Zwischen Schmerz und Schweigen
Paradise BeachSchnell werden wir in eine Situation hineingeworfen, die wirkt wie der Beginn eines geheimnisumwobenen Krimis. Doch so schnell wir als Leser:innen in Adas schlaflose Nacht hineinkatapultiert werden, so ...
Schnell werden wir in eine Situation hineingeworfen, die wirkt wie der Beginn eines geheimnisumwobenen Krimis. Doch so schnell wir als Leser:innen in Adas schlaflose Nacht hineinkatapultiert werden, so schnell tauchen wir auch ein in eine Vergangenheit, die die Protagonistin erst jetzt selbst wieder einholt.
Im ersten Drittel des buches entstanden für mich viele Fragen; Fragen nach der Bedeutung des Nachbarn, der Art und Weise, wie Ada lebt, dem Zusammenhang der Erinnerung - später dem Hund, von Elja. Im zweiten Drittel erinnerte mich der Erzählstil von Dara Brexendorf sehr an "Den Geschmack von Apfelkernen" von Katharina Hagena, nur ohne die fortlaufende aktuelle Handlung. Die Erzählung wirkte auf mich lange unstimmig, unzusammenhängend, unklar. Ich habe lange nach dem roten Faden gesucht, nach einer aktuellen Handlung, abseits der Erinnerungsfetzen, die zwar nicht unchronologisch, aber auf eine Art unsystematisch wirkten. Doch all das löste sich für mich im letzten Drittel. Wo plötzlich deutlich wurde, dass genau das Adas Weg nach Ihrer Endometriose-OP war. Ein sich zurecht finden in einer für sie neuen Welt, in der auch ihr die Bedeutung von vielem nicht klar war. Wo die Gegenwart wenig bestimmt war von dem Außen, welches wir mitbekommen (dem Räusperer, dem Hund, dem Alltag, ...), sondern vielmehr von dem Inneren. Dem Erinnern, der Verbindung vom damaligen Schmerz und dem damaligen Schweigen hin zur heutigen Ada - oder Andra?
Ich habe nie wirklich eine Verbindung zu Ada als Protagonistin aufgebaut, aber am Ende hatte ich den Eindruck, dass das genau so sein sollte und dass ich es mir auch nicht anders gewünscht hätte. Denn den Schmerz und das Schweigen - das ist vielen von uns Frauen bekannt. 66% von uns kämpfen einmal im Monat mit leichten bis schweren Menstruationsbeschwerden. Einige (oder viele?) von uns reden nicht offen darüber, wie es uns damit geht, wie sich etwas in uns zusammenzieht, wie wir versuchen, sie mit Disziplin oder Schmerzmitteln zu unterdrücken. Es ist (noch!) nicht vollständig sichtbar, obwohl es doch für knapp die Hälfte der Weltbevölkerung Alltag bedeutet. Ich muss Ada nicht symphatisch finden oder mich in ihr sehen oder mich durch die geschriebenen Worte in ihren Schmerz hineinversetzen. Ich verstehe sie auch so. Im Gegenteil, diese Distanziertheit lässt mich eine andere Art Vertrautheit spüren, die sagt: "Ich weiß, was du fühlst. Ich kenne das auch."
Deshalb passt für mich die Erzählform, die zumindest in der Rahmenerzählung aufgrund der vielen Leerstellen unzuverlässig oder zumindest entrückt scheint, zum Plot. Ada scheint selbst in dieser Post-OP-Phase entrückt zu sein, mehr in der Vergangenheit und in ihrem inneren Aushandeln denn bewusst im Alltag, was sich jedoch auf den letzten Seiten u.a. durch die Browserchronik auflöst und zu einem stimmigen Abschluss findet, ohne viel zu erklären.
Klare Leseempfehlung für alle. Und ja, für alle - auch Männer. Denn Frauen*gesundheit geht uns alle an und in welcher Form können wir besser ins Nachdenken und Reflektieren geraten als durch Literatur (außer vielleicht Kabarett und Satire)?