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Veröffentlicht am 25.01.2025

Melancholische Familiengeschichte

Als wir im Schnee Blumen pflückten
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In ihrem mit einem wunderschönen Cover gestalteten Debütroman, der in Schweden als Buch des Jahres 2023 ausgezeichnet wurde, erzählt die schwedische Autorin Tina Harnesk die Geschichte eines hochbetagten ...

In ihrem mit einem wunderschönen Cover gestalteten Debütroman, der in Schweden als Buch des Jahres 2023 ausgezeichnet wurde, erzählt die schwedische Autorin Tina Harnesk die Geschichte eines hochbetagten Ehepaares, das in Nordschweden in einem alten, heruntergekommenen Haus lebt und zunehmend verwahrlost.

Als die alte Samin Máriddja von ihrer Ärztin erfährt, dass sie unheilbar an Krebs erkrankt ist, beschließt sie, dass ihr demenzkranker Mann Biera nicht davon erfahren darf, er würde es nicht verkraften. Von einer häuslichen Unterstützung will Máriddja nichts hören. Damit die Behörden sie nicht anrufen können, um sich nach ihrem Zustand zu erkundigen, entsorgt sie auf dem Heimweg kurzerhand ihr Handy. Sie weiß, dass sie bald sterben wird und wünscht sich sehnlichst, ihren Neffen Heaika-Joná wiederzusehen, der vor vielen Jahren bei ihnen lebte und dem sie und Biera ihre ganze Liebe schenkten.

Auf einer zweiten Erzählebene lernen wir das Ärzteehepaar Kaj und Mimmi kennen. Die beiden sind nach dem Tod von Kajs Mutter von der Stadt aufs Land gezogen und dabei, sich in ihrer neuen Umgebung einzuleben. Das besondere Vermächtnis von Kajs Mutter gibt ihnen Rätsel auf, die es zu lösen gibt.

Die Geschichte ist in schöner und ruhiger Sprache erzählt und liest sich sehr flüssig. Die Figuren sind liebevoll und tiefgründig gezeichnet, ich konnte sie mir gut vorstellen: die eigensinnige und kämpferische Máriddja, die trotz ihrer schweren Krankheit jede Hilfe von außen strikt ablehnt, und der zufriedene Biera, der immer mehr in seiner eigenen Welt versinkt. Kaj und Mimmi fand ich sehr sympathisch, beide sind Ärzte aus Leidenschaft und suchen die Ruhe auf dem Land.

Auch wenn das Ende der bewegenden Geschichte früh zu erahnen ist, habe ich das Buch, in dem es neben Liebe, Sehnsucht und Heimat auch um Trauer und Elternschaft geht, sehr gern gelesen. Die Passagen, in denen sich Máriddja mit Sire, einer KI-gestützten Telefonstimme, auf Bieras neuem Handy unterhält, sind berührend und amüsant. Neben der Familiengeschichte der Protagonisten habe ich viel über die mir bis dahin unbekannte Geschichte der Samen sowie über ihre Tradtionen, Bräuche und ihren Aberglauben erfahren. Auch die Zwangsaussiedlungen der Samen werden von der Autorin thematisiert. 
Der Roman enthält zahlreiche samische Begriffe, deren Bedeutung mir nicht bekannt ist. Hier hätte ich mir ein erklärendes Glossar am Ende des Buches gewünscht. 

Leseempfehlung für diese gefühlvolle und fesselnde Geschichte!

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Veröffentlicht am 21.01.2025

Urlaub am Meer

Drei Wochen im August
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Im Mittelpunkt des neuen Romans "Drei Wochen im August" von Nina Bußmann steht Elena, die als Kuratorin für Ali arbeitet, welche ihr Chefin und Freundin zugleich ist. Sie überlegt nicht lange, als Ali ...

Im Mittelpunkt des neuen Romans "Drei Wochen im August" von Nina Bußmann steht Elena, die als Kuratorin für Ali arbeitet, welche ihr Chefin und Freundin zugleich ist. Sie überlegt nicht lange, als Ali ihr anbietet, den Sommer im abgelegenen Ferienhaus ihrer Lebensgefährtin Nana an der französisichen Atlantikküste zu verbringen. Ali wird in New Mexico bei Nana sein, die bald sterben wird.

Elena freut sich auf die Reise mit ihren Kindern, der 13-jährigen Linn und dem 6-jährigen Rinus. Linn darf ihre gleichaltrige Freundin Noémie mitnehmen, und auch Eve, das ehemalige Kindermädchen der beiden, wird gegen Bezahung dabei sein. Elenas Ehemann Kolja wird später mit dem Zug und dem Fahrrad nachkommen.

Die Geschichte wird abwechselnd aus der Perspektive von Elena und Eve erzählt. Über einen Zeitraum von drei Wochen erleben wir den Urlaubsalltag der kleinen Gruppe, ihre Machtkämpfe, Rivalitäten und Eifersüchteleien. Die Urlauber bleiben nicht allein, bald stoßen zwei Fremde zu ihnen, Franz, ein Bekannter von Nana, und die 14-jährige Marla. Die beiden machen Zwischenstation im Ferienhaus, um von dort aus zu Marlas Mutter nach Portugal weiterzufahren. Auch Ilyas, ein Freund Nanas, der sich um ihr Feriendomizil kümmert, geht im Haus ein und aus. Später läuft der Gruppe ein Hund zu, der bald wieder verschwindet. Wütende Waldbrände und damit verbundene Evakuierungen in der Nähe ihres Urlaubsortes werden nur kurz erwähnt. Die Beziehungen untereinander gestalten sich schwierig. Linn und Noémie verbindet in erster Linie ihr gemeinsames Buchprojekt, Elena, die in Eve eher eine Freundin als Angestellte sieht, ist eifersüchtig wegen Eves gutem Verhältnis zu ihren Kindern. 

Ich mochte die klare Sprache der Autorin, die Handlung jedoch vermochte mich leider nicht so zu fesseln, wie ich es mir aufgrund des Klappentextes gewünscht hätte. Die wechselnde Erzählweise hat mir gut gefallen, sie ermöglichte es mir, Elena und Eve gut kennenzulernen und Einblick in ihre Gedankenwelt zu erhalten. Die Gefühle der beiden Frauen bleiben dagegen leider ziemlich außen vor. Das machte es mir schwer, mich in die sehr verschiedenen Charaktere hineinzuversetzen. 

Obwohl der Urlaubsaufenthalt der Gruppe eher sachlich und nüchtern beschrieben wird und es mir in der Geschichte an Emotionen mangelte, habe ich sie gern gelesen und vergebe 3 Sterne.

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Veröffentlicht am 14.01.2025

Humorvoller und intelligenter Roman mit Tiefgang

In einem Zug
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Im Mittelpunkt des neuen Romans von Daniel Glattauer steht der Schriftsteller Eduard Brünhofer, der mit Liebesromanen bekannt geworden und dessen letztes Buch vor 13 Jahren erschienen ist. Er befindet ...

Im Mittelpunkt des neuen Romans von Daniel Glattauer steht der Schriftsteller Eduard Brünhofer, der mit Liebesromanen bekannt geworden und dessen letztes Buch vor 13 Jahren erschienen ist. Er befindet sich auf einer Zugfahrt von Wien nach München, wo er einen Gesprächstermin mit seinem Verlag hat. Ihm schräg gegenüber sitzt eine Frau frühen mittleren Alters. Sie heißt Catrin Meyr, ist Physio- und Psychotherapeutin und verwickelt Eduard schon bald in ein Gespräch. Zunächst fragt sie ihn intensiv über seinen Beruf aus, worüber er wenig begeistert ist und sich wünscht, dass sie bald aussteigen möge. Doch sie hat das gleiche Ziel wie er und wird nicht müde, ihm weiter indiskrete Fragen zu stellen, inzwischen geht es um sein Privatleben.

Mit dem für ihn typischen und unnachahmlichen Humor beschreibt der Autor die Gespräche der beiden Protagonisten während der vierstündigen Zugfahrt und lässt uns dabei tief in Eduards Gefühls- und Gedankenwelt blicken. Dieser lässt sich nur ungern ausfragen, doch nach dem Genuss der kleinen Rotweinflaschen im Zugbistro ist er geradezu euphorisch und erliegt Catrins Charme. Seine Zunge lockert sich, und er gibt immer mehr Details seines Privatlebens preis.

Das Buch ist ganz wunderbar geschrieben, die Dialoge zwischen den gänzlich verschiedenen Protagonisten sind so klug und tiefgründig, dass mir das Lesen eine große Freude war. Es geht in den Unterhaltungen nicht nur um Eduards Beruf, das Leben, die Liebe und Familie, auch das Thema Alkohol bleibt ihm nicht erspart, während Catrin, die von Langzeitbeziehungen nichts hält, eher zögerlich von sich erzählt. Ich mochte den ein wenig schrulligen Ich-Erzähler Eduard, während mir Catrin mit ihrer indiskreten und dreisten Art immer unsympathischer wurde. 

Daniel Glattauer beweist wieder einmal, wie wunderbar er Humor und Tiefgang miteinander verknüpfen kann. Es ist ihm meisterhaft gelungen, über Gespräche und persönliche Gedanken während einer langen Zugfahrt einen großartigen und unterhaltsamen Roman mit einem überraschenden Ende zu schreiben - absolute Leseempfehlung!

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Veröffentlicht am 10.01.2025

Einfach grandios!

Wackelkontakt
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Selten habe ich ein Cover gesehen, das so gut zum Titel gepasst hat wie das von "Wackelkontakt", dem neuen Roman des österreichischen Autors Wolf Haas.

Im Mittelpunkt der Geschichte steht der Trauerredner ...

Selten habe ich ein Cover gesehen, das so gut zum Titel gepasst hat wie das von "Wackelkontakt", dem neuen Roman des österreichischen Autors Wolf Haas.

Im Mittelpunkt der Geschichte steht der Trauerredner Franz Escher, der auf seinen Elektriker wartet. Die Steckdose in seiner Küche hat einen Wackelkontakt, und Escher vertreibt sich die Wartezeit mit dem Zusammenbau eines Puzzles. Schon bald hat er es fertiggestellt und greift nach einem Buch seines bevorzugten Genres: Mafia-Romane. In seiner aktuellen Lektüre geht es um den jungen italienischen Mafia-Kronzeugen Elio Russo, der viele Menschen verraten hat und nun um sein Leben fürchten muss. Er befindet sich in einem Zeugenschutzprogramm und wartet auf seine Entlassung aus dem Gefängnis. Der Untersuchungsrichter sorgt dafür, dass Sven, ein Drogendealer aus Deutschland, mit ihm die Zelle teilt und ihm die deutsche Sprache beibringt. Elio misstraut seinem Zellengenossen und hält sich nachts mit Hilfe eines Buches so lange wach, bis er sicher ist, dass Sven eingeschlafen ist. Das Buch hat Sven ihm geschenkt, es ist in deutscher Sprache verfasst und handelt von Franz Escher, dessen Steckdose einen Wackelkontakt hat und der schon den halben Tag auf seinen Elektriker wartet ...

In zwei Erzählsträngen, die der Autor gegen Ende des Buches zu einer einzigen Handlung verwebt, lernen wir Escher und Elio kennen. Während wir Escher nur während einer sehr kurzen Zeitspanne von wenigen Tagen folgen, begleiten wir Elio über etwa zwei Jahrzehnte. Im Rahmen des Zeugenschutzprogramms wird aus Elio Russo nach 3-jährigem Gefängnisaufenthalt Marko Steiner, der sich zunächst in Deutschland und später in Österreich ein neues Leben aufbaut.

Ich finde die Idee des Autors, zwei unterschiedliche Handlungen in einer fortlaufenden Geschichte ohne einzelne Kapitel zu einer einzigen zu verschmelzen, die auf ein spannendes Finale zusteuert, grandios. Er bedient sich dabei eines Buches im Buch mit ständig hin und her wechselnden Perspektiven. Das ist ihm hervorragend gelungen, die Geschichte  ist von Beginn an spannend und hat mich sofort in ihren Bann gezogen. Die beiden Figuren sind großartig gezeichnet: hier der etwas schrullige und eigenbrötlerische Escher, dessen Lieblingsbeschäftigung es ist, umfangreiche Puzzles zusammenzusetzen, und dort der patente Marko, dem es schnell gelingt, in seiner neuen Heimat Fuß zu fassen.

Die ungewöhnliche und teilweise mit sehr viel Humor und Sprachwitz erzählte Geschichte hat mir viel Lesefreude bereitet, Sprache und Erzählstil haben mich sehr beeindruckt.
Absolute Leseempfehlung für diesen kurzweiligen Roman!

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Veröffentlicht am 06.01.2025

Großartiger Roman über eine kurze Lebensphase Erich Kästners

Der Goldhügel
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Das Jahr 2024 war ein "Erich-Kästner-Jahr". Der große Schriftsteller wurde 125 Jahre zuvor in Dresden geboren und starb 1974 in München. Aus diesem Anlass hat der Volk Verlag "Der Goldhügel" veröffentlicht, ...

Das Jahr 2024 war ein "Erich-Kästner-Jahr". Der große Schriftsteller wurde 125 Jahre zuvor in Dresden geboren und starb 1974 in München. Aus diesem Anlass hat der Volk Verlag "Der Goldhügel" veröffentlicht, den Debütroman des Gymnasiallehrers Tobias Roller, den die Werke Erich Kästners seit seiner Kindheit begleiten.

Der 62-jährige Erich Kästner absolviert im Oktober 1961 eine erfolgreiche Lesung in Wien, ehe er in seiner Garderobe zusammenbricht. Nach wochenlangen Untersuchungen im Krankenhaus wird ihm eröffnet, dass er an Tuberkulose leidet und sich dringend zu einem Kuraufenthalt ins Tessin begeben soll. Im Sanatorium in Agra wird er sich verschiedenen Therapien unterziehen, um wieder gesund zu werden.

Erich Kästner fühlt sich nicht sehr wohl im Sanatorium auf dem Goldhügel hoch über dem Luganer See. Sein Zimmer empfindet er als Zelle, der Professor verbietet ihm das Rauchen und Whiskytrinken. Auch sein Privatleben ist ihm keine rechte Freude, er kann sich zwischen Lotte, seiner langjährigen Lebensgefährtin, und Friedel, mit der er einen 4-jährigen Sohn hat, nicht entscheiden, möchte keine von beiden verlieren. Als wenn das nicht schon genug Probleme wären, lernt er im Sanatorium auch noch eine junge Fabrikantentochter kennen, die von seinen Werken fasziniert ist und ihm glühende Verehrung entgegenbringt ...

Die wunderbare Sprache und der schöne Erzählstil in ruhigem Tempo sind dem Stil Kästners nachempfunden und ließen mich in eine kurze Lebensphase des Schriftstellers eintauchen. Mit viel verschmitztem Humor beschreibt der Autor seinen Protagonisten, der sich den im Sanatorium herrschenden strengen Regeln nicht unterwerfen will und kann. Tobias Roller ermöglicht es dem Leser, tief in die Gedanken- und Gefühlswelt Kästners zu blicken und dabei seine Depressionen, Ängste, Halluzinationen und Träume zu erleben. Seine innere Zerrissenheit, Selbstzweifel und Schuldgefühle werden ebenso thematisiert wie seine Alkohol- und Nikotinsucht. Der Dichter hatte ein sehr enges und inniges Verhältnis zu seiner Mutter und vermag sich auch nach ihrem über 10 Jahre zurückliegenden Tod nicht von ihr zu lösen, sieht in ihr immer noch die Liebe seines Lebens.

Die Hommage an Erich Kästner ist dem Autor ganz hervorragend gelungen, ich habe das heitere und tiefsinnige Buch sehr gern gelesen und mich bestens unterhalten gefühlt. Besonders gut gefallen hat mir die junge Fabrikantentochter, die nach anfänglicher Verehrung für Erich Kästner eine selbstbestimmte Entscheidung trifft. Ein vierseitiges Nachwort mit wesentlichen Fakten aus dem Leben des Dichters rundet die Lektüre ab.

Absolute Leseempfehlung für dieses großartige und unterhaltsame Buch, das mir die bis dahin nur oberflächlich bekannte Persönlichkeit Erich Kästners nahegebracht hat.

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