Platzhalter für Profilbild

Mianna

Lesejury Profi
offline

Mianna ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit Mianna über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 18.09.2018

Mehr Thriller als Märchen

Hazel Wood
0

Alice ist mit ihrer Mutter ihr bisheriges Leben lang auf der Flucht. Sobald merkwürdige und gefährliche Dinge passieren, ziehen sie weiter. Dies alles scheint mit der magischen Welt ihrer Großmutter zu ...

Alice ist mit ihrer Mutter ihr bisheriges Leben lang auf der Flucht. Sobald merkwürdige und gefährliche Dinge passieren, ziehen sie weiter. Dies alles scheint mit der magischen Welt ihrer Großmutter zu tun zu haben. Als ihre Mutter entführt wird beginnt für Alice eine Reise zu ihren Wurzeln.

Die Autorin dieses Romans hat einen fließenden Schreibstil. Der Text lässt sich gut lesen, die Sprache ist schnörkellos.

Die Geschichte dagegen hat es in sich. Wer einen leicht verdaulichen Fantasieroman oder ein überschaubares Märchen erwartet wird enttäuscht, wenn nicht sogar schockiert. Die Geschichte erinnert mit den übernatürlichen, grausamen Szenen und der grauenvollen Atmosphäre an einen Thriller. Erst später kommen Märchenanteile hinzu, die etwas Tröstliches an sich haben. Das Ende ist dann unerwartet positiv. Die Geschichte lässt sich schwer einordnen, die Merkmale passen nicht richtig zusammen.

Die Geschichte entwickelt sich in drei Teilen. Der erste Teil mit der Einführung in die Geschichte zieht sich sehr in die Länge. Er ist durch eine starke Trostlosigkeit und Grausamkeit geprägt. Die fantastischen Wesen und übernatürlichen Ereignisse schüchtern ein, schüren Ängste. Der zweite Teil wird angenehmer, es entsteht Spannung und Hoffnung. Alice begibt sich auf den Weg zu ihrer Großmutter. Ein ewig währender road-trip bei dem die Charaktere greifbarer werden. Dann vor Ort beginnt ein offensiver Kampf, mit bedrückenden und verwirrenden Szenen. Das Ende ist unerwartet.

Die Geschichte hat eine Sog-Wirkung. Auch grausame und heftige Szenen halten nicht vom Weiterlesen ab. Alice und die anderen Hauptcharaktere haben alle etwas abschreckendes und wenig sympathisches, sind jedoch gleichzeitig irgendwie interessant.

Zusammengefasst ist dieser Roman: Ein Thriller mit fantastischen Wesen, die Geschichte von einem Mädchen auf der Suche nach ihrer Herkunft und eine Roman mit Sog-Wirkung. Unerwartet grausam.

Veröffentlicht am 09.09.2018

Ein atmosphärisches Stück Geschichte

Der Horror der frühen Medizin
0

Lindsey Fitzharris beschreibt in ihrem Buch die Entwicklungen in der Medizin im 19. Jahrhundert in England. Ein düsteres Kapitel in der Geschichte der Medizin. Die Zustände zur Zeit der Industrialisierung ...

Lindsey Fitzharris beschreibt in ihrem Buch die Entwicklungen in der Medizin im 19. Jahrhundert in England. Ein düsteres Kapitel in der Geschichte der Medizin. Die Zustände zur Zeit der Industrialisierung London sind für viele Menschen tödlich: Dreck, Seuchen und Behandlungen ohne Betäubung. Bis Joseph Listers Forschungen alles veränderten.

Das Buch entführt die Lesenden in ein London, in dem die Krankenhäuser den Patienten und Ärzten eher den Tod als Gesundheit brachten. Es geht um große Zuschauermengen in den Operationssälen, fehlende Desinfektion, Entfernung von Körperteilen bei vollem Bewusstsein, Dreck und gefährliches Unwissen über Erkrankungen. Fitzharris beschreibt die Zustände und die Entwicklungen der Medizin sehr atmosphärisch. Die Schreie der Patienten, die Blutlachen auf den Böden und der bestialische Gestank werden erlebbar. Schonungslos und mit viel Spannung lässt die Autorin die Anfänge der Medizin wiederaufleben.

Dies ist ein ungewöhnlicher historischer Roman. Da sind einerseits die detaillierten und sehr atmosphärischen Beschreibungen, die das Geschehen im 19. Jahrhundert dokumentieren. Alles wirkt sehr realistisch und glaubwürdig. Die Erzählungen sind schockierend und faszinierend. Andererseits wird das Leben und die Forschungen des Joseph Lister gut nachvollziehbar beschrieben. Lister wird umfassend charakterisiert – in seiner Orientierungssuche, den Depressionen und seinem unbändigen Forschungsdrang. Eine wirklich spannende Persönlichkeit.

Eine spannende Dokumentation der Medizin im 19. Jahrhundert Englands und eine faszinierende Persönlichkeit, die der Medizin große Fortschritte bringt.

Veröffentlicht am 20.08.2018

Ein bewegtes Leben

Das rote Adressbuch
0

Die schwedische Autorin Sofia Lundberg hat in ihrem ersten Roman ein bewegtes Leben beschrieben. Doris Alm wächst in den Zwanzigerjahren in Stockholm auf. Ihr Weg führt sie gezwungenermaßen nach Frankreich ...

Die schwedische Autorin Sofia Lundberg hat in ihrem ersten Roman ein bewegtes Leben beschrieben. Doris Alm wächst in den Zwanzigerjahren in Stockholm auf. Ihr Weg führt sie gezwungenermaßen nach Frankreich und mit großer Hoffnung nach Amerika. Im Alter ist sie zurück in Schweden und blickt auf ihr Leben zurück. Ein Rückblick auf Armut, Krieg, Haltlosigkeit.

Die Autorin beschäftigt sich mit einer ganzen Bandbreite an menschlichen Themen. Die Hauptfigur ist gefordert persönliche Stärke zu entwickeln, um zu Überleben und mit ihrer Haltlosigkeit umzugehen. Ein hartes Leben, ein hartes Los. Bemerkenswert dabei ist, das es Lundberg gelingt das Leben der Doris mit der geschichtlichen Atmosphäre mehrerer Jahrzehnte zu verknüpfen. Wahnsinnig interessant und ebenso berührend.

Doris ist eine sehr sympathische Hauptfigur, sie ist nicht zu beneiden. Gerade ihr Überlebenswillen, ihr Durchhaltevermögen, ihre Tapferkeit machen sie zu einer bemerkenswerten Person. Auch die anderen Persönlichkeiten, denen sie im Laufe ihres Lebens begegnet sind interessant und reizvoll. Lundberg gibt den Charakteren Raum, lässt ihnen tief in ihre Seelen blicken.

Das Buch ist in viele Kapitel unterteilt, die mit den einzelnen Namen derjenigen Personen überschrieben sind, denen sie in ihrem Leben begegnet. Die Geschichte ist spannend und nimmt mit dem Wechsel von Kapitel zu Kapitel an Tempo auf. Die Ich-Perspektive sorgt dafür, dass die Geschichte nah geht und real wird. Die Idee eine Geschichte um das Adressbuch herum zu erschaffen ist interessant und das Durchstreichen der Namen, nach deren Tod macht das Ganze eindrücklich.

Lundberg schafft Atmosphäre und erzählt mit einer großen Wärme. Das Geschehen ist ergreifend, bedrückend und schockierend. Die Geschichte geht ins Dramatische und entfaltet sich in der ganzen Tragik. Gleichzeitig ist darin eben soviel Hoffnung enthalten.

Ein Rückblick auf ein bewegtes Leben über mehrere Jahrzehnte. Spannend geschrieben, sehr berührend und warmherzig.

Veröffentlicht am 12.08.2018

Langatmige Geschichte

Der englische Liebhaber
0

Federica de Cesco hat nach ihren unzähligen Jugend- und Erwachsenengeschichten nun eine tragische Liebesgeschichte geschrieben. Vor dem Hintergrund des Münster nach Ende des zweiten Weltkrieges erzählt ...

Federica de Cesco hat nach ihren unzähligen Jugend- und Erwachsenengeschichten nun eine tragische Liebesgeschichte geschrieben. Vor dem Hintergrund des Münster nach Ende des zweiten Weltkrieges erzählt sie eine Geschichte aus ihrer Familie. Die junge Anna muss für den Lebensunterhalt ihrer Familie sorgen, sie bekommt eine Stelle als Dolmetscherin bei den Britischen Besatzern. Dort lernt sie den älteren und verheirateten Captain Jeremy Fraser kennen. Sie verlieben sich, aber er verschwindet, bevor sie ihm von ihrer Schwangerschaft erzählen kann.

Die Geschichte ist von Beginn an gut nachvollziehbar. Die Autorin konzentriert sich in ihrer Erzählung auf wenige Hauptcharaktere, die ausführlich in den Blick genommen werden. Anna und ihre Tochter Charlotte wirken anfänglich stark und unabhängig, mit der Zeit ändert sich diese Einschätzung. Beide bekommen etwas farbloses und unsympathisches. Vielleicht ist die Geschichte um Anna und den Offizier zu klischeebehaftet, ebenso ihr Verhalten. Dennoch ergibt sich aus den verschiedenen Sichtweisen, aus denen im Verlauf erzählt wird, ein interessanter Blick auf die Gesamtsituation.

Der Roman hat Atmosphäre, die hauptsächlich über die Sprache entsteht. Diese ist durch schöne Sprachbilder, eine sehr klare Ausdrucksweise sowie sehr kluge und philosophische Gedanken gekennzeichnet. Trotzdem ist der Text anders als erwartet - in nüchterner Sprache und emotional unaufdringlich gehalten. Dies ist einerseits bei diesem hochemotionalen Thema angenehm, wirkt auf Dauer jedoch merkwürdig. Hinzu kommt, dass die Erzählung sehr ausführlich ist und dadurch langatmig wirkt. Es entwickelt sich kaum Spannung, sodass das Weiterlesen schwer wird.

Auch die sehr gut recherchierten Einzelheiten der Entwicklungen und Umstände im Nachkriegsdeutschland wiegen das Ganze nicht auf. Dabei sind diese sehr ausführlich und authentisch beschrieben, bringen sogar etwas Emotionalität in die Geschichte. Es ist interessant die geschichtlichen Entwicklungen mitzuverfolgen und auch die Auswirkungen auf Mutter und Tochter wahrzunehmen. Die Autorin hat sich ein schwerwiegendes und tragisches Thema gewählt.

Eine schwer lesbare - weil langatmige - Liebesgeschichte mit ausführlich recherchiertem geschichtlichen Hintergrund.

Veröffentlicht am 29.07.2018

Akribische Menschenstudie

Kampfsterne
0

Alexa Hennig von Lange schreibt in ihrem neuen Roman über die Elterngeneration der 80er Jahre und den schönen Schein. Hinter der Fassade des idyllischen Vorstadtlebens dreier Familien bröckelt es erheblich. ...

Alexa Hennig von Lange schreibt in ihrem neuen Roman über die Elterngeneration der 80er Jahre und den schönen Schein. Hinter der Fassade des idyllischen Vorstadtlebens dreier Familien bröckelt es erheblich. Alle Beteiligten leiden unter der angeblich großen Freiheit der 80er Jahre, der vermeintlichen Aufgeklärtheit und den Ansprüchen ihres bürgerlichen Lebens. Jeder für sich ist ein Kampfstern, in seinem eigenen Kosmos.

In ihrem neuen Roman ermöglicht die erfolgreiche deutsche Schriftstellerin Einsichten in das menschliche Zusammenleben. Sie lässt die unterschiedlichen Protagonisten zu Wort kommen und stellt unabhängig vom Alter deren Wahrnehmungen, Sehnsüchte und Verletzlichkeit dar. Ihre genaue Beobachtungsgabe und ihr wertschätzender Blick auf die Einzelnen ist dabei bemerkenswert. Ihre Charaktere zeichnen sich durch Vielschichtigkeit aus. Es geht um Neid, Frustration, Gewalt, Rückzug und viel Sehnsucht. Trotz der stark ausgeprägten „schlechten“ Eigenschaften haben alle Beteiligten etwas sympathisches. Die Entwicklungen sind sehr verdichtet aber trotzdem glaubwürdig. Einfühlsam und mit einer großen psychologischen Tiefe dringt sie in die Seelen der Eltern und Kinder, beschreibt die Dynamiken in diesem engen Zusammenleben der Vorstadt.

Der Text ist sehr nachdenklich und hat eine ungeheure Tiefe. In sehr unterschiedlich langen Kapiteln wird aus der Sicht der einzelnen Beteiligten erzählt. Einige Kapitel gehen über mehrere Seiten hinaus und andere sind nur einen Absatz lang. Durch die vielen Perspektivwechsel entsteht ein umfassendes Bild von der Situation. Dynamiken werden klarer, weil die Einzelnen kurz hintereinander zu Wort kommen. Es entsteht Spannung und ein gewisser Sog, sodass sich das Buch nicht so leicht aus der Hand legen lässt. Gleichzeitig ist die Geschichte durch diese schnell aufeinanderfolgenden Wechsel von Beginn an hochemotional und sehr berührend. Von Lange legt immer wieder den Finger in die Wunden, schreibt akribisch und schonungslos. Die klugen Zwiegespräche der Einzelnen sind ebenso spannend wie die emotionalen Interaktionen mit den Anderen.

Die Autorin hat grundsätzlich eine direkte und sehr klare Ausdrucksweise. Die Sprache ist zusätzlich durch viele Verniedlichungen und Verstärkungen gekennzeichnet. Mit ihrem Humor fängt sie die Schwere des Inhalts auf. Dadurch bekommt die Geschichte neben dem Erschütternden, Trostlosen auch etwas Herzerwärmendes und Hoffnungsvolles.

Eine akribische Menschenstudie, die hochemotional und schonungslos das Seelenleben der Einzelnen zeigt. Erschütternd und Herzerwärmend.