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Mianna

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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 17.08.2020

Wechselhafte Erzählung

flüchtig
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Maria ist nach langen Ehejahren einfach verschwunden und hat Herwig mit einer schwangeren Freundin zurück gelassen. Ihr Weg führt bis nach Griechenland und nicht nur sie ist auf dem Weg.

Hubert Achleitner ...

Maria ist nach langen Ehejahren einfach verschwunden und hat Herwig mit einer schwangeren Freundin zurück gelassen. Ihr Weg führt bis nach Griechenland und nicht nur sie ist auf dem Weg.

Hubert Achleitner hat seinen Roman in Österreich und Griechenland angesiedelt. Seine Charaktere sind allesamt auf der Reise. Maria und Herwig stehen dabei im Mittelpunkt. Es geht um ihre Lebensflucht, die verflüchtigte Liebe und die Momente des flüchtigen Glücks.

Die Erzählung ist warmherzig, die Charaktere wirken stark und eigensinnig. Die jeweiligen Hintergründe der Personen kommen gut zur Geltung. Die Geschichten um die anderen Beteiligten, zum Beispiel Lisa, Mikis, Herwigs Freundin Nora und Vater sind sehr berührend. Obwohl diese so unterschiedlich sind, werden ihre Sichtweisen in die Geschichte miteingebunden und ihre eigenen Geschichten bekommen viel Raum. Dadurch ist die eigentliche Erzählung um Maria und Herwig häufig unterbrochen, die Geschichte eher gestückelt. Der Autor bemüht sich sehr die einzelnen Versatzstücke in Einklang zu bringen. Hinzu kommen seltsame, überraschende Wendungen. Darauf muss man sich als Leser einlassen. Es ist wie ein Tanz hin und zurück, mal eine Schleife oder Drehung. Dadurch wird das Lesen schwerfällig und an einigen Stellen lang.

Achleitner zeigt in der Erzählung vor allem seinen Blick auf die Welt. Es ist spannend wie geschichtliche, politische und religiöse Ereignisse und Gedanken in die Geschichte verwoben sind. Es wirkt fast so, als wollte der Autor seine Ideen von Leben vermitteln. Dies gelingt ihm gut, sicherlich auch wegen seiner feinen, klugen Ausdrucksweise.

Fazit: Eine verrückte Geschichte, wechselhaft erzählt mit berührenden Charakteren. Wertevermittlung in Romanform. Die Geschichte hat jedoch einige Längen.

Veröffentlicht am 17.06.2020

Lehrreich

Der Gepäckträger
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"Der Gepäckträger" ist eine Parabel über den Umgang mit dem eigenen Gepäck. Gillian fühlt sich seit jeher mangelbehaftet gegenüber ihrer Schwester, David pflegt seine (Zerstörungs-)Wut und Michael erfüllt ...

"Der Gepäckträger" ist eine Parabel über den Umgang mit dem eigenen Gepäck. Gillian fühlt sich seit jeher mangelbehaftet gegenüber ihrer Schwester, David pflegt seine (Zerstörungs-)Wut und Michael erfüllt unglücklich die Vorstellungen seines Vaters. Auf dem Flughafen vertauschen die drei aus Versehen ihre Koffer und bemerken die Verwechslung erst, als für sie schon viel auf dem Spiel steht. Die Konfrontation mit dem jeweiligen schweren Gepäck, die dann folgt, ist sehr spannend.

Alle drei Personen bringen unterschiedliches Gepäck mit und stehen beispielhaft für die verschiedensten Typen von Menschen. Dazu passend sind die Charaktere eher oberflächlich und typisiert beschrieben, sodass sich viele Menschen darin finden können. Das was in anderen Büchern stark vereinfacht und zu schwarz-weiß wirken würde, passt hier genau hin. Die Gefühle, Beweggründe und der Leidensdruck sind gut nachvollziehbar. Die Lesenden sind damit konfrontiert sich selbst oder andere Menschen in diesen Beispielen zu erkennen. Es ist spannend, wie das Gelesene zur eigenen Reflektion anregt und auch das Verständnis für andere Menschen erhöht. Das gefällt vielleicht nicht Jedem. Unabhängig davon ist das Buch leicht zu lesen, die Geschichte fließt - wenn auch gemächlich - aber in jedem Fall auf das Wesentliche reduziert dahin. Trotz aller Schwere hat die Erzählung etwas Unterhaltsames und lässt sich deswegen sehr schnell lesen. Das Buch drängt sich nicht auf. Es bleibt jedem selbst überlassen, wie sehr die Geschehnisse reflektiert werden.

Das Buch hat besondere Aspekte. Da ist zum Beispiel das leerstehende Lager, in dem die Koffer ausgetauscht werden sollen und das nicht immer das ist wonach es scheint. Der Gepäckträger mit den lockigen Haaren, der scheinbar alles weiß ist die Hauptfigur, die weise durch die Geschichte führt. Beide Aspekte haben etwas märchenhaftes und entsprechend einer Parabel etwas lehrreiches. Im Anschluss an die Geschichte bieten Fragen zu den einzelnen Teilen nochmal die Möglichkeit anders über die Entwicklungen und Beweggründe der Personen nachzudenken. Dadurch bekommt die Geschichte etwas reales und interaktives. Dies ist eine gelungene Mischung aus einer distanzierten Erzählung und einem Selbsterfahrungsbuch.

Insgesamt ist dieses Buch sehr zu empfehlen: ein rundherum unterhaltsames Gleichnis, das sich in einem Schwung lesen lässt und die ein oder andere Erkenntnis über das Leben zu bieten hat.

Veröffentlicht am 29.05.2020

Herzerwärmend

Pandatage
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Danny Maloony verliert seit dem Tod seiner Frau vor einem Jahr die Verbindung zu seinem 11 jährigen Sohn Will. Dieser spricht seitdem kein Wort mehr. Dazu kommt ein aggressiver Vermieter, der Verlust seines ...

Danny Maloony verliert seit dem Tod seiner Frau vor einem Jahr die Verbindung zu seinem 11 jährigen Sohn Will. Dieser spricht seitdem kein Wort mehr. Dazu kommt ein aggressiver Vermieter, der Verlust seines Jobs und der Mangel an Perspektiven. Die Verzweiflung treibt Danny dazu sich ein Pandakostüm zu kaufen, mit ungeahnten Folgen.

Der Roman ist inhaltlich besonders stark. Die berührende Beziehung zwischen Vater und Sohn sowie der Verlust der Mutter sind bedeutende Themen. Es ist spannend zu begreifen welche Rollen die einzelnen Familienmitglieder einnehmen und wie Familien durch den Verlust einer Person auseinanderfallen können. Die Entwicklung der einzelnen Charaktere ist beeindruckend. Dem Autor gelingt es dabei sehr gut die Schwierigkeiten, Beweggründe und Gefühle der beiden Hauptpersonen darzustellen und die Lesenden auf deren Reise mitzunehmen.

James Gould-Bourn hat einen leichtfüßigen Erzählstil, der durch derbe Situationen und viel Humor gekennzeichnet ist. Ebenso sind es die Nebenfiguren, wie Dannys Freund Ivan, eine knallharte Stangentänzerin oder der aggressive Vermieter mit seinem Hinkebein, die das Ganze urkomisch und gleichzeitig sehr ernst erscheinen lassen. Mit solchen Figuren und den filmreifen Entwicklungen könnte eine Geschichte leicht oberflächlich werden. Das geschieht hier jedoch nicht. Trotzdem wirkt die Handlung vereinfacht sowie fatalistisch und dadurch leicht überzogen. Dies schadet der Aussagekraft letztendlich nicht, steht doch die Tragik vieler Menschen dahinter, die sich abstrampeln, um das Nötigste in einem trostlosen Leben zu bekommen.

Schade ist dabei, das solch eine Geschichte scheinbar zwangsläufig gut enden muss. Und zwar ausschließlich gut. Die Aussage an die Lesenden lautet: Alles, was vorher schlecht war, wird gut werden. Nichts wird schlecht bleiben. Dies erscheint jedoch zu sehr schwarz-weiß und damit unrealistisch. Andererseits hat der Hoffnungsaspekt darin auch was für sich und macht das Buch zu einem vergnüglichen Leseabenteuer.

Ein urkomischer feel-good-Roman über einen großen Verlust, einen sprachlosen Sohn und seinen Vater im Pandakostüm.

Veröffentlicht am 19.04.2020

Was wir gerne wären

Was wir sind
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Die Freundinnen Hannah, Cate und Lissa stehen mit 30 mitten im Leben und genießen das Zusammenwohnen in London. Ihre Träume und Hoffnungen breiten sich vor ihnen aus. In den nächsten zehn Jahren werden ...

Die Freundinnen Hannah, Cate und Lissa stehen mit 30 mitten im Leben und genießen das Zusammenwohnen in London. Ihre Träume und Hoffnungen breiten sich vor ihnen aus. In den nächsten zehn Jahren werden sie mit den Härten des Lebens umgehen müssen.

Anna Hope beschreibt in ihrem Roman, wie sich das Leben und die Freundschaft der drei Frauen alles andere als geradlinig entwickelt. Ungeschönt und schonungslos beschäftigt sie sich mit enttäuschten Hoffnungen, Einsamkeit und der verzweifelten Suche nach einem Platz im Leben. Das Ringen mit der Elterngeneration und dem eigenen Werden zu Erwachsenen, die Kompromisse machen müssen steht im Mittelpunkt. Hope hat damit einen spannenden Generationen- und coming-of-age Roman geschrieben, in dem Freundschaft eine wichtige Rolle spielt.

Lissa, Hannah und Cate haben es nicht leicht, es ist anstrengend und niederschmetternd wie unglücklich die drei immer wieder sind und wie sehr ihre Hoffnungen von dem tatsächlichen Alltag abweichen. Sie sind ständig davon bedroht zu scheitern. Es ist lange kaum vorstellbar, dass sich dieses Geschehen nochmal wenden könnte.

Umso gelungener ist das doch überraschende Ende. Die Autorin schafft es nach der langen Leidensphase ein tröstliches Ende zu formulieren, das weder beschönigend noch übertrieben und schon gar nicht "gut" ist.

Der Roman entwickelt sich gemächlich, zwischenzeitlich nimmt er Fahrt auf. Die Frauencharaktere werden einfühlsam, nahbar und berührend beschrieben. Sie gefallen nicht immer, haben ihre Ecken und Kanten. Das Geschehen entwickelt sich erstaunlich, erschreckend und ist immer authentisch. Erzählungen aus der Vergangenheit und der Gegenwart werden geschickt verknüpft. Die Wechsel zwischen den Charakteren und den Situationen sind in der ersten Hälfte des Romans nicht immer leicht nachzuvollziehen. Der zweite Teil des Romans fließt mehr, dann sind auch die Figuren vertrauter.

Ein sehr bewegender coming-of-age Roman, der auf Beschönigungen und ein gutes Ende keinen Wert legt.

Veröffentlicht am 12.04.2020

Wahnsinnig ergreifend

Dankbarkeiten
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Michka und Marie verbindet eine vertrauensvolle Beziehung, sie trägt die Beiden auch als Michka ins Altenheim zieht und immer mehr ihre Sprache verliert.

Dies ist ein Roman über den Wert von verantwortungsvoller ...

Michka und Marie verbindet eine vertrauensvolle Beziehung, sie trägt die Beiden auch als Michka ins Altenheim zieht und immer mehr ihre Sprache verliert.

Dies ist ein Roman über den Wert von verantwortungsvoller Sorge umeinander, den Zusammenhalt unterschiedlicher Generationen und das Abschiednehmen, wenn der Tod naht. Mit großer Emotionalität erzählt die Autorin von der Bedeutsamkeit menschlicher Nähe, die schützen und tragen kann. Ebenso geht es um das Erinnern und Vergessen. Damit beschäftigt sich die Autorin mit vielen bedeutsamen Themen, die alle Menschen betreffen. Der Roman hat eine große und sehr positive Aussagekraft: dankbar sein und sich dankbar zeigen. Die Erzählung ist nie albern oder übermäßig tränenreich und bedient sich angenehm wenig an Vorurteilen.

Das Buch ist abwechselnd kapitelweise aus der Sicht von der jungen Marie und dem Logopäden Jérome erzählt. Die Autorin weiß mit Worten umzugehen und verwendet sie mit Bedacht. Die Erzählung ist weder ausschweifend noch besonders geschmückt, ist eher nüchtern und zurückhaltend und lässt vieles offen. Michkas Einschränkungen der Sprache lassen sich dadurch gut nachvollziehen und werden erfahrbar. Die Geschichte ist schnell gelesen, die Spannung hoch.

Am Ende bin ich sehr berührt von der positiven Aussagekraft des Romans und nachdenklich über diese anregenden Themen.

Ein sehr berührender und schlichter Roman zu bedeutsamen Themen des Erinnerns und Vergessens, vorallem aber über menschliche Nähe.