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Nilchen

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Veröffentlicht am 15.01.2022

Schwarzhumoriger Abgrund südafrikanischer Geschichte

Das Versprechen
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Damon Galgut ist der dritte südafrikanische Autor, der den Booker Prize gewann (nach J. M. Coetzee und Nadine Gordimer). Der in 2021 frisch gekürte Roman „Das Versprechen“ (im O-Ton gleichlautend `The ...

Damon Galgut ist der dritte südafrikanische Autor, der den Booker Prize gewann (nach J. M. Coetzee und Nadine Gordimer). Der in 2021 frisch gekürte Roman „Das Versprechen“ (im O-Ton gleichlautend `The Promise`) wurde von Thomas Mohr umsichtig im Affenzahn übersetzt und liegt seit einem Tag vor Weihnachten in deutscher Übersetzung vor! Was für ein Roman, er wird natürlich momentan Land auf Land ab rezensiert und ist aus meiner Sicht zu Recht so hochgelobt, auch wenn er nicht ganz trivial zu lesen ist.
Es geht um eine weiße südafrikanische Farmerfamilie, die einen großen Landbesitz außerhalb von Pretoria hat. Wir starten im Jahr 1986 und die Mutter ringt auf dem Sterbebett ihrem Mann das Versprechen ab, dass er ein Haus auf ihrem Grundstück der schwarzen Haushälterin Salome überschreibt. Die jüngste Tochter Amor wohnt dieser Versprechung bei und bringt diese Erwartung der verstorbenen Mutter fortwährend in den kommenden 31 Jahren immer wieder zur Sprache.
Es werden zeitliche Sprünge gemacht (9-10 Jahre) und wir landen immer wieder bei einer Beerdigung, veränderter politischer Gegebenheiten, aber immer noch verharrte Gedanken und keine Einlösung des Versprechens.
Was dem Autor wahnsinnig gut gelingt ist die Verzahnung der südafrikanischen Geschichte in jüngerer Vergangenheit von der Apartheid in eine Demokratie. Lässt dabei aber die Sichtweisen der Weißen und der Schwarzen nie außer Acht und toppt das Ganze noch mit Galgenhumor. Es ist ein schweres Thema, aber Damon Galgut hat es wirklich sarkastisch gut auf den Punkt gebracht.
Aber keine reine Lobeshymne. Es kostet schon eine gewisse Konzentration diese knapp 360 Seiten zu lesen, denn der Autor nutzt einen besonderen Schreibstil einen „Stream of Consciousness“, wobei er ständig und immer wieder von einem Kopf in den nächsten springt und wir Leser:innen sind dabei. Manches Mal springt er mitten im Satz, oft im Absatz und auch so immer wieder. Dazu kommt ein allwissender Erzähler, der uns auch ab und an direkt anspricht. Großer Vorteil dieser Erzählweise ist ein so umfassendes Bild der Gegebenheiten, dass kein Blickwinkel, kein Gefühl und keine Meinung verborgen bleibt.
Titelgebend ist zwar der Dreh- und Angelpunkt der Geschichte „Das Versprechen“, für mich liegt der Fokus auf dem daraus resultierenden Generationenkonflikt und die verqueren Ansichten der älteren weißen Familienmitglieder.
Fazit: Wenn das mal nicht in Zukunft im Englisch LK im Vergleich zu Ulysses von James Joyce als moderne Variante des „Stream of Consciousness“ behandelt wird.

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Veröffentlicht am 15.01.2022

Künstler und ihre Abwege

Commissario Tasso auf dünnem Eis
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Das Cover setzt den richtigen Akzent, wenn es um das Jahrzehnt geht, denn der Krimi spielt im Jahr 1962, aber hat mit Skifahren nichts zu tun. Ja, es spielt im Südtiroler Winter wo Skifahren begann ein ...

Das Cover setzt den richtigen Akzent, wenn es um das Jahrzehnt geht, denn der Krimi spielt im Jahr 1962, aber hat mit Skifahren nichts zu tun. Ja, es spielt im Südtiroler Winter wo Skifahren begann ein Trendsport zu werden, aber es findet hier nur am Rande Erwähnung.
Nichtsdestotrotz, ist es ein cozy crime Krimi zum Mitraten und hat zwei Hauptfiguren, die auch ein gutes Ermittlerduo für einen kommenden Fall ergeben würden. Zum einen ist da der süditalienische Commissario Tasso und seine Praktikantin Mara Oberhöller, die Tochter des Bozener Bürgermeisters.
Spannend an diesem Fall ist für mich in der Tat das historische Setting, da der Konflikt zwischen dem einnehmenden Italien und seiner widerspenstigen Eroberung Südtirol hier voll zum tragen kommt und beleuchtet wird. Das hier Attentate verübt wurden und die Polizei meist aus dem Süden besetzt und dadurch der Konflikt verstärkt wurde, war mir bis dato unbekannt. Auch die sprachlichen Barrieren, die selbstredend noch in den 60er Jahren vorhanden waren und bis heute sind, zeigen das Feingefühl der Autorin.
Die Autorin, die hier unter dem Pseudonym Gianna Milani schreibt und Südtirol als ihre Wahlheimat sieht, kennt sich sichtlich mit der Gegend und deren Geschichte aus. Eine Kennerin.
Der Fall ist aus meiner Sicht nicht ganz trivial, aber auch nicht spektakulär: solide Aufklärungsarbeit zum Mitraten. Mir hat es Spaß gebracht beim Lesen. Nur so viel: Es gibt eine Leiche, den Maler Carlo Colori der tot in einem Grand Hotel gefunden wird. Bei der einen Leiche bleibt es nicht, denn bei einem anderen Grand Hotel, in Cortina d’Ampezzo findet man eine zweite Leichen. Ob das zusammenhängt und wie ist euer Vergnügen beim Lesen.
Ich würde mich über einen zweiten Fall freuen nach ‚ Commissario Tasso auf dünnem Eis‘ vielleicht ein Mord im Frühling?

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Veröffentlicht am 12.01.2022

Einsam oder alleine?

Allein
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„Von außen wirken Menschen fast immer stärker, als sie sich innerlich fühlen.“ (S. 38)
Ein Buch, dass mich nachdenklich gemacht hat und zugleich sehr bereichert. ‚Allein‘ von Daniel Schreiber ist wie ein ...

„Von außen wirken Menschen fast immer stärker, als sie sich innerlich fühlen.“ (S. 38)
Ein Buch, dass mich nachdenklich gemacht hat und zugleich sehr bereichert. ‚Allein‘ von Daniel Schreiber ist wie ein gedanklicher Spaziergang mit dem Autor durch seine Erfahrungen gepaart mit der schier unbegrenzten Vielfalt seines erlesenen Schatzes. Wirklich wunderbar, wie Daniel Schreiber die Texte die er las in den eigenen privaten Kontext stellt und uns daran teilhaben lässt.
„Manchmal versteckt man sich so gut, dass man selbst nicht mehr weiß, wer man ist.“ (S. 97/98)
Auf jeder Seite, ach was, in jedem Absatz liest man eine zitierfähige Perle! Ich habe manchen Absatz doppelt und dreifach gelesen. Und nun, ist der schmale Band zu Ende und ich könnte glatt von vorne beginnen und immer neue Aspekte finden die ich bei der ersten Lektüre nicht wahrgenommen habe. So dicht ist der Text.
„Niemand von uns kann der Einsamkeit entkommen. Sie ist eine unabwendbare, eine existenzielle Erfahrung. Vielleicht auch eine notwendige.“ (S. 112)
‚Allein‘ ist eher ein philosophisches Essay, aber poetisch und nie trocken oder gar sachlich in der Sprache, auch wenn man hier noch viel lernen kann. Die vielen Referenzen machen auch Lust sich noch weiter in den angerissenen oder zitierten Werken zu verlieren und auf gedankliche Reisen zu gehen. Ich habe neue Begriffe kennengelernt wie die liminale Zeit oder den uneindeutigen Verlust. Begriffe die mir bisher unbekannt waren, aber so sinnhaft sind. Sehr spannend!
„Das vorsätzliche Vergessen, auf dem das Leben der meisten von uns beruht, scheitert.” (S. 29)
Für mich wäre Daniel Schreiber ein perfekter Kandidat für die Poetikvorlesung an Goethe Universität in Frankfurt/Main, die jedes Jahr hochkarätig gehalten wird!
„Freundinnen und Freunde helfen uns dabei, die innere narzisstische Schallmauer zu durchbrechen und die ganze Realität des Lebens wahrzunehmen. Ohne sie wäre es unmöglich, sich weiterzuentwickeln, unmöglich, wirklich Mensch zu sein.“ (S. 56)

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Veröffentlicht am 21.12.2021

Entführung erweitert den Blickwinkel

Henry
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Wer den ersten Satz des Klappentextes liest, mag vielleicht denken: Nee, dass ist zu grausam, ein Kind ausversehene entführt, weil das Auto der Eltern gestohlen wird. Too much! Aber bitte nicht gleich ...

Wer den ersten Satz des Klappentextes liest, mag vielleicht denken: Nee, dass ist zu grausam, ein Kind ausversehene entführt, weil das Auto der Eltern gestohlen wird. Too much! Aber bitte nicht gleich die Flinte ins Korn werfen. Denn ja, es geht um eine Entführung wider Willen, aber es kommt dann ganz anders als dieser Satz vermuten lässt und ist ein SEHR lesenswerter Roman!
Henry, eigentlich Henriette, ist ein 12jähriges Mädchen, dass auf der Rückbank pennt als ihre Mutter Marion Einkäufe ins Haus schafft und das parkend in zweiter Reihe in Berlin Wilmersdorf. Nun, Sven ein Automechaniker ohne Job meint hier eine schnelle Nummer abziehen zu können und klaut das dicke Auto und erhofft sich viel Geld damit zu machen. Tja und dann ist die Tochter dummerweise noch hinten drin.
So ist der Auftakt einer Geschichte, die Florian Gottschick, im ersten Leben Drehbuchautor, nun zu Papier gebracht hat als sein Erstlingswerk. Also der erste Roman, denn Drehbücher kann er schreiben und ist damit schon sehr erfolgreich. Nun also auch gelungen in Romanform!
Es ist unheimlich gut gelungen, diese skurrile Geschichte -die übrigens so ähnlich einer Freundin von ihm passierte – zu schildern. Klar, wie sollte es anders sein, es liest sich wie Kino im Kopf bloß mit sehr viel mehr Tiefe. Denn die Charaktere sind gut ausgestaltet und sind sehr plastisch.
Beeindruckt hat mich die gelungene Porträtierung der Protagonistin Henry in ihrer ungestümen pubertierenden Art, die hier unverhofft Abstand gewinnt zu den unausgesprochenen Erwartungen ihrer Eltern. Und hier liegt auch die Stärke des Romans, ein zarter liebevoller Blick auf die unebenen Momente im Leben und auch eine coming-of-age Geschichte der jungen Dame. Tja, und das großartig kombiniert mit einem Abenteuer der Entführung durch einen dem die Zündschnur leider durchgebrannt ist.
Fazit: Hört sich alles andere als innovativ an, ist es aber! Große Empfehlung dieses sehr gelungen Romans zweier Antihelden, die gegensätzlicher nicht sein könnten, aber ins Gespräch kommen. Bitte unbedingt lesen bevor der Film entsteht, denn die Filmrechte sind bereits verkauft!

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Veröffentlicht am 18.12.2021

Kann Literatur die Augen öffnen?

Every (deutsche Ausgabe)
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Wieder einmal versucht Dave Eggers sich sozialkritisch den sozialen Medien zu nähern und schrieb die Fortsetzung zu „Der Circle“. Der Circle hat mich zum damaligen Zeitpunkt stark beeindruckt und auch ...

Wieder einmal versucht Dave Eggers sich sozialkritisch den sozialen Medien zu nähern und schrieb die Fortsetzung zu „Der Circle“. Der Circle hat mich zum damaligen Zeitpunkt stark beeindruckt und auch überzeugt. Da viele Parallelen zum aktuellen Stand vorhanden waren. Nun benennt sich „The Circle“, da es Imageprobleme gibt und heißt nun als noch größerer Konzern „Every“. Das ist aber auch schon die aktuellste Gemeinsamkeit bei der man Dave Eggers eine fast hellseherische Gabe zuspricht.
In diesem Roman schleust sich Delaney Wells in den Konzern ein und will ihn in die Knie zwingen indem sie schlechte und rufschädigende Apps erfindet wie eine Lügendetektor-App. Das heißt Apps, die ihr so Absurd vorkommen, dass sie keiner nutzen will. Dummerweise gehen ihre Schüsse meist nach hinten los.
Dave Eggers verweigert sich selbst die sozialen Medien zu nutzen und ist kein sehr rechercheafiner Autor und das merkt man diesem dystopisch wirkenden Roman an. Es ist eine Melange aus Kritik an der gegenwärtigen Situation und zugleich ein Versuch es in die Zukunft düster voranzudenken. In Teilen gelungen, in andere weniger.
Andererseits ist ihm gelungen der Leserschaft vor Augen zu führen was Soziale Netzwerke mit uns machen. Dieses ständige Bewerten mit Likes und Herzen, es kann wie eine Spirale eskalieren und die normalen Umgangsformen komplett aushebeln. Bewerten ist zur Währung geworden. Eine Welt im Umbruch erweckt das Bedürfnis nach Sicherheit und Kontrolle, dass mit großen Tech-Konzernen auf vielfältige Weise gestillt werden kann. Aber was ist der Preis den die Menschheit bezahlt? Mit Freiheit.
Dave Eggers hat wieder einen kritischen Roman geschrieben der die Giganten der Tech-Industrie in Beschuss nimmt und uns ein wenig die Augen öffnet was aus unserer komplexen menschlichen Interaktion geworden ist. Auch wenn es in Teilen zu lange Beschreibungen der Apps gibt, liest der Roman sich spannend und gut.

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