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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 10.04.2026

Feelgood-Fantasy deluxe

The House Witch 1
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Finlay Ashowan wird Koch am Hof des Königs und gerät damit geradewegs in ein Panoptikum aus exzentrischen Figuren, intriganten Plänen und politischen Pulverfässern - doch mit seinen Speisen und seinen ...

Finlay Ashowan wird Koch am Hof des Königs und gerät damit geradewegs in ein Panoptikum aus exzentrischen Figuren, intriganten Plänen und politischen Pulverfässern - doch mit seinen Speisen und seinen magischen Fähigkeiten als männliche Haushexe gewinnt er sowohl an Einfluss als auch schnell neue Freunde, darunter eine Katze namens Kraken und die junge Annika, der er bald näher kommt als erwartet. Und um die Ecke lauern jede Menge aufregende Abenteuer …

"The House Witch", der erste Band einer neuen Fantasyreihe von Delemhach (die im wirklichen Leben Emilie Nikita heißt und zuerst auf diversen literarischen Internetplattformen zum Geheimtipp avancierte), zelebriert nahezu mustergültige Cozy Fantasy als Wohlfühlnahrung für alltagsgestresste Leseratten. Der Cozy-Trend selbst ist nach Bestsellerlieferanten wie Sarah Beth Durst, T.J. Klone und natürlich Travis Baldrees "Legends & Lattes"-Reihe zwar schon längst kein Geheimtipp mehr, gewinnt aber zu Recht laufend neue Fans hinzu, und vor allem für diese dürfte sich Delemhachs fantasievolle Schloss-Saga lohnen. All die Zutaten, die das Genre so rasant haben wachsen lassen, sind auch hier dabei: liebevoll charakterisierte Figuren von niedlich bis bedrohlich, ein kuschliges Setting in einer urwüchsigen Schlossküche, ein Hauch von Magie, jede Menge üppige Kochkunst, ein paar romantische Verwicklungen und dann natürlich eine Reihe abenteuerlicher Ereignisse, die genau den richtigen Mix aus Tiefe und Übermut treffen. Eben richtige Feelgood-Fantasy, die den grauen Alltag schnell vergessen lässt und bei der man am Ende nur noch wissen will, wie lange es bis zum nächsten Band dauert - um endlich wieder tief in die bunte Welt des Königreichs Daxaria und all seiner Bewohner einzutauchen.

Nicht unbedingt die Vollbedienung für Grimdark-Leser oder Liebhaber episch ernster High Fantasy, bei der es mindestens um die Rettung der Welt geht - stattdessen eine unbedingt empfehlenswerte Auszeit inmitten sinnenfroh fabulierter Geschichten um kleine und größere Probleme eines fantastischen Alltags. Cozy Fantasy vom Allerallerfeinsten!

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Veröffentlicht am 07.04.2026

Anspruchsvolle Phantastik

Die Geister von La Spezia
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Mary Shelley, Autorin von "Frankenstein", muss wenige Jahre nach dessen Veröffentlichung den Tod ihres Mannes betrauern, der bei einer Segeltour ertrank. Mit Hilfe einer italienischen Expertin im Paranormalen ...

Mary Shelley, Autorin von "Frankenstein", muss wenige Jahre nach dessen Veröffentlichung den Tod ihres Mannes betrauern, der bei einer Segeltour ertrank. Mit Hilfe einer italienischen Expertin im Paranormalen begibt sie sich auf eine durch allerhand komplizierte Technik ermöglichte "Erinnerungsreise" in die Vergangenheit, um dort in die Perspektiven anderer Menschen zu tauchen und mehr über die Umstände des angeblichen Unglücks zu erfahren.

Oliver Plaschka ist schon ein recht besonderer Wortmagier, dessen Romane durchaus eine gewisse Sonderstellung in der deutschen Fantasy einnehmen - nicht nur, weil er einer der wenigen nationalen Autoren im fantastischen Programm des altehrwürdigen Klett-Cotta-Verlags ist, was an sich schon eine große Leistung ist, sondern weil Phantastik für ihn nicht nur eine Fassade für seine Geschichten ist. Plaschka bedient sich ähnlich wie sein bekannterer Kollege Kai Meyer verschiedener Versatzstücke aus der Hochliteratur, aber auch aus aktuellen Trends, bleibt dabei trotzdem immer auf angenehme Art "altmodisch". Seine Romane lesen sich beinahe erhaben ernst, sind sprachlich stark konstruiert, oft ausschweifend, aber durchgehend atmosphärisch. Und so fängt auch "Die Geister von La Spezia" mühelos die bedrückend-melancholische Grundstimmung seines Themas ein, findet im Italien des frühen 19. Jahrhunderts eine morbide Faszination, die sich spielerisch leicht in die düstere Schauerromantik überträgt, deren wichtigster Text (eben "Frankenstein") hier Pate steht für die Beschäftigung mit dessen Autorin und den Geistern der Vergangenheit, die sie nicht loslassen. Da verzeiht man auch gern ein paar verwirrende Wendungen zu viel, die das arg komplexe Thema noch schwieriger verdaulich erscheinen lassen. Wer sich durchbeißt, wird dennoch mit einem großartigen Leseerlebnis belohnt, das mehr ist als nur die Summe seiner Teile - und dass im Kopf noch lange nachwirkt.

Mit (kleinen) Einschränkungen eine ganz große Leseempfehlung und ein gelungener Start ins fantastisch-literarische Frühjahr!

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Veröffentlicht am 29.06.2025

Der vierte Volltreffer!

Der Totengräber und die Pratermorde (Die Totengräber-Serie 4)
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Oliver Pötzsch' atmosphärische Totengräber-Saga geht mit den "Pratermorden" in die mittlerweile vierte Runde, und es ist schon erstaunlich, wie scheinbar mühelos es dem Autor gelingt, die Qualität der ...

Oliver Pötzsch' atmosphärische Totengräber-Saga geht mit den "Pratermorden" in die mittlerweile vierte Runde, und es ist schon erstaunlich, wie scheinbar mühelos es dem Autor gelingt, die Qualität der Reihe auf durchgehend hohem Niveau zu halten.

Dabei sind es gar nicht so sehr die jeweiligen Fälle, mit denen Inspektor Leopold von Herzfeldt und seine mittlerweile von ihm getrennte große Liebe, die Reporterin (und frühere Polizeifotografin) Julia Wolf, konfrontiert werden - selbige sind zwar angemessen bizarr und passen immer ins königlich-kaiserliche Lokalkolorit des wienerischen Lebens um die Jahrhundertwende, aber dienen oft genug nur als Katalysator, um die Geschichte der beiden Spürnasen und des exzentrischen Totengräbers Augustin Rothmayer und ihres Milieus weiterzuerzählen. Hier gelingt es Pötzsch vor allem immer wieder, den Leser in eine Vergangenheit eintauchen zu lassen, die von strengen Normen und verstaubter Moral durchsetzt ist, gleichzeitig aber mit unwiderstehlicher Liebe zum Detail ins pralle Leben jenseits gesitteter Bürgerlichkeit entführt. Ein farbenfrohes Panorama einer längst vergessenen Epoche, mal düster und geheimnisvoll, dann wieder federleicht verschmitzt oder schamlos folkloristisch - genau so muss ein guter historischer Krimi aussehen, um auch nach mehreren Fortsetzungen nicht zu langweilen.

Herzfeldt, Julia und Augustin sind einfach großartige Protagonisten mit stimmiger Chemie untereinander, die im Verlauf der Bücher von weiteren unvergesslichen Nebenfiguren ergänzt werden (die man entweder schnell ins Herz schließt oder abgrundtief hasst). Dazu kommt Pötzsch' unaufgeregt flüssiger Schreibstil, der immer genau zur richtigen Zeit Tempo in die Handlung bringt, um dann an anderen Stellen den Fuß vom Gas zu nehmen und den Details ihren Raum zum Atmen zu lassen - und schon hat man sich wieder in Rekordzeit auf weit über 500 Seiten ohne nennenswerte Längen bestens unterhalten und hofft sehnsüchtig auf die nächste Fortsetzung.

Ein Histokrimi-Phänomen! Bedingungslos empfehlenswert.

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Veröffentlicht am 13.03.2025

Berlin intensiv!

Achtzehnter Stock
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Wanda lebt mit ihrer Tochter Karlie in der Berliner Platte. Sie will da raus, will ein besseres Leben für sie beide, doch immer wenn es irgendwo bergauf zu gehen scheint, will die Platte sie ...

Wanda lebt mit ihrer Tochter Karlie in der Berliner Platte. Sie will da raus, will ein besseres Leben für sie beide, doch immer wenn es irgendwo bergauf zu gehen scheint, will die Platte sie wieder zurück ...

Sara Gmuers "Achtzehnter Stock" ist ein Großstadtroman, ein Berlin-Roman, denn die Stadt selbst, das Milieu und die Menschen, die hier leben, bilden die Essenz des gesamten Buches, nicht bloß ein schmückendes Detail im Setting. Gmuers kraftvoller Stil ist beeindruckend modern, schonungslos nüchtern und zwischenzeitlich von atemloser Dynamik. Authentisch fängt sie die Gerüche und Geräusche des Berliner Unterbauchs ein und verpackt sie in eine Geschichte, in der sich Hoffnung und Verzweiflung immer wieder die Waage halten. Hier ist nichts garantiert, auch nicht zwangsläufig ein Happy End.

Hier ist auch die Planlosigkeit Plan. Wanda stolpert durchs Leben, immer mit den Gedanken beim nächsten Einkauf oder der monatlichen Miete, und wird ständig mit der Frage konfrontiert, ob sie ihre Träume aufgeben soll oder ihnen unter Gefahr möglicher Verluste nachjagt. Dabei trifft sie auch opportunistische Entscheidungen, die dem einen oder anderen Leser nicht gefallen werden, aber genau deswegen ist "Achtzehnter Stock" eben auch keine plakative Rags-to-Riches-Story, in der am Ende jeder und jede alles bekommt. Klischees werden hier dennoch bedient, vor allem wenn es um die Unbarmherzigkeit der Filmbranche geht, in der Wanda Fuß fassen will, aber die Entscheidungen liegen immer bei ihr selbst, denn selbstbewusst genug und "anders als die anderen" ist sie durchaus. Ihr fehlt ein wenig der Radar, um mit ihren Mitmenschen immer genauso auszukommen, wie von ihr erwartet wird, aber letztendlich findet jeder Topf seinen Deckel, ob privat oder beruflich. Und so zahlt sich auch Konsequenz irgendwann aus - wenn auch nicht immer wie geplant.

Ein großartiges Stück Gegenwartsliteratur mit lebendigen Figuren, unverhofft kantiger Schnauze und beeindruckender Stilsicherheit. Ein Gewinner, ganz sicher.

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Veröffentlicht am 14.12.2024

Nicht nur für Fans

Low
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Ausgebrannt, erschöpft, gefressen vom eigenen Erfolg und dem seiner Kunstfigur Ziggy Stardust: Mitte der 70er Jahre braucht David Bowie dringend eine Auszeit, muss sich selbst neu erfinden und ...

Ausgebrannt, erschöpft, gefressen vom eigenen Erfolg und dem seiner Kunstfigur Ziggy Stardust: Mitte der 70er Jahre braucht David Bowie dringend eine Auszeit, muss sich selbst neu erfinden und die selbstzerstörerische Aura des glamourösen L.A. hinter sich lassen. Und wo könnte ihm das besser gelingen als in der grauen, eingezäunten und vom Kalten Krieg bedrohten Exklave West-Berlin, deren lebensfrohe Seite (denn auch die gibt es) hungrig zwischen Punk und Avantgarde, Elektro und Fashion, Irrsinn und Methode vibriert? Mit einem Umweg über Frankreich (wo er das Album vorbereitet) kommt Bowie zusammen mit Iggy Pop in die Stadt hinter der Mauer und findet dort die Kreativität, die er verloren glaubte, und den Zusammenhalt, den er brauchte. Und damit entsteht sein Jahrhundertwerk "Low", das auch heute noch zum Besten zählt, was der Thin White Duke je produziert hat ...

Musikgeschichte als Comic (oder Graphic Novel, um im Neudeutschen zu bleiben) - wahrscheinlich kann das keiner besser als der Biographiekünstler Reinhard Kleist, dessen Werk im wesentlichen Verneigungen vor all den Größen des Musikgeschäfts umfasst. Seine Johnny-Cash-Bio "I See a Darkness" wurde mit Preisen überschüttet, sein Elvis-Porträt ist ebenso gelungen wie die zwei Bände zu Underground-Genie Nick Cave. Da ist es wenig überraschend, dass auch "Low" überraschende und vielschichtige Einblicke in die Seele eines Superstars zu bieten hat - zumal Kleists Zusammenfassung von Bowies Berlin-Jahren schon der zweite Band seiner illustrierten Lebensgeschichte des Musikers ist: Vor drei Jahren erschien bereits "Starman", der Auftakt zu diesem Projekt, in dem es um die Zeit vor Berlin geht, den Wahnsinn des kometenhaften Aufstiegs von Bowie, die Ziggy-Stardust-Phase, den Exzess des Erfolgs, der letztlich zwingend Bowies Flucht nach Europa einleiten muss. Man muss den ersten Band nicht gelesen haben, aber es hilft, falls man ansonsten noch gar nichts über Bowie weiß. Darüber hinaus ist "Low" aber sehr gut alleinstehend genießbar.

Reinhard Kleists Zeichnungen bleiben sachlich, seine Panels sind übersichtlich und bedienen keine Kunst nur um der Kunst willen, aber vielleicht macht genau das auch die Faszination seiner Arbeit aus. In "Low" steht Berlin im Mittelpunkt, jenes rotzige, gleichzeitig politische und apolitische Anarcho-Ungetüm, dessen isolierte Lage Fluch und Segen zugleich war und gerade in der Hochphase dieser Isolation ein Auffangbecken für all diejenigen, die vor der Langeweile flüchteten, vor dem Überfluss, vor Kreativengpässen und Mutlosigkeit und sich dann dort trafen, in den Straßen, die irgendwann in Mauern endeten und in denen doch alles möglich war. Kleist fängt diese faszinierende Subkultur der Mauerstadt in vielen kleinen Details ein, verbindet sie mit Bowie, der Schritt für Schritt seine neue Welt entdeckt, und vergisst auch Freunde und Weggefährten wie natürlich seinen WG-Genossen Iggy Pop oder die schillernde Romy Haag dabei nicht und dokumentiert so ganz nebenbei auch den Entstehungsprozess des Albums in den legendenumrankten Räumen der Hansa-Studios.

"Low" ist Künstlerbiographie, spannende Lebensgeschichte und nostalgische Rückschau auf eine Zeit, als Musik noch Bedeutung hatte und die Welt eine andere war. Faszinierend realistisch und halluzinatorisch fantastisch zugleich, ein Stilmix, eine Hommage und ein Abgesang auf eine Epoche, in seiner dunklen Lebensfreude von sogartiger Wirkung: Reinhard Kleist macht - wieder mal - süchtig nach mehr ...

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