read sind, so können sie in bestimmten Momenten die ideale Lektüre sein.

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Veröffentlicht am 22.07.2022

Ein Roman voller Magie und Fantasie

Sternwanderer
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In einem Dorf namens Wall, das auf der Grenze zwischen menschlicher und magischer Welt liegt, wächst Tristran auf. Als Jugendlicher verliebt er sich unsterblich in Victoria und verspricht ihr, als Beweis ...

In einem Dorf namens Wall, das auf der Grenze zwischen menschlicher und magischer Welt liegt, wächst Tristran auf. Als Jugendlicher verliebt er sich unsterblich in Victoria und verspricht ihr, als Beweis seiner Liebe einen vom Himmel gefallenen Stern zu finden und ihn ihr zu bringen. Er begibt sich dafür auf den Weg in die Welt der Feen, Hexen und der magischen Wesen. Doch was er zu Beginn seiner Reise noch nicht weiß, ist, dass er nicht der einzige ist, der des Sterns habhaft werden will.

Neil Gaiman schreibt Märchen für die Gegenwart und erschafft scheinbar mühelos fantastische Welten, die den Leser einzunehmen wissen. “Das Graveyard Buch” war mein erster Roman von ihm und ich habe ihn ebenso gerne gelesen, wie nun den “Sternwanderer”. Beide Romane waren voller Magie und Fantasie, aber auch voller Menschlichkeit und Wärme.

“Sternwanderer” ist ein Roman für alle, die sich mal wieder in einer Märchenwelt verlieren wollen, die magischen Wesen begegnen wollen und die mit einem jungen, verträumten und arglosen Protagonisten mitfiebern wollen, auf den das Abenteuer seines Lebens wartet.

Ein Roman zum Schmökern also, der sogar Märchenmuffel überzeugen wird.

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Veröffentlicht am 22.07.2022

Ein italienischer Familienepos

Terra di Sicilia. Die Rückkehr des Patriarchen
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In “Terra di Sicilia” erzählt Mario Giordano die Lebensgeschichte seines Urgroßvaters Barnaba Carbonaro, der Ende des 19. Jahrhunderts in ärmlichen Verhältnissen auf Sizilien aufwächst. Sein Vater stirbt ...

In “Terra di Sicilia” erzählt Mario Giordano die Lebensgeschichte seines Urgroßvaters Barnaba Carbonaro, der Ende des 19. Jahrhunderts in ärmlichen Verhältnissen auf Sizilien aufwächst. Sein Vater stirbt früh und Barnaba muss fortan für sich und seine Mutter sorgen. Er arbeitet auf Zitrusplantagen, erregt den Zorn von einflussreichen Männern, muss fliehen, macht sich wiederum andere zu Freunden, verliebt sich und verliert dabei nie sein Ziel aus den Augen: eines Tages selbst ein Geschäftsmann zu werden. Und es gelingt ihm, denn Barnaba kann rechnen. Zahlen nehmen für ihn die Gestalt von Farben an, das Rechnen ist sein großes Talent. Es ist dieses Talent, das ihm schließlich einen Weg bis nach Deutschland ebnet.

“Terra di Sicilia” besticht zunächst durch seine schöne Aufmachung und durch seinen italienischen Titel. Doch die Struktur der Geschichte entpuppt sich schnell als etwas konstruiert und das Buch kommt fast wie ein Hollywood-Film daher, der nach großen Bilder strebt und sich immer wieder um Spannung bemüht. Manchmal überschreitet der Autor dabei die Grenze zum Kitschigen. Auch manche Vergleiche scheinen übertrieben: “Bis Maris gefasst, aber so zornig wieder herauskommt, dass draußen der Schnee taut”.

Der Roman hat somit Schwächen. Doch er hat durchaus auch starke Seiten. Erwähnt werden muss zum Beispiel die Atmosphäre Siziliens um die Jahrhundertwende, die Giordano gekonnt heraufbeschwört. Auch die vielen Details zum Zitrus-Anbau fügen sich nahtlos in die Handlung ein und sind überaus lesenswert.

Empfohlen werden kann der Roman mit Abzügen. Wenn einen als Leser manche Details nicht stören, wenn man mehr über das Leben in Sizilien um 1900 lernen möchte und dabei Konstruktion- und Stilfehler überlesen kann, dann hat dieser Roman das Potential, Freude zu bereiten.

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