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Veröffentlicht am 20.07.2025

Zwingend notwendig

Die Probe
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In einer Zeit, in der Geschichten oft laut und grell um Aufmerksamkeit buhlen, gelingt Katie Kitamura mit Die Probe ein stilles Meisterwerk – beinahe unmerklich entfaltet sich ein psychologisches Drama, ...

In einer Zeit, in der Geschichten oft laut und grell um Aufmerksamkeit buhlen, gelingt Katie Kitamura mit Die Probe ein stilles Meisterwerk – beinahe unmerklich entfaltet sich ein psychologisches Drama, das so intensiv ist wie ein verschluckter Schrei.
Der Roman erzählt die Geschichte einer Dolmetscherin, die in einem unbenannten Land mit der Aufgabe betraut wird, die Leiche ihres kürzlich verstorbenen, entfremdeten Ehemannes zu identifizieren. Was sich wie die Prämisse eines Kriminalromans liest, ist in Wahrheit ein subtile, tief analytische Erkundung von Identität, Rolle und Wahrnehmung. Kitamura fragt nicht direkt: "Wer bist du?", sondern vielmehr: "Was sehen die anderen in dir – und was davon lässt du zu?"
Was Kitamura hier gelingt, ist bemerkenswert: Sie verwandelt Schweigen in Handlung. Die Leerstelle – jenes oft überlesene Element der Literatur – wird in Die Probe zum Zentrum des Geschehens. Zwischen den Figuren entsteht eine Spannung, die nicht durch Konfrontation, sondern durch das ständige Vermeiden, Andeuten, Umschiffen erzeugt wird. Jeder Dialog ist ein Schattenriss, jede Begegnung ein Spiegel, der mehr verbirgt als zeigt.
Die Ich-Erzählerin bleibt bis zuletzt schwer greifbar – sie ist Projektionsfläche, Vermittlerin, zugleich beteiligt und entzogen. Ihre Rolle ist flüchtig, wie der Geruch eines Raumes nach einem längst vergangenen Streit. Gerade darin liegt Kitamuras große Kunst: Sie erzählt nicht, sie tastet. Der Roman liest sich wie ein literarischer Ultraschall – was sichtbar wird, ist nicht offensichtlich, sondern schwebt unter der Oberfläche.
In einer Szene, scheinbar banal, spricht die Erzählerin mit einem Arzt über die Umstände des Todes. Was folgt, ist kein informativer Austausch, sondern ein unaufhörliches Kreisen um das Nichtgesagte. Die Wahrheit bleibt vage, doch ihr Echo zieht sich durch jede Zeile. So wird die Handlung selbst zur "Probe" – ein Test für die Grenzen der Selbstwahrnehmung und ein Prüfstein der Intimität.
Katie Kitamura hat mit Die Probe einen Roman geschaffen, der leise ist, aber lange nachhallt. Er fordert unsere Aufmerksamkeit, zwingt uns zur gedanklichen Mitbewegung, ohne uns klare Antworten zu liefern. Genau das macht ihn so verstörend – und so notwendig.

Würde ich jemdem empfehlen.

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Veröffentlicht am 19.07.2025

Gehört in jede Tasche

Ja, nein, vielleicht
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🌿 Rezension: Ja, nein, vielleicht
Doris Knecht erzählt in ihrem Roman mit feinem, ironischen Unterton von einer Frau um die Fünfzig – eine frühberufene Schriftstellerin, geschieden, mit erwachsenen Zwillingskindern, ...

🌿 Rezension: Ja, nein, vielleicht
Doris Knecht erzählt in ihrem Roman mit feinem, ironischen Unterton von einer Frau um die Fünfzig – eine frühberufene Schriftstellerin, geschieden, mit erwachsenen Zwillingskindern, die zwischen Stadtwohnung und einem idyllischen Häuschen auf dem Land pendelt. Ein scheinbar ruhiges Leben – bis zwei unerwartete Ereignisse ihr Gleichgewicht ins Wanken bringen: ein schmerzender Backenzahn und die spontane Rückkehr ihrer Schwester in die Stadtwohnung.

Beides, das gesundheitliche Wehwehchen und die familiäre Klemme, fungiert bei Knecht als zarte Seismographen der Midlife-Crisis: Kleine Risse, die eine Reflexion über Altern, Vergänglichkeit und Gemeinschaft auslösen. Die Protagonistin fragt sich, ob ihr gut eingespieltes Leben stark genug ist, um eine neue Liebe hereinzulassen – als sie im Supermarkt auf Friedrich trifft, einen Jugendfreund, den sie einst liebte, stellt sie sich die Frage: „Bin ich bereit, mein inneres Gleichgewicht gegen die Unsicherheit einer neuen Beziehung einzutauschen?“
💬 Stil & Ton
Knechts Erzählweise ist lebensklug und entspannt: Sie schreibt aus der Ich-Perspektive, direkt, mit einem liebevollen Augenzwinkern gegenüber ihrer Heldin. Der Ton wechselt mühelos zwischen lakonischem Humor, ehrlicher Verletzlichkeit und tiefgehender Reflexion – ganz so, als würde man einer klugen Freundin beim Nachdenken zuhören .
⚖️ Themen & Figuren
• Selbstbestimmung vs. Verbundenheit
Die Ich-Erzählerin befindet sich in einem Balanceakt zwischen Selbstgenuss (Landleben, Hund, Freiräume) und Familie: der wiederkehrenden Schwester und der urplötzlichen Frage nach einer neuen Liebe .

Die Beziehung zu insgesamt vier Schwestern entwickelt sich zum überraschenden emotionalen Motor der Geschichte. Die Autorin schafft es, familiäre Reibungsnerven so humorvoll wie erkenntnisreich auszuloten .

✨ Fazit
Ein Buch, das gängige Erzählmuster über Frauen in der Lebensmitte entschärft: Statt in die Krise oder Einsamkeit zu kippen, eröffnet sich spielerisch ein Panorama der Freiheit, in dem man riskiert, Altes loszulassen, um Neues zu entdecken. Kein Drama, kein Kitsch – sondern eine warmherzige, kluge Abrechnung mit dem, was wir für unabänderlich halten.

Ich würde es jedem weiterempfehlen.

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