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Veröffentlicht am 15.07.2019

Bewegte Zeiten

Die Frau aus Oslo
0

Der Krimi von Kjell Ola Dahl beginnt in der Jetztzeit in Stockholm, Schweden. Turid, eine ältere Frau erkennt in einem zur Versteigerung angebotenen Armband das Schmuckstück ihrer im Krieg ermordeten Mutter.. ...

Der Krimi von Kjell Ola Dahl beginnt in der Jetztzeit in Stockholm, Schweden. Turid, eine ältere Frau erkennt in einem zur Versteigerung angebotenen Armband das Schmuckstück ihrer im Krieg ermordeten Mutter..
Dann führt uns die Geschichte ins Jahr 1942. Oslo ist von Nazis besetzt. Hauptfigur ist die Jüdin Esther, die als Mitglied einer Gruppe von Widerstandskämpfern in Oslo aktiv ist. Als einige der Gruppe auffliegen und ermordet werden, fliehen die anderen über die Grenze nach Schweden und versuchen, den Zurückgebliebenen von dort aus zu helfen. Einer davon ist Gerhard, der verdächtigt wird, seine Frau Ase ermordet zu haben.
Ein anderer Handlungsstrang führt ins Jahr 1967. Gerhard taucht in Oslo auf. und will Kontakt mit seiner Tochter Turid aufnehmen. Esther beschäftigt immer noch der Mord an ihrer Freundin Ase und sie will herausfinden, wer damals ihre Familie in den Tod geschickt hat.
Meine Meinung.
Das Cover passt gut in die Zeit und hat mich neugierig gemacht. Die Geschichte hat mich schnell in ihren Bann gezogen. Mir war die Situation der Juden in Skandinavien nicht bewusst und auch nicht welche Rolle die Nationalsozialisten dort spielten. Ich habe viele Informationen über diese Zeit bekommen, ohne mich belehrt zu fühlen, da sie in die Handlung eingebaut sind. Das hat mir sehr gut gefallen. Die Personen in der Geschichte sind mir fremd geblieben, unnahbar bis auf Esther, deren Handlungsweisen mir allerdings auch nicht immer klar waren. Das passte aber zu der Geschichte und hat für mich die Vorsicht, das Mißtrauen dieser Zeit wiedergespiegelt. Keiner traut dem anderen, jeder hat ein Geheimnis, von denen am Ende nicht alle gelüftet waren. Gefallen haben mir die Beobachtungsgabe des Autors und seine präzisen Beschreibungen. Ich konnte mich gut in die Welt, die er mir vor Augen führte, hineindenken. Allerdings fand ich das Buch nicht einfach zu lesen, nichts für den Liegestuhl an heißen Sommertagen und schwierig, nach einer Lesepause wieder anzuknüpfen. Trotzdem hat es mich gefesselt, ich habe es mit Spannung gelesen, der Schluss, ließ einiges offen, aber auch das passt für mich in diese Zeit.
Von mir gibt es 3,5 Sterne

Veröffentlicht am 02.06.2019

Armes Berlin

Hinterhaus
3

Carolin , eine junge, mässig talentierte Journalistin, verliert zuerst den Freund und dann den Job. Im Hinterhaus am Prenzlauer Berg findet sie Unterschlupf in einer heruntergekommenen Wohnung. Dort stoesst ...

Carolin , eine junge, mässig talentierte Journalistin, verliert zuerst den Freund und dann den Job. Im Hinterhaus am Prenzlauer Berg findet sie Unterschlupf in einer heruntergekommenen Wohnung. Dort stoesst sie auf die Leiche eines kleinen Jungen, der seit langer Zeit vermisst wird. Caro, psychisch angeschlagen und obdachlos, wird in den Fall stärker hineingezogen, als ihr lieb ist und gerät selbst in Gefahr.
Hört sich nach einem spannenden Berliner Krimi an. Die Autorin hat jedenfalls eine Menge Fantasie, obwohl mir, ehrlich gesagt, an vielen Stellen weniger mehr wäre. Die Ereignisse überschlagen sich, vieles ist verwirrend und wirkt unglaubhaft oder unlogisch, ebenso wie die Figuren, die dermaßen schräg und überzeichnet sind, dass ich keine Lust verspürte, mich in sie hineinzuversetzen. Dabei steckt viel Potential in der Geschichte. Die Autorin kann schreiben, kann gute Bilder zeichnen, versteht es, Spannung zu erzeugen.
Trotzdem hat mir der Roman nicht gefallen und ich würde ihn auch nicht weiter empfehlen.
Schwerpunkt meiner Kritik ist der lässige Umgang mit dem sexuellem Mißbrauch von Kindern. Zum Beispiel sieht Caro in einer Szene, wie ein ca. 13 jähriges Mädchen von Gunther, dem Lebensgefährten ihrer besten Freundin Henry missbraucht wird. Sie holt weder die Polizei noch schreitet sie ein. Bei einem Gespräch mit Henry sagt diese, die Mädchen würden es alle freiwillig tun. Auch sie selber war als Kind missbraucht worden und hatte als Erwachsene mit einem minderjährigen Jungen sexuellen Kontakt. Das alles bleibt unreflektiert so stehen. Für mich ein absolutes NoGo.
Ein weiterer Punkt, warum mir das Buch nicht gefallen hat, waren die häufigen Schilderungen über Caros Ausscheidungen: „Kacken“, „Kotzen“ und „Pinkeln“, gerne detailliert geschildert. Auch die derbe Sexszene, in der Caro ihren Ex-Freund vernichten will gefällt mir weder in der Beschreibung der Handlung noch in deren Konsequenz. Auch das ist eine Straftat, die einfach so hingenommen wird.
Insgesamt viel Vulgäres, Ekelerregendes, Verwirrendes, aber auch Spannendes mit guten Vergleichen und Bildern. Mein Lieblingszitat: „Etwas ist in meiner Seele zerbrochen in jenen Tagen, und etwas anderes ist entstanden, etwas Hartes, Kaltes.“
Schade, dass die Autorin ihre Schreibqualitäten nicht anders umgesetzt hat.




Veröffentlicht am 08.04.2019

Krimi, Reiseführer und Inselgeschichte

Finsteres Kliff
1

Ein paar Worte vorab: Mein nächster Urlaub geht nach Sylt und in meinem Reisegepäck habe ich alle Krimis von Sabine Weiß.
Die Autorin hat mit ihrer Hauptfigur eine junge moderne Kommissarin geschaffen, ...

Ein paar Worte vorab: Mein nächster Urlaub geht nach Sylt und in meinem Reisegepäck habe ich alle Krimis von Sabine Weiß.
Die Autorin hat mit ihrer Hauptfigur eine junge moderne Kommissarin geschaffen, die sich ins Herz ihrer Leserschaft stiehlt. Liv Lammer, gerade 30, alleinerziehende Mutter einer 15jährigen Tochter und Hobbyschlagzeugerin in einer Band wohnt zusammen mit ihrer Oma in Flensburg. Immer wieder wird die gebürtige Sylterin auf ihrer Heimatinsel eingesetzt, die sie aus familiären Gründen verlassen hat. So auch in diesem Fall. Als Verstärkung der örtlichen Polizei wird Liv mit ihrem Team auf die Insel gerufen. Eine Frau ist verschwunden und bei der Suche nach ihr wird die Leiche eines Mannes gefunden, drapiert wie bei einem Ritualmord. Die Insel der Schönen und Reichen zeigt in diesem Krimi ihre raue, dunkle Seite und damit sind nicht nur die Naturbeschreibungen gemeint. Das Ermittlungsteam um Liv und ihren dänischen Kollegen Bente recherchiert in Kreisen von Hobbyarchäologen und Wikingerfans. Bei der Ermittlung im Umfeld der Apotheke, in der die vermisste Vanessa tätig war, tut sich ein neuer spannender Handlungsstrang auf. Parallel dazu gibt es auch im Privatleben von Liv und ihren Kollegen der Flensburger Mordkommission Krisen und Verwicklungen. Überraschende Wendungen und unvorhersehbare Handlungen der Figuren sorgen für Spannung und psychologischen Tiefgang. Das Team arbeitet dabei unter einem hohen Zeitdruck, da niemand weiß, ob die Frau noch lebt.
Mein Fazit:
Sabine Weiß gelingt es, neben einer höchst spannenden Handlung die Geschichte der Insel lebendig zu machen. Mit ihrem 3. Krimi um Liv Lammers bietet sie ihrer Leserschaft eine gelungene Mischung aus Unterhaltung, Spannung und Reiseführer.
Ich bin sofort mit Begeisterung in die Geschichte eingestiegen. Die Beschreibung der abgründigen Seite der Insel der Reichen, die Mischung von Realität und Mystik haben mir von Anfang an sehr gut gefallen und mir Lust gemacht, weiter zu lesen. Die Geschichte lässt sich leicht lesen und die Beschreibungen der Insel, des Umfeldes, sowie die Beschreibungen der einzelnen Figuren und ihrer individuellen Hintergründe und Charaktere gefallen mir sehr gut. Das Spannungsniveau hat Höhen und Tiefen, aber auch die zwischenzeitlichen Schilderungen des Privatlebens der Figuren sind gut beschrieben und geben der Geschichte etwas Authentisches. Einzig die Figur des Gitzelstein fiel aus diesem Rahmen, hatte für mich etwas Künstliches und war meines Erachtens für die Geschichte verzichtbar. Die Auflösung am Schluss des Krimis empfand ich als etwas langatmig. Alles wurde noch einmal gedreht und gewendet und von allen Seiten beleuchtet. Auch das verzichtbar, nach meinem Empfinden. Aber das ist Meckern auf hohem Niveau.
Was mir besonders gut gefällt ist die überaus sorgfältige Recherche der Autorin bis in die Details ,– selbst die Speisen, die Liv und Bente in Susis (real existierender) Sylt- Kantine zu sich nehmen, stehen auf der dortigen Speisekarte: gebackener Camenbert und Bauernfrühstück. Und so ist es auch mit allem anderen, sei es die Bäckerei Ingwersen, wo es tatsächlich ein Rühreifrühstück mit Schwarzbrot gibt, bis hin zu den Zuständigkeiten der dortigen Polizei Flensburg/Sylt. Ich recherchiere gerne noch mal nach, wenn in einem regionalen Roman viele Details genannt werden, hier stimmt alles und gibt dem ganzen eine Glaubwürdigkeit, die den unheimlichen Part noch unheimlicher, weil realistischer macht.
Sehr gut hat mir auch gefallen, so viel über die Insel und ihre Geschichte zu erfahren, ohne dass es belehrend wirkte. Die Autorin lässt die Insel vor meinem inneren Auge entstehen und ich kann sie ganz nebenher kennen lernen. Großartig, das Einfügen zeitgeschichtlicher Ereignisse, wie der Trend zu Eisbergshäusern (Luxus in die Tiefe gebaut), den Hinweis auf die zurzeit bekanntesten Tätowierer in Kopenhagen und die Erwähnung von Sören Espersen, Vize-Chef der Dänischen Volkspartei, mit seiner Kampagne, Flensburg und Sylt wieder dänisch zu machen. Auch das macht die Geschichte glaubhaft und authentisch.
Ebenso spannend fand ich die Beschreibung über die Geschichte der Wikinger und den Hinweis auf heutige Gruppierungen, meist Rechtspopulisten, die Germanen und Wikinger als Vorbilder einer überlegenen Rasse sehen und deren Rituale zelebrieren. (wie in verschiedenen Krimis schon beschrieben, Beispiel sei der verfilmte Bestseller: Blutadler von Craig Russell).
Auch die Sylter Krimiserie von Sabine Weiss würde spannende Fernsehabende versprechen.
Ein Buch, das man nicht nur im Urlaub auf Sylt, unbedingt lesen sollte.

Veröffentlicht am 16.02.2019

Auf Abwegen

Blinde Rache
1

Blinde Rache ist Leo Borns erster Roman einer Reihe um die Ermittlerin Mara-Billinsky , einer ungewöhnlichen Frauenfigur.
Die Geschichte führt nach Frankfurt. Die Leser erleben die Stadt aus der Perspektive ...

Blinde Rache ist Leo Borns erster Roman einer Reihe um die Ermittlerin Mara-Billinsky , einer ungewöhnlichen Frauenfigur.
Die Geschichte führt nach Frankfurt. Die Leser erleben die Stadt aus der Perspektive der Underdogs, der chancenlosen Jugendlichen, der Prostituierten, der Kriminellen. Eindrucksvolle Milieuschilderungen mit starken Bildern ziehen den Leser in den Bann der Tristesse, des Düsteren, der dunklen Seite der Stadt .
Mit seiner Hauptfigur Mara Billinsky zeichnet Leo Born eine starke Frauenfigur . Ihre Beschreibung: schwarze Kleidung, schwarz gefärbte kurze Haare, Piercings und Tattoos. Billinsky kehrt als Ermittlerin der Mordkommission nach Frankfurt zurück.
Mara Billinsky ist die typische Außenseiterin und Einzelgängerin, eine Frau mit einer schweren Kindheit und einer brüchigen Lebensgeschichte. Durch ihr auffälliges Äußeres, sowie ihr unangepasstes Verhalten wirkt sie überall wie ein Fremdkörper.
Als Kollege im Ermittlerteam wird ihr Jan Rosen zur Seite gestellt, der mit seiner ebenfalls ungewöhnlichen, aber konservativen Kleidung und seiner Introvertiertheit auch eine Außenseiterposition in der Dienststelle hat. Hier sind Konflikte vorprogrammiert, ebenso wie mit dem Chef und den anderen Kollegen, denn niemand ist erfreut über die neue Ermittlerin. Mara Billinsky wird von den Kollegen gemobbt und als Krähe betitelt. Von ihrem Chef wird sie mit Aufklärung kleinerer Diebstahlsdelikte beschäftigt, bis der Mord an einem kroatischem Mafiaboss geschieht.
Jetzt nimmt die Geschichte an Fahrt auf. Mara Billinsky wird in diesem Fall als Ermittlerin eingesetzt. Nicht teamfähig und entgegen aller Anweisungen bringt sie sich durch ihre Alleingänge immer wieder in gefährliche Situationen. Leo Born zeichnet sie als weiblichen einsamen Wolf, sie schläft fast nie, trinkt zu viel Alkohol,. Der Leser wird aber auch mit ihren seelischen Abgründen vertraut gemacht, mit den Traumata ihrer Vergangenheit. Das macht sie verletzlicher und sympathischer, wenn man ihr auch nie richtig nahe kommt . Es scheint eine Vorgeschichte zu geben, die aber diesem ersten Band der Reihe nicht aufgedeckt wird.

Meine Meinung
Bisher habe ich von Leo Born noch nichts gelesen. Ich habe das Buch zur Rezension ausgewählt, da die Titelseite einen spannenden Thriller versprach und die Leseprobe der ersten Seiten Lust auf mehr machte.
Ich bin gut in die Story hineingekommen. Die Geschichte liest sich flüssig und die einzelnen Kapitel sind kurz, spannend und jeweils aus unterschiedlichen Perspektiven erzählt. Leo Born zeichnet gute Bilder, die die Tristesse der Ghettos deutlich machen, aber auch die der Abgründe des Innenlebens der Figuren. Hauptfigur ist die Ermittlerin Mara Billinsky. Ihre Beschreibung. erinnert mich an Lisbeth Salander aus Stieg Larssons Millennium-Serie. Das hat mich zuerst irritiert und ich habe einige Zeit gebraucht, um mich davon zu lösen.
Das eine oder andere Mal fand ich die Zeichnung der Figuren etwas unrealistisch, sowohl in ihrer Härte zu sich selber, als auch in den Folgen ihrer Handlungen. Ich hätte mir gewünscht, dass Verletzungen, mangelnder Schlaf und Alkoholkonsum sich in den Handlungen nachvollziehbar widerspiegeln.
Erstaunt und verärgert hat es mich als Frau, dass der Autor die Frankfurter Kripo als fast reine Männerdomäne gezeichnet hat.( Ausnahme: die Staatsanwältin). Das ist heute nicht mehr so. Auch bei der deutschen Kripo gibt es einen Frauenanteil, sogar in Führungspositionen.
An den skandinavischen Krimis liebe ich genau das, es gibt in den Ermittlerteams starke Männer- und Frauengestalten mit einem realen Lebenshintergrund.
Trotz dieser Kritikpunkte war es für mich insgesamt ein spannender Roman, den ich weiter empfehlen würde.